Einzigartigkeit Poesie?!

Szene aus "Ein Sommernachtstraum" (Quelle: Wikimedia Commons/ Stadt Neuss - Kulturamt).

Sze­ne aus Ein Som­mer­nachts­traum (Quel­le: Wiki­me­dia Commons/ Stadt Neuss — Kul­tur­amt).

Die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung. So lau­tet der Titel des phi­lo­so­phi­schen Haupt­wer­kes Scho­pen­hau­ers. Schon jener deu­tet impli­zit auf die Bedeu­tung der Kom­mu­ni­ka­ti­on hin. Man macht sich die Welt Unter­tan, indem man sie in begreif­ba­re Sche­ma­ta zwingt – den Wil­len und die Vor­stel­lung. Dazu braucht es jedoch die Spra­che als Medi­um, ers­tens, als Sche­ma für den Men­schen, um zu begrei­fen; zwei­tens, um dies ande­ren kund­zu­tun; und drit­tens, um auch das sozia­le Umfeld zu sche­ma­ti­sie­ren. Dar­auf greift auch Hamann – anschlie­ßend an Aris­to­te­les – zu, wenn er meint, ohne Wort gäbe es weder Ver­nunft noch Welt. Die Ver­nunft ist zunächst das, was uns vom instinkt­han­deln­den Tier unter­schei­det,  die Refle­xi­ons­fä­hig­keit. Dies drückt sich in unse­rem ver­ba­len Haupt­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel aus. Frag­lich bleibt natür­lich, ob uns dies zum poli­ti­schen Wesen macht.

Der vor­lie­gen­de Essay fokus­siert dabei die poe­ti­sche Spra­che unter fol­gen­den Fra­ge­stel­lun­gen: Was unter­schei­det die poe­ti­sche Spra­che von ande­ren Sprach­gat­tun­gen? Ist sie unver­zicht­bar? Wo lie­gen ihre Gren­zen zu andern Gat­tun­gen und zur Erkennt­nis all­ge­mein? Wel­ches Den­ken wohnt ihr inne? Wie nimmt sie die Welt wahr? Ist sie in ihrem An und Für Sich ein­zig­ar­tig?

So soll gene­rell ermit­telt wer­den, ob die Poe­sie not­wen­dig ist, um die Welt zu ver­ste­hen, Ver­nunft zu ver­mit­teln und die Welt bestehen zu las­sen. Klar ist jetzt schon, dass die Poe­sie sich ihre ganz per­sön­li­che Welt nach ihrem Wil­len und ihrer Vor­stel­lung ent­wer­fen kann. Mit dem Ter­mi­nus Poe­sie mei­ne ich hier die weit­ge­fass­te Defi­ni­ti­on der Dich­tung, die nur im enge­ren Sin­ne die Vers­dich­tung meint. Dazu müs­sen wir zuerst die Unter­tei­lung der Spra­che beleuch­ten, um die Son­der­rol­le der Poe­sie aus­zu­ma­chen, um dann nähe­re Ein­zel- und Beson­der­hei­ten klar zu machen, in einer inten­si­ven dar­auf fußen­den Ana­ly­se.

Drei will­kür­li­che Unter­ar­ten

Die Spra­che habe ich grob in drei Unter­ar­ten geord­net:

1.)         Die All­tags­spra­che: Jeder von uns kennt sie; die meis­ten von uns beherr­schen sie pro­blem­los. Beson­de­re Cha­rak­te­ris­ti­ka sind die leich­te Ver­ständ­lich­keit, und die gewöhn­li­che Taug­lich­keit. In gewis­sen Sub­kul­tu­ren – wie man­chen Jugend­spra­chen – bil­den sich jedoch eso­te­ri­sche, chif­friert wir­ken­de All­tags­spra­chen aus. Bei der All­tags­spra­che kön­nen sich auch leich­ter Lan­des­spra­chen ver­mi­schen (Bei­spiel: Deng­lish, Rung­lish oder Spanglish).

2.)         Die Wis­sen­schafts­spra­che: Sie dient spe­zi­ell wis­sen­schaft­li­chen Zwe­cken und Kom­mu­ni­ka­tio­nen. Sie tei­len sich grob in Natur- und Tech­nik­wis­sen­schaf­ten sowie in Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten auf. Sie über­schnei­den sich mit der All­tags­spra­che (mehr noch die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten), jedoch nicht der wei­ter unter­teil­ten Gat­tung der Umgangs­spra­che. Durch Fach­be­grif­fe, Sta­tis­ti­ken, For­meln etc. wird auch die­se Spra­che eso­te­risch.

3.)         Die poe­ti­sche Spra­che: Auch sie über­schnei­det sich mit den bei­den ande­ren Sprach­ty­pen. Zwei Bei­spie­le: Mit den Gedicht „Ver­lo­re­nes Ich“ ver­eint Benn alle Sprach­ty­pen in sich. Er ver­wen­det phy­si­ka­li­sche Fach­be­grif­fe wie „Gam­ma­strah­len“, ver­mischt mit All­tags­be­grif­fen wie „Schaf“ und bezieht das auf einen phi­lo­so­phi­schen Dis­kurs (eben­so zwängt er das noch in Ver­se). Die­se Tech­nik hal­te ich für anzie­hend, dass ich die auch schon ange­wandt habe, indem ich in der Kurz­ge­schich­te „Popo­lo­gie“ (aus mei­ner Kurz­ge­schich­ten­samm­lung „Koitus mit der Meer­jung­frau“) die Ver­ge­wal­ti­gung von ein paar Minis­tran­ten durch einen Pries­ter kalt und sach­lich mit medi­zi­nisch-ana­to­misch kor­rek­ten Begrif­fen und Abläu­fen beschrei­be und so die bru­ta­le und erre­gen­de Hand­lung ver­frem­dend ver­sach­li­che und abküh­le, aber auch ver­ro­he. Ergo ist die Poe­sie nicht nur eine Mischung der Sprach­ty­pen, son­dern führt die­se dar­über hin­aus auf etwas Ele­men­ta­res zurück – mehr dazu gleich.

Die­se Sprach­un­ter­tei­lun­gen – nen­nen wir sie will­kür­lich die „hori­zon­ta­le Unter­tei­lung“ – wer­den jedoch erneut – nun „ver­ti­kal“ – unter­teilt, durch ver­schie­de­ne Lan­des­spra­chen. Wäh­rend eine sol­che Ver­mi­schung in der All­tags­spra­che Gang und Gäbe und auch bei der Wis­sen­schafts­spra­che zumin­dest in Bezug auf das Fach­vo­ka­bu­lar mit man­chen Spra­chen wie Latein und Eng­lisch nor­mal ist, ist dies beson­ders in der Poe­sie ein aus­schlag­ge­ben­der und pro­ble­ma­ti­scher Punkt, da in man­chen poe­ti­schen Spra­chen Asso­zia­tio­nen und Kon­no­ta­ti­on bei ein­zel­nen Begrif­fen mit­schwin­gen, die gar nicht aus­rei­chend aut­ark über­setzt wer­den kön­nen. Dies wird bei den Spe­zi­fi­ka im Fol­gen­den noch belegt wer­den.

Die poe­ti­sche Spra­che ist unver­zicht­bar

Was ist also die­ses „Über die ande­ren Sprach­ty­pen hin­aus“, das sich doch meist der­sel­ben Wor­te bedient, aber doch ande­res, wenn nicht gar mehr brin­gen soll, in der Poe­sie? Im Ansatz beant­wor­ten es schon die Dich­ter, die sich wei­gern, ihre Wer­ke zu erklä­ren, da, wenn es anders bes­ser aus­zu­drü­cken wäre, sie es wohl auch anders geschrie­ben hät­ten. Zwar wer­den immer wie­der Inter­pre­ta­tio­nen eini­ger lite­ra­ri­scher Wer­ke gebo­ten, doch die­se kön­nen und dür­fen nie für sich in Anspruch neh­men, die Tex­te gänz­lich dechif­friert zu haben.

Da sind wir schon beim nächs­ten Pro­blem: Vie­le poe­ti­sche Wer­ke sind schwer ver­ständ­lich. Es misst sich nicht immer nur an der Intel­li­genz, ob jemand einen poe­ti­schen Text ver­steht und die Spra­che ihm ein­leuch­tet, son­dern es liegt manch­mal auch schlicht dar­an, ob man einen Draht, ja, eine Bezie­hung zu Spra­che und Inhalt auf­bau­en kann, per­sön­li­che, sub­jek­ti­ve Noten in sei­nem Ver­ste­hens­pro­zess ein­bau­en kann. Wäh­rend man sonst durch Ler­nen Voka­bu­lar und Ver­ständ­nis erwei­tern kann, muss das nicht zwin­gend in der Poe­sie hel­fen. Dadurch ist ihr Wir­kungs­kreis zwar wesent­lich klei­ner als der der All­tags­spra­che, aber doch grö­ßer als der, der wis­sen­schaft­li­chen Sprach­ty­pen im Gan­zen, da auch Nicht­aka­de­mi­ker, Nicht­in­tel­lek­tu­el­le und Nicht­wis­sen­schaft­ler sich die poe­ti­sche Spra­che erschie­ßen kön­nen und man­che Aka­de­mi­ker, Wis­sen­schaft­ler und Intel­lek­tu­el­le nun wie­der nicht.

Ist Poe­sie daher zutiefst sub­jek­tiv und nur für einen eso­te­ri­schen Kreis geschrie­ben? Par­ti­ell. Zum einen gibt es Dich­ter, wie Geor­ge, die der Mei­nung sind, nur eine klei­ne, geis­ti­ge Eli­te soll­te ihre anspruchs­vol­len Dich­tun­gen lesen und sich erschlie­ßen. Es gibt aber auch Dich­ter, wie den gro­ßen Brecht, Shake­speare oder Schil­ler, die ihre Dich­tun­gen dem Volk zugäng­lich machen woll­ten, um die­ses zu bewe­gen und die Welt an der Basis zu errei­chen. Hier herrscht also dich­te­ri­sche Hete­ro­ge­ni­tät vor, eben­so wie bei der Fra­ge nach der Sub­jek­ti­vi­tät. Klar ist Poe­sie sub­jek­tiv. Den­noch ver­ber­gen sich oft­mals hin­ter der Sub­jek­ti­vi­tät objek­ti­ve Fak­ten. Wenn sich die Poe­sie nicht an der Rea­li­tät anleh­nen wür­de, wären die Tex­te weder ver­ständ­lich noch sinn­voll, da sie dann nichts zu bedeu­ten hät­ten, wobei selbst absur­de, welt­frem­de Dich­tun­gen in einer gewis­sen Wei­se die Welt beschrei­ben bezie­hungs­wei­se kari­kie­ren, oder auch durch ihre Ableh­nung allen Seins und der gewöhn­li­chen Spra­che eine kla­re Stel­lung­nah­me abge­ben und zur Spra­che und Exis­tenz eine negie­ren­de Posi­ti­on ein­neh­men. Vie­le Dich­tun­gen zie­len auch auf eine sozio­kul­tu­rel­le all­ge­mei­ne Ver­bes­se­rung der Welt. Die poe­ti­sche Dich­tung hängt also trotz oder gera­de wegen ihrer manch­mal welt­frem­den Spra­che mit der Welt mehr oder weni­ger direkt zusam­men und beschreibt die mensch­li­che Exis­tenz. Je welt­frem­der die Spra­che dabei wirkt, des­to abs­trak­ter ist oft der poe­ti­sche Kon­text.

William Shakespeare (Quelle: Wikimedia Commons)

Wil­liam Shake­speare (Quel­le: Wiki­me­dia Com­mons)

Wegen die­ser Abs­trak­ti­on ist die poe­ti­sche Spra­che ergo unver­zicht­bar, da sie ver­schie­de­ne Wahr­neh­mun­gen, Tat­sa­chen und all­ge­mei­ne oder indi­vi­du­el­le Gefüh­le zusam­men­fasst und in ein­zig­ar­ti­ger Wei­se syn­the­ti­siert. Das per­fek­te Bei­spiel ist das Werk Kaf­kas: In sei­nen Para­beln las­sen sich sowohl der schon aus­ge­lutsch­te bio­gra­phi­sche Vater- Sohn- Kom­plex, der Sozia­lis­mus, das Juden­tum, die Dis­kri­mi­nie­rung, die poli­ti­sche, sozia­le und/oder pri­va­te Unter­drü­ckung hin­ein­in­ter­pre­tie­ren, ohne dass eine der Inter­pre­ta­tio­nen ein­deu­tig als die Rich­ti­ge defi­niert wer­den könn­te. Die hohe Abs­trak­ti­on ist ergo eine wich­ti­ge Inhä­renz der Poe­sie. Selbst in kla­ren Hand­lun­gen einer Geschich­te, kann impli­zit durch die Spra­che ein abs­trak­ter Grad erreicht wer­den, der phi­lo­so­phisch und sozi­al­theo­re­tisch ein wei­te­res Spek­trum beleuch­tet. Ein selbst­er­fun­de­nes Bei­spiel: Ein Roman mit der Durch­schnitts­hand­lung des Nie­der­gan­ges einer Ehe und der Schei­dung, der zeigt, wie aus Lie­be und Eifer­sucht gren­zen­lo­ser Hass via Ent­täu­schung wird. Dadurch, dass die Spra­che gewis­se all­ge­mei­ne Züge näher beleuch­ten kann, kann das Ver­hal­ten von Men­schen in emo­tio­na­len Rand­si­tua­tio­nen gene­rell auf­ge­zeigt wer­den, mit zeit­lo­sen all­ge­mein­gül­ti­gen Ele­men­ten, am bes­ten noch durch einen abschlie­ßen­den Apho­ris­mus. So kann die poe­ti­sche Spra­che aus kon­kre­ten Ereig­nis­sen, all­ge­mei­ne Schlüs­se her­aus­fil­tern.

Ver­dich­ten

Abhil­fe lie­fert hier schon der Ter­mi­nus Dich­tung selbst. Hier soll also eine Aus­sa­ge sprach­lich kom­pri­miert wer­den. Etwas, was in ande­ren Sprach­ty­pen viel mehr Platz und Zeit bräuch­te und in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten lan­ge dis­ku­tiert und aus­dif­fe­ren­ziert wer­den wür­de und müss­te, wird hier eng zusam­men­ge­fasst. Doch auch das reicht nicht weit über einen Mix mit den ande­ren Sprach­ty­pen hin­aus. Eine per­fek­te Zusam­men­fas­sung eines Inhal­tes lie­ße sich also auch — even­tu­ell mit poe­ti­schen Mit­teln, wie manch­mal im Gen­re des Essay oder der Glos­se — von den Sprach­ty­pen Wis­sen­schaft und All­tag inter­tex­tu­ell errei­chen. Doch in die­sem Ver­dich­ten soll noch mehr deut­lich wer­den: Dadurch, dass auch oft ver­schie­de­nes ver­mischt und das Gan­ze abs­tra­hiert wird, wer­den vie­le ver­schie­de­ne Asso­zia­tio­nen addiert; für man­chen sind auch gar nicht alle Asso­zia­tio­nen in einem poe­ti­schen Text fass­bar. Gera­de dadurch kann auch Ele­men­ta­res dar­ge­legt wer­den, auf hohem Niveau. Die unbe­wuss­te Urspra­che der Mensch­heit ist die Poe­sie!

Dass Poe­sie man­che Din­ge bes­ser expli­zie­ren kann, als ande­re Sprach­ty­pen, belegt selbst die Poe­sie. Betrach­ten wir nur ein­mal die Dra­men Ham­let und Der Som­mer­nachts­traum von Shake­speare oder Nathan der Wei­se von Les­sing. Bei Ham­let und dem Som­mer­nachts­traum wer­den Thea­ter­stü­cke im Thea­ter­stück ver­wen­det und oft stel­len sie das Zen­trum des gan­zen Stü­ckes dar. Mit einem Thea­ter­stück glaubt Ham­let den Mord sei­nes Vaters auf­zu­de­cken und den Täter zu ent­lar­ven. Alle Fabel­we­sen geben im Som­mer­nachts­traum ihre Fähig­kei­ten kom­pri­miert zum Bes­ten. Und beim Nathan erklärt der gleich­na­mi­ge Prot­ago­nist Sala­din das Pro­blem der Welt­re­li­gio­nen anhand einer Para­bel im Thea­ter­stück. Sogar der Ursprung der Para­bel, eine der hun­dert Novel­len von Boc­cac­ci­os Deka­me­ron, ist eine Dich­tung in der Dich­tung. Die­ses Prin­zip der Dich­tung in der Dich­tung fin­den wir auch bei Brechts Die Maß­nah­me und Goe­thes Faust I vor — oder bei Kaf­kas Roman Der Pro­zess, in dem die Para­bel Vor dem Gesetz als die zen­tra­le Stel­le schon das Ende vor­weg greift. Schon hier legi­ti­miert sich die Poe­sie selbst, indem sie belegt, dass man zen­tra­le Inhal­te mit einer Dich­tung selbst viel bes­ser expli­zie­ren kön­ne. Hät­te Ham­let dem Onkel die Tat nur vor­ge­wor­fen, hät­te die­ser den Mord schlicht ver­nei­nen und Ham­let heim­lich aus dem Weg räu­men kön­nen. Durch ein Thea­ter­stück erleb­te er die Geschich­te, wur­de impli­zit ange­klagt und ver­riet sich womög­lich. Das Ziel wur­de also mit der poe­ti­schen Phan­ta­sie eines Thea­ter­stücks effek­ti­ver und aus­drucks­stär­ker ver­wirk­licht, als es mit der nor­ma­len Spra­che mög­lich wäre. Denn nicht nur wur­de so die Hand­lung unter­halt­sam vor­an­ge­trie­ben, son­dern auch die Sicht und Inter­pre­ta­ti­on der Tat durch Ham­let und die Schau­spieler­grup­pe gezeigt und so eine neue Vor­stel­lungs­welt eröff­net.

Das Unter­schwel­li­ge, das Impli­zie­ren macht die Poe­sie ein­zig­ar­tig. Es ist nicht so deut­lich wie oft bei den ande­ren Sprach­ty­pen, dadurch aber ers­tens inter­es­san­ter, da es erst erschlos­sen wer­den muss und zwei­tens, eben tief­grün­di­ger. Es ist also gera­de in der Impli­ka­ti­on doch wie­der kon­kre­ter, da bei Ham­let im Thea­ter­stück selbst gezeigt wird, was eigent­lich pas­sier­te, da bei Brechts Maß­nah­me nicht nur berich­tet, son­dern vor­ge­spielt wird, war­um der Genos­se ster­ben muss­te, um den Ablauf, die Gefüh­le, Impli­ka­tio­nen und Nöte zu unter­strei­chen oder da bei Nathan mit der Para­bel das zen­tra­le Pro­blem der Reli­gi­ons­kon­flik­te erläu­tert wird und sich so zeigt, war­um es kei­ne Lösung gibt. Auch dies lief impli­zit ab, da, wenn die Fra­ge direkt beant­wor­tet wor­den wäre, Nathan schlim­me­re Fol­gen zu befürch­ten hät­te. Das Impli­zi­te gilt auch für man­che Fabeln, die für jeden ver­ständ­lich öffent­li­che Miss­stän­de anpran­gert, aber doch nicht anklag­bar, da es eine ande­re, fik­ti­ve Geschich­te ist und theo­re­tisch also auch anders inter­pre­tiert wer­den könn­te. Der Dich­ter lügt, um die Wahr­heit noch osten­ta­ti­ver zu zei­gen!

Enter­tain­ment und Niveau

Enter­tain­ment ist eine der wich­tigs­ten Unter­schie­de zu den ande­ren Sprach­ty­pen. Die Wis­sen­schaft soll nicht unter­hal­ten, obgleich inter­es­sant sein. Die All­tags­spra­che soll zwar manch­mal unter­halt­sam sein – hier kreu­zen sich bei­de Typen wie­der –, aber meist bei der all­täg­li­chen Bewäl­ti­gung hel­fen, die eher wenig bespaßt. Die Poe­sie aber soll dies sein. Die bekann­tes­ten Bei­spie­le sind wie­der Schil­ler, Shake­speare und Brecht: Sie ver­su­chen Sach­ver­hal­te und Pro­ble­me zu erläu­tern, jedoch nicht mit einer tro­cken-deskrip­ti­ven Metho­de, son­dern das Gan­ze ist inhalt­lich in die Fik­ti­on ein­ge­bet­tet, auch wenn his­to­ri­sche Figu­ren, wie die Johan­na von Orleans, Maria Stuart, eng­li­sche Köni­ge oder Hit­ler die Vor­la­ge bie­ten. Die­se Geschich­te kann allei­ne schon inter­es­sant sein, jedoch wird die­se trotz­dem lang­wei­lig, wenn die sprach­li­che Dar­stel­lung nicht inter­es­sant und packend ist. Durch Unter­hal­tung soll hier eine Inten­ti­on ver­mit­telt wer­den. Dies geht mit­tels Poe­sie bes­ser als mit einer ande­ren Gat­tung. Das gilt sowohl für das klas­si­sche Kon­zept des aris­to­te­li­schen Dra­mas, als auch die auf­klä­re­ri­sche Metho­de des epi­schen Thea­ters und des­sen Wei­ter­ent­wick­lun­gen, die ein kri­ti­sches Hin­ter­fra­gen der Hand­lung for­dern. Dies wird nicht nur durch die Hand­lung, mit gewis­sen dra­ma­ti­schen Ele­men­ten rea­li­siert, son­dern auch durch befrem­den­de Begrif­fe oder pro­vo­kan­te The­sen, die man in einer wis­sen­schaft­li­chen Arbeit gar nicht hal­ten oder bewei­sen könn­te. Zum kri­ti­schen Den­ken, zum auf­klä­re­ri­schen Den­ken, zum Den­ken der Ver­nunft tra­gen ergo beson­ders das epi­sche Dra­ma und ande­re (post-)moderne Lite­ra­tur­for­men bei, nicht zuletzt durch ihre Spra­che.

Denn auch bei Roma­nen fin­det man die­ses Ele­ment der unter­hal­ten­den Spra­che mit der Ver­mitt­lung eines bedeut­sa­men Inhal­tes – oft auch im all­tags­ähn­li­chen Plau­der­ton, wie bei der rea­lis­ti­schen Pro­sa, die jedoch bei Gele­gen­heit ihre Atmo­sphä­re rasch ändert, oder durch ein paar unter­schwel­li­ge Stil­mit­tel den All­tags­ton zwar bei­be­hält, aber doch poe­tisch wirkt. Als Bei­spiel dient hier der natu­ra­lis­ti­sche Roman Nana von Zola. Im ers­ten Kapi­tel wer­den nur die Opern­ge­sell­schaft und das Opern­haus geschil­dert – in eben die­sem nett-bana­len Plau­der­ton. An ent­spre­chen­der Stel­le wird jedoch, wie en pas­sant, auf die Decke ver­wie­sen, die Ris­se tra­ge. Die­ser Neben­satz wird zur Alle­go­rie der beschrie­be­nen bür­ger­lich-ade­li­gen Gesell­schaft des spä­ten neun­zehn­ten Jahr­hun­derts, die unter der Fas­sa­de am Bre­chen sei, in ihrer Dop­pel­mo­ral.

Das Glei­che gilt für die Lyrik, also die Poe­sie im enge­ren Sin­ne. Da hier beson­ders ver­dich­tet wird, häu­fen sich die Stil­mit­tel, die zwar oft nicht dau­er­haft unter­hal­tend sind, aber doch inter­es­sant im unter­hal­ten­den Sin­ne sowie ein­präg­sam. Da hier beson­ders Gefüh­le kund­ge­tan wer­den kön­nen, wird die­ser Effekt mul­ti­pli­ziert. Hier soll auch oft ein ästhe­ti­sches Emp­fin­den für Anzie­hung und Bril­lanz sor­gen. Mit einer mäch­ti­gen Por­ti­on Revo­lu­ti­ons­pa­thos klagt Goe­the im Pro­me­theus die Göt­ter an und hul­digt zugleich dem „Auf­klä­rer“ Pro­me­theus, der eige­nes Den­ken lehrt. Als Emo­ti­ons­be­le­ge die­nen natür­lich auch alle roman­ti­schen Gedich­te, aber auch baro­cke, wie die von Gry­phi­us, die sowohl das Vani­tas-Motiv beschrei­ben, als auch den Schre­cken des (Drei­ßig­jäh­ri­gen) Krie­ges. Beson­ders auf­klä­re­risch wir­ken natür­lich wie­der die Gedich­te Brechts, die etwa die Dia­lek­tik loben und auf Ver­än­de­rung der Gesell­schaft hin­aus­lau­fen. Auch hier wirkt Poe­sie sogar spe­zi­ell im auf­klä­re­ri­schen Motiv auf das Bestehen der Welt. Durch die dia­lek­ti­sche Ver­nunft soll die Welt ver­bes­sert wer­den und sich so nicht selbst zer­stö­ren. Also gilt tat­säch­lich, dass ohne Spra­che, es kei­ne Ver­nunft und kei­ne Welt gebe.

Das Kafka-Denkmal in Prag (Quelle: Wikimedia Commons/ Dudva).

Das Kaf­ka-Denk­mal in Prag (Quel­le: Wiki­me­dia Commons/ Dud­va).

Das Welt­ge­fühl

Das schon ange­spro­che­ne Gefühl ist ein wei­te­rer Son­der­weg der Poe­sie: Die beschrie­be­nen Sach­ver­hal­te wer­den nicht nur tro­cken ver­wis­sen­schaft­licht, son­dern durch eine per­sön­li­che Hand­lung mit Indi­vi­du­el­lem ange­füllt. Durch die Spra­che kann die­ses gefühl­voll wer­den. Dies ist nicht nur im roman­ti­schen Sin­ne gemeint, son­dern dient auch dem Auf­rüt­teln, der Ver­nunft, der Beherr­schung der Welt. Dies ist ein wei­te­res Ele­ment der klas­si­schen Kathar­sis. Die alle­go­ri­sche Äuße­rung von Gefüh­len ist eine bedeu­ten­de Art der Beschrei­bung, da bei­spiels­wei­se vor 1914 die Poe­ten der begin­nen­den Moder­ne den Zeit­geist viel pas­sen­der in kur­zen Sät­zen erfass­ten und ana­ly­sier­ten, als ande­re sprach­li­che Äuße­run­gen dies konn­ten. Man­che von ihnen hat­ten fälsch­li­cher­wei­se zu erken­nen geglaubt, dass die­ser Krieg nach einem lan­gen Anstau­en nun wie ein rei­ni­gen­des Gewit­ter kom­men muss­te. Auch wenn dies für uns heu­te natür­lich eine befrem­den­de Aus­sa­ge ist, so tref­fen sol­che Alle­go­ri­en doch den dama­li­gen Zeit­geist opti­mal. Hier wur­den also nicht nur his­to­ri­sche, sozia­le, kul­tu­rel­le und poli­ti­sche Fak­ten ver­ar­bei­tet, son­dern ein dazu­ge­hö­ri­ges, indi­vi­du­el­les Welt­ge­fühl.

Dadurch ist die Poe­sie auch als his­to­ri­sche Quel­le ein­zig­ar­tig in ihrer Form, einer Mischung aus Fak­ten, Umstän­den, Gefüh­len und Wer­tun­gen in kom­pri­mier­ten Aus­sa­gen. Glei­ches gilt für die Wahr­neh­mun­gen der moder­nen Autoren mit dem Anwach­sen der Groß­städ­te und dem pul­sie­ren­dem Leben, allen vor­an Heym. Bis die Wis­sen­schaft zu die­sem Zeit­geist etwas bei­tra­gen, ihn beschrei­ben konn­te, hat­ten die Poe­ten (und höchs­tens noch eini­ge nicht­wis­sen­schaft­li­che Phi­lo­so­phen) die­sen intui­tiv, ästhe­tisch und alle­go­risch bereits erfasst. Dadurch ist der Wir­kungs­kreis um eini­ges grö­ßer als der der Wis­sen­schaft oder des All­tags, da Poe­sie alles umfas­sen kann – in einem! Da Gefüh­le und Intui­ti­on hier – ver­mischt mit Fak­ten – eine gewich­ti­ge Rol­le spie­len – etwas, was in der Wis­sen­schaft aus gutem Grund gar kei­ne Rol­le spie­len darf – kann ergo die poe­ti­sche Spra­che einen wei­te­ren Kreis in ihrem Den­ken span­nen, der niveau­vol­ler und prä­gnan­ter ist als die All­tags­spra­che. Gleich­zei­tig kann die Poe­sie auch tie­fer gehen, zu den Grund­be­dürf­nis­sen der Men­schen, ohne etwas bele­gen zu müs­sen.

Außer jener Lyrik dient hier und für alles ande­re das Werk der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin Her­ta Mül­ler als Bei­spiel. Hier wird eine all­ge­mei­ne Geschich­te der Dik­ta­tur ent­wor­fen, jedoch mit den eige­nen Wahr­neh­mun­gen, die oft ver­zer­ren und schein­bar Neben­säch­li­ches her­vor­he­ben. Dadurch wird viel Gefühl und Ener­gie in die Hand­lung gebracht, viel Indi­vi­du­el­les und wesent­lich Auf­rüt­teln­de­res als bei blo­ßer rea­lis­ti­scher Deskrip­ti­on. Die Spra­che unter­streicht den Schre­cken also auf ergrei­fen­de Wei­se. Durch teil­pa­ra­bo­li­sche Ele­men­te wird die Hand­lung unter­drück­ter Men­schen in der Dik­ta­tur erwei­tert auf die Pro­ble­me der Mensch­heit. Es wird der Schre­cken einer jeden Dik­ta­tur beleuch­tet, nicht nur die rumä­ni­sche, deut­sche oder sowje­ti­sche. Nicht nur das Geschrie­be­ne, auch das Nicht­ge­schrie­be­ne rüt­telt hier auf, das, was nicht mehr gesagt wer­den kann.

Meta­phern jen­seits der Poe­sie

Dür­fen sol­che Stil­mit­tel also nur von der poe­ti­schen Spra­che ver­wen­det wer­den? Natür­lich nicht. Vie­le Stil­mit­tel haben sich in ver­ein­fach­ter Art in die ande­ren bei­den Sprach­gat­tun­gen schon lan­ge ein­ge­schli­chen – beson­ders die Meta­pher. Wir benut­zen sie schon ver­mehrt im All­tag, wenn wir vom Stuhl­bein, oder dem Fuß des Ber­ges reden. Wir benut­zen sie schon in der Wis­sen­schaft, wenn wir etwa das Gleich­ge­wicht des Schre­ckens, die Ent­fes­se­lung des Krie­ges oder die der Märk­te nen­nen. Sol­che Begrif­fe wer­den aber nicht nur in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten benutzt, son­dern auch im Hybrid­we­sen der Poli­ti­ker­spra­che: Die­se will mehr oder weni­ger wis­sen­schaft­li­che Fak­ten ver­pa­cken und zu ihren Guns­ten vor dem Volk mög­lichst gefäl­lig, all­täg­lich und ver­ein­facht dar­le­gen, oft auch mit rhe­to­ri­schen Stil­mit­teln, die sich vor allem im Popu­lis­mus häu­fen — es ver­ei­nen sich also dort im Grun­de alle drei Sprach­ty­pen. Was macht also die Poe­sie in ihren sprach­li­chen Metho­den so beson­ders, die so spe­zi­el­le Wir­kun­gen hat? Die Beson­der­heit ist hier eben der bewuss­te, ver­mehr­te und ver­dich­te­te Gebrauch der Mit­tel, wodurch ande­re Gedan­ken beim Men­schen frei wer­den.

Dar­aus lässt sich fol­gern, dass das alle­go­ri­sche Motiv, das ent­schei­den­de in der Poe­sie ist, das ansatz­wei­se über die Poe­sie hin­aus geht, in die All­tags­spra­che, die Wis­sen­schafts­spra­che und der Rhe­to­rik der Poli­ti­ker und ihrer Logo­gra­phen. Fak­ten, Tat­sa­chen und Wahr­neh­mun­gen wer­den durch eine Hand­lung und durch spe­zi­el­le For­mu­lie­run­gen ver­an­schau­licht, ver­bild­licht, was sonst nur dar­ge­legt wer­den wür­de. Durch die­se Bild­form wird die Poe­sie nicht nur inter­es­san­ter, manch­mal sogar – auch in ihrer Abs­trak­ti­on – plas­ti­scher als pure Beschrei­bun­gen. De fac­to kann die Poe­sie auch ganz ande­re Krei­se errei­chen, allei­ne schon die­je­ni­gen, die nach einer gewis­sen Ästhe­tik suchen.

Wie schon ange­spro­chen, ist ein spe­zi­fi­sches Pro­blem der poe­ti­schen Spra­che, dass sie zuwei­len nur schwer über­setzt wer­den kann. Durch ihre vie­len Asso­zia­tio­nen und Abs­trak­tio­nen kann sie weder kom­plett und end­gül­tig mit ande­ren Wor­ten inter­pre­tiert wer­den, noch in eine ande­re Spra­che pro­blem­los trans­fe­riert wer­den, wes­we­gen oft eher schlech­te als rech­te Über­set­zun­gen zustan­de kom­men, auch bei guter Über­set­zer­leis­tung. Am schwers­ten ist dies bei der enge­ren Poe­sie im Vers­maß, die beson­ders ver­dich­tet ist. Hier müss­ten der Inhalt, das Vers­maß, das even­tu­el­le Reim­sche­ma und alle dabei frei wer­den­den Asso­zia­tio­nen pas­send über­setzt wer­den, mit dem sel­ben Emp­fin­den an Ästhe­tik, was kaum mög­lich ist, da man das gar nicht immer end­gül­tig ent­schlüs­seln kann.

Das Unbe­schreib­ba­re beschrei­ben

Ein klei­nes Pro­sabei­spiel: Am Ende der Erzäh­lung Dan­te und der Hum­mer von Beckett steht im Eng­li­schen der Satz „It is not“, als ernüch­tern­de Ant­wort des Erzäh­lers auf die letz­ten Hoff­nun­gen des Prot­ago­nis­ten, sei­ne Tan­te möch­te den für ihn über­ra­schen­der Wei­se noch leben­den Hum­mer nicht leben­dig kochen, da er schon zuvor so lei­den muss­te und Gott wer­de dem Tier und über­haupt jedem das Para­dies berei­ten. Mei­ner Mei­nung nach hat Topho­ven eine kon­ge­nia­le Über­set­zung des Sat­zes abge­lie­fert, mit der Ellip­se „Eben nicht“. Inhalt­lich hat es im Grun­de die­sel­be ernüch­tern­de, resi­gna­ti­ve Bot­schaft, in der­sel­ben prä­gnan­ten Kür­ze dar­ge­legt. Mir selbst fie­le kei­ne bes­se­re Alter­na­ti­ve ein. Den­noch kom­men nicht alle Schwin­gun­gen per­fekt her­aus. Der kom­plett ernüch­ter­te und tro­cke­ne Ton des „It is not“ kann nicht erreicht wer­den, die deut­sche Über­set­zung klingt dage­gen bestimm­ter, beleh­ren­der. Da auch die Inhal­te weni­ger leicht und kon­kret fass­bar sind, ist es auch die Über­set­zung, so dass es schon bei einem so kur­zen und simp­len Satz zu Kom­pli­ka­tio­nen kom­men kann, die kaum bis gar nicht über­brück­bar sind.

So stellt sich natür­lich die Fra­ge, wie solch eine Spra­che die Ver­nunft garan­tie­ren soll, wenn sie nicht ein­mal mit Ver­nunft gänz­lich fass­bar ist. In jedem Fall ist die poe­ti­sche Spra­che die anspruchs­volls­te Spra­che. Es ist schwer, das Unbe­schreib­ba­re zu beschrei­ben! Von daher kann auch die­ser poe­to­lo­gi­sche Essay nicht für sich in Anspruch neh­men, die Spe­zi­fi­ka der poe­ti­schen Spra­chen, ihre Mög­lich­kei­ten und Gren­zen sowie ihre poli­ti­sche, sozio­kul­tu­rel­le und phi­lo­so­phi­sche Rol­le gänz­lich zu beschrei­ben. Das liegt auch an der ver­schwom­men Wahr­neh­mung der Poe­sie. Ein paar Denk­an­stö­ße kön­nen wir den­noch resü­mie­ren:

Bertolt Brecht (Quelle: Wikimedia Commons/Mbdortmund).

Ber­tolt Brecht (Quel­le: Wiki­me­dia Commons/Mbdortmund).

Die poe­ti­sche Spra­che geht wei­ter und tie­fer als die ande­ren Sprach­ty­pen des All­tags und der Wis­sen­schaft, indem sie eini­ge Metho­den der ande­ren Sprach­ty­pen trans­fe­riert, syn­the­ti­siert sowie kom­pri­miert und benutzt zusätz­lich – als Spe­zi­fi­kum – ver­mehrt alle­go­ri­sche Stil­mit­tel. Sie ist auch abs­trak­ter, all­ge­mei­ner, asso­zia­ti­ver und ergo in ihrem Sein frei­er. So kann die Poe­sie wei­ter gehen als alle ande­ren Sprach­ar­ten, da sie die Syn­the­se von Kunst und Spra­che ist. Frei­lich kann sie dabei oft nicht so abs­tra­hie­ren und ver­schwim­men wie etwa die Musik, als ande­re Kunst- und Sprach­form, jedoch tut dies ihrer Qua­li­tät kei­nen Abbruch, da so ein mensch­li­ches The­ma bes­ser erläu­tert wer­den kann, mit dem der Mensch etwas mehr anfan­gen kann, als mit man­chen Tönen. Wäh­rend die Wis­sen­schafts­spra­che etwa rein der Ver­nunft dient, dem gesi­cher­tem Ver­ste­hen und Beherr­schen der Welt und dies im sprach­li­chen expli­zie­ren und kom­mu­ni­zie­ren tut, stellt die Poe­sie nicht nur die­se Sach­ver­hal­te da, appel­liert nicht nur an die Ver­nunft, son­dern erreicht etwa durch Innig­keit und Intui­ti­on, Emo­ti­on und Enter­tain­ment den Leser, Zuhö­rer oder Zuschau­er.

Unver­zicht­ba­rer Bestand­teil der Ver­nunft

Doch hier sto­ßen wir auch schon an die ver­schwom­me­nen Gren­zen der ein­deu­tig ein­zig­ar­ti­gen poe­ti­schen Spra­che. Durch die ver­schie­de­nen Asso­zia­tio­nen, die mit wach­sen­der Abs­trak­ti­on sich ver­meh­ren, sinkt die Ver­nunft auch in einem gewis­sen Grad. Es liegt nahe, dass man all­zu abs­trak­te Tex­te sich so zurecht-inter­pre­tiert, wie es einem gefällt. Das ist unver­nünf­tig. Zu einer voll­kom­me­nen Ver­nunft, wie sie die Wis­sen­schaft mit ihrer Spra­che erstrebt, feh­len etwa Objek­ti­vi­tät und inter­sub­jek­ti­ve Nach­voll­zieh­bar­keit. Die­se kön­nen nicht – und oft sol­len sie das auch gar nicht – voll­ends bei per­sön­li­chen Tex­ten mit dem sub­jek­ti­ven poe­ti­schen Stil eines Autors garan­tiert wer­den, wie oben erläu­tert, bei den Inter­pre­ta­ti­ons- und Über­set­zungs­mög­lich­kei­ten von poe­ti­schen Tex­ten. So geht min­des­tens ein Teil der Ver­nunft oft ver­lo­ren.

Also kön­nen wir fest­hal­ten, dass gene­rell für die Ver­nunft – dafür, dass wir unse­re Welt ver­ste­hen, beherr­schen und ver­nünf­tig mit allem Irdi­schen umge­hen, damit die Welt wei­ter exis­tie­ren kann – die Wis­sen­schafts­spra­che geeig­ne­ter ist, die­se zu ver­wirk­li­chen und zu garan­tie­ren, um in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, wofür die Spra­che sich am ehes­ten eig­net, die Ver­nunft zu erken­nen und zu ver­brei­ten. Damit mei­ne ich eine Ver­nunft, die im Sin­ne Ador­nos Moral und Ethik nicht aus­schließt. Ein Vor­teil der poe­ti­schen Spra­che bleibt aber – auch wenn sie auf die­sem Feld hin­ter der wis­sen­schaft­li­chen Spra­che ste­hen muss –, dass sie den Men­schen eher dort erreicht, wo er steht, in sei­nen Befürch­tun­gen, Gefüh­len, Bedürf­nis­sen, die­se auch beschreibt und ihnen hilft, so zu ver­nünf­ti­gen Schlüs­sen zu kom­men, auf einer phi­lo­so­phi­sche­ren Ebe­ne. Die poe­ti­sche Spra­che erreicht den Men­schen an der Basis eher durch ihr über die ande­ren Sprach­ty­pen Hin­weg­ge­hen, Ästhe­ti­sie­ren, Ver­dich­ten und zugleich zum Kern des Mensch­seins zu gelan­gen, was sich die Wis­sen­schaft in ihrer objek­ti­ven Spra­che gar nicht erlau­ben darf oder will und die rei­ne All­tags­spra­che mit ihren ein­fa­chen Mit­teln nicht kann. Wie schon abge­spielt, kann die Poe­sie kei­ne wis­sen­schaft­lich nach­weis­ba­re Wahr­heit ver­kün­den. Denn im Grun­de beschreibt sie meist kei­ne nach­weis­ba­re Wahr­heit und wenn doch, so wer­den Lücken oft poe­tisch geschlos­sen.

Durch die­se Erkennt­nis, kön­nen wir jedoch auch fest­hal­ten, dass die­se Sprach­ty­pen, noch mehr als sie sich über­schnei­den, von­ein­an­der abhän­gen und ohne den einen, der ande­re die Ver­nunft ver­lie­ren wür­de – ohne einen der drei Haupt­ty­pen wäre die Welt in ihrem Sein tat­säch­lich gefähr­det, allei­ne schon, weil die ande­ren nicht auf sie ver­zich­ten könn­ten.

Phil­ip J. Din­gel­dey

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