Bizarrer Biedermann

Biedermann (Timo Sestu) gerät in Rechtfertigungsnöte: Der Chor redet ihm ins Gewissen (Foto: Dennis Dreher)

Bie­der­mann (Timo Ses­tu) gerät in Recht­fer­ti­gungs­nö­te: Der Chor redet ihm ins Gewis­sen (Foto: Den­nis Dre­her)

Ein Bür­ger, grund­sätz­lich gezeich­net von Panik vor mög­li­cher Brand­stif­tung, wie er sie aus der Zei­tung kennt, lässt zwei Brand­stif­ter bei sich ein­zie­hen, hilft ihnen beim Ver­mes­sen der Zünd­schnur und ver­sorgt sie mit den not­wen­di­gen Streich­höl­zern. Bizar­re­rie à la Max Frisch. Die wird bei der Pre­mie­re von Bie­der­mann und die Brand­stif­ter insze­niert von Mir­jam Novak mit Schau­spie­lern der Stu­dio­büh­ne im Rah­men des Begleit­pro­gramms zur Aus­stel­lung Affek­te im Kunst­pa­lais, über­zeu­gend trans­por­tiert.

Gott­lieb Bie­der­mann (Timo Ses­tu) macht sei­nem Namen alle Ehre: Im Lamen­tie­ren am Stamm­tisch groß, in tat­säch­li­chen Gefah­ren­si­tua­tio­nen klein. All­ge­gen­wär­tig bei all sei­nen Hand­lun­gen ist die Ent­rüs­tung über die schein­bar stän­di­ge Gefahr von Brand­stif­tern, die gera­de in der Umge­bung wüten. Und dann kommt Josef Schmitz (Patrick Vogel), appel­liert an Bie­der­manns Gewis­sen, indem er ihn zwingt, sich als guter Mensch zu zei­gen und ihn bei sich woh­nen zu las­sen. Josef Schmitz ist ein Brand­stif­ter, wie auch sei­ne Kum­pa­nin Feli­ci­tas Eisen­ring (gespielt von Kris­tin Wer­ner; im Ori­gi­nal: Wil­helm Maria Eisen­ring), die eben­falls bei den Bie­der­manns auf­schlägt. Auch wenn Bie­der­mann zu wis­sen scheint, wer da bei ihm ein­zieht, wen­det er sein Unglück nicht ab, lädt die Gäs­te statt­des­sen zur Gans ein, damit sie „Freun­de wer­den“ und wird schließ­lich zusam­men mit sei­ner Frau zu ihrem Opfer.

Leben auf Kosten von Biedermanns schlechtem Gewissen: die Brandstifter, gespielt von Patrick Vogel und Kirstin Kwiet (Foto: Dennis Dreher)

Leben auf Kos­ten von Bie­der­manns schlech­tem Gewis­sen: die Brand­stif­ter, gespielt von Patrick Vogel und Kris­tin Wer­ner (Foto: Den­nis Dre­her)

Lehr­stück ohne Leh­re

Inter­pre­ta­ti­ons­an­sät­ze zu Frischs knapps­tem Stück gibt es vie­le. So wur­den bei­spiels­wei­se Bezü­ge zu kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gun­gen und dem Natio­nal­so­zia­lis­mus her­ge­stellt, die, gleich der Brand­stif­tung, eben­falls vor­her­seh­bar waren, aber nicht abge­wen­det wur­den. Zen­tral bleibt dabei die Fra­ge nach Bie­der­manns Ver­hal­ten. Auch wenn der Chor eine mög­li­che Ant­wort vor­gibt („Der, um zu wis­sen, was droht, Zei­tun­gen liest, täg­lich zum Früh­stück ent­rüs­tet über ein fer­nes Ereig­nis […], schwer­lich durch­schaut er, was eben geschieht unter dem eige­nen Dach“) zeigt sich im Ver­lauf des Stü­ckes doch immer mehr, dass etwas Unauf­lös­li­ches bleibt, dass die Figur des Bie­der­mann viel­leicht doch kei­ne fast schon ste­reo­ty­pe ist, wie es am Anfang scheint.

Grund­sätz­lich bleibt „Bie­der­mann und die Brand­stif­ter“ eben gera­de kein Dra­ma im Brecht­schen Sin­ne, son­dern ein „Lehr­stück ohne Leh­re“ und eine Bur­les­ke – gekenn­zeich­net durch die eigen­tüm­li­che Mischung aus Komik und Maka­brem.

Spiel auf verschiedenen Ebenen: Der Chor über den Köpfen des Publikums (Foto: Dennis Dreher)

Spiel auf ver­schie­de­nen Ebe­nen: Der Chor über den Köp­fen des Publi­kums (Foto: Den­nis Dre­her)

Über­zeu­gen­des Unwohl­sein

Die­se Stim­mung bei der Insze­nie­rung zu trans­por­tie­ren und damit ein gewis­ses Unwohl­sein aus­zu­lö­sen, ist kei­ne ein­fa­che Auf­ga­be, die der Stu­dio­büh­ne aber durch­aus gelingt, indem sie nah am Stück bleibt und auf ein auf­wen­di­ges Büh­nen­bild ver­zich­tet. Der Licht­hof des Kunst­pa­lais zeigt sich mit sei­nen Empo­ren dabei als idea­le Räum­lich­keit, um ver­schie­de­ne Ebe­nen dar­stel­len zu kön­nen. Wenig Kulis­se und kein Regie­thea­ter heißt auch, dass hohe schau­spie­le­ri­sche Leis­tung gefor­dert ist, die, vor allem im zwei­ten Teil des Stücks, auch gebo­ten wird.  Sze­nen wie das Abend­essen, zu dem Bie­der­mann gela­den hat, bei dem Schmitz mit Bie­der­mann zusam­men „Fuchs du hast die Gans gestoh­len“ singt, und das schließ­lich mit dem Brand endet, erzeu­gen über­zeu­gend jene eigen­ar­ti­ge Art von Span­nung, die nicht auf­ge­löst wird, und genau des­halb cha­rak­te­ris­tisch für das Stück ist.

Vera Podskalsky

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