Nüsse oder Mandeln?

Foto: Andreas Donders

Foto: Andre­as Don­ders

Wie fängst du an? Das war eine der Fra­gen, die die Grup­pe „Ber­lo­cken“ auf der Büh­ne stell­te. Frei­lich ohne eine Ant­wort zu geben, denn die muss ja der jewei­li­gen Situa­ti­on ent­spre­chend aus­fal­len. In die­sem Fall könn­te man etwas zum Büh­nen­auf­bau sagen. Auf einer kreis­run­den, wei­ßen Flä­che bewe­gen sich die drei Per­for­me­rin­nen Mari­el Brüt­ting, Feli­cia Theuss und Lau­ra Hage­mann.

Sie sind weiß geklei­det und an bestimm­ten Stel­len gut aus­ge­pols­tert. Nach einer tän­ze­ri­schen Annä­he­rung anein­an­der und an drei gro­ße Holz­rah­men, die von Kla­ri­net­ten­spiel beglei­tet wird, stel­len sich die Per­for­me­rin­nen auf und spre­chen Fra­ge­wor­te. Was, wie, war­um, wo? In unter­schied­li­chen Ton­la­gen und Geschwin­dig­kei­ten wer­den die­se Wor­te immer wei­ter wie­der­holt. Kurz dar­auf wer­den die­se Fra­gen dann kon­kre­ti­siert: Woher kom­men dei­ne Ide­en? Die „Form der Fra­ge“ – so auch der Titel der Per­for­mance – wird aller­dings aus­ge­wei­tet, zur rela­tiv offe­nen Form der W‑Frage, gesel­len sich sehr spe­zi­fi­sche Ent­schei­dungs­fra­gen: Wählst du eine Lösung oder unter­schei­dest du meh­re­re Mög­lich­kei­ten? Oder auch Hybri­de: Was kommt zuerst? Form oder Inhalt?

Im wei­te­ren Ver­lauf nimmt die Absur­di­tät der Fra­gen zu, der for­ma­le Aspekt tritt in den Vor­der­grund:

„Den­ken oder Han­deln? Nüs­se oder Man­deln? Essen oder Trin­ken? Par­ma oder Schin­ken?“

Wie soll man sich da ent­schei­den? Wo doch Man­deln Nüs­se sind und Schin­ken aus Par­ma und Essen und Trin­ken doch irgend­wie bei­des ganz wich­tig. Und nicht aus­zu­den­ken, man wür­de sich auf das Den­ken oder Han­deln beschrän­ken. Spä­tes­tens hier wird deut­lich mar­kiert, dass es nicht um mög­li­che Ant­wor­ten geht. In den gewitz­ten Rei­men zeigt sich, dass das Stück viel­mehr vom Aus­ta­rie­ren han­delt, vom Gleich­ge­wicht. Auch vom kom­ple­xen Zusam­men­hang zwi­schen Spiel und Wett­streit.

Wie ein Zusam­men­spiel in einen Wett­streit aus­ufern kann oder wie sich ein Wett­streit in ein har­mo­ni­sches Mit­ein­an­der ver­wan­delt wird auch visu­ell sehr anschau­lich prä­sen­tiert. Die Rah­men der Dar­stel­le­rin­nen sind zu einem Drei­eck zusam­men­ge­steckt, das nun auf alle erdenk­li­chen Arten bespielt wird. Auch hier bil­den sich Gleich­ge­wich­te, die wie­der in sich zusam­men­fal­len und neu­en For­men und Figu­ren Raum geben. An einer Stel­le etwa spielt eine Per­for­me­rin auf einer Kan­te des Drei­ecks Gei­ge und die ande­ren bei­den, die zunächst zuhö­ren, heben auf ihrer Sei­te jeweils die Kon­struk­ti­on an, um die Gei­ge­rin her­un­ter zu beför­dern. Erst als sie schließ­lich gemein­sam nur eine Sei­te anhe­ben, gelingt es ihnen, das Gleich­ge­wicht zu stö­ren.

Was hat nun aber die­se fas­zi­nie­rend viel­sei­ti­ge Kon­struk­ti­on mit der „Form der Fra­ge“ zu tun? Fra­gen erlau­ben uns, Infor­ma­tio­nen über unse­re räum­li­che und zeit­li­che Ver­or­tung zu erlan­gen. Fra­gen sind mora­li­sche Instru­men­te, indem sie Ant­wor­ten nach dem rech­ten Han­deln pro­vo­zie­ren („Was soll ich tun?“). Fra­gen sind aber auch all­täg­li­che Ori­en­tie­rungs­hil­fen („Wo steht mein Fahr­rad?“). Und trotz­dem bleibt die Fra­ge immer höchst fra­gil, weil sie dem Wesent­li­chen vor­an­geht. Sie wird mit der Ant­wort unin­ter­es­sant. Die Ant­wort aller­dings wirft meist neue Fra­gen auf.

Ber­lo­cken“ gelingt mit ihren Annä­he­run­gen, die Kon­struk­ti­on und Destruk­ti­on von Sinn­be­zü­gen über­zeu­gend in Sze­ne zu set­zen. In der Frei­le­gung des Fra­gens wird deut­lich, wie viel die Fra­ge über den Fra­ge­stel­ler aus­sagt, wie viel man wis­sen kann, ohne eine Ant­wort zu ken­nen. So ergeht es auch den Per­for­me­rin­nen auf der Büh­ne, die die Drei­ecks­kon­struk­ti­on bespie­len, sie auf ihre Mög­lich­kei­ten hin befra­gen – ohne letzt­lich eine Deu­tung vor­le­gen zu wol­len. Statt­des­sen darf sich das Gerüst am Ende mit den drei­en ver­beu­gen.

Timo Ses­tu


Erschie­nen in SPOTS, der Fes­ti­val­zeit­schrift von Are­na… der jun­gen Küns­te.

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