Meerjungsfrauen

„Männerfreundschaft“. Dieser Ausdruck fordert Klischee-Assoziationen heraus: Harte Kerle, die Bier trinken und sich zur Sympathiebekundung auf die Schulter klopfen; aber nur nicht übertreiben, ist schließlich eine „männliche“ Männerfreundschaft.Was ist weiter davon entfernt als Männer im Partnerlook, die gemeinsam Äpfel essen, sie nach der Hälfte austauschen und am Ende die Stiele einander weitergeben, untermalt von sanfter Popmusik? Genau so beginnt aber die Darstellung einer Männerfreundschaft in der Hörspiel-Tanzperformance Soft von cobraanker.cobra. Sehr schnell wird deutlich: Hier wird diese Art Beziehung fernab von typisierten Vereinfachungen in all ihrer möglichen Komplexität abgebildet.

In der absurden Rahmenhandlung, meist als Hörspiel aus dem Off eingespielt, brechen vier Freunde zu einer Schiffsreise auf. Sie treffen auf Wassergeister und Meerjung(s)frauen, schlachten gutgelaunt ein einheimisches Inselvolk ab und erleben weitere Abenteuer, bis sie am Ende feststellen, dass sie alle zusammen ein Kind bekommen werden.

Das Bühnengeschehen steht dazu einerseits in ergänzendem, andererseits in kontrastierendem Verhältnis. So illustrieren die Schauspieler den sprachlich ausgefeilten Hörspiel-Text beispielsweise dann, wenn die Freunde sich unterhalten: Derjenige der spricht, richtet seinen Blick gerade ins Publikum, die anderen drei wenden ihren Kopf interessiert in seine Richtung. Ergreift ein anderer das Wort, ist er derjenige, der von den anderen angeschaut wird. Je schneller die Gesprächsanteile wechseln, desto amüsanter wird das Ganze.

Wirklich spannend wird es allerdings, wenn das Bühnengeschehen im Kontrast steht. Als der Ich-Erzähler auf dem Tonband von Meerjungfrauen erzählt, beginnen zwei der vier Männer nur mit Slips bekleidet einen Ringkampf, die anderen beiden zählen die Punkte. Der Kampf enthält zunehmend erotische Elemente, am Ende kommen die beiden sich näher. Man könnte auch vermuten: Der Ich-Erzähler berichtet von Meerjungfrauen, weil er das zwischen Grobheit und Zärtlichkeit changierende Geschehen nicht erfassen kann oder nicht erzählen möchte. Was zur „eigentlichen“ Geschichte gehört, ist nicht mehr zu entscheiden.

Auch über das zweite wesentliche Element der Performance, den Tanz, werden vielfältige Deutungsmöglichkeiten angeboten, Klischees aufgerufen und wieder gebrochen. So tanzt „Manfred“ in Kristall-Collier und schwarzem Slip Voguing, einen Tanz aus der homosexuellen Subkultur. Gemeinsam performt die Gruppe zu Beginn auf Elektromusik den eher energisch daherkommenden Jumpstyle, im Gegensatz dazu steht eine Ballett-Aufführung. Der Hip-Hop-Tanz am Ende des Stücks stellt eine Zwischenvariante dar und endet in einem aus Körpern geformten „Love“.

Das hat mindestens soviel Komik wie auch schon die Gesangseinlage, bei der einer der Freunde auf einer sich drehenden Holzplatte stehend Adeles „Someone like you“ performt, um den auf einer Insel abgebliebenen vierten Mann zurück ins Boot zu holen. Auch wenn schallendes Lachen im Publikum zu hören ist – albern wird das Ganze nicht. Trotz der trashigen Skurrilität oder gerade deswegen bleiben die humoristischen Elemente subtil, flachen nicht ab und entsprechen der Vielschichtigkeit des gesamten Stückes und der einer wirklichen Freundschaft – die durch die gewählte Form nicht nur rational, sondern vor allem emotional erfahrbar gemacht wird.

Vera Podskalsky

 

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