Gruppenbild mit Grass

Nobelpreisträger Grass liest "Kleckerburg" (Foto: Jenny Horn)

Nobel­preis­trä­ger Grass liest „Kle­cker­burg“ (Foto: Jen­ny Horn)

Das dies­jäh­ri­ge Poe­tik-Kol­leg der FAU hat die re>flex-Redakteure Vera Podskalsky und Timo Ses­tu nach Lübeck geführt. Sie berich­ten von ihrer Begeg­nung mit dem Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Gün­ter Grass.

Grimms Wör­ter

Eine gro­ße Lie­bes­er­klä­rung an die deut­sche Spra­che erweckt schnell das Inter­es­se von Ger­ma­nis­ten, vor allem, wenn der Lie­ben­de auch noch ein Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger ist. Die Mög­lich­keit, eben­die­sen höchst­per­sön­lich zu tref­fen, konn­te man sich nicht ent­ge­hen las­sen! Zumal er in all den Jah­ren auch schon gute Erfah­run­gen mit Phi­lo­lo­gen gemacht hat­te. Aber alles der Rei­he nach… schön sor­tiert, fast wie in einem Wör­ter­buch. Und damit und indem wir unse­rer Erzähl­skiz­ze fol­gen, sind wir dem gro­ßen Lite­ra­ten schon dicht auf der Spur.

Ein wei­tes Feld

Nament­lich han­delt es sich, die Zwi­schen­ti­tel ver­ra­ten es schon, um Gün­ter Grass, der mit sei­nem Debüt­ro­man „Blech­trom­mel“ schlag­ar­tig zu einem bedeu­ten­den Schrift­stel­ler avan­cier­te. Sein Werk hat seit­her sowohl gesell­schaft­lich als auch in der Lite­ra­tur­kri­tik pola­ri­siert. Ein wei­tes Feld galt es also zu beackern, um den Künst­ler Grass zwi­schen den Polen aus­fin­dig zu machen: Als uner­bitt­li­cher Chro­nist deut­scher Geschich­te, der Zeit der „Hun­de­jah­re“, wur­de Gün­ter Grass hohe Aner­ken­nung zuteil. „Ver­ge­gen­kunft“ for­der­te er. Was er damit mein­te, ist die adäqua­te Erin­ne­rung an die Ver­gan­gen­heit, eine Ver­ge­gen­wär­ti­gung der Geschich­te, um eine Wie­der­ho­lung der Gräu­el des Drit­ten Rei­ches zu ver­hin­dern. In vie­len Reden und Essays hat er sich mit dem Schrei­ben nach Ausch­witz aus­ein­an­der gesetzt und das Bild sei­ner durch den Holo­caust tief erschüt­ter­ten Genera­ti­on gezeich­net. Theo­dor W. Ador­nos Dik­tum, nach Ausch­witz ein Gedicht zu schrei­ben, sei bar­ba­risch, dien­te Grass gleich­zei­tig als Angriffs­punkt und Folie für das eige­ne Schrei­ben. Immer wie­der erhob – und erhebt – Grass die Stim­me. Für sein Gedicht „Was gesagt wer­den muss“ bei­spiels­wei­se ern­te­te er aller­dings hef­ti­ge Kri­tik. Sei­ne Stel­lung­nah­me zur israe­li­schen Poli­tik wur­de im Feuil­le­ton über­wie­gend nega­tiv bespro­chen. Das in drei gro­ßen Tages­zei­tun­gen ver­öf­fent­li­che Gedicht sorg­te schließ­lich sogar dafür, dass über Grass ein Ein­rei­se­ver­bot nach Isra­el ver­hängt wur­de.
Der inzwi­schen 86-Jäh­ri­ge blickt auf ein ereig­nis­rei­ches Leben und ein umfas­sen­des Oeu­vre zurück. Neben sei­nen lite­ra­ri­schen Arbei­ten sind das auch Zeich­nun­gen und Skulp­tu­ren. Gün­ter Grass ist – wie er auch selbst immer betont – gelern­ter Zeich­ner und Bild­hau­er. Die Arbeit an sei­nen Roma­nen wird stets durch bild­künst­le­ri­sche Arbei­ten beglei­tet, etwa durch Litho­gra­fi­en oder Aquarelle.In sei­ner Werk­statt in Beh­len­dorf, wo er – wie er uns spä­ter erzäh­len wird – auch heu­te noch täg­lich arbei­tet, ent­ste­hen gleich­sam Tex­te und Bil­der, die in ihrer Moti­vik eng ver­floch­ten sind.

Im Krebs­gang

Hilke Ohsoling zeigt einige zeichnerische Arbeiten von Günter Grass (Foto: Victoria Gutsche)

Hil­ke Ohso­ling zeigt eini­ge zeich­ne­ri­sche Arbei­ten von Gün­ter Grass (Foto: Vic­to­ria Gut­sche)

Bevor wir Grass per­sön­lich begeg­nen, nähern wir uns dem Künst­ler im Krebs­gang, dem schnel­len Rück­wärts­seit­ga­lopp, der einen indi­rek­ten Weg zum Ziel nimmt. Das Gün­ter Grass-Haus in Lübeck scheint dazu per­fekt geeig­net. Das dort ansäs­si­ge Muse­um for­dert zur Aus­ein­an­der­set­zung auf einer Meta-Ebe­ne auf: In einem Muse­um kann die Iden­ti­tät eines Men­schen frei­lich kaum gänz­lich erfasst wer­den. Grund­sätz­lich steht der Besu­cher einer Aus­wahl gegen­über, die, inten­diert oder nicht, eine bestimm­te Per­spek­ti­ve auf die Per­son nahe­legt – des­sen ist er sich aber sehr häu­fig gar nicht bewusst. Jörg-Phil­ipp Thom­sa, der jun­ge Lei­ter des Muse­ums setzt mit sei­nem Kon­zept genau hier an: Im ers­ten Aus­stel­lung­raum begeg­net uns der „Schreib­tisch des Kura­tors“. Auf der Arbeits­plat­te ste­hen ver­schie­de­ne the­ma­ti­sche Annä­he­run­gen an die Per­son Gün­ter Grass, von denen vier Berei­che im Muse­um beson­ders gewich­tet sind: Der poli­ti­sche Künst­ler, Grass‘ zeich­ne­ri­sches Werk, die Skan­da­le um sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen und natür­lich der Natio­nal­so­zia­lis­mus und sei­ne Fol­gen. Inno­va­tiv ist, dass der Besu­cher die Mög­lich­keit hat, für den fünf­ten Aus­stel­lungs­be­reich, der jähr­lich erneu­ert wird, eige­ne The­men ein­zu­sen­den, die dann auf einem gro­ßen Touch-Screen zur Abstim­mung gestellt wer­den. Das Gün­ter Grass-Haus, das betont Thom­sa immer wie­der, arbei­te näm­lich wis­sen­schaft­lich unab­hän­gig. So ist es mög­lich, dass in der nächs­ten Dau­er­aus­stel­lung, die am 18. Okto­ber die­ses Jah­res eröff­net wird, der Sol­dat Gün­ter Grass im Fokus steht.

Beim Häu­ten der Zwie­bel

Wenn unse­re Anhän­ger­schaft zumut­ba­re Gren­zen über­schrit­te, wür­den uns sicher die Trä­nen in die Augen stei­gen, als wir Grass‘ Arbeits­zim­mer in Lübeck betre­ten. Immer­hin sind wir an das Inne­re der Zwie­bel gelangt. Die Scha­le haben wir mit dem Muse­um ein Stock­werk unter uns gelas­sen. Und obwohl wir die Fas­sung bewah­ren, kön­nen wir, immer­hin seriö­se Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, den Arbeits­bü­chern und Hand­skiz­zen, die wir nun unge­stört durch­blät­tern kön­nen, eine gewis­se aura­ti­sche Aus­strah­lung nicht abspre­chen. In sei­nem Lübe­cker Büro emp­fängt Grass aller­dings sonst eher unlieb­sa­me Jour­na­lis­ten, denen der Adels­schlag einer Ein­la­dung nach Beh­len­dorf nicht ver­gönnt ist. Sei­ne Sekre­tä­rin, Hil­ke Ohsoh­ling, ist die­je­ni­ge, die den Raum haupt­säch­lich nutzt. Und als sie, auf einer Holz­trep­pe sit­zend, in ihrer auf­fäl­lig beru­hi­gen­den Art von der ers­ten Begeg­nung mit dem pro­mi­nen­ten Arbeit­ge­ber berich­tet, ent­steht ein in sich homo­ge­nes Bild, man hat den Ein­druck, sie gehö­re in den Raum wie nie­mand ande­res.

Das Tref­fen in Telg­te

Grass schwört auf seine "alte Olivetti" (Foto: Jenny Horn)

Grass schwört auf sei­ne „alte Oli­vet­ti“ (Foto: Jen­ny Horn)

Das Tref­fen in Telg­te ist es nicht ganz – aber in einer ähn­lich ein­ma­li­gen Situa­ti­on befin­den wir uns, als unser vier Meter hoher und ohne­hin für alle Belan­ge viel zu gro­ßer Rei­se­bus am Rand eines klei­nen abschüs­si­gen Weges im Nir­gend­wo hält. Fast hät­te das Tref­fen zu plat­zen gedroht, da Grass etwas ange­schla­gen ist, er selbst hat aller­dings gegen­über sei­ner Sekre­tä­rin vehe­ment dafür plä­diert, dass wir ihn trotz­dem besu­chen. Fast ein wenig ehr­fürch­tig betre­ten wir den Hof, als ein klei­ner Mann in gebück­ter Hal­tung aus der Tür tritt; gleich hin­ter ihm, Min­ka, sei­ne Hün­din. Ein wenig schüch­tern fol­gen wir dem Schrift­stel­ler in sei­ne Werk­statt und suchen uns zwi­schen hohen Bücher­re­ga­len und Schreib­pul­ten einen Platz.

Und wie läuft das Gan­ze jetzt? Wer­de ich mit Fra­gen durch­lö­chert?“, fragt Grass lachend und erzählt dann ein­lei­tend von sei­ner Werk­statt, berich­tet bei­spiels­wei­se, dass er nur im Ste­hen schreibt. Dann haben wir Gele­gen­heit zum Fra­gen, möch­ten unter ande­rem Nähe­res über sein Ver­hält­nis zu Text und Bild erfah­ren. Auch wenn wir eini­ge Ant­wor­ten bereits aus frü­he­ren Inter­views ken­nen, macht es Freu­de zu sehen, wie der Schrift­stel­ler sicht­lich Spaß dar­an hat, uns mit Anek­do­ten zu versorgen.Er erzählt, wie er sozu­sa­gen aus­ver­se­hen die Novel­le „Katz und Maus“ geschrie­ben hat, und dass Oskar aus der „Blech­trom­mel“ aus einem von Grass zuvor ver­fass­ten „schreck­lich epi­go­na­len Gedicht“ her­vor­ging: Hier macht sich der Prot­ago­nist zum Säu­len­hei­li­gen, indem er sich auf eine selbst gemei­ßel­te Säu­le stellt und in stei­ner­ner Pose erstarrt. Oskar soll­te es dann genau umge­kehrt machen und beschlie­ßen, nicht mehr zu wach­sen. Fort­an wür­de er – in Umkeh­rung des Motivs – sei­ne Welt von unten betrach­ten.
Zum Abschluss liest Grass noch das lan­ge Gedicht „Kle­cker­burg“. Und spä­tes­tens als er, trotz Krank­heit wild ges­ti­ku­lie­rend, das ers­te „Blubb, pfff, psch­psch…“ ver­lau­ten lässt, wird klar, dass Dis­kus­sio­nen über die Aura eines Künst­lers nicht von unge­fähr ent­ste­hen. Am Ende unse­res Besu­ches ver­su­chen wir die­se Stim­mung ein­zu­fan­gen, indem wir unse­re Bücher mit Unter­schrif­ten ver­se­hen las­sen und alles foto­gra­fisch doku­men­tie­ren. Grass, Stu­dent mit Grass, Grass und die Grup­pe, sein Gar­ten, sei­ne roten Socken. Min­ka, sein Hund, freund­lich hechelnd.
Gün­ter Grass ver­ab­schie­det sich, wir ste­hen noch eine Wei­le im Hof und irgend­wie erscheint es uns, als wären wir Bestand­teil eines Vide­os, das die Unter­schrift „Unver­öf­fent­lich­tes Archiv­ma­te­ri­al“ trägt.

Vera Podskalsky | Timo Ses­tu

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