Faschistoider Fußball

Der Organismus des Massencharakters (Quelle: Wikimedia Commons/ Adriá-garcia).

Der Orga­nis­mus des Mas­sen­cha­rak­ters (Quel­le: Wiki­me­dia Commons/ Adriá-gar­cia).

In Kür­ze beginnt wie­der ein­mal der größ­te Zir­kus der Welt — näm­lich die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft (WM) –, und die Deut­schen sind schon ganz aus dem Häus­chen. Über­all fin­det man jetzt Fan­ar­ti­kel, über Schmuck, Hals­bän­der, Fuß­bäl­le, Schmin­ke – frei­lich alles in den deut­schen Natio­nal­far­ben. Selbst Pro­duk­te, die auf den ers­ten Blick nichts mit Fuß­ball zu tun haben, ver­su­chen mit dem WM-Eti­kett ihre Umsät­ze, meist erfolg­reich, zu maxi­mie­ren. Das nennt sich dann Fuß­ball­fie­ber.

Ein Fuß­ball­fie­ber, egal ob es sich dabei nun um eine Regio­nal­li­ga, Bun­des­li­ga, Cham­pi­ons League, Euro­pa- oder Welt­meis­ter­schaft han­delt, ver­dient aber in Wahr­heit eine ande­re Titu­lie­rung: Das Auf­kom­men faschis­toi­der Ele­men­te, die von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung als legi­tim auf­ge­fasst wer­den!

War­um das? Ist nicht in den meis­ten zivi­li­sier­ten Staa­ten der Faschis­mus zu Recht ver­pönt!? Natür­lich, aber Phä­no­me­ne, wie Fuß­ball sind des­we­gen erfolg­rei­che Mas­sen­phä­no­me­ne, weil es ihnen gelingt, den faschis­toi­den Part ledig­lich impli­zit zu gene­rie­ren. Es ist in Deutsch­land etwa zum Glück kaum mehr mög­lich, klar eine faschis­ti­sche Gesin­nung öffent­lich kund­zu­tun; jedoch durch impli­zi­te und auf höchst unbe­wuss­te Fak­to­ren kann dies sehr wohl gesche­hen. Das heißt, der am Fuß­ball­fie­ber Erkrank­te weiß wahr­schein­lich nicht, dass sei­ner Eupho­rie, sei­ner Fan­schaft etwas Faschis­toi­des inhä­rent ist.

Tota­li­ta­ris­mus und Ras­sis­mus

Inner­halb des Fuß­balls gibt es natür­lich Ele­men­te, die mehr und die weni­ger faschis­to­id sind, und der Fuß­ball ist nicht rein faschis­tisch; er kann auch eine net­te und bana­le Unter­hal­tung sein respek­ti­ve eine kör­per­li­che Ertüch­ti­gung im Duk­tus des Mann­schafts­sports, wie vie­le ande­re auch. Den­noch besteht die Kon­ne­xi­on von Fuß­ball und dem Faschis­toi­den und wächst mit der Bedeu­tung der Meis­ter­schaft.

Doch wor­an liegt es? Wie lässt sich die­se gewag­te The­se begrün­den? Zum einen ist es das Tota­li­tä­re und zum ande­ren das Natio­na­lis­ti­sche, Hyper­pa­trio­ti­sche, das Xeno­pho­be, ja, sogar das Ras­sis­ti­sche, was dem Fuß­ball sei­ne faschis­toi­den Züge ver­leiht. Bei­de Parts sind natür­lich inter­de­pen­dent und sind so nur mög­lich, indem sie sich auf eine rezi­pro­ke Manier for­cie­ren.

Hier ist Nationalismus wieder erlaubt: WM-Spiel Deutschland gegen Argentinien im Jahr 2010 in München (Quelle: Wikimedia Commons/ benchfrosser).

Hier ist Natio­na­lis­mus wie­der erlaubt: WM-Spiel Deutsch­land gegen Argen­ti­ni­en im Jahr 2010 in Mün­chen (Quel­le: Wiki­me­dia Commons/ bench­fros­ser).

Zunächst zum natio­na­lis­ti­schen Part: Bald lau­fen sie wie­der über­all her­um: Die Fans mit den Fuß­ball­tri­kots, der schwarz-rot-gol­de­nen Schmin­ke, dem schwarz-rot-gol­de­nem Schmuck und sogar Her­mes­flü­gel für die Schu­he gibt es schon in den Natio­nal­far­ben. Wäre gera­de kei­ne WM oder EM wür­den sich vie­le berech­tigt mokie­ren über die Demons­tra­ti­on von so viel Natio­nal­stolz. Seit der WM 2006, bei der Deutsch­land sich als aus­ge­zeich­ne­ter Gast­ge­ber gebar, ist es schein­bar wie­der legi­tim, zumin­dest alle zwei Jah­re für ein paar Wochen stolz auf sei­ne Nati­on zu sein und sich mit den Lands­leu­ten zu asso­zi­ie­ren, ers­tens, in der Natio­na­li­tät, zwei­tens, in der Fan­schaft für unse­re Natio­nal­mann­schaft der Medio­kri­tät und drit­tens, in der Abnei­gung gegen die geg­ne­ri­schen Mann­schaf­ten.

Iden­ti­tät auf Kos­ten von Fein­den

Doch genau dar­in liegt der Punkt. Unter dem Pseu­do­an­lass der Meis­ter­schaft ver­sam­meln sich wie­der Grup­pen und frö­nen dem Natio­na­lis­mus, sind stolz auf eine gan­ze Nati­on. Natio­nen sind arti­fi­zi­el­le Kon­struk­te, sie exis­tie­ren gar nicht wirk­lich, sind, im Gegen­satz zu Staa­ten, auch nicht mehr nötig. Aber sie beru­fen sich auf eine natür­li­che Ver­bin­dung der Men­schen, die Teil der Nati­on sind. Schon mit dem Ter­mi­nus ist damit immer eine Feind­schaft zu ande­ren impli­ziert. Auch der Stolz auf eine Grup­pe, mit der man nicht mehr gemein hat, als einen Pass, einen Auf­ent­halts­ort und die Lei­den­schaft für Fuß­ball, legi­ti­miert noch kei­nen obsku­ren Patrio­tis­mus oder Natio­na­lis­mus.

Dass die­ser sehr schnell xeno­phob wird, zeigt sich dar­in, wie geg­ne­ri­sche Teams dämo­ni­siert wer­den. Beson­ders evi­dent ist dies sogar im Lokal­pa­trio­ti­schen. So ist die Mann­schaft Bay­ern Mün­chen nicht grund­los von den Fans der ande­ren Ver­ei­ne ziem­lich ver­hasst, wes­halb der Hohn auch beson­ders groß ist, wenn die­se Mann­schaft ein­mal so bla­ma­bel ver­liert, wie wäh­rend der Cham­pi­ons League gegen Real Madrid. Eben­falls sieht man dies aber bei der Xeno­pho­bie gegen Spie­ler, die man­che nicht als ras­sisch rein betrach­ten. Der bra­si­lia­ni­sche Fuß­bal­ler Dani Alves, der im spa­ni­schen FC Bar­ce­lo­na spielt, wur­de etwa jüngst mit einer Bana­ne bewor­fen, als ob er ein Affe oder Unter­mensch wäre. Alves hob intel­li­gent die Bana­ne auf und aß sie, was auf Twit­ter einen Hype aus­lös­te.

Sobald ich mich also einer Iden­ti­tät hin­ge­be, die so hoch­gra­dig auf Feind­schaft zu ande­ren Grup­pen basiert, was sich am deut­lichs­ten bei Hoo­li­gans zeigt, muss ich mir auch den Vor­wurf der Xeno­pho­bie oder des Ras­sis­mus gefal­len las­sen.

Doch noch wich­ti­ger und den Natio­na­lis­mus for­cie­rend, sind die tota­li­tä­ren Ele­men­te: Der Fuß­ball ist – vor allem zu Zei­ten des Fie­bers – all­um­fas­send und hege­mo­ni­al; man kann ihm nicht ent­kom­men. Es ist auf der Ebe­ne des Bana­len oder wäh­rend der Meis­ter­schaft kaum mög­lich, mit ande­ren Men­schen über etwas ande­res, als Fuß­ball zu reden. So wer­den Dis­kus­sio­nen und wil­de Spe­ku­la­tio­nen laut, über bestimm­te Spie­ler und dar­über, wer den Meis­ter­schafts­ti­tel wirk­lich errin­gen könn­te. Selbst für gewöhn­lich kri­ti­sche Medi­en kom­men nicht dar­an vor­bei, außer­halb des Sport­res­sorts sich auf den Fuß­ball ein­zu­schie­ßen.

Fan kommt von Fanatiker (Quelle: Pixelio/ Timo Klostermeier).

Fan kommt von Fana­ti­ker (Quel­le: Pixelio/ Timo Klos­ter­mei­er).

Der sakra­le Waren­fe­tisch des Fuß­balls

Man kann auch den ver­schie­de­nen Waren des Fuß­balls nicht mehr ent­kom­men, über­all sprin­gen einem die Fuß­ball­f­an­pro­duk­te ent­ge­gen. Rund um das Fuß­ball­spiel her­um hat sich ein Waren­fe­tisch ent­wi­ckelt. Der Feti­schis­mus ist ja, wie Hart­mut Böh­me fest­ge­stellt hat, ein reli­giö­ser Mecha­nis­mus, der hier in die Öko­no­mie, den Waren­ka­pi­ta­lis­mus trans­la­tio­niert wird, doch inner­halb der Öko­no­mie nur in sei­ner eige­nen Logik ope­riert, da nach den Prin­zi­pi­en Imma­nenz und Tran­szen­denz agiert wird, was das Ver­hal­ten der Gläu­bi­gen regu­liert, sodass ein obsku­rer Ver­kehr und Aus­tausch mit dem Tran­szen­den­ten gene­riert wird, und zur Erlö­sung füh­ren soll. Karl Marx hat dies ja in die Waren­ana­ly­se imple­men­tiert, wodurch der Fetisch im Kapi­ta­lis­mus nach den Prin­zi­pi­en zah­len und nicht­zah­len ope­riert.

Dadurch wird im Waren­fe­tisch das Reli­giö­se natür­lich nicht voll­stän­dig in die Öko­no­mie über­tra­gen, aber dadurch bedin­gen sich per se eben bei­de, im Zuge des gläu­bi­gen Waren­fe­tischs, zwecks Waren­zir­ku­la­ti­on. So hat Marx ja ganz rich­tig die auf­ge­klärt-moder­ne Gesell­schaft als impli­zit reli­giö­se Gesell­schaft ent­larvt, und Theo­dor W. Ador­no und Max Horck­hei­mer haben dar­auf auf­bau­end den uni­ver­sel­len Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang von Kapi­ta­lis­mus und Kul­tur­in­dus­trie offen gelegt. Zu die­ser Kul­tur­in­dus­trie gehört, auf einem sehr bana­len Niveau, natür­lich auch der Fuß­ball. Der Waren­fe­tisch des Fuß­balls for­ciert dabei also noch die Per­form­anz respek­ti­ve Thea­tra­li­tät der über­bor­den­den Waren­kul­tur. Und durch die Mas­se an Waren und durch sei­ne Prä­senz, ist der Fetisch­cha­rak­ter des Fuß­balls (auch als Ware) nicht zu negie­ren.

Das Gan­ze hat sogar eine extrem kit­schi­ge Kom­po­nen­te. Was ist es denn sonst, wenn man sich Natio­nal­far­ben ins Gesicht malt, irgend­ei­nen Fuß­ball­nip­pes kauft oder sich fuß­ball­spie­len­de Gar­ten­zwer­ge hält. Kitsch sorgt aber, ange­lehnt an Ador­no, dafür, dass das Ästhe­ti­sche zu etwas Häss­li­chem wird und die Kul­tur­in­dus­trie zemen­tiert ergo pseu­do­künst­le­risch sozia­le Ver­hält­nis­se. Denn Kitsch ver­rät gera­de jeden ästhe­ti­schen Wahr­heits­an­spruch, durch sei­ne qua­li­ta­ti­ve Min­der­wer­tig­keit; es neu­tra­li­siert alles Künst­le­ri­sche, durch sei­ne bie­de­re Tün­che und dient der apo­li­ti­schen Ablen­kung von poli­ti­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Miss­stän­den und Kon­flik­ten. Der blan­ke Sport wird in dem gan­zen Brim­bo­ri­um dar­um her­um zu einem sakral­öko­no­mi­schen Instru­ment, um das Volk ruhig zu stel­len. Semi­re­li­gi­ös und tota­li­tär wird das Volk mit einer Mas­sen­ver­an­stal­tung abge­lenkt und mar­schiert brav in Reih und Glied. Sogar die kon­kre­ten Miss­stän­de um den Fuß­ball her­um wer­den dann mehr oder weni­ger igno­riert – ob es sich dabei um die Kor­rup­ti­on der FIFA, den sozio­öko­no­mi­schen Pro­ble­men in Bra­si­li­en, den Steu­er­be­trug man­cher Mana­ger, den über­höh­ten Gehäl­tern von Spie­lern und Trai­nern oder den teils mafiö­sen Struk­tu­ren han­delt, die in eini­gen Ver­ei­nen, dar­un­ter ein sehr bekann­ter und gro­ßer baye­ri­scher, ver­mu­tet wer­den.

Der Mas­sen­cha­rak­ter — anti­in­di­vu­ell im Orga­nis­mus

Der wohl gefähr­lichs­te tota­li­tä­re Part der faschis­toi­den Ele­men­te im Fuß­ball ist – und dies baut sowohl auf dem Natio­na­lis­mus als auch dem hege­mo­nia­len Fetisch auf – die Mas­sen­haf­tig­keit des Phä­no­mens. Es reicht nicht mehr, sich mit Fami­lie oder Freun­den zu tref­fen und daheim oder im Gar­ten ein­fach nur Sport zu gucken; jetzt muss man zum Public Viewing und dort unter Mas­sen gehen, Frem­de als iden­tisch mit einem zu betrach­ten, ein und die sel­be Uni­form zu tra­gen (näm­lich das Tri­kot), in Reih und Glied zu jubeln und auf­zu­ste­hen, sowie zu schrei­en – je nach­dem, wer wann wie ein Tor schießt — und emo­tio­nal hef­ti­ge Aus­brü­che zu haben, wegen einer Bana­li­tät, die einen eigent­lich in der Rea­li­tät nicht ein­mal peri­pher tan­giert. Oft han­delt es sich dabei um eine krank­haf­te, extre­me Ver­eh­rung von Fuß­ball­füh­rern, die sich von ihrer Gefolg­schaft beju­beln las­sen. En pas­sant sei erwähnt, dass ja der Ter­mi­nus Fan nur eine Abkür­zung für Fana­ti­ker ist.

Die öffentliche Leichenschau: Public Viewing in Berlin (Quelle: Wikimedia Commo9ns/ KleinerWeltenbummler).

Die öffent­li­che Lei­chen­schau: Public Viewing in Ber­lin (Quel­le: Wiki­me­dia Commo9ns/ Klei­ner­Wel­ten­bumm­ler).

Der Mas­sen­cha­rak­ter von Men­schen macht natür­lich noch kei­nen Tota­li­ta­ris­mus aus. Wenn aber die­se sich ver­sam­meln und auf­hö­ren, sich als Indi­vi­du­um zu betrach­ten, und als Mas­sen­or­ga­nis­mus han­deln, ohne dass dies einem bewusst wird, dann gewinnt dies schon stark tota­li­tä­re Züge. Außer in den genann­ten Bei­spie­len springt dies aber vor allem bei zwei Fak­to­ren ins Auge: Ers­tens, der Zwang zum gemein­sa­men Sin­gen der Natio­nal­hym­ne – auch die­se ist mit Unmen­gen an Wort­hül­sen, Kitsch und Natio­na­lis­mus gefüllt. Denn die Einig­keit für ein Vater­land zu for­dern oder Frei­heit und Recht nur für die Nati­on zu dekla­rie­ren, ist ja auch nur eine abge­mil­der­te Ver­si­on von Deutsch­land, Deutsch­land über alles.

Zwei­tens, bei dem immer glei­chen Geba­ren im Sta­di­on, dass das des Public Viewing bei wei­tem über­trifft. Nicht nur, dass sich im Sta­di­on die Fans der geg­ne­ri­schen Mann­schaf­ten manch­mal wild und bru­tal bekämp­fen, anstatt einen Sport zu genie­ßen, ist auch die Lao­la­wel­le, eine zur Schau gestell­te Mas­sen­äs­the­tik, in der Indi­vi­du­um nur als Teil des Orga­nis­mus agiert, anstatt den eige­nen Ver­stand zu ver­wen­den. Der Tota­li­ta­ris­mus for­dert schließ­lich eine selbst­ver­schul­de­te Unmün­dig­keit, was Geor­ge Orwell Dop­pel­denk nann­te.

All dies, Natio­na­lis­mus, gekop­pelt mit Feind­schaf­ten, einer krank­haf­ten Ver­eh­rung für bestimm­te Akteu­re (hier eben Fuß­bal­ler), der Fetisch­cha­rak­ter des Bana­len, der über das Öko­no­mi­sche und Reli­giö­se die Öffent­lich­keit beherrscht, der Grad der Hyper­bel und des Extre­men in allem Han­deln und der Mas­sen­cha­rak­ter des Spek­ta­kels, indem man nur noch als Teil des Orga­nis­mus agie­ren kann, als Teil einer uni­for­mier­ten Ban­de, die statt Fackel­zü­gen eine Lao­la ver­an­stal­tet und Hym­nen singt. Fuß­ball könn­te ein net­ter Sport sein und eine zer­streu­en­de, obgleich bana­le Unter­hal­tung, der man ger­ne frö­nen kann. Doch die Züge, die Meis­ter­schaf­ten in den letz­ten Jah­ren ein­nah­men, gene­rier­ten Ele­men­te, die es dem Links­in­tel­lek­tu­el­len, dem Kri­ti­ker der Pop­kul­tur, dem säku­la­ren Huma­nis­ten et cete­ra schwer machen, noch dar­an zu par­ti­zi­pie­ren.

Phil­ip J. Din­gel­dey

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