Robben, Drillen, Plié

Foto: Andreas Donders

Foto: Andre­as Don­ders

Ver­bo­gen, ver­schwitzt, ver­krampft – defor­miert, dege­ne­riert, iso­liert. Zustän­de, in die man sich selbst brin­gen kann, oder in die man manch­mal gezwun­gen wird. Wie frei ist man in der Ent­schei­dung, ob man das wirk­lich will? Die eng­lisch-tür­ki­sche Grup­pe Noland Pro­ject Com­pa­ny stellt im Expe­ri­men­tier­thea­ter eine Kom­bi­na­ti­on von Schön­heit und Lei­den vor. In ihrer Tanz­thea­ter­per­for­mance „Zap­tu­r­apt (Disci­pli­ne)“ trifft Bal­lett auf Mili­tär, ange­lei­tet von der Cho­reo­gra­fin Esra Yurt­tut und unter der Dra­ma­tur­gie von Evren Erba­tur.

Eine Bal­le­ri­na (Melis Tuz­cuo­g­lu) an einem Schmink­tisch bin­det sich ihr Haar streng nach hin­ten. An der hin­te­ren Büh­nen­wand sit­zen ver­stei­nert drei Sol­da­ten (Mertcan Semer­ci, Salih Usta, Cemil Can Yus­ufo­g­lu) in düs­te­rem Licht und star­ren vor sich hin, jeder unter sei­nen Hab­se­lig­kei­ten. Das Büh­nen­bild ist somit geteilt, Militär,Ballettecke und in der Mit­te viel freie Flä­che zum tan­zen.

Anfangs hört man eine Per­son sprin­gen, Gelen­ke knack­sen, Kör­per­tei­le über den Boden strei­fen, Atmung, Stöh­nen. Es ist eine Sound­col­la­ge aus kör­per­ei­ge­nen Geräu­schen der Bal­le­ri­na beim Pro­ben. Dann setzt Musik ein und die Tän­ze­rin beginnt zu pro­ben, soge­schmei­dig und glatt ihre Bewe­gun­gen auch sind, mögen sie nicht ganz gelin­gen. Die Strumpf­ho­se scheint zu stö­ren, die Gum­mi­bän­der an den Schu­hen lässt sie immer wie­der gegen ihre Füße schnal­zen, ihren Anzug bringt sie immer wie­der in die rich­ti­ge­Po­si­ti­on und auch die streng nach hin­ten gebun­de­nen Haa­re schei­nen widerspenstig.Doch sie ver­sucht es wei­ter, bloß nicht auf­hö­ren zu lächeln, und wenn man schei­tert, sofort wie­der von vor­ne beginnen.Hier wur­de mit viel Lie­be zum Detail gear­bei­tet.

Auch die Sol­da­ten wol­len nicht schei­tern. Sie dril­len sich, rob­ben über den Boden, heben die Hän­de zu mili­tä­ri­schen Ges­ten, machen Lie­ge­stütz. Eine wun­der­ba­re Cho­reo­gra­fie zwi­schen der Bal­le­ri­na und den Sol­da­ten ent­steht, doch inter­agie­ren sie nicht als Figu­ren mit ein­an­der, sie tra­gen nur das­sel­be Leid, immer wie­der an die Gren­zen ihres Kör­pers zu kom­men. Und das scheint ihnen nicht nur kör­per­lich, son­dern vor allem see­lisch sehr zu schaf­fen zu machen. Die Bewe­gun­gen wer­den immer extre­mer, die Sol­da­ten bre­chen aus den sich wie­der­ho­len­den Bewe­gun­gen aus, jeder auf sei­ne Wei­se. Einer schüt­telt sei­ne Kopf so sehr, dass zu hören ist wie die Backen gegen sei­nen Kie­fer klat­schen. Doch immer wie­der ver­su­chen sie sich zu fan­gen und ihre dis­zi­pli­nier­ten Kör­per zurück­zu­ge­win­nen.

Dies stei­gert sich so weit, bis es fast unaus­halt­bar wird, und es ist nicht ver­wun­der­lich, dass das Stück in der Tür­kei bei eini­gen Zuschau­ern für Trä­nen sorg­te. In Deutsch­land wur­de der Wehr­dienst abge­schafft, doch in der Tür­kei gibt es für Frau­en und Män­ner kei­ne lega­le Mög­lich­keit, dar­an vor­bei zu kom­men. Die­Ver­bin­dung zwi­schen Mili­tär und Bal­lett erschließt sich nicht so ein­fach, außer über das extrem Kör­per­li­che und die Dis­zi­plin, die man dabei auf­brin­gen muss. Doch es soll auch gar kein Ver­gleich sein, son­dern es sind Bei­spie­le für Mühe, Schmerz und Druck – Lei­den, die wir alle ertra­gen müs­sen. Auch wenn sich das Bild, dass zwei so star­ke Pro­fes­sio­nen wie Bal­le­ri­na und Sol­da­ten stell­ver­tre­tend für die Gesell­schaft ste­hen sol­len, nicht ohne wei­te­res her­stellt: Ein berüh­ren­der Abend, der sich genau die Zeit nimmt, die er braucht.

Erschie­nen in SPOTS, der Fes­ti­val­zei­tung von Are­na… der jun­gen Küns­te.

Fran­zis­ka Rachin­sky

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