Das Spiel im Spiel

Lies und Richard auf der Couch. Foto: Thomas Langer.

Lies und Richard auf der Couch. Foto: Tho­mas Lan­ger.

Wer heu­te am Valen­tins­tag etwas von zer­bro­che­nen Bezie­hun­gen hören möch­te, wird im Kul­tur­fo­rum Fürth fün­dig: Denn dort fei­er­te ges­tern Maria Goos´ Thea­ter­stück Der letz­te Vor­hang sei­ne Wie­der­auf­nah­me in den Spiel­plan des Für­ther Stadt­thea­ters, in der Insze­nie­rung des Inten­dan­ten Wer­ner Mül­ler.

Das Stück der nie­der­län­di­schen Dra­ma­tur­gin han­delt von den ehe­ma­li­gen Büh­nen­stars und Paar Lies und Richard. Zehn Jah­re ist es her, dass die Schau­spiel­kol­le­gen Lies und Richard sich das letz­te Mal gese­hen haben. Lies hat das Spie­len eigent­lich an den Nagel gehängt und lebt mit ihrem Mann — einem wohl­ha­ben­den Gynä­ko­lo­gen — in Süd­frank­reich. Richard spielt noch — und zwar vor allem den wil­den Mann. Mit Star­al­lü­ren, Alko­ho­lis­mus und Bos­hei­ten hat er jede Part­ne­rin in die Flucht getrie­ben. Nun kann nur noch Lies sei­ne aktu­el­le Pro­duk­ti­on ret­ten, bei der es sich aus­ge­rech­net um das Stück han­delt, mit dem die bei­den ihren Abschluss an der Schau­spiel­schu­le gemacht haben … Schnell rei­ßen bei dem Wie­der­se­hen alte Wun­den auf und bei­de wer­den gezwun­gen, ein­mal zu reflek­tie­ren.

Slap­stick und Tra­gik

Bei­de Dar­stel­ler die­ses rund andert­halb­stün­di­gen Kam­mer­stücks, näm­lich Michae­la Domes als Lies und Hart­mut Vol­le als Richard, spie­len über­zeu­gend, mal im wil­den Slap­stick, mal in emo­tio­na­len Schwuls­ten, mal in aus­ge­las­se­nen Fei­ern, mal in trau­ri­gen Sze­nen. Dadurch wird die manch­mal beklem­men­de Atmo­sphä­re zwi­schen bei­den erfolg­reich auf­ge­bro­chen. So war das wohl das Krea­tivs­te an dem Stück: Die Dar­stel­ler spie­len nicht nur die selbst­ge­rech­ten Prot­ago­nis­ten Lies und Richard, die nach zehn Jah­ren wie­der auf­ein­an­der­tref­fen, son­dern etwa auch Lies arro­gan­ten Ehe­mann, intel­lek­tu­ell min­der­be­mit­tel­te Schau­spiel­kol­le­gin­nen von Richard, Lies und Richard vor 10 Jah­ren und – als Spiel im Spiel par excel­lence – die Cha­rak­te­re des auf­zu­füh­ren­den Stücks. All die­se Spiel­ebe­nen wech­seln sich schnell ab, die Über­gän­ge sind erfreu­lich flie­ßend und manch­mal kurz ver­wir­rend, wer­den oft jedoch am ver­än­der­ten Büh­nen­licht erkenn­bar. Fakt und Fik­ti­on wer­den in einen Schmelz­tie­gel gewor­fen und ver­mengt.

Dadurch ist das gesam­te Stück de fac­to ein gro­ßer epi­scher Ver­frem­dungs­ef­fekt, auf­ge­führt mit mini­ma­len Büh­nen­mit­teln, näm­lich einer anti­ken Couch, einem vol­len Klei­der­stän­der für die Ver­klei­dun­gen und einer pas­sa­ble Mini­bar für den stän­di­gen Alko­ho­lis­mus Richards. Dadurch wird die­se Ach­ter­bahn­fahrt der Gefüh­le, von beleb­ten Fei­er­aben­den bis hin zum Abor­tus eines Mäd­chens, kri­tisch und den Zuschau­er zum Nach­den­ken ani­mie­rend vor­ge­tra­gen. Hin­zu kommt noch, dass sich nicht nur die bei­den etwas vor­spie­len, im dop­pel­deu­ti­gen Sinn, son­dern anfangs auch, zwi­schen Pathos und Zynis­mus über den Sinn des Schau­spie­lens debat­tie­ren – ein net­tes, aber inzwi­schen auch schon tot­ge­spiel­tes Stil­mit­tel, im Thea­ter über Thea­ter zu reflek­tie­ren, zumal wenn die Dis­kus­si­on, wie hier, nicht beson­ders tief geht.

Ein erwart­ba­res Ende

Gegen Mit­te der Auf­füh­rung schien es aber so, als ob der Zuschau­er sich, obwohl das Stück gar nicht beson­ders lang ist, in einer End­los­schlei­fe der etwas lang­at­mi­gen Auf­füh­rung befin­det, zumal es am Schluss kei­ne beson­de­re Poin­te gibt, son­dern nur einen wenig über­ra­schen­den Aus­gang.

Ins­ge­samt bie­tet Mül­lers Ver­si­on des Dra­mas ergo einen recht anstän­di­gen, unter­halt­sa­men, aber par­ti­ell lang­at­mi­gen Thea­ter­abend über die frus­trier­te Lie­be, das Älter­wer­den, dem Alko­ho­lis­mus und ganz beson­ders dem Schau­spie­len — mit eini­gen Gags, aber auch viel Nach­denk­li­chem, gar­niert mit zahl­rei­chen Ver­frem­dun­gen. Scha­de eigent­lich, dass das Publi­kum sehr über­schau­bar war — nur cir­ca 25 Leu­te konn­ten sich auf­raf­fen, die­se net­te Wie­der­auf­nah­me zu besu­chen.

Wei­te­re Auf­füh­run­gen von Der letz­te Vor­hang sind heu­te und mor­gen (14. und 15. Febru­ar) sowie vom 10. bis 12. April, jeweils um 20 Uhr in der Gro­ßen Hal­le des Kul­tur­fo­rums Fürth, Würz­bur­ger Stra­ße 2, 90762 Fürth. Eine Ein­tritts­kar­te kos­tet 20 Euro. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Stück unter http://www.kulturforum.fuerth.de/desktopdefault.aspx/tabid-549/967_read-22370/  oder http://www.stadttheater.fuerth.de/stf/home.nsf/contentview/3F0AE914DEA23C8FC1257B650040D4E2.

Phil­ip J. Din­gel­dey

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.