Der Entertainer seiner selbst

Supergute Tage

Hen­ri­et­te Schmidt als Chris­to­pher Boo­ne
Foto: Staats­thea­ter Nürn­berg

Moon­boots und Mikro­fon: Manch einer, der die Pre­mie­re des Thea­ter­stücks „Super­gu­te Tage oder die son­der­ba­re Welt des Chris­to­pher Boo­ne“ am ver­gan­ge­nen Sams­tag besucht hat, hät­te sich die belieb­te Roman­fi­gur aus Mark Had­dons gleich­na­mi­gen Roman wohl anders vor­ge­stellt. Vor allem auch, weil der Roman viel von dem Innen­le­ben des Asper­ger-Aut­his­ten erzählt. Doch das kann man schein­bar unter­schied­lich aus­le­gen. In der Insze­nie­rung von Chris­toph Mehl­er wird das Inne­re nach außen gekehrt: Das ist ein schmerz­haf­ter Pro­zess für jeden, der einen ent­spann­ten Thea­ter­abend erwar­tet hat.

Die Geschich­te, um die es im Roman und im Thea­ter­stück geht, ist in ihren Grund­zü­gen schnell erzählt: Der 15-Jäh­ri­ge Chris­to­pher fin­det den Hund der Nach­ba­rin tot auf. Da die Erwach­se­nen nicht an einer Auf­klä­rung des Ver­bre­chens inter­es­siert sind, möch­te Chris­to­pher die Sache sel­ber in die Hand neh­men. Gar nicht so ein­fach für einen Asper­ger- Aut­his­ten, der sich vor dem Umgang mit Men­schen fürch­tet. Auf sei­ner Suche nach dem Täter gerät Chris­to­pher zuneh­mend an ein Fami­li­en­ge­heim­nis, das sei­ne gan­ze Welt auf den Kopf stellt, die jedoch auf kei­nen Fall durch­ein­an­der gera­ten durf­te. Am meis­ten hält sich Chris­to­pher dort auf, wo er sich am wohls­ten fühlt: in sei­nen Gedan­ken. So stellt er sich vor, Astro­naut zu sein, weit weg von allem Chao­ti­schen. Zur Ent­span­nung geht er gele­gent­lich alle Prim­zah­len bis zu 7507 durch.

Wie macht man aus einem so stil­len Cha­rak­ter den Prot­ago­nis­ten eines Thea­ter­stücks? Simon Ste­phen, der Autor der ori­gi­na­len Büh­nen­fas­sung, stellt Chris­to­phers Wahr­neh­mung in den Mit­tel­punkt. Die Geschich­te soll nicht, wie aus der Leser­per­spek­ti­ve, von außen, son­dern von innen betrach­tet wer­den.

Alles hat Bedeu­tung

Chris­to­pher steht im Zen­trum sei­ner Welt, in dem auch Wel­ling­ton, der getö­te­te Hund, liegt. Sei­ne Welt ist eine sich dre­hen­de Platt­form, so dass sich schein­bar alles um ihn dreht- wobei er sel­ber es ist, der sich dreht. Das hat etwas Koper­ni­ka­ni­sches. Es hat auch etwas Prak­ti­sches: Denn auf die­se Wei­se hält er sich sein Umfeld auf Abstand. Über ihm erstreckt sich das Uni­ver­sum, das Chris­to­pher zuvor mit allen Kräf­ten wie ein Gara­gen­tor auf­ge­klappt hat. Die ande­ren Figu­ren krei­sen um ihn, zwit­schern und stren­gen sich auf lächer­li­che Wei­se an, sei­ne Auf­merk­sam­keit auf sich zu zie­hen. Oder mit ihm Schritt zu hal­ten. Da muss Miss Alex­an­der (Pius Maria Cüp­pers), die freund­li­che Nach­ba­rin, schon ein­mal mit­jog­gen. Das Pri­vi­leg, gehört zu wer­den, wird sei­nem Umfeld durch ein Mikro­phon zuteil, das Chris­to­pher bei sich trägt. Was im Roman als Gedan­ken zu lesen war, wird nun direkt aus­ge­spro­chen. Chris­to­pher erscheint dadurch red­se­li­ger, direk­ter, uner­schro­cke­ner. Aber auch stär­ker, was nicht zuletzt an dem cha­ris­ma­ti­schen Auf­tre­ten von Hen­ri­et­te Schmidt liegt, die ihn ver­kör­pert.

Ein Grund, war­um es schwer fällt, die Inter­pre­ta­tio­nen, die das Stück erfährt, zu akzep­tie­ren, ist, dass man schlicht­weg den Roman anders gele­sen hat als Simon Ste­phen und Chris­toph Mehl­er. Figu­ren, die man als sym­pa­thisch und auch nicht unmensch­lich wahr­ge­nom­men hat, wir­ken in der inter­pre­tier­ten Welt­sicht Chris­to­phers oft zu ver­zerrt. Dabei zeigt das Thea­ter­stück ein­fach eine ande­re Per­spek­ti­ve auf die Geschich­te. Den­noch möch­te man nicht glau­ben, dass er sei­nen Vater (gespielt von Ste­fan Lorch) nur als einen — so könn­te man es durch­aus beschrei­ben — alber­nen Ham­pel­mann (mit durch­aus eige­ner Tra­gik) emp­fin­det.

Am ver­hee­rends­ten erscheint aus die­ser per­sön­li­chen Sicht die Sze­ne, in der Chris­to­pher die Brie­fe sei­ner Mut­ter (Nico­la Lem­bach) ent­deckt, in denen klar wird, dass sie, anstatt, wie vom Vater behaup­tet, gestor­ben zu sein, ledig­lich mit ihrem Lieb­ha­ber Roger durch­ge­brannt ist. Wo man im Buch Ver­ständ­nis für die­se Figur emp­fin­det, da sie ihren Sohn einer­seits liebt und ande­rer­seits ihre eige­ne Unge­duld mit ihm nicht erträgt, und sich somit dazu ent­schei­det, ihn zu bei­der Wohl zu ver­las­sen, wird jede lie­be­vol­le For­mu­lie­rung der Brie­fe ent­blößt. Im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes buhlt sie um die Zunei­gung zu ihrem Sohn, indem sie sich, von Roger auf die unter­schied­lichs­ten Wei­sen (unter Andeu­tung) begat­tet, um ihn her­um bewegt und jeden ein­zel­nen Satz der Brie­fe stöhnt. Es geht unter ande­rem um eine Modell­ei­sen­bahn, die Chris­to­pher als Kind geschenkt bekom­men hat, und mit der er eini­ge Wochen gespielt haben soll. Ganz schön komisch, wenn die bei­den sich ein­an­der lie­bend eine hal­be Ewig­keit um die Dreh­schei­be her­um bewe­gen. Das gan­ze wäre ja lus­tig, wäre es nur schnel­ler wie­der zu Ende. Auch hier möch­te ich mir nicht vor­stel­len, dass Chris­to­pher so vie­le Gedan­ken an den Sexu­al­akt der bei­den ver­schwen­det. Eben auch gera­de des­halb, weil sei­ne inne­re Ant­wort rein gar nichts damit zu tun hat, son­dern viel­mehr zeigt, an wie vie­le Details er sich im Ver­gleich zu sei­ner Mut­ter erin­nern kann. Die Erin­ne­rung an den gemein­sa­men Urlaub wird aber lei­der nur schnell her­un­ter­ge­lei­ert und geht somit unter.

Ein Zuviel von Welt

Daniel Scholz, Nicola Lembach, Pius Maria Cüppers, Henriette Schmidt Foto: Staatstheater Nürnberg

Dani­el Scholz, Nico­la Lem­bach, Pius Maria Cüp­pers, Hen­ri­et­te Schmidt
Foto: Staats­thea­ter Nürn­berg

Es ist scha­de, dass vie­le Gesprä­che und Figu­ren­zü­ge unter der beschränk­ten Wahr­neh­mung, die man Chris­to­pher unter­stellt, lei­den. Einer­seits wer­den so Kitsch­fal­len umschifft, ande­rer­seits bleibt die Poe­sie, die im Roman mit­schwang, auf der Stre­cke. Ober­fläch­li­che Rühr­se­lig­keit tritt dann plötz­lich am Ende zu Tage, als man dem Zuschau­er noch ein Hap­py End ser­viert- ent­we­der als Trost­pfläs­ter­chen für einen zu ver­stö­ren­den Abend oder aber um den Ansprü­chen des Pre­mie­ren­pu­bli­kums eine Art Spie­gel vor­zu­hal­ten. Nur dass die­ses Hap­py End es nicht bes­ser macht- denn jeder der alber­nen, ein­far­bi­gen Cha­rak­te­re stürmt nach vor­ne und berich­tet von sei­ner blü­hen­den Zukunft, und das ist eigent­lich immer nur eine wei­te­re Love­sto­ry.

In die­ser Insze­nie­rung geht auch nicht so sehr um Inhal­te, als um Aus­druck. Das ist einer­seits geni­al gelun­gen und tut ande­rer­seits weh. Das Stück ist laut, hek­tisch, es hat Län­gen. Denn Chris­to­phers Wahr­neh­mung der Welt ist nun mal kei­ne ent­spann­te. Und so möch­te man sich an man­chen Stel­len am Liebs­ten die Ohren zuhal­ten und schrei­en. Doch ich hal­te, und das schafft nicht jeder, bis zum Ende durch. Auch mit dem Applaus. Denn das Ensem­ble, allen vor­an Hen­ri­et­te Schmidt, hat eine bril­li­an­te Leis­tung voll­bracht, die es zu wür­di­gen gilt. Auch das Kon­zept ist gelun­gen, denn es hat funk­tio­niert: Als ich das Stück ver­las­se, füh­le ich mich, wie sich Chris­to­pher füh­len muss. Die Welt ist mir ein­fach zu viel.

Anna Gre­ger

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