Dies Ich“ — “Ein Ich“ — Wer bin ich…

Kleist

Foto: Jochen Quast

…und wenn ja wie vie­le? Die­se Fra­ge könn­te sich nicht nur Amphi­try­on in der gleich­na­mi­gen Insze­nie­rung der Tra­gi­ko­mö­die von Hein­rich von Kleist ab der ers­ten Minu­te des Stü­ckes im Sekun­den­takt stel­len. Denn Jakob Fed­ler ver­strickt das Ensem­ble des Thea­ters Erlan­gen tie­fer und tie­fer in ein Netz aus Täu­schun­gen, Ver­wechs­lung und Schei­ni­den­ti­tä­ten und fängt damit auch sein Publi­kum.

Der Plot ist schnell erzählt. Als der the­ba­ni­sche Feld­herr Amphi­try­on nach einer Schlacht sieg­reich zu sei­ner Frau Alkme­ne zurück­kehrt, trifft er sie in höchs­ter Ver­wir­rung vor: Hat­te sie doch ges­tern bereits ihren Ehe­mann emp­fan­gen. Wie sich her­aus­stellt, war es jedoch der Göt­ter­va­ter Jupi­ter selbst gewe­sen, der sich in der Gestalt Amphi­try­ons in ihr Bett geschli­chen hat­te. Der­sel­ben Täu­schung unter­liegt auch eine Die­ne­rin des Hau­ses, die anstatt ihres Gemahls den Göt­ter­bo­ten Mer­kur in ihre Stu­be lässt. Wie Amphi­try­on auf die­se Schmach reagiert, erzählt Kleist in sei­nem Werk zwar, aber am Erlan­ger Thea­ter lernt das Publi­kum einen ande­ren Titel­hel­den ken­nen – oder meh­re­re.

Ein Titel­held ohne Titel

Der Mann, des­sen Name groß auf dem Wer­be­pla­kat prangt, wird näm­lich mehr und mehr an den Rand gedrängt. Am Anfang ver­kün­det er noch stolz sei­nen Namen, dann aber wird er zur Lach­num­mer. Immer mehr ver­sucht er, sich in die Hand­lung ein­zu­schal­ten. Als sein Dop­pel­gän­ger sei­ne Frau ver­führt, lässt auch er die Hosen her­un­ter, plap­pert ihm nach und ver­sucht dabei zu sein – ver­geb­lich. Auch spä­ter kommt er über sei­ne ers­te Text­zei­le nie hin­aus. Zuletzt gibt er es auf, sei­ne Dop­pel­gän­ger zu kor­ri­gie­ren und sei­ne Iden­ti­tät für sich ein­zu­for­dern: Er ver­bringt die Auf­füh­rung am Rand der Büh­ne, der Zuschau­er ver­gisst ihn.

Sei­ne Iden­ti­tät aber wird zum Angel­punkt der Insze­nie­rung. Alle Schau­spie­ler sehen aus wie er, spre­chen sei­nen Text, han­deln an sei­ner statt. All­mäh­lich ver­selb­stän­digt sich das Motiv des Dop­pel­gän­gers jedoch. Kein Schau­spie­ler beschränkt sich mehr auf sei­ne Rol­le, über Geschlech­ter­gren­zen hin­weg sprin­gen sie von einer zur nächs­ten. Am Schluss ist der Hand­lungs­fa­den ver­lo­ren gegan­gen, die Figu­ren bemü­hen sich nur noch, sich selbst wie­der­zu­fin­den.

Anzug­trä­ger über­all

Die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät war für die Aus­nah­me­erschei­nung Kleist eben­so zen­tral wie sie es heu­te ist. Trotz­dem läuft die­ses The­ma Gefahr, düs­ter oder kli­schee­haft zu wer­den. Dem Ensem­ble und dem Regis­seur gelingt es, genau das durch die komö­di­an­ti­schen Ele­men­te und durch eini­ge genia­le Büh­nen­knif­fe zu ver­hin­dern.

Zum Bei­spiel ist der Zuschau­er­raum dank einer Video­auf­zeich­nung im Live­mit­schnitt als Büh­nen­hin­ter­grund durch­weg prä­sent. Jede eige­ne Bewe­gung wird somit Teil des Gesche­hens und als sich plötz­lich die Stuhl­rei­hen immer wei­ter lee­ren, wird der Ich-Ver­lust der Figu­ren auf der Büh­ne auch auf jeden im Raum über­tra­gen. Gestei­gert wird die­ses Gefühl noch als sie sich wie­der fül­len, jedoch mit den­sel­ben Anzug­trä­gern, die auf der Büh­ne agie­ren.

Kleist auf den Punkt gebracht

Kon­se­quent ist zuletzt auch der Show­down. Jupi­ter trägt allei­ne sei­nen Mit­strei­tern alle Rol­len vor und drängt die ande­ren, Schau­spie­ler wie auch ihre Figu­ren, in die Rol­le pas­si­ver, gesichts­lo­ser Zuschau­er. Bes­ser hät­te der Regis­seur sich Kleist nicht annä­hern kön­nen als mit der Ent­schei­dung, den Fokus weg von der Hand­lung auf die Fra­ge zu rich­ten, was bleibt, wenn dem Schau­spie­ler die Rol­le und dem Men­schen die Iden­ti­tät genom­men wird.

Ein Thea­ter­er­leb­nis, das noch lan­ge nach­hallt, und ein gelun­ge­ner Auf­takt für die Werk­schau zum Autor, die im März im Thea­ter prä­sen­tiert wird.

Kath­rin Penk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.