Herausfordernder Prometheus

Foto: Stefan Fries

Foto: Ste­fan Fries

Zehn Per­so­nen kom­men mit Kof­fern auf die Büh­ne, zie­hen sich um, es herrscht geschäf­ti­ges Trei­ben. Plötz­lich fal­len Blät­ter, es wird hell und still, sämt­li­che Tätig­kei­ten fin­den ein abrup­tes Ende. Die Figu­ren bil­den auf dem Boden lie­gend einen Kreis und wer­den zu einer Tele­fon­dienst­stim­me: „Ihre Ver­bin­dung wird gehal­ten“. Eine der Per­so­nen beginnt zu tele­fo­nie­ren, strei­tet sich mit einer ihr wohl nahe­ste­hen­den Per­son – und legt auf.

Viel Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum lässt er offen, der Beginn des Stü­ckes pro­me­theus­kom­plex (zur Vor­ankün­di­gung geht es hier) der Stu­dio­büh­ne, das am Don­ners­tag im Fran­ken­hof Pre­mie­re fei­er­te. Die Rah­men­hand­lung soll hier wohl instal­liert wer­den: zehn Per­so­nen an einem Bahn­hof, von dem sie nicht abrei­sen kön­nen, und wo sie mit der Fra­ge nach dem Sinn des Lebens kon­fron­tiert wer­den. Ob sich der Sinn der Rah­mung dem Zuschau­er erschließt und er die Sze­ne über­haupt ein­ord­nen kann, bleibt dabei frag­lich, zumal das Bau­ge­rüst, das die Kulis­se dar­stellt, nicht direkt Asso­zia­tio­nen mit Bahn­hö­fen her­vor­ruft.

Aber sowohl Rah­men als auch Hand­lung sind zweit­ran­gig, das Stück ist eine Anein­an­der­rei­hung von Sze­nen, die auch ver­tauscht wer­den könn­ten, und zeigt kei­ne in sich zusam­men­hän­gen­de Ent­wick­lung – und zwar ganz bewusst. Die Fra­ge nach Ver­än­de­rung im Leben soll im Vor­der­grund ste­hen, ver­schie­de­ne Lebens­ent­wür­fe vor­ge­stellt wer­den.

Star­ke Sze­nen auf zwei Ebe­nen

Foto: Stefan Fries

Foto: Ste­fan Fries

Hier­zu bedie­nen sich die Regis­seu­re des Stücks Lydia Vic­tor und Maxi­mi­li­an Nix zwei­er Ebe­nen: Eine, auf der die Schau­spie­ler als die von ihnen selbst ent­wor­fe­nen Figu­ren agie­ren, und eine, auf der sie nicht mehr die eigent­li­che Figur, son­dern eine Art Mit­tel zur Illus­tra­ti­on von Gedan­ken­gän­gen sind. Das Gerüst erweist sich hier­für als sehr nütz­lich, lässt star­ke Bil­der und Sze­nen ent­ste­hen. Dann bei­spiels­wei­se, wenn ein Rei­sen­der (über­zeu­gend gespielt von Richard Hol­feld) anhand von kom­ple­xen phy­si­ka­li­schen Über­le­gun­gen durch­rech­net, ob es wohl mög­lich ist, die Erde anzu­hal­ten. Sei­ne Erklä­run­gen wer­den von allen ande­ren Schau­spie­lern illus­triert, die hier nicht in ihren eigent­li­chen Rol­len agie­ren, son­dern die hier gefor­der­ten Kraft­an­stren­gun­gen doku­men­tie­ren, die sich im Kopf des Phy­si­kers abspie­len. Das Ergeb­nis: Gäbe es deut­lich mehr Ein­woh­ner als es der Fall ist, die zudem alle stär­ker als Blau­wa­le wären, und wür­den die­se alle gleich­zei­tig am Äqua­tor ent­lang ren­nen, könn­te man die Erde für vier Sekun­den anhal­ten. Die Sze­ne bringt unwill­kür­lich zum Lachen, natür­lich. Ande­rer­seits scheint die Figur ver­zwei­felt unver­hält­nis­mä­ßi­ge Anstren­gun­gen auf­zu­brin­gen – Ver­än­de­rung als Kraft­akt und immense Her­aus­for­de­rung mit ver­schwin­dend gerin­gem Ergeb­nis.

Moment, ich hat­te ihn gera­de, den Sinn“

Eine immense Her­aus­for­de­rung ist auch die Anla­ge des Stücks – sowohl für die Insze­nie­ren­den als auch für die Zuschau­er. Die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens ist grund­sätz­lich inzwi­schen so häu­fig gestellt, dass sie in tri­via­li­sier­ten Ant­wor­ten ver­lo­ren zu gehen scheint. Und so erschei­nen auch in pro­me­theus­kom­plex Pas­sa­gen, die sich auf einem schma­len Grad zwi­schen unbe­wuss­ter Tri­via­li­sie­rung und inten­dier­ter Iro­nie bewe­gen: Bei­spiels­wei­se, wenn vom Knob­lauch in der Salat­sauce gespro­chen wird, der zu Glücks­mo­men­ten ver­hol­fen hat.

Foto: Stefan Fries

Foto: Ste­fan Fries

Will man ande­rer­seits die­se Tri­via­li­sie­rung ver­hin­dern, ent­ste­hen über­kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge, die ohne hohe Deu­tungs­leis­tung Sinn-Salat aus­zu­lö­sen dro­hen. So der im Titel ange­deu­te­te Bezug zu Pro­me­theus, der am Ende des Stü­ckes auf­ge­grif­fen wird. Nach­dem ver­schie­de­ne Fra­gen im Zusam­men­hang mit dem rich­ti­gen Leben auf­ge­wor­fen wur­den und eine Figur ver­kün­det, tat­säch­lich glück­lich zu sein, das Stück also schein­bar eine eher posi­ti­ve Wen­dung zu neh­men scheint, rezi­tie­ren alle Figu­ren gemein­sam den Pro­me­theus von Goe­the. Die Fra­ge nach Ver­än­de­rung als Anknüp­fungs­punkt ist deut­lich, in dem Gedicht geht es aber vor allem auch um die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Mensch zu Gott. Es wird also ein wei­te­rer The­men­be­reich eröff­net, der Zuschau­er mit noch mehr Inter­pre­ta­ti­ons­ma­te­ri­al ent­las­sen. Das kann sehr berei­chernd sein und pro­me­theus­kom­plex eig­net sich defi­ni­tiv als Anre­gung zu frucht­ba­rer Reflek­ti­on – aller­dings nur dann, wenn der Zuschau­er aktiv die Ver­bin­dung hält.

Vera Podskalsky

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