Morgen läuft an…

06_AMWM-01003In die­ser Woche emp­fiehlt unser Redak­teur Juli­en Dopp gleich zwei neue Fil­me. Einer davon ist „A Most Wan­ted Man“, in dem der ver­stor­be­ne Oscar-Preis­trä­ger in sei­ner bes­ten Rol­le seit „Capo­te“ zu sehen ist. Der ande­re heißt „Maps to the stars“. Für ihre Rol­le als altern­de Hol­ly­wood-Diva wur­de Juli­en Moo­re in Can­nes zu Recht als bes­te Schau­spie­le­rin aus­ge­zeich­net.

A Most Wan­ted Man

Die Ver­fil­mun­gen von John le Car­res schrift­stel­le­ri­schen Offen­ba­run­gen waren in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit für Cine­as­ten immer eine Freu­de. Sei es der von Fer­nan­do Mei­rel­les mit Ralph Fien­nes in der Haupt­rol­le ver­film­te „Ewi­ge Gärt­ner“ oder zuletzt der atmo­sphä­ri­sche Spio­na­ge­thril­ler „Dame, König, As, Spi­on“ mit Gary Old­man und Colin Firth. Der aktu­el­le Film „A most wan­ted man“ von Anton Cor­bi­jn, der auf dem Buch „Mario­net­ten“ von le Car­re beruht, ist jedoch viel mehr als das. Ein atem­be­rau­ben­der Thril­ler ohne Ver­fol­gungs­jag­den oder über­trie­ben Action­mo­men­te, eine bit­te­re Auf­zeich­nung der Ver­wick­lung meh­re­rer Geheim­diens­te und dem men­schen­un­wür­di­gen Umgang mit Flücht­lin­gen und Hilfs­be­dürf­ti­gen, ein groß­ar­tig gespiel­tes, kam­mer­spiel­ar­ti­ges Schau­spie­l­er­ki­no – aber vor allem ist „A most wan­ted man“ eines: das Ver­mächt­nis eines gro­ßen, eines bril­lan­ten Schau­spie­lers: Phil­ip Sey­mour Hoff­man.

Die­ser spielt den deut­schen Geheim­dienst­ler Gün­ther Bach­mann, in des­sen Visier ein ille­gal ein­ge­reis­ter Tsche­tsche­ne gerät, der mit Hil­fe der enga­gier­ten Anwäl­tin Anna­bel Rich­ter (Rachel McA­dams) ver­sucht, den dubio­sen Bän­ker Tho­mas Brue (Wil­lem Dafoe) aus­fin­dig zu machen. Als die ame­ri­ka­ni­sche Geheim­dienst­agen­tin Mar­tha Sul­li­van (Robin Wright) auf den Plan tritt, wird Bach­mann klar, dass es hier um mehr geht als nur um einen ille­ga­len Flücht­ling. Jeder miss­traut jedem und Bach­mann und der Zuschau­er fin­den sich wie­der in einem frus­trie­ren­den Netz aus Spio­na­ge­af­fä­ren, Miss­trau­en, Ver­rat, Frem­den­feind­lich­keit und der Angst vor inter­na­tio­na­lem Ter­ro­ris­mus.

Der Inhalt des Films mag frus­trie­rend erschei­nen, der Film ist es nicht. Hier gibt es vie­le unge­klär­ten Fra­gen, hier gibt es kei­ne ein­fa­chen Lösun­gen und auch kei­ne Unwahr­schein­lich­kei­ten. Hier gibt es den Blick auf eine Wirk­lich­keit zu sehen, der wir am liebs­ten immer aus dem Weg gehen, die wir igno­rie­ren oder nicht beach­ten wür­den. Das wird umso kla­rer, weil der gan­ze Film kom­plett in Deutsch­land, größ­ten­teils in Ham­burg spielt. Die Kulis­se der zweit­größ­ten deut­schen Stadt wird hier aber nicht in bil­li­ger Tat­ort-Manie ver­wen­det, son­dern visu­ell und künst­le­risch ambi­tio­niert und packend in Sze­nen gesetzt. Man folgt den Figu­ren durch die ver­win­kel­ten Orte Ham­burgs, bekann­ten Plät­zen wie dem Ham­bur­ger Hafen oder der Kult­knei­pe „Zum Sil­ber­sack“ am Rand der Ree­per­bahn fol­gen dann auch wie­der voll­kom­men frem­de, nicht tou­ris­ten­freund­li­che Schau­or­te.

De Blick des Zuschau­ers bleibt jedoch in ers­ter Linie an Phil­ip Sey­mour Hoff­man hän­gen, dem schau­spie­le­ri­schen Gigant, die hier in der Rol­le des obses­si­ven, manisch-ehr­gei­zi­gen, ver­zwei­fel­ten, aus­ge­laug­ten und irgend­wie tief­trau­ri­gen Gün­ther Bach­mann noch ein­mal – lei­der ein fast letz­tes Mal – alle Regis­ter sei­nes unge­heu­ren Kön­nens und sei­ner unge­heu­ren Viel­sei­tig­keit zieht. Sprach­los und über­wäl­tigt sieht der Zuschau­er Hoff­man dabei zu, wie er sich behä­big durch ein Kabi­nett aus Miss­trau­en und Wut bewegt und der Zuschau­er lei­det und hofft mit und erfährt die glei­che Frus­tra­ti­on wie Hoff­mans Cha­rak­ter. Viel­leicht schmerzt Hoff­mans frü­her Tod nach die­sem Film auch des­halb noch ein­mal so stark, weil die­ser Film wohl seit „Capo­te“ wie­der am bes­ten zeigt, wie unfass­bar gut Phil­ip Sey­mour Hoff­man war.

A Most wan­ted man“ läuft im Sena­tor-Ver­leih und ist ab 11.9.2014 im Man­hat­tan Kino in Erlan­gen sowie im Casa­blan­ca und Cin­ecit­ta Kino in Nürn­berg zu sehen. Und die­se Chan­ce soll­te drin­gend ergrif­fen wer­den.

MTTS_01158.NEFMaps to the Stars

Ein wei­te­rer Film soll hier noch kurz emp­foh­len wer­den: David Cro­nen­bergs neus­tes Meis­ter­stück „Maps to the stars“. Waren sich Fans und Kri­ti­ker einig, dass die jüngs­ten Arbei­ten von Cro­nen­berg, ins­be­son­de­re „Eine dunk­le Begier­de“ und „Cos­mo­po­li­tan“ eher mit­tel­mä­ßi­ge Wer­ke eines über­mä­ßig begab­ten Fil­me­ma­chers waren, läuft er mit „Maps to the stars“ jedoch zu alter Hoch­form auf – sowohl fil­misch, visu­ell und inhalt­lich als auch was die enor­me Bos­haf­tig­keit betrifft, mit der er eine Geschich­te erzählt, die bit­ter-sar­kas­tisch, oft urko­misch ist, die aber auch hät­te tief­trau­rig insze­niert wer­den kön­nen.

Im Mit­tel­punkt des Films steht zum einen Hol­ly­wood – und was das Sys­tem dahin­ter schein­bar mit eini­gen Men­schen so Böses tut. Bes­tes Bei­spiel dafür ist Kin­der­star Ben­ji, den der Hol­ly­wood-Wahn schon mit 13 Jah­ren in einen Dro­gen­ex­zess stürz­te. Des­sen Schwes­ter Aga­tha (ein­drucks­voll von der der­zeit über­prä­sen­ten Mia Was­i­kow­s­ka gespielt) steck­te vor Jah­ren das Haus der Fami­lie (Oli­via Wil­liams, John Cusack) in Brand und wur­de nun aus der Psych­ia­trie ent­las­sen. Prompt heu­ert sich bei der altern­den Schau­spiel­di­va Havan­na Segrand (unglaub­lich geni­al: Juli­an­ne Moo­re) an, die vom Geist ihrer toten Mut­ter ver­folgt wird, seit sie sich ver­zwei­felt bemüht, in einem Remake die glei­che Rol­le zu ergat­tern wie einst ihre noch viel berühm­te­re, aber jung ver­stor­be­ne Mut­ter. Aus die­sem Grund wie­der­um ist Havan­na bei Aghathas Vater in The­ra­pie. So ver­schro­ben der Inhalt klingt, so abge­dreht ist der Film auch. Per­fi­de, bös­ar­tig, schwarz­hu­mo­rig, ent­lar­vend, bizarr und abstrus bewegt sich der Film auf einem schma­len Grad zwi­schen schwär­zes­ter Sati­re und emo­tio­na­lem Psy­cho­thril­ler.

Teil­wei­se nichts für schwa­che Ner­ven soll­te man sich die­sen Film den­noch unbe­dingt anschau­en. Zum Einen weil noch nicht so kon­se­quent und so ver­hee­rend fil­misch mit Hol­ly­wood abge­rech­net wur­de, zum Ande­ren weil Juli­an­ne Moo­re hier eine unfass­bar schrä­ge, gran­dio­se Leis­tung ablie­fert, die zu Recht auf dem dies­jäh­ri­gen Fes­ti­val de Can­nes mit der Dar­stel­ler­pal­me aus­ge­zeich­net wur­de und die ohne Zwei­fel zu den Höhe­punk­ten von Juli­an­ne Moo­res ohne­hin beein­dru­cken­der Kar­rie­re gehört. Bereits vier Mal ohne Gewinn Oscar-nomi­niert, soll­te ihr die­se Per­for­mance im nächs­ten Jahr eigent­lich end­lich die begehr­te Sta­tue ein­brin­gen. Sie lie­fert eine Mischung aus para­noi­der Rase­rei, pani­schen Angst­at­ta­cken, Wut­aus­brü­chen und Ver­zweif­lungs­an­fäl­len – und ist damit sowohl das unter­hal­tends­te als auch scho­ckie­rends­te Zen­trum die­ses kras­sen, aber sehr ori­gi­nel­len Films.

Anders als in „A most wan­ted man“ soll­te man bei „Maps to the stars“ nicht alles all­zu ernst neh­men. Gemein­sam haben bei­de Fil­me, dass sie ein­fach rich­tig star­kes Kino von heu­te sind, das man sich nicht ent­ge­hen las­sen darf.

Maps to the stars“ ist eben­falls ab 11.09.2014 im Man­hat­tan Kino in Erlan­gen sowie im Casa­blan­ca und im Metro­po­lis Kino in Nürn­berg zu sehen.

Juli­en Dopp

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