Kampf der Künste

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Re>flex berich­tet regel­mä­ßig über den Erlan­ger Poe­try-Slam im E‑Werk. Dass es sich dabei inzwi­schen längst nicht mehr um eine rand­stän­di­ge Kunst für Hin­ter­büh­nen und alter­na­ti­ve Loka­le han­delt, beweist die Tat­sa­che, dass das Fina­le der Ham­bur­ger Rei­he „Kampf der Küns­te“ am ver­gan­ge­nen Frei­tag im bers­tend vol­len Deut­schen Schau­spiel­haus Ham­burg statt­fand.

So pom­pös der gro­ße Thea­ter­saal ist, so mini­ma­lis­tisch gab sich die Show. Der cha­ris­ma­ti­sche Michel Abdol­lahi führ­te als Con­fé­ren­cier durch den Abend und gewann durch sei­ne beherrsch­te, leicht unter­kühl­te Art das Publi­kum schnell auf sei­ne Sei­te, als er die Juro­ren für den Abend aus dem Publi­kum aus­wähl­te.
Die ers­te Teil­neh­me­rin war die Schwei­ze­rin Hazel Brug­ger, für die der Tod ihres Kanin­chens Fra­gen über Ver­gäng­lich­keit und Ewig­keit eröff­ne­te. Ihr wit­zi­ger, flüs­si­ger Text mach­te Hoff­nun­gen auf einen gelun­ge­nen Slam-Abend.
India­na Jonas, der wie man­che der Kan­di­da­ten auch schon in Erlan­gen zu Gast gewe­sen ist, sprach von sei­ner Lang­sam­keit, die ihm dann zu Ver­häng­nis wur­de, als er es nicht recht­zei­tig ver­mei­den kann, mit der ihm zuge­wie­se­nen Tanz­part­ne­rin Flo­rence, die eher nach „Flo­rentz mit t‑z“ aus­sieht, eine mehr­jäh­ri­ge Bezie­hung zu füh­ren. Also muss das Ziel fort­an sein, schnel­ler zu wer­den, immer schnel­ler. Wohin das führt, resü­miert er mit sei­ner melan­cho­li­schen Schluss­be­mer­kung, dass er nun, mit Mit­te 20, das Gefühl habe, es sei ein gan­zes Stück leben viel zu schnell an ihm vor­bei­ge­zo­gen. Die­se Wie­der­ent­de­ckung der Lang­sam­keit zeigt, dass die­ses The­ma auch die Genera­ti­on nach Sten Nadol­nys Erfolgs­ro­man noch bewegt.

In eine exklu­si­ve Run­de der fes­ten Grö­ßen der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te geriet Jason Bartsch in sei­nem in aller Hast vor­ge­tra­ge­nen Text. Sein lei­den­schaft­li­ches Plä­doy­er für das Lesen von Büchern ist in man­cher Hin­sicht wenig inno­va­tiv, beweist aller­dings spä­tes­tens mit der Erwäh­nung des eigent­lich völ­lig unbe­kann­ten Fried­rich Tor­berg eini­ge Detail­kennt­nis. Frag­lich ist aller­dings ob sich der Appell nicht mög­li­cher­wei­se an das fal­sche Publi­kum rich­tet – da es, wir erin­nern uns, ja gera­de einem Poe­try Slam bei­wohnt.
Etwas fehl am Plat­ze schien auch das ener­gi­sche AfD-Bashing von Temye Tes­fu, wenn­gleich es nicht ein­mal eine Woche nach der Euro­pa­wahl doch zumin­dest ein aktu­el­les und wich­ti­ges The­ma ist. Beson­ders reflek­tiert schien sei­ne Kri­tik frei­lich nicht, das woll­te sie aber auch nicht sein.
Gewin­ner der Run­de war dann aller­dings Til­man Döring, der mit drei Gedich­ten, von denen nur das ers­te ein unschö­ner Dak­tylus-Gewalt­marsch war, das Publi­kum über­zeug­te: mit Gangs­ter­poe­sie und dem Lie­bes­ge­dicht „Ich will, dass du mich willst, obwohl du weißt, dass du mich haben kannst“.

Nach einer 15-minü­ti­gen Pau­se sprach Wolf Hoge­kamp den ers­ten Text, den er – die Selbst­re­fe­ren­zia­li­tät schon andeu­tend – mit „Die­ser Text“ über­schrie­ben hat­te. Die Wid­mung an Rolf Die­ter Brink­mann ver­rät das Poten­zi­al die­ses Bei­trags, der auf­lis­tet, was er alles nicht ist, und dass er weder alles noch nichts ist. Damit lie­fer­te Hoge­kamp, der deut­lich älter ist als sei­ne Mit­strei­ter, den sub­ver­sivs­ten Text des Abends, in dem er das zum Mas­sen­phä­no­men gewor­de­ne For­mat des Poe­try Slam auf zwei Ebe­nen unter­lief, indem er zum einen die gän­gi­gen Topoi der Gat­tung auf­lis­te­te und sich gleich­zei­tig in die Tra­di­ti­on des Pop, der ja in sei­nem Ursprung gera­de gegen das Eta­blier­te gerich­tet ist, ein­schrieb. Til­man Döring soll­te im Fina­le schließ­lich einen ganz ähn­li­chen Text prä­sen­tie­ren: Er soll­te eben­falls den Poe­try Slam als ver­meint­lich über­kom­me­nes For­mat gei­ßeln, im Unter­schied zu Hoge­kamp wür­de er dies aller­dings in der Spra­che des Poe­try Slam tun. In die­ser Form ist die Selbst­kri­tik ja selbst schon zum Topos gewor­den – wor­auf Döring aller­dings auch selbst hin­wies.

D‑d-don’t mess with the Stot­te­rer

Es folg­te der zwei­te Fina­list und spä­te­re Sie­ger David Fried­rich, der in sei­nem Text sei­ne Begeg­nung mit den augen­schein­lich Star­ken im Fit­ness­stu­dio durch­ex­er­ziert und durch sei­nen poin­tier­ten Vor­trag die Lacher auf sei­ne Sei­te zog. Nach­dem sich der Schrank an der Han­tel­bank als lis­peln­der Stot­te­rer her­aus­stellt, ent­wi­ckelt Fried­richs Figur ein ver­häng­nis­vol­les Über­le­gen­heits­ge­fühl, das sich in einer emp­fan­ge­nen Kopf­nuss mani­fes­tiert. Die Con­clu­sio: „Don‘t mess with the Stot­te­rer.“
Mri­ri, des­sen Künst­ler­na­me ein nicht zu ver­schrift­li­chen­des Geräusch ist, wes­we­gen die hier vor­lie­gen­de – emp­foh­le­ne – Tran­skrip­ti­on kei­ne ansatz­wei­se Vor­stel­lung von der Laut­lich­keit des Namens lie­fern kann, unter­hielt das Publi­kum mit kur­zen Flach­witz­tex­ten, die mit­un­ter der­ma­ßen kom­plex waren, dass die Poin­te erst deut­lich ver­zö­gert zün­de­te. Einer der ein­fa­che­ren – und viel­sei­tig ein­setz­ba­ren – Sen­ten­zen: „Ich woll­te einen Witz über die Brüs­te dei­ner Freun­din machen. Aber die Poin­te war ein­fach zu flach.“ Die Poin­tiert­heit und sti­lis­ti­sche Fein­heit sei­ner ver­spiel­ten Kür­zest­tex­te und Sen­ten­zen, ver­die­nen hohe Aner­ken­nung.

Für den undank­ba­ren erns­ten Part des Slams war Finn­ja Kri­sa­mer zustän­dig, deren wohl auto­bio­gra­phisch gepräg­te Geschich­te über das Leben und Füh­len nach einer schwe­ren Erkran­kung (Schlag­an­fäl­le, Hirn­haut­ent­zün­dung) weni­ger vom Mutig­wer­den und Wie­der­auf­ste­hen han­delt, son­dern die Kata­stro­phe ernst nimmt. Gera­de in der humor­lo­sen Kon­fron­ta­ti­on mit dem The­ma im Medi­um des Lite­ra­ri­schen, aber auch im Medi­um der Selbst­be­haup­tung auf der Büh­ne im bis auf den letz­ten Platz aus­ver­kauf­ten Schau­spiel­haus, besteht das bestär­ken­de Poten­zi­al. Ihr Text ist inso­fern weni­ger als Aus­druck, son­dern viel­mehr als Pro­zess des Sich-fan­gens zu deu­ten. Den­noch wirk­te Kri­sa­mer an die­sem Abend irgend­wie deplat­ziert zwi­schen all den Spaß­ma­chern, die Rezep­ti­on des Publi­kums war des­we­gen von Beginn an fehl­ge­lei­tet, da man noch nach den ver­steck­ten Poin­ten suchen moch­te, nach dem Fun­ken Iro­nie. Ein frei­lich erfolg­lo­ses Bemü­hen.

Moderator Michel Abdollahi im Schauspielhaus Foto: Jan Brandes

Mode­ra­tor Michel Abdol­lahi im Schau­spiel­haus
Foto: Jan Bran­des

Nick Pöt­ter sen­de­te als letz­ter Star­ter Her­mes zurück auf die Erde, um nach der Lie­be zu suchen. Das klingt zunächst nach der zwei­ten Nadol­ny-Anspie­lung des Abends, war dann aber eher eine Anknüp­fung an den berühm­ten Troggs-Song. Her­mes, der zunächst im Inter­net nach der Lie­be sucht, fin­det dort nur You­porn und Sex­dating-Platt­for­men. Zeus beschließt dar­auf­hin, dass es mit der Mensch­heit dann eben ein Ende neh­men müs­se. Der nahen­de Welt­un­ter­gang wird nur von Hera ver­hin­dert, die dar­auf hin­weist, dass Lie­be gera­de in den Details zu fin­den sei und die kön­ne man über­all fin­den, wenn man genau hin­sieht.
An den kit­schigs­ten Text des Abends knüpf­te der kli­schee­haf­tes­te, mit dem David Fried­rich, der Gewin­ner der zwei­ten Run­de, den Abend für sich ent­schei­den konn­te: Statt um die Lie­be, ging es um Glück, nach des­sen (Nicht-)Existenz gefahn­det wur­de. Obwohl die Rah­mung der Geschich­te gewitzt war, und sie somit – wie schon im ers­ten Text Fried­richs – eine über­ra­schen­de Wen­dung voll­zog, han­del­te sie wie­der ein­mal von den halb vol­len und halb lee­ren Glä­sern, die in die­ser Hin­sicht inzwi­schen zum Leit­mo­tiv einer Genera­ti­on gewor­den sind. Inno­va­tiv war dar­an nur die Ein­sicht, dass man den Inhalt des Gla­ses auf meh­re­re Schnaps­glä­ser ver­tei­len kön­ne, die dann doch bre­chend voll wären.

Zum Sie­ger des Fina­les der Rei­he „Kampf der Küns­te“ wur­de jedoch nicht der schlech­tes­te Slam-Poet gekürt. Auch der zwei­te Text wird von Fried­rich char­mant und gewitzt vor­ge­tra­gen. Die Qua­li­tät sei­ner bei­den Tex­te liegt weni­ger in der Mes­sa­ge als viel­mehr in den rand­läu­fi­gen Bemer­kun­gen vol­ler Esprit. Er wird nun im Okto­ber bei der Deut­schen Poe­tryS­lam Meis­ter­schaft in Dres­den antre­ten.

Timo Ses­tu

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