Rap für Radikale

The Future is still unwritten. Daisy Chain, Kronstadt und Refpolk (Foto: Nathalie Lex).

The Future is still unwrit­ten: Dai­sy Chain, Kron­stadt und Ref­polk (Foto: Natha­lie Lex).

Einen gan­zen Tag lang Rap und Hip Hop auf einem Fes­ti­val in Nürn­berg – wie ist das nur aus­zu­hal­ten? Eigent­lich sehr gut, auch oder gera­de wenn man kein Fan für kon­ven­tio­nel­len Main­stream­rap ist. Viel­leicht lag es auch dar­an, dass ich aus­nahms­wei­se ein­mal gut gelaunt war, wohl eher aber dar­an, dass es sich um das links­re­vo­lu­tio­nä­re und inter­na­tio­na­lis­ti­sche Uns­po­ken Words-Fes­ti­val im Stadt­teil­zen­trum Desi han­del­te. Denn ja, Rap kann und muss auch mal poli­tisch sein.

Das Gan­ze fand am ver­gan­ge­nen Sams­tag statt und war eine rie­si­ge links­al­ter­na­ti­ve Par­ty, die Publi­kum aus ganz Deutsch­land anzog. Schon am Ein­gang zeig­te sich, wie groß das Ver­trau­en inein­an­der ist. Gleich wer­den wir gefragt, ob wir Waf­fen dabei hät­ten, aber uns wird geglaubt, als wir ver­nei­nen. Den gan­zen Nach­mit­tag über und bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den hin­ein, wird hier mit zahl­rei­chen Künst­le­rin­nen und Künst­lern aus ganz Euro­pa gefei­ert, getrun­ken, getanzt und die soge­nann­te pro­le­ta­ri­sche Kul­tur gehegt und gepflegt. Die­ses Jahr stand das Fes­ti­val vor allem im Zei­chen der Euro-Kri­se. So waren auch Künst­ler aus den von der Kri­se gebeu­tel­ten Staa­ten, wie Grie­chen­land dabei (etwa Miss Zebra und Dai­sy Chain), aber auch aus den Staa­ten, die aus der Kri­se pro­fi­tie­ren, wie Deutsch­land und Frank­reich. Zusam­men erga­ben sie einen inter­na­tio­na­lis­ti­schen Mix, der die her­kömm­li­chen Sprach­bar­rie­ren, mit einem pro­gres­siv bis aggres­si­ven Beat durch­brach. Scha­de nur, dass der eigent­li­che Star des Abends, die Queer-Femi­nis­tin Soo­kee aus Ber­lin lei­der abge­sagt hat.

Neben den zahl­rei­chen musi­ka­li­schen Dar­bie­tun­gen boten ver­schie­de­ne Stän­de vega­nes Essen, regio­na­les Bier an, lin­ke T‑Shirts und revo­lu­tio­nä­re Bücher an, über Marx bis hin zu Flücht­lings­be­rich­ten, aber auch von Lenin; und die Rote Hil­fe hat auch neben­bei Work­shops orga­ni­siert, um poli­tisch aktiv zu wer­den. Die aus­ge­präg­te Fei­er­lau­ne wur­de aus­ge­nutzt, um nicht nur einen revo­lu­tio­nä­ren Duk­tus in der Kunst zu pfle­gen, son­dern sich schon kon­kret auf künf­ti­ge Aktio­nen vor­zu­be­rei­ten. So gibt es etwa Work­shops zum geplan­ten Block­u­py anläss­lich der Eröff­nung des neu­en Gebäu­des der Euro­päi­schen Zen­tral­bank in Frank­furt am Main im Okto­ber. Dane­ben gab es auch kon­spi­ra­ti­ve Tipps zu Haus­be­set­zun­gen und –durch­su­chun­gen. Lei­der waren die­se eher mäßig fre­quen­tiert.

Zu radi­kal oder nicht radi­kal genug?

Die Stim­mung war ein­ma­lig para­dox – es wur­de zwar aus­ge­las­sen gefei­ert, irgend­wie war jeder fröh­lich und fühl­te sich wenigs­tens ein­mal unter sei­nes­glei­chen (auch wenn ich lei­der nur weni­ge Erlan­ger Stu­den­ten getrof­fen habe), aber gleich­zei­tig waren sich Musiker_innen und Publi­kum der Ernst­haf­tig­keit der Lage bewusst. Unter dem Schlei­er der Rap­par­ty sprach das Uns­po­ken Words-Fes­ti­val eben gera­de die The­men in einer Art und Wei­se an, vor dem sich vie­le scheu­en, selbst die bür­ger­li­chen Lin­ken. Es ging etwa um sub­ti­len Natio­na­lis­mus im All­tag, Femi­nis­mus und Gewalt gegen Frau­en, dem Spar­zwang unter dem neot­hat­che­ris­ti­schen TINA-Prin­zip (The­re is no Alter­na­ti­ve), der Orga­ni­sa­ti­on der Sozi­al­re­vo­lu­ti­on im (selbst­ver­ständ­lich poli­ti­schen) All­tag, oder den fata­len Pro­ble­men der euro­päi­schen Flücht­lings­po­li­tik oder dem prin­zi­pi­el­len Bekennt­nis zur radi­ka­len Kri­tik am bestehen­den sozio­öko­no­mi­schen und –kul­tu­rel­len Sys­tem. So san­gen etwa Kron­stadt, Dai­sy Chain und Ref­polk ihren mul­ti­lin­gua­len Song The Future is still unwrit­ten, die all dies in einem Stück zu ver­ei­nen such­ten, um eben zu dem gewoll­ten Fazit kom­men, dass sich all die Miss­stän­de noch ändern lie­ßen – abge­se­hen davon, dass die Annah­me einer bal­di­gen Revo­lu­ti­on in Euro­pa und vor allem in Deutsch­land alles ande­re als rea­lis­tisch ist. Nach dem Song erho­ben sich zahl­rei­che Men­schen aus dem Publi­kum, hiss­ten eini­ge Ban­ner und skan­die­ren „No bor­der, no nati­on, stop depor­ta­ti­on“ – in die­ser klei­nen kon­spi­ra­ti­ven Run­de steckt eine enor­me poli­tisch-emo­tio­na­le Ener­gie. Für einen (in gewis­ser Wei­se auch bedenk­li­chen Mas­sen­cha­rak­ter) reich­te das aber noch nicht.

Das alles war ja ganz nett. Aber so erstaun­lich es klingt: Das Fes­ti­val zeich­ne­te sich nicht, wie man anneh­men könn­te, durch zu viel radi­ka­le Ener­gie aus, son­dern eher durch zu wenig. Es ging ihnen dar­um an der Basis, dem All­tag den Wider­stand zu orga­ni­sie­ren und Wirt­schaft, Poli­tik und Kul­tur zu klis­tie­ren. Lei­der ent­stan­den dadurch aber zwei Man­kos: Ers­tens, wur­de zwar kri­ti­siert, sel­ten auch in etwas bana­ler Manier, es fehl­te aber ein exak­tes theo­re­ti­sches Gerüst. Und zwei­tens, ging fast kei­ner wirk­lich auf den Fak­tor der euro­päi­schen Demo­kra­tie­de­fi­zi­te oder –absen­zen ein, die Radi­ka­li­tät drang sozu­sa­gen nicht wirk­lich in die Sphä­re des Poli­ti­schen vor, da sich die Unge­rech­tig­kei­ten des bemän­gel­ten Sys­tems im Fal­le der Radi­ka­li­tät, sofern man die­se für erstre­bens­wert hält, nur durch eine Ände­rung des poli­ti­schen Sys­tems und der Poli­tik­fel­der fak­tisch ändern lässt. Wenn man schon eine Revo­lu­ti­on oder ande­re demo­kra­ti­sche­re, radi­ka­le Trans­for­ma­ti­ons­for­men will, dann dür­fen die nicht nur sozi­al sein, sie wären nur auch poli­tisch sinn­voll und wirk­sam. Eine Aus­nah­me mach­te da wie­der­um die Grup­pe Radi­cal Hype, mit ihrem all­um­fas­send radi­ka­len Rap.

Das Pro­jekt DESI bie­tet regel­mä­ßig musi­ka­li­sche Ver­an­stal­tun­gen jen­seits des Main­streams an. DESI befin­det sich in der Brü­cken­stra­ße 23, 90419 Nürn­berg. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen gibt es unter: http://www.desi-nbg.de/cms/website.php.

Phil­ip J. Din­gel­dey

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.