Erinnerungen an den Mond

42415Der Mond hat die Men­schen immer schon fas­zi­niert. Nun scheint es aber, dass das Zeit­al­ter der Raum­fahrt sich dem Ende zuneigt – oder in eine nächs­te Stu­fe ein­tritt. Der Mond scheint mitt­ler­wei­le nur noch eine Zwi­schen­sta­ti­on auf dem Weg zur Erobe­rung fer­ne­rer Wel­ten. Ein Gestirn von zwei­fel­haf­tem Nut­zen. Für Durs Grün­bein ist das Anlass genug, einen Gedicht-Zyklus über den Mond zu schrei­ben.

Der Band Cyra­no oder die Rück­kehr vom Mond besteht aus 84 Gedich­ten, auf­ge­teilt in acht Sek­tio­nen, und einem Essay, in dem Grün­bein noch wei­te­re Per­spek­ti­ven auf den Mond eröff­net und für die Bedeu­tung von Wör­tern in poe­ti­scher Spra­che eine ähn­li­che Tau­mel­be­we­gung aus­macht, wie sie für den Mond beob­ach­tet wor­den ist: lyri­sche Libra­ti­on nennt er das (S. 136).

Aus dem Essay wird dann auch deut­lich, wer der titel­ge­ben­de Cyra­no ist und was er mit dem Mond zu tun hat. Grün­bein erzählt hier grpb die Geschich­te des baro­cken Dich­ters und Wel­ten­bumm­lers nach, der mit sei­ner Rei­se zum Mond als einer der ers­ten Sci­ence-Fic­tion-Autoren gilt. Grün­beins Aus­gangs­punkt ist jedoch viel­mehr die zuneh­men­de Mond­ver­ges­sen­heit unse­rer Zeit. Der Erd­tra­bant „gehört nicht mehr zu den Him­mels­kör­pers ers­ter Ord­nung“ (S. 135). Gegen die­sen Umstand ver­sam­meln sich in dem Band fei­er­li­che Sprech­wei­sen über den Mond.

 
Poly­pho­ne Mond­ge­sän­ge

Fast jedes der Gedich­te ist mit dem Namen eines Mond­kra­ters über­schrie­ben. Die­se wur­den meis­ten­falls nach berühm­ten Astro­no­men benannt und nach sol­chen, die zum Satel­li­ten in beson­de­rer Bezie­hung ste­hen: Cyra­no de Ber­ge­rac zum Bei­spiel.

Molt­ke

Was ist der Mond? Fragt sich ein frü­her Grie­che.
Ein dunk­les Licht, das um die Erde wan­dert.
Ein zykli­sche Oxy­mo­ron in Rota­ti­on.

Die Völ­ker haben ihn ver­zau­bert. Im Barock
War er die schie­fe Per­le, das Idol der Poten­ta­ten.
Dann trat ein Mann ans Tele­skop und sah ihn nackt

Zum ers­ten Mal, bestür­zend nah, in allen Pha­sen.
Wie frei­ge­bla­sen war die Stirn und auf ihr wuch­sen
Von nun an Hör­ner, Alters­fle­cken, War­zen. (S. 61)

Eini­ge Aspek­te fal­len bei Grün­beins Gedich­ten auf. Das wäre zum ers­ten die Dis­kre­panz zwi­schen Titel und Text: Nach dem preu­ßi­schen Feld­her­ren Molt­ke ist zwar tat­säch­lich ein Mond­kra­ter benannt, die sons­ti­gen Anspie­lun­gen auf Anti­ke, Barock und die Erfin­dung des Tele­skops haben aller­dings nichts mit ihm zu tun.

Die­ser Anspie­lungs­reich­tum zieht sich durch den Band und gerät zum regel­rech­ten Name­drop­ping. Das who is who des Mon­des tritt auf. Dies führt jedoch dazu, dass Grün­beins Tex­te qua­si unles­bar sind, da sie die gesam­te Wis­sen­schafts­ge­schich­te der Mensch­heit mit sich füh­ren. Jedes ein­zel­ne Gedicht gleicht so – gemäß dem Titel – einem wei­te­ren Mond­kra­ter, in den man für ein Ver­ständ­nis des­sel­ben tief ver­sin­ken muss.

The­ma­tisch las­sen sich min­des­tens drei Fel­der öff­nen, die oft auch in einem Gedicht zugleich gefüllt wer­den: Zum ers­ten wäre da die Geschich­te Cyra­nos, von dem in knapp der Hälf­te der Tex­te die Rede ist. Sie ist immer auch die Geschich­te vom Ver­hält­nis des Men­schen zu sei­nem Mond. Manch­mal ist dies jedoch auch Haupt­ge­gen­stand, etwa in Cas­si­ni (S. 14) oder in Bosco­vich (S. 109), wo das Ende der Raum­fahrt zum Gegen­stand gemacht wird. Es ist vom „abge­wrack­ten“ Space Shut­tle Enter­pri­se die Rede, das inzwi­schen als schwim­men­des Muse­um am Hud­son River ankert.

Ein zwei­ter Kom­plex ist eine Wis­sen­schafts- und Tech­nik­ge­schich­te des Mon­des. Die Gedich­te han­deln von phy­si­ka­li­schen Theo­ri­en, etwa der Vie­le-Wel­ten-Theo­rie in Gri­mal­di (S. 18) und tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen (s. o., aber auch  Eucli­des [S. 13]).

 
Poe­to­lo­gie des Mon­des

Der drit­te gro­ße Bereich ist der meta­sprach­li­che. Durch­weg wird das Spre­chen über den Mond ver­han­delt. „Wie mit den Bil­dern gehts mit Gedich­ten. Man­che / Ent­zü­cken von nahem, ande­re erst aus der Erfah­rungs­fer­ne […]“ (Men­de­leev [S. 69]). Eben­da wird der Dich­ter als „Herold zwi­schen den Rea­li­tä­ten“ vor­ge­stellt, als einer, der zwi­schen Erde und Mond, zwi­schen der Astro­no­mie und Lite­ra­tur ver­mit­telt. Dem Leser begeg­net hier wah­re Kos­mo-Poe­sie. Wie schwer das ist, wird schon aus dem obi­gen Gedicht deut­lich, wo das Spre­cher-Ich selbst um eine ange­mes­se­ne Inhalt­lich­keit ringt. Nicht sel­ten gera­ten die Gedich­te daher über­kom­plex.

Das Pro­gramm lässt sich jedoch auch dem letz­ten Poem des Ban­des ent­neh­men, des­sen tref­fen­der Titel Möbi­us  (S. 111) lau­tet. Man mag an das Möbi­us­band den­ken, das gewis­ser­ma­ßen nur eine Sei­te hat, da sich sei­ne zwei Sei­ten in ein­ein­an­der ver­stri­cken. Poe­sie und Astro­no­mie tref­fen sich in Grün­beins Cyra­no auf die­se Wei­se und holen – gemein­sam – den geheim­nis­vol­len Mond zurück auf die Erde.
 
Durs Grün­bein, Cyra­no oder die Rück­kehr vom Mond, Ber­lin: Suhr­kamp, 2014, 150 S., € 20,00, ISBN: 3–518-42415–7.

 

Timo Ses­tu

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