Vollendete Leere

Laboratorium 1 - Die Graue Stunde 3

Ste­ven Scharf, Syl­va­na Krappatsch, Foto­graph: Juli­an Bau­mann

Wei­ches Licht erhellt eine karg ein­ge­rich­te­te Woh­nung. Im Hin­ter­grund sind dump­fe und ein­tö­ni­ge Maschi­nen­ge­räu­sche zu hören. Eine Frau und ein Mann kom­men her­ein. Sie set­zen sich. Er steht auf und gießt sich einen Kaf­fee ein. Die Frau setzt sich und schweigt. Raucht eine Ziga­ret­te. Nach zehn Minu­ten fällt der ers­te Satz: „Wie geht es dir?“ Er lässt sich Zeit mit sei­ner Ant­wort.

Und doch kann man in jeder Sekun­de einen inten­si­ven Dia­log erle­ben: In Bli­cken, Hal­tun­gen und klei­nen Ver­än­de­run­gen im Aus­druck voll­zieht sich, das merkt man schon nach kür­zes­ter Zeit, etwas Gro­ßes. Die Bli­cke im Publi­kum um mich her­um sind nach anfäng­li­chem Tuscheln schon bald starr nach vor­ne fixiert und fol­gen jeder ein­zel­nen Bewe­gung. Erstaun­lich, denn die­se kar­ge Art der Insze­nie­rung steht in gro­ßem Kon­trast zu unse­ren sons­ti­gen Seh­ge­wohn­hei­ten. Es gibt hier nur das Lang­sa­me, Ein­dring­li­che. Nicht mehr und nicht weni­ger als die graue Stun­de vor Son­nen­auf­gang ist zu sehen. Und doch ent­hül­len sich zwei kom­plet­te Leben in der wun­der­vol­len Spra­che der Autorin Ágo­ta Kris­tóf. Karg­heit und psy­cho­lo­gi­sches Spiel las­sen Leben­dig­keit ent­ste­hen, die fes­selt. Ein guter Anfang für die neue Labo­ra­to­ri­um- Rei­he der Münch­ner Kam­mer­spie­le, die Zino Weys Insze­nie­rung „Die graue Stun­de“ am Frei­tag anläss­lich der bay­ri­schen Thea­ter­ta­ge im Redou­ten­saal in Erlan­gen prä­sen­tier­ten.

Sie ken­nen sich seit 20 Jah­ren. Er ist ein Klein­kri­mi­nel­ler, sie eine Pro­sti­tu­ier­te. Schon seit eini­ger Zeit tref­fen sie sich nur noch zum Reden. Der Mann bezahlt dafür, dass die Frau ihm Träu­me erfin­det, eine Fähig­keit, die er schein­bar ver­lo­ren hat. Von dem Mes­ser, mit dem er sie regel­mä­ßig bedroht, ist sie ledig­lich gerührt: von der Schön­heit des Grif­fes und der Tat­sa­che, dass er es sich für sie auf­hebt. Doch so ist die Lie­be der bei­den: Karg, zer­stö­re­risch und vol­ler Span­nung. Bei­de haben ein har­tes Leben hin­ter sich. Es stellt sich her­aus, dass sie als Jugend­li­che drei­fach Kin­der für ande­re gebo­ren hat, um sich über Was­ser zu hal­ten. Sie hat Ver­ge­wal­ti­gungs­phan­ta­si­en und fragt den Mann, war­um er sie noch nicht umge­bracht hat. Der Mann teilt sie, soweit er sich erin­nern kann, mit ande­ren. Zunächst scheint es ein­sei­tig zu sein: Ein Mann bezahlt ein Frau dafür, dass sie ihn unter­hält. Sein Umgang mit ihr ist sehr rau, denn er ist auf eine grau­sa­me Art ehr­lich mit ihr. Sie weiß, dass sie ihn nicht mani­pu­lie­ren kann und ist es eben­falls. Nach der ers­ten Hälf­te des Abends wen­det sich jedoch das Spiel. Nun muss er reden. So erzählt er eini­ges, Gefühl­vol­les und Span­nen­des. Wie zum Bei­spiel, dass ein Grund für sein frü­he­res Fern­blei­ben das Geld gewe­sen sei, ohne das er sich vor ihr geschämt hät­te. Am Ende erfin­det er eine har­mo­ni­sche, idyl­li­sche Zukunft für sie und ihn, die weit von der Rea­li­tät ent­fernt ist. Die Frau hat Trä­nen in den Augen, doch sie wirkt eher ver­letzt als gerührt. In sei­ner Visi­on ist sie erfüllt und glück­lich und führt ein nor­ma­les Leben. Er sieht eine Sei­te in ihr, die zu sehr schmer­zen wür­de, wür­de sie zum Leben erweckt. Denn für die bei­den wird es nur Unge­wiss­heit geben.

Gegen Mor­gen wärst du müde und wür­dest nach oben gehen.
Aber du wür­dest kei­nen Schlaf fin­den. Du wirst das Fens­ter
öff­nen und auf die Stra­ße hin­un­ter­schau­en. Du wirst auf
die Schrit­te hor­chen auf der Stra­ße, im Flur. Du wirst einen
Gegen­stand suchen, der dich erin­nert an die Bewe­gung, mit
der ich mei­nen Man­tel aus­zog. Aber ich habe nichts bei dir zurück­ge­las­sen.
Wenn die Son­ne auf­geht, schließt du das Fens­ter
und legst dich hin. So immer wie­der, jah­re­lang, Tag für Tag.“

- Ágo­ta Kris­tóf

Laboratorium 1 - Die Graue Stunde 1

Ste­ven Scharf, Syl­va­na Krappatsch, Foto­graph: Juli­an Bau­mann

Eben­so wie über die wun­der­ba­re poe­ti­sche Spra­che kann man nur über die Dar­stel­lung der Schau­spie­ler stau­nen. Ste­ven Scharf, der letz­tes Jahr als bes­ter deut­scher Thea­ter­schau­spie­ler aus­ge­zeich­net wur­de und den begehr­ten Getrud- Eysoldt- Ring trägt, schafft es, mit mini­ma­lis­ti­schem Spiel eine sehr star­ke Inten­si­tät zu erschaf­fen. Kleins­te Gefühls­re­gun­gen- und bewe­gun­gen sind auch bei Syl­va­na Krappatsch per­fek­tio­niert. Die bei­den schaf­fen es, eine per­fek­te Ober­flä­che her­zu­stel­len. Wäh­rend dem lang­an­hal­ten­den Applaus scheint es bei­na­he, als wür­de man zwei kom­plett ande­re Men­schen vor sich sehen als noch kurz zuvor. In mir bleibt ein Gefühl der Tran­ce zurück.

Die Ästhe­tik der Insze­nie­rung von Zino Wey erin­nert mich an ein Edward Hop­per Gemäl­de: Man sieht die Ein­sam­keit zwei­er Indi­vi­du­en, die in einer klei­nen Woh­nung auf­ein­an­der tref­fen. Wei­che Far­ben und Inte­ri­eur schei­nen den 60er Jah­ren ent­lehnt zu sein und unter­stüt­zen die­sen Effekt. Der Raum wird von pfir­sich­far­be­nem Licht erhellt, das an die viel zitier­te Mor­gen­rö­te erin­nert, jedoch einer Neon­röh­re über der Küchen­zei­le ent­stammt. Durch das Fens­ter scheint ein grel­les Neon­licht vom Flur her­ein. Als der Tag anbricht und der Mann sich zum Gehen wen­det, ist es jedoch jen­seits der Tür dun­kel. Ist Lee­re viel­leicht schwarz?

 

Anna Gre­ger

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