An der Liebe vergangen

Cover zu straight white male von John Niven (Quelle: Wilhelm Heyne Verlag).

Cover zu strai­ght white male von John Niven (Quel­le: Wil­helm Hey­ne Ver­lag).

Einen hei­te­ren, span­nen­den, aber auch banal-ste­reo­ty­pen Roman hat der schot­ti­sche Autor John Niven mit strai­ght white male vor­ge­legt. Niven hat schon meh­re­re erfolg­rei­che Novel­len und Roma­ne geschrie­ben und lebt in der Nähe von Lon­don. Mit sei­nem neu­en Buch prä­sen­tiert er eine bei­ßen­de Sati­re über Hol­ly­wood und den bri­ti­schen Lite­ra­tur­be­trieb.

Der 44 Jah­re alte, preis­ge­krön­te iri­sche Roman­cier und Dreh­buch­au­tor Ken­ne­dy Marr lebt in Hol­ly­wood unter den Schö­nen und Rei­chen: Sein Leben besteht aus Alko­hol, teu­rem Essen, Luxus, Sex, Ona­nie und dem Ver­fas­sen von Tri­vi­al­li­te­ra­tur. Jedoch gibt es auch ein paar Neben­wir­kun­gen: Er muss Ali­men­te für zwei Exfrau­en zah­len, hat kaum Kon­takt zu sei­ner 16 Jah­re alten Toch­ter Robin, die mit ihrer Mut­ter Mil­lie in Eng­land wohnt oder sei­ner Fami­lie und hat Pro­ble­me mit der Steu­er­be­hör­de und schul­det dem Staat rund eine Mil­lio­nen Dol­lar. Des Wei­te­ren ist er unglaub­lich gelang­weilt und genervt von der Ober­fläch­lich­keit und Arro­ganz der High Socie­ty, den Regis­seu­ren, Pro­du­zen­ten und Haupt­dar­stel­lern die stän­dig wol­len, dass er sei­ne Dreh­bü­cher umschreibt oder ein­fach selbst dar­in her­um pfu­schen. Hin­zu kommt noch eine über­bor­den­de Aggres­si­vi­tät und Ehr­lich­keit Ken­ne­dys und damit der Plot auch schon fast fer­tig.

Schließ­lich bekommt er aber auch noch einen bri­ti­schen Lite­ra­tur­preis, den F.W. Bing­ham Preis; die­ser könn­te ihn von sei­nen Steu­er­pro­ble­men befrei­en – hat aber eine Neben­wir­kung: Ken­ne­dy muss ein Jahr an der bri­ti­schen Uni­ver­si­tät in War­wickshire, die den Preis ver­gibt, Crea­ti­ve Wri­ting unter­rich­ten – an der­sel­ben Uni, an der auch sei­ne Exfrau Mil­lie Lite­ra­tur unter­rich­tet. Damit ist alles gege­ben, was eine Sati­re braucht: Den kom­plet­ten Ant­ago­nis­mus des luxu­riö­sen und lumi­nes­zie­ren­den, aber ober­fläch­li­chen Hol­ly­wood zum bie­de­ren eng­li­schen Lite­ra­tur­be­trieb am Ran­de der öffent­li­chen Wahr­neh­mung. Dem­entspre­chend ist das Buch auch in zwei Tei­le, den ame­ri­ka­ni­schen und den eng­li­schen unter­teilt.

Wort­ge­wal­ti­ger, der­ber Humor

Die Sati­re ist wort­ge­wal­tig, roh und ziert sich nicht lan­ge, die Din­ge in der teils auch vul­gä­ren Spra­che Ken­ne­dy Marrs dar­zu­stel­len. Wer ein Freund des der­ben Humors ist, wird mit strai­ght white male also ein­deu­tig auf sei­ne Kos­ten kom­men. Über­haupt ist der Haupt­prot­ago­nist eine recht star­ke und ambi­va­len­te Gestalt – ver­mut­lich die stärks­te, die Niven bis­lang kre­iert hat: Er pflegt sei­nen extra­va­gan­ten und deka­den­ten Lebens­stil, sein fla­ches, aber aus­ar­ten­des Lie­bes­le­ben mit jun­gen Film­stars (oder spä­ter auch Stu­den­tin­nen), die alle sei­ne Töch­ter sein könn­ten, ist aber gleich­zei­tig geplagt von Schuld­ge­füh­len, da er sich an der Lie­be ande­rer Frau­en und sei­ner ver­nach­läs­sig­ten Toch­ter ver­gan­gen habe. Par­ti­ell pro­ji­ziert er dies auch auf die gan­ze mas­ku­li­ne High Socie­ty:

Sie alle hat­ten sich an der Lie­be ver­gan­gen, die­se Män­ner. Hat­ten sich alle an ihr ver­sün­digt, und jetzt zahl­ten sie die Zeche dafür. In teu­ren Hotel­sui­ten hat­ten die Kraft­aus­drü­cke und den Namen des Erlö­sers in die Hoch­glanz­schul­ter­blät­ter der Pro­to­ty­pen jener Mäd­chen gestöhnt […] Auf den Flü­gen nach Hau­se suhl­ten sie sich in den Lie­ge­ses­seln von First- und Busi­ness-Class, gier­ten nach den Bei­nen der Ste­war­des­sen, lösch­ten Text­nach­rich­ten, E‑Mails und Anruf­pro­to­kol­le, leg­ten sich Lügen und die Haa­re zurecht.

Bana­le Unter­hal­tung

Lei­der sind die ande­ren Cha­rak­te­re nicht so gelun­gen, wie Ken­ne­dy Marr, alles um ihn her­um ist rein ste­reo­typ: Es sind die typi­schen Allü­ren des tri­via­len Hal­le­lu­jah-Hol­ly­wood und mar­xis­ti­sche oder femi­nis­ti­sche Schrift­stel­ler und Lite­ra­tur­theo­re­ti­ker aus dem uni­ver­si­tä­ren Betrieb wer­den nur als schnö­de, spie­ßi­ge, unter Sex­ent­zug lei­den­de Rand­fi­gu­ren geschil­dert. Ergo wird der Kon­flikt, der Ant­ago­nis­mus von Ken­ne­dy zur Uni­ver­si­tät nur umso grö­ßer und kras­ser, jedoch ver­sinkt das Buch dadurch nur in der plat­ten Bana­li­tät. Eben­so wirkt die Hand­lung eben durch ihre Platt­heit recht künst­lich kon­stru­iert: Geld­gei­les Hol­ly­wood trifft auf spie­ßig-länd­li­ches Hin­ter­welt­ler-Geschrei­be! Eben­so vor­her­seh­bar und künst­lich ist der Schluss des Romans, der durch eine eigen­tüm­li­che Wen­dung am Ende noch ein rela­ti­ves Hap­py End gene­riert, jedoch eine erwart­ba­re und lang­wei­li­ge Dre­hung.

Ins­ge­samt ist der Roman vom Duk­tus her gelun­gen, Ken­ne­dy Marr ist eine groß­ar­ti­ge Schöp­fung, aber lei­der ist das leicht und flott zu lesen­de Buch zu tri­vi­al und banal, um den Leser wirk­lich zu ergrei­fen oder ihm über die Lek­tü­re hin­aus etwas ande­res mit­zu­ge­ben, als eine seich­te, kurz­wei­li­ge Unter­hal­tung, mit nur wenig Tief­gang oder Hin­ter­grund.

John Niven: strai­ght white male, über­setzt von Ste­phan Glietsch, Wil­helm Hey­ne Ver­lag, Mün­chen 2014. Taschen­buch, 384 Sei­ten, 16,99 Euro. Wei­te­re Infos gibt es unter: http://www.randomhouse.de/Paperback/Straight-White-Male-Roman/John-Niven/e420759.rhd

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