Neu bei Reclam: „Künstlerhäuser“ von Bodo Plachta

978-3-15-010942-7

Bodo Plach­ta: „Künst­ler­häu­ser“- Cover. Von: Reclam-Ver­lag.

Reprä­sen­ta­ti­ves Vor­zei­ge­ob­jekt oder Werk­statt oder bei­des? Über Jahr­hun­der­te ent­stan­den Künst­ler­häu­ser, die trotz der äußer­li­chen Unter­schie­de eine Gemein­sam­keit tei­len: Das Ate­lier steht nicht nur im Zen­trum des künst­le­ri­schen Schaf­fens, son­dern bil­det auch das Herz­stück der Wohn­räu­me. Beob­ach­tun­gen wie die­se haben der Autor Bodo Plach­ta und der Foto­graph Achim Bed­norz über die ver­gan­ge­nen zwei Jah­re in ganz Euro­pa gemacht. Ihre Erkennt­nis­se sind nun in Bodo Plach­tas neu­es­tem Werk „Künst­ler­häu­ser“ fest­ge­hal­ten, das sich wie eine Fort­set­zung zu sei­nem Buch „Dich­ter­häu­ser“ gesellt.

Plach­ta erzählt auf ein­fühl­sa­me Art von aus­ge­wähl­ten Künst­lern aus unter­schied­li­chen Epo­chen, reiht jedoch nicht nur Anek­do­ten anein­an­der, son­dern setzt den jewei­li­gen Künst­ler in einen über­ge­ord­ne­ten Zusam­men­hang zu sei­ner Umge­bung, sei­ner Epo­che und zur Kunst­ge­schich­te sel­ber. Der Archi­tek­tur­pho­to­graph Achim Bed­norz ermög­licht mit sei­nen nüch­ter­nen, aber den­noch ästhe­ti­schen Bil­dern einen unver­stell­ten Blick auf die Ein­rich­tung des Künst­lers. So hat man beim Lesen nicht das Gefühl, einen Möbel­ka­ta­log durch­zu­blät­tern, son­dern erfährt einen unmit­tel­ba­re­ren, doku­men­ta­ri­schen Zugang zur Umge­bung des Künst­lers, der wohl dem Ein­druck der Zeit­ge­nos­sen am Nächs­ten kommt. Dabei geht es nicht nur um Innen­räu­me, son­dern gene­rell um die Orte, an die sich die Künst­ler zum Arbei­ten bege­ben haben, sei es der Gar­ten oder das Tee­haus. Doch auch die Außen­an­sicht der Gebäu­de spielt eine Rol­le, bei­spiels­wei­se, wenn die eige­ne Welt im Lau­fe des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu einer – was am Bei­spiel Emil Nol­des ver­deut­licht wird – Fes­tung der inne­ren Emi­gra­ti­on wird. Reprä­sen­ta­ti­ve Nobles­se und redu­zier­te Bür­ger­lich­keit, mit­tel­al­ter­li­cher Hand­wer­ker und frei­zü­gi­ger Moder­nist — die Dif­fe­ren­zen sind dank der kla­ren Ein­tei­lung gut nach­zu­emp­fin­den.

Foto­graph und Autor hat­ten – wie sie in ihrem gemein­sa­men Inter­view aus­füh­ren – einen star­ken Ein­fluss auf­ein­an­der. So passt die Bil­der­aus­wahl zu den sprach­li­chen Aus­füh­run­gen Plach­tas, wäh­rend die­se wie­der­um einen Bezug zu den Foto­gra­phi­en her­stel­len. Das Anlie­gen des Autors ist es dabei, einen neu­en Blick auf die Künst­ler zu ermög­li­chen, wobei es ihm jedoch weni­ger um die Men­schen sel­ber als um deren Rol­le in der Kunst­ge­schich­te geht.

So gese­hen betreibt Plach­ta sehr wohl eine Kano­ni­sie­rung, in denen er sich auf die berühm­tes­ten Ver­tre­ter der jewei­li­gen Epo­che kon­zen­triert und anhand derer Behau­sun­gen einen über­ge­ord­ne­ten Zusam­men­hang ver­deut­li­chen möch­te. Doch ist die beschränk­te Aus­wahl – gera­de der abrup­te Abruch zur heu­ti­gen Zeit hin (Plach­ta endet mit Con­stan­tin Bran­cu­si) – nicht unbe­grün­det. Nicht von jedem Künst­ler sind Häu­ser oder Ein­rich­tun­gen erhal­ten, die Wich­tig­keit des Künst­lers ist also nicht nur für die Ein­rich­tung selbst ent­schei­dend. Die Beschrän­kung zur heu­ti­gen Zeit hin hat mit der Tat­sa­che zu tun, dass man in die­sem Buch (und auch in der Kunst­ge­schich­te sel­ber) eine kla­re Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Ver­tre­tern der moder­nen Bewe­gun­gen des letz­ten Jahr­hun­derts und aktu­ell täti­gen Künst­lern vor­nimmt. Wei­ter­hin haben sich vie­le der im letz­ten Jahr­hun­dert ver­stor­be­nen Künst­ler nicht vor ihrem Tod zum Erhalt ihres Ate­liers geäu­ßert,  wonach häu­fig des­sen Auf­lö­sung erfolg­te. Die Beschrän­kung auf den euro­päi­schen Raum mag eher mit der Tra­di­ti­on des Fachs Kunst­ge­schich­te sel­ber zusam­men­hän­gen, wonach ein außer­eu­ro­päi­scher Raum wohl ande­re Her­an­ge­hens­wei­sen erfor­dern wür­de. Die­se ins­ge­samt beschränk­te Her­an­ge­hens­wei­se ist zuletzt dar­in gerecht­fer­tigt, dass sie Plach­ta die Kon­struk­ti­on eines Zusam­men­hangs der ver­schie­de­nen Epo­chen ermög­licht und somit das Buch in jede Rich­tung abschließt.

Nach­dem es so gese­hen mehr Ant­wor­ten gibt als Fra­gen auf­wirft, ist das Buch auch in der Art und Wei­se sei­ner Aus­füh­rung sehr befrie­di­gend: Denn neben den groß­for­ma­ti­gen Bil­dern ver­führt auch die sprach­li­che und unter­hal­ten­de Her­an­ge­hens­wei­se Plach­tas zum Wei­ter­le­sen. Es eig­net sich somit sehr gut für zwi­schen­durch oder einen ent­spann­ten Abend und erwei­tert bei­na­he neben­bei den Blick auf die kunst­ge­schicht­li­chen Zusam­men­hän­ge. So gese­hen stellt das Buch auf jeden Fall eine Berei­che­rung für das Bücher­re­gal als auch für den Couch­tisch dar.

Anna Gre­ger

Bodo Plach­ta: Künst­ler­häu­ser. Ate­liers und Lebens­räu­me berühm­ter Maler und Bild­hau­er. Reclam-Ver­lag, 2014. 288 S. m. 200 Farb­fo­tos, € 39, 95, ISBN: 978–3‑15–010942‑7.

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