Die große Liebe zum Morgenland

Copyright: Erlanger Poetenfest – Foto: Erich Malter, 2014

Copy­right: Erlan­ger Poe­ten­fest – Foto: Erich Mal­ter, 2014

Wo man in Erlan­gen das Spiel des 1. FC Köln sehen kön­ne – die­se Fra­ge habe sie Navid Ker­ma­ni am heu­ti­gen Tag auf dem Poe­ten­fest stel­len hören, lässt Mode­ra­to­rin Mai­ke Albath ein­lei­tend ver­lau­ten. Nun hat eine Ein­lei­tung für gewöhn­lich einen Zusam­men­hang zur ein­ge­lei­te­ten Ver­an­stal­tung. Und der lässt sich hier, ent­ge­gen der ers­ten Ver­mu­tung, durch­aus her­stel­len: Ähn­lich unklar und unre­flek­tiert, außer­dem holp­rig wie der Kon­junk­tiv 1 im Erleb­nis­be­richt, bleibt die Mode­ra­ti­on des gesam­ten Sams­tag­abends. Dadurch ver­liert das Autoren­por­trät mit einem nicht nur bekann­ten, son­dern auch viel­sei­ti­gen und kei­nes­falls ober­fläch­li­chen Autor lei­der an Tief­gang und Attrak­ti­vi­tät.

Mul­ti-eth­nisch, mul­ti-reli­gi­ös, mul­ti-kul­tu­rell  um vie­le Gebil­de­ten-Kom­po­si­ta, deren ers­te Hälf­te aus „mul­ti“ besteht, zieht sich die ers­te hal­be Stun­de des Abends in die Län­ge. Albath wie­der­holt die ein­gangs auf­ge­stell­te The­se Ker­ma­nis, dass der Nor­mal­fall einer Kul­tur eigent­lich das Neben­ein­an­der vie­ler Kul­tu­ren sei und Deutsch­land hier auf­grund der bei­den Welt­krie­ge eine Beson­der­heit dar­stel­le, in diver­sen For­mu­lie­run­gen. Ihrer eigent­li­chen Auf­ga­be, Fra­gen zu stel­len, kommt sie dage­gen sel­ten nach. So stellt die ers­te Lese­se­quenz eine Erleich­te­rung für alle Betei­lig­ten dar.

Der habi­li­tier­te Ori­en­ta­list beginnt die Lesung mit dem Anfang sei­nes neu­en Romans „Gro­ße Lie­be“ (zur Rezen­si­on auf reflex geht´s hier), der einen unwill­kür­lich schmun­zeln lässt und die ganz beson­de­re mys­tisch und gleich­zei­tig rea­lis­ti­sche Stim­mung des Tex­tes ankün­digt:

Ein König reist durch das Land, in sei­nem Gefol­ge Minis­ter, Gene­rä­le, Sol­da­ten, Beam­te, Die­ner und die Damen sei­nes Harems. Am Weg­rand sieht er einen alten zer­lump­ten Mann kau­ern, einen Nar­ren viel­leicht. „Na, du wür­dest wohl auch ger­ne ich sein“, ruft der König spöt­tisch von sei­nem Ele­fan­ten her­ab. „Nein“, ant­wor­tet der Alte, „ich möch­te nicht ich sein.“

Und als Ker­ma­ni liest, scheint er noch ein­mal in die­se ganz eige­ne Welt, die der Text eröff­net, ein­zu­tau­chen und das Publi­kum dort­hin mit­neh­men zu wol­len. Das gelingt auf­grund der Alters­struk­tur der Zuhö­rer­schaft nicht ganz: „Lau­ter“, rufen eini­ge, die Atmo­sphä­re scheint ein wenig gestört. Aller­dings lässt er sich nicht beir­ren, bleibt in der von ihm geschaf­fe­nen Welt und berich­tet im Anschluss mit Begeis­te­rung und augen­zwin­kern­dem Humor von der Ent­ste­hung des Romans: Dass die beschrie­be­ne Klein­stadt durch­aus Ähn­lich­kei­ten mit sei­ner Hei­mat­stadt Sie­gen auf­wei­se. Wie er auf die Anek­do­te des Königs gesto­ßen sei und gewusst habe, dass er sie lite­ra­risch ver­ar­bei­ten müs­se. Dass es dar­um gehe, die­se ganz beson­de­re ers­te Lie­be in all ihren Extre­men ernst zu neh­men. Und dass er mit den Ein­schü­ben aus ara­bi­schen Mythen ein kul­tu­rel­les Erbe erhal­ten wol­le, das lei­der selbst in den Her­kunfts­län­dern kaum noch bekannt sei.

Copyright: Erlanger Poetenfest – Foto: Erich Malter, 2014

Copy­right: Erlan­ger Poe­ten­fest – Foto: Erich Mal­ter, 2014

Am Ende geht es um Ker­ma­nis Arbeit als Repor­ter. Mehr­fach hat er die „Welt hin­ter Lam­pe­du­sa“ bereist, 2013 ist eine Samm­lung sei­ner Repor­ta­gen erschie­nen: „Aus­nah­me­zu­stand. Rei­sen in eine beun­ru­hig­te Welt“. Als Mai­ke Albath fragt, ob er sich wohl füh­le in sei­ner Rol­le als Ver­mitt­ler zwi­schen der ara­bi­schen und der west­li­chen Welt, macht der ira­nisch-stäm­mi­ge Autor offen deut­lich, wie sehr ihn die­se Fra­ge irri­tiert, und weist dar­auf hin, dass man sich als Bericht­erstat­ter in Kri­sen­ge­bie­ten sel­ten „wohl füh­le“. Sein Anlie­gen sei hin­ge­gen, auf die Kom­ple­xi­tät der Situa­ti­on und auf die zahl­rei­chen Wider­sprüch­lich­kei­ten, die ihm dort immer wie­der begeg­ne­ten, hin­zu­wei­sen. Er keh­re mit mehr Fra­gen zurück als er vor­her gehabt habe und die gebe er wei­ter – Eine Erfah­rung, die man auch der Mode­ra­to­rin gewünscht hät­te…

Vera Podskalsky

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