Poetry-Slam-Wintersaison-Eröffnung

mini-Poetenliste01imOkt14Der ers­te „gewöhn­li­che“ Poe­try Slam im gro­ßen Saal des Ewerks. Sitz­plät­ze für alle. Ein hell ange­strahl­ter glück­li­cher Lucas Fass­nacht vor blau­em Vor­hang. Die Poe­ten aus ganz Deutsch­land. Und die Tex­te? Möch­te man her­aus­ra­gen­de Merk­ma­le des Abends bestim­men, dann könn­te man wohl „erho­be­ne Zei­ge­fin­ger“ und „Bizar­re­ri­en“ nen­nen.

Eröff­net wird der Abend von zwei Musi­kern aus Leip­zig, die unpro­fes­sio­nel­le Pro­fes­sio­na­li­tät zu ihrem Pro­gramm gemacht haben: Bye­bye begrü­ßen das Publi­kum mit Selbst­iro­nie, als sie dar­auf hin­wei­sen, wie sie ihre Gitar­ren mit Stimm­ge­rät auf der Büh­ne stim­men und dabei nicht mul­ti­tas­king­fä­hig sind. Beschei­den­heits­to­pos könn­te man es nen­nen, es folgt näm­lich durch­aus hörens­wer­ter Deutsch­pop, bei dem vor allem die Tex­te über­zeu­gen. So ist in einem ihrer Songs zwi­schen einem Pär­chen „irgend­was unklar“, da der Haupt­fi­gur 5,5 Diop­tri­en feh­len. Ihre Band-Exis­tenz begrün­den bye­bye mit der Fehl­ent­schei­dung bei der Stu­di­en­wahl: Lehr­amt.

Moral­apos­tel und Merk­wür­dig­kei­ten

Und irgend­wie scheint die­ser Beruf auch für die, die ihn tat­säch­lich ergrif­fen haben, nicht so rich­tig zufrie­den­stel­lend zu sein. So stellt Byber­cap aus Erlan­gen in der ers­ten Slam-Run­de einen von nicht abbre­chen­den Schü­ler­pieps­stim­men generv­ten Leh­rer dar und Ingo

Byebye aus Leipzig

Bye­bye aus Leip­zig

Win­ter aus Lauf outet sich als Grund- und Haupt­schul­leh­rer. Er ist mit sei­nem Text durch­aus in die Rie­ge „Moral­apos­tel“ ein­zu­ord­nen, als er ein flam­men­des Plä­doy­er für eine Ver­än­de­rung des Bil­dungs­sys­tems hält. Durch­aus nach­voll­zieh­bar, aber der erho­be­ne Zei­ge­fin­ger erscheint dann doch über­deut­lich, poli­ti­scher Poe­try Slam wird zu einem poli­ti­schen Rede­bei­trag ohne all­zu gro­ßen Ein­falls­reich­tum bezüg­lich Inhalt oder Spra­che.

Im Gegen­satz dazu steht die zwei­te Auf­fäl­lig­keit des Abends: Tex­te, die eher „merk­wür­dig“ sind, wie Andi Valent es aus­drü­cken wür­de, der in sei­nem Bei­trag Wort­tei­le hin- und her­wen­det und Wör­ter so auf ihren Gehalt über­prüft: „Ist es nicht merk­wür­dig, wie das Wort merk­wür­dig es dar­stellt, dass etwas wür­dig ist, bemerkt zu wer­den?“ und war­um darf man man Wör­ter wie „Schä­del­spren­ger“ nicht mehr sagen und ersetzt sie durch „Kreuz­mei­ßel“? Patho­lo­gisch wird es auch bei Kathi Mock, die „das Leben der Kat­ja M.“ erzählt, die mehr oder weni­ger zufäl­lig als Arbei­te­rin in einer Schlach­te­rei Opfer von Ver­bre­chen zu Hack­fleisch ver­ar­bei­tet, wobei eines Tages auf­grund eines Ver­se­hens auch der Boss des auf­trag­ge­ben­den Kri­mi­nel­len die­sem Ver­fah­ren zum Opfer fällt. Ähn­lich bizarr außer­dem der Text von Syl­vie le Bon­heur, der mit dem Strei­cheln eines Zebras beginnt, das auf der Stra­ße auf­ge­malt ist.

Wut-Weigl

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Sie­ger Paul Weigl

Obwohl die­se Bei­trä­ge durch ein hohes Maß an sprach­spie­le­ri­scher und inhalt­li­cher Krea­ti­vi­tät über­zeu­gen, schei­nen sie dem Publi­kum doch zu bizarr zu sein und so schafft es nur Andi Valent ins Fina­le. Sie­ger wird letzt­lich einer, der weder Moral­apos­tel ist noch zu bizarr daher­kommt: Paul Weigl aus Ber­lin, der vor allem durch amü­san­te Wut­aus­brü­che über­zeugt. Ein Wut­aus­bruch bei der Aus­füh­rung der The­se, dass Deutsch­land einen Krieg ver­lie­ren wür­de (unter ande­rem des­we­gen, weil die Haupt­ein­zugs­grup­pe aus BWL und Medi­en­de­sign-Stu­den­ten besteht, die gera­de an ihrer Bache­lor­ar­beit sit­zen und des­we­gen kei­ne Zeit haben) und ein Wut­aus­bruch bei der däm­li­chen Small­talk-Fra­ge, wel­che sei­ne Lieb­lings­jah­res­zeit ist, die, wie sich am Ende her­aus­stellt, von einem klei­nen Mäd­chen gestellt wur­de, das schließ­lich ver­ängs­tigt und trau­rig „Rich­tung Spree in der Dun­kel­heit“ ver­schwin­det.

Vera Podskalsky

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