Gemetzel in der Glückstraße

P1030006Anstand als blo­ße Fas­sa­de, die nicht nur brö­ckelt, son­dern ein­stürzt — Yas­mi­na Rezas Der Gott des Gemet­zels scheint nicht aus­schließ­lich an die Pari­ser Bour­geoi­sie gebun­den. Und so ist es plau­si­bel, dass das AMVi-Thea­ter bei sei­ner Pre­mie­re des Stücks ver­gan­ge­nen Frei­tag im Saal der AMV Fri­de­ri­cia­na in der Glück­stra­ße die Hand­lung an einen ande­ren Ort ver­legt: nach Erlan­gen.

Nach einer laut­star­ken Aus­ein­an­der­set­zung am Erlan­ger Thea­ter­platz schlug der elf­jäh­ri­ge Fer­di­nand Rei­ter bewaff­net mit einem Stock unse­rem Sohn Bru­no Haber­mann ins Gesicht. Die Fol­gen des Schla­ges sind, neben einer geschwol­le­nen Lip­pe, zwei abge­bro­che­ne Schnei­de­zäh­ne, beim rech­ten Schnei­de­zahn ein­her­ge­hend mit der Schä­di­gung des Nervs.“

Soweit die Stel­lung­nah­me der Haber­manns, ver­le­sen durch Vero­ni­ka Haber­mann (Ulri­ke Drechs­ler), die den Thea­ter­platz ganz im Gegen­satz zum Huge­not­ten­platz bis­her für einen „Ort der Sicher­heit“ hielt. Bei Kaf­fee und Kuchen tref­fen sich die bei­den Ehe­paa­re, um den Streit ihrer Söh­ne auf zivi­li­sier­te Art und Wei­se bei­zu­le­gen. Schließ­lich ist man gebil­det, hat Ahnung in Fra­gen der Kin­der­er­zie­hung und weiß, dass ein sol­ches Ereig­nis aus­rei­chend the­ma­ti­siert wer­den muss.

Bereits bei der Stel­lung­nah­me deu­ten sich aller­dings Unstim­mig­kei­ten an. Die Ver­wen­dung des Aus­drucks „bewaff­net“ hält Andre­as P1030022Rei­ter (Dimi­ter Konow­a­low), der als Rechts­an­walt tätig ist, nun doch für etwas über­trie­ben. Ein gro­tes­ker Nach­mit­tag beginnt, durch schwer­fäl­li­gen Small­talk über den Cla­fou­tis ein­ge­lei­tet. Immer deut­li­cher tre­ten unter­schwel­li­ge Wahr­hei­ten her­vor, hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen deu­ten sich an, und nach­dem Annet­te Rei­ter (Tan­ja Hacken­berg) sich auf den wert­vol­len Kokosch­ka über­ge­ben muss, schlägt die Stim­mung um. Stän­di­ge Unter­bre­chun­gen durch das klin­geln­de Han­dy des Anwalts tun das Übri­ge.

Die um Manie­ren bemüh­ten Bil­dungs­bür­ger las­sen nach und nach ihre Mas­ken fal­len. „Anstand ist ein Unsinn, der einen nur schwächt und wehr­los macht“, ver­kün­det Andre­as Rei­ter und Micha­el Haber­mann (Mar­ten Wehr­hahn), der als letz­tes die Fas­sung ver­liert, erklärt, dass sei­ne Frau ihn fälsch­li­cher­wei­se als Gut­men­schen dar­ge­stellt hat. Spä­tes­tens nach dem Wech­sel vom Espres­so zum Rum gerät das Gesche­hen völ­lig außer Kon­trol­le: Annet­te Rei­ter ver­senkt das Han­dy ihres Man­nes in der Blu­men­va­se und lässt wenig spä­ter ihre Wut auf die Haber­manns am Rosen­strauß aus. Kon­flikt­po­ten­ti­al besteht also nicht nur zwi­schen den Ehe­paa­ren, son­dern auch unter den Ehe­part­nern. Immer wie­der wer­den die Fron­ten gewech­selt, visua­li­siert durch den Posi­ti­ons­wech­sel der Schau­spie­ler auf der Büh­ne.

Rezas Stück for­dert eine hohe schau­spie­le­ri­sche Leis­tung: Alle vier Akteu­re befin­den sich durch­gän­gig auf der Büh­ne und bewe­gen sich vor schlich­ter Wohn­zim­mer­ku­lis­se. Dabei müs­sen unter­schwel­li­ge Stim­mun­gen trans­por­tiert und gleich­zei­tig umfang­rei­che Tex­te in hohem Tem­po und mit viel Aggres­si­on gespro­chen wer­den. Das AMVi-Thea­ter wagt sich an ein ambi­tio­nier­tes Pro­jekt und ab und an scheint durch, was den SP1020993chau­spie­lern in die­sem Stück abver­langt wird. Ins­ge­samt gelingt es Regis­seur Gre­gor Breun, Assis­ten­tin Imke Fritz und ihrer Trup­pe aller­dings über­zeu­gend, die von Reza ent­wi­ckel­te kar­ne­val­es­ke Situa­ti­on zu ver­mit­teln.

Dabei wird vor allem gegen Ende eines deut­lich: Die Kri­tik am vor­der­grün­di­gen Wah­ren des Anstands bil­det nur den Ein­stieg in eine viel tie­fer gehen­de The­ma­tik. Grund­le­gen­de Fra­gen zum Ver­hält­nis von Trieb und Moral wer­den ver­han­delt, wenn bei­spiels­wei­se Andre­as Rei­ter ver­kün­det, dass er  an den „Gott des Gemet­zels“ glaubt. Auf kei­nes der Pro­ble­me fin­den die vier am Ende eine Ant­wort, aber auf eine gemein­sa­me Fra­ge kön­nen sie sich eini­gen: „Was weiß man schon?“

Wei­te­re Auf­füh­run­gen am 29.6. um 20 Uhr, am 30.6. und 1.7. um 19 Uhr im Saal der AMV Fri­de­ri­ciana, Glücks­straße 3 in Erlan­gen.

Vera Podskalsky

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