Werther 2.0

PengPeng! Gabor Bozsik, Dennis Dreher, Michael Hörner, Sandra Knocke, Andreas Pommer und Alexander Esswein in "Werther from Outerspace"

Peng­Peng! Gabor Bozsik, Den­nis Dre­her, Micha­el Hör­ner, San­dra Kno­cke, Andre­as Pom­mer und Alex­an­der Ess­wein in „Wert­her from Outer­space“

Es gibt kaum ein Werk der klas­si­schen Welt­li­te­ra­tur, das trie­fen­der, kit­schi­ger und schnul­zi­ger ist, als J. W. Goe­thes Brief­ro­man Die Lei­den des jun­gen Wert­her. Auch wenn sich eini­ge Zeit­ge­nos­sen dar­auf­hin das Leben nah­men (nicht weil das Buch etwa so schlecht sei, son­dern sie sich so mit dem sui­zi­da­len Wert­her asso­zi­ier­ten), bringt das Buch heu­te nur noch ver­ächt­li­ches Schnau­ben bei vie­len Intel­lek­tu­el­len her­vor. Dar­um hat die Stu­dio­büh­ne Erlan­gen aus dem Werk eine gran­di­os gro­tes­ke Kurz­ko­mö­die gemacht.

Wert­her from Outer Space heißt das von David Becker insze­nier­te Stück, das ges­tern sei­ne Pre­mie­re fei­er­te: Ein Außer­ir­di­scher auf Auf­klä­rungs­mis­si­on lan­det auf der Erde und stellt zunächst die Lie­be als inhä­ren­tes Spe­zi­fi­kum der Mensch­heit fest, die er dar­auf­hin erkun­den will. Er ori­en­tiert sich an Goe­thes Brief­ro­man, um wah­re Lie­be in der Gegen­wart zu fin­den. So nimmt er den Namen Wert­her an und trifft auf die übli­chen Ver­däch­ti­gen, wie Lot­te, Albert et al.

Wert­her (gespielt von Gabor Bozsik), der — nicht ganz nach­voll­zieh­bar — abge­hackt wie ein Robo­ter spricht, muss jedoch fest­stel­len, dass sich Spra­che und Stil der Erden­be­woh­ner ziem­lich gewan­delt haben. Er lan­det zwi­schen Pro­sti­tu­ier­ten, Dro­gen­süch­ti­gen und arbeits­lo­sen Gamm­lern, Nazi-Job­ver­mitt­le­rin­nen, sexu­ell miss­brauch­ten Gum­mi­pal­men, aso­zia­len Plau­zen und selbst Lot­te (per­so­ni­fi­ziert durch San­dra Kno­cke), in die er sich unsterb­lich ver­liebt, ist hier eine Räu­be­rin und Zuhäl­te­rin. Die Ähn­lich­kei­ten mit Goe­the bestehen ergo nur noch peri­pher: Wert­her ver­liebt sich in Lot­te, bei­de kön­nen nicht zusam­men sein und er bringt sich um. Der Rest ist eine schril­le, bizar­re, obszö­ne, wild-anar­chi­sche und respekt­lo­se Komö­die, die stark über­spitzt und mit zahl­rei­chen humo­ris­ti­schen Ver­frem­dun­gen zeigt, wie es jetzt so mit der Lie­be und der Men­schen­wür­de zugeht.

Lotte (Sandra Knocke) und Werther (Gabor Bozsik) - Liebe auf dem intergalaktischen Prüfstand

Lot­te (San­dra Kno­cke) und Wert­her (Gabor Bozsik) — Lie­be auf dem inter­ga­lak­ti­schen Prüf­stand

Nicht nur Goe­the meets Rea­li­ty TV

Das Sta­tio­nen­dra­ma fun­giert aber nicht nur unter dem bana­len Mot­to Goe­the meets Rea­li­ty TV, son­dern geht, nicht durch sei­ne simp­le Hand­lung, son­dern durch sei­ne Dar­stel­lung, wei­ter: Lie­be wird hier auf den (meist kos­ten­pflich­ti­gen) Koitus redu­ziert. So sind die ers­ten, die mit Wert­her über Liebe/Sex spre­chen, die zuge­dröhn­ten Pro­sti­tu­ier­ten Lisa und Lara („Für 10 Mäu­se mehr, darfst du mir dei­ne Lie­be im gan­zen Gesicht ver­tei­len!“); auch ein herr­lich gelang­weil­tes, über­ge­wich­ti­ges, wie eine Fee geklei­de­tes Ora­kel (Marie-Chris­tin Schwab) gibt ihm einen Ring, um das Herz Lot­tes zu „erobern“ und Kal­le (Den­nis Dre­her), ein, ein zu enges Unter­hemd tra­gen­der typi­scher Assi-Trin­ker, gibt ihm jovia­le, fla­che Tipps und rät, sich von Lot­te fern­zu­hal­ten, weil die­se Albert, ihrem Kum­pan, ver­spro­chen sei. Doch selbst Sex ist nicht nur aus­schlag­ge­bend, es geht auch immer um Geld und Gewalt.

Wäh­rend die­se Bot­schaft beim Zuschau­er für Ernüch­te­rung sor­gen könn­te, wird sie durch zahl­rei­che kras­se Gro­tes­ken einer­seits unter­füt­tert; ande­rer­seits gelingt damit ihre Meta­mor­pho­se in zahl­rei­che hef­ti­ge Lacher. So trägt etwa die kri­mi­nel­le Lot­te ein Pet­ti­coat, redet auch sin­gu­lär roman­tisch und naiv, bis sie Wert­her den Ring ent­raubt und abhaut; die trau­rigs­ten Sze­nen wer­den durch fröh­li­che Songs dar­ge­stellt. Gene­rell ist der Ein­satz gro­tes­ker Musik eine star­ke Kon­stan­te, wie Pret­ty Woman zu Lisas Tod.

Par­al­lel­ge­schich­ten

Gut ver­deut­licht wird das Gan­ze auch durch das Büh­nen­bild: So gehen die drei pro­vi­so­risch ein­ge­rich­te­ten Büh­nen­bil­der (Stra­ßen­strich, Arbeits­amt und eine abge­fuck­te Bar) flie­ßend inein­an­der über und – dies zeigt die Lie­be zum Detail – die jewei­li­gen Hand­lun­gen lau­fen immer par­al­lel im Hin­ter­grund wei­ter und sor­gen für Ernüch­te­rung und Ent­kit­schung.

Ins­ge­samt han­delt es sich also um einen Poin­ten jagen­den, hin­ter­grün­di­gen, für zahl­rei­che Lacher sor­gen­den, jedoch für die knap­pe Stun­de über­mä­ßig mit Gags und Ele­men­ten gefüll­ten Thea­ter­abend, der nichts ernst nimmt — auch nicht Goe­the oder die eige­ne Repro­duk­ti­on von Ste­reo­ty­pen, die immer wie­der von Gro­tes­ken durch­bro­chen wer­den.

Wei­te­re Auf­füh­run­gen von Wert­her from Outer Space sind am 17. und 24. März, je um 19.30 Uhr im Fran­ken­hof, Süd­li­che Stadt­mau­er­stra­ße 35, Erlan­gen. Der Ein­tritt kos­tet 6 Euro (ermä­ßigt 4 Euro). Wei­te­re Infos gibt es unter: http://www.studiobuehne-erlangen.de/werther-from-outer-space/.

Phil­ip J. Din­gel­dey

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