Die zwei Arten des Volksfeindes

Henrik Ibsen, der Autor von Ein Volksfeind (Quelle: Wikimedia Commons/ Ysomte).

Hen­rik Ibsen, der Autor von Ein Volks­feind (Quel­le: Wiki­me­dia Commons/ Ysom­te).

Anläss­lich der Auf­nah­me der Tra­gö­die Ein Volks­feind (Nor­we­gisch: En Fol­ke­fi­en­de) von Hen­rik Ibsen in die aktu­el­le Spiel­zeit des Stadt­thea­ters Fürth, gin­gen wir ein­mal der Fra­ge nach, was über­haupt ein Volks­feind sei, wie man ihn poli­tisch und sozi­al klas­si­fi­zie­ren und dies lite­ra­risch und dra­ma­tur­gisch ver­ar­bei­ten kann. Ein poli­tisch-lite­ra­ri­scher Ver­such.

Es gibt zwei Arten von Volks­fein­den: Einen tat­säch­li­chen und einen schein­ba­ren. Der Tat­säch­li­che wird meist erst im Nach­hin­ein ent­larvt – wenn über­haupt — und sel­ten als sol­cher ange­grif­fen. Der Schein­ba­re wird im öffent­li­chen Dis­kurs dif­fa­miert, bekämpft und poli­tisch ver­folgt.

Der schein­ba­re Volks­feind lässt sich erneut in zwei Gat­tun­gen unter­tei­len: In den poli­ti­schen Agi­ta­tor und in die Mit­glie­der von diver­sen Mino­ri­tä­ten. Der schein­ba­re Volks­feind als poli­ti­scher Agi­ta­tor ist oft ein sol­cher, der etwas tut, was der bie­de­re Com­mon Sen­se oder die herr­schen­den Parts in Poli­tik und Gesell­schaft als Angriff auf das Kol­lek­tiv und den Wert­kon­ser­va­tis­mus inter­pre­tie­ren – sei­ne Inten­ti­on ver­läuft jedoch meist zwi­schen einer Bes­se­rung und einer radi­kal­re­vo­lu­tio­nä­ren Ände­rung der poli­ti­schen und sozia­len Zustän­de und Sys­te­ma­ti­ken. Sobald er aber als Volks­feind dekla­riert und titu­liert wird, ist sein Ziel dahin, da er als soge­nann­ter Ver­rä­ter im Inne­ren der Gesell­schaft nichts mehr ver­bes­sern kann – im Gegen­teil, sein Wir­ken wird eher die bemän­gel­ten Zustän­de zemen­tie­ren.

Der schein­ba­re Volks­feind: Ein Staats­feind und Ver­rä­ter?

Ein rea­les, poli­ti­sches Bei­spiel eines schein­ba­ren, poli­tisch akti­ven Volks­fein­des ist Edward Snow­den: Er hat zwar die inter­na­tio­na­le Spio­na­ge der USA per NSA in einem Akt von lebens­ge­fähr­li­cher und muti­ger Zivil­cou­ra­ge offen gelegt und damit den Respekt zahl­rei­cher Euro­pä­er gewon­nen – die poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen der USA sehen ihn aber als Vater­lands­ver­rä­ter, da er top-secret Geheim­dienst­scheiß von natio­na­lem Inter­es­se publi­ziert hat. Dies ver­brei­ten sie in der gan­zen Welt und sind inner­halb der USA damit sogar erfolg­reich. Ein Held, ver­un­glimpft als Volks­feind! Die Spio­na­ge­af­fä­re ist zwar publik gewor­den, aber durch sei­ne Sti­li­sie­rung zum Staats­feind, wird sein ille­ga­les — aber mora­lisch exem­pla­ri­sches — Ver­hal­ten auch als ille­gi­tim dar­ge­stellt und die glo­ba­le Über­wa­chung kann weit­ge­hend unge­hin­dert wei­ter gehen. Denn es gibt zwar poli­ti­sche Empö­rung – auch in sehr mode­ra­ter Wei­se durch die deut­sche Bun­des­re­gie­rung -, aber die USA leh­nen es strikt ab, die Über­wa­chung de fac­to wirk­lich ein­zu­gren­zen oder gar zu been­den. Das heh­re Ziel, die Über­wa­chung abzu­schaf­fen, ist miss­lun­gen.

Edward Snowden, ein Volksheld (Quelle: Wkimedia Commons/ McZusatz).

Edward Snow­den, ein Volks­held (Quel­le: Wki­me­dia Commons/ McZu­satz).

In einem Fall wie Edward Snow­den fällt meist eher die Voka­bel Staats­feind. Von der Ter­mi­no­lo­gie her, kann man dies syn­onym mit dem Begriff Volks­feind ver­wen­den. Denn ein Staat, der sich – wie die USA – als Demo­kra­tie sug­ge­riert, fußt vor allem auf dem Volk, sprich, das Volk sol­le der Staat sein und insti­tu­tio­nell in ihn ein­ge­bun­den wer­den. Von daher kann ein Staats­feind auch als Volks­feind fun­gie­ren, auch da idea­li­ter die Volks­in­ter­es­sen iden­tisch mit den Staats­in­ter­es­sen sei­en. Ähn­li­ches gilt auch für Staats­fein­de in Dik­ta­tu­ren, die sich als Demo­kra­tie pos­tu­lie­ren — wie einst die UdSSR – oder auf das Volk als ideo­lo­gi­sche Basis bau­en, etwa tota­li­tä­re Sys­te­me – wie der Natio­nal­so­zia­lis­mus oder der Sta­li­nis­mus. Immer wenn in die­sen poli­ti­schen Sys­temar­ten ein Dis­si­dent oder ein Auf­wieg­ler als Ver­rä­ter oder Staats­feind gilt, gilt er auch fälsch­li­cher­wei­se als Volks­feind.

Ein lite­ra­ri­sches Bei­spiel ist der Prot­ago­nist Dr. Tho­mas Stock­mann, der Bade­arzt aus Ibsens Ein Volks­feind, der sich gegen die Mehr­heit der Gemein­de, die indus­tri­el­le Was­ser­ver­seu­chung in sei­nem Bade­ort und damit spä­ter gegen den auf­ge­hetz­ten libe­ral-kon­ser­va­ti­ven Kur­ort stellt, der ger­ne sei­nen Ruf und sein Geld wah­ren möch­te. Aus kor­rek­ten Grün­den der Gesund­heit und des Umwelt­schut­zes, nimmt er eine eben­falls cou­ra­gier­te Kon­tra­po­si­ti­on ein, wie­der gegen die herr­schen­den Cli­quen – bestehend aus loka­len Poli­ti­kern (per­so­ni­fi­ziert durch sei­nen Bru­der Peter Stock­mann), den Medi­en (per­so­ni­fi­ziert durch den Her­aus­ge­ber Aslak­sen) und dem regio­na­lem Indus­trie­ka­pi­tal (per­so­ni­fi­ziert durch Tho­mas Stock­manns Schwie­ger­va­ter Mor­ton Kiil). Auch Dr. Stock­mann wird als Feind der Gemein­de dar­ge­stellt, obwohl er zunächst nur rea­le, gesund­heits­ge­fähr­den­de Miss­stän­de auf­deckt und sich erst gegen die libe­ra­le Mehr­heits­ge­sell­schaft als Gan­zes posi­tio­niert, als die­se ihn dia­bo­li­siert.

Whist­leb­lo­wer, Gedan­ken­ver­bre­cher und Mino­ri­tä­ten

Ein wei­te­res lite­ra­ri­sches Bei­spiel für den schein­ba­ren, poli­tisch aber min­der akti­ven Volks­feind ist der Cha­rak­ter Wil­son Smith aus Geor­ge Orwells Roman 1984, der vor allem in der NSA-Affä­re von Feuil­le­to­nis­ten meist zu Recht rezi­piert wur­de. Wil­son ent­schließt mit Julia zusam­men, dem Gro­ßen Bru­der zu ent­sa­gen, ohne frei­lich oppo­si­tio­nell aktiv zu wer­den – es han­delt sich schlicht um ein Gedan­ken­ver­bre­chen und uner­laub­ten Koitus; sie sind also nicht ein­mal akti­ve Staats­fein­de oder Whist­leb­lo­wer, die man aus oppo­si­tio­nel­ler Sicht als Volks­hel­den dekla­rie­ren könn­te. Er ent­larvt nur mit Julia im Stil­len eini­ge Ver­bre­chen des tota­li­tä­ren Über­wa­chungs­staa­tes und gilt den­noch als Feind des Staa­tes und des Eng­li­schen Sozia­lis­mus´. Die Kon­se­quenz ist eine Gedan­ken­ma­ni­pu­la­ti­on und Fol­ter, bis Wil­son und Julia ein­an­der ent­sa­gen und ex ani­mo ihre Lie­be zum Gro­ßen Bru­der und damit dem ver­meint­lich schüt­zen­den Unrechts­staat beken­nen, der ihre Exis­tenz zer­nich­tet.

Ein ande­res Bei­spiel, das aber poli­tisch und poe­tisch in sei­ner Dop­pel­mo­ral und Här­te miss­lun­gen ist, wäre noch das Lehr­stück Die Maß­nah­me vom gro­ßen Ber­tolt Brecht. Dar­in bele­gen eini­ge Revo­lu­tio­nä­re einem Genos­sen, war­um sein von Mit­leid und Nächs­ten­lie­be gepräg­tes indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten schäd­lich für Revo­lu­ti­on und Gesell­schaft sei, da poli­ti­sches Agie­ren, vor allem in Zei­ten des Umstur­zes, nur mit Gewalt im Kol­lek­tiv der ver­meint­lich kaum fehl­ba­ren Par­tei ablau­fen kön­ne. Die Fol­ge ist die Hin­rich­tung des empa­thi­schen Genos­sen. Hier wur­de er sogar unfrei­wil­lig – er sah sich als durch­aus kon­form und sozi­al­re­vo­lu­tio­när – zum Volks­feind, da er es gewagt hat­te, aut­ark zu han­deln. Kein Wun­der, dass die­se voll­kom­men miss­lun­ge­ne Bot­schaft des Stü­ckes sowohl im damit als herz­los und bru­tal ent­larv­ten Sowjet­sys­tem als auch bei jeg­li­chen Kri­ti­kern des Sozia­lis­mus´ harsch kri­ti­siert wur­de – Brecht hät­te damit selbst zum schein­ba­ren Volks­feind in der DDR wer­den kön­nen.

US-Präsident Barack Obama (Quelle: Wikimedia Commons/ Magnus Manske).

US-Prä­si­dent Barack Oba­ma, ein nicht sehr fried­li­cher Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger (Quel­le: Wiki­me­dia Commons/ Magnus Mans­ke).

Dem auf­de­cken­den, oppo­si­tio­nel­len schein­ba­ren Volks­feind wird ergo für gewöhn­lich der Scha­den zuge­schrie­ben, den das mehr oder weni­ger inten­dier­te Publi­zie­ren oder Offen­le­gen ver­ur­sacht; dabei sind die Täter doch die, die sich beschwe­ren, da sie men­schen­rechts­wid­rig oder dumm agie­ren und jetzt die Kon­se­quen­zen tra­gen sol­len.

Ein schein­ba­rer Volks­feind kann natür­lich nicht nur ein akti­ver oder pas­si­ver Oppo­si­tio­nel­ler sein, son­dern – wie anfangs erwähnt — auch ein nicht­po­li­tisch Han­deln­der, aus einer Mino­ri­tät. Ein lite­ra­ri­sches Bei­spiel wäre die Insze­nie­rung des Anti­se­mi­tis­mus im Dra­ma Andor­ra von Max Frisch, in dem der mut­maß­li­che Jude Andri eine Kli­max an ras­si­schen Dis­kri­mi­nie­run­gen durch­lau­fen muss bis zum Tode, ohne dass er etwas Fal­sches oder Oppo­si­tio­nel­les tat oder Jude gewe­sen wäre. Neben den eth­ni­schen, ras­si­schen und kul­tu­rel­len Mino­ri­tä­ten, kann es auch die sozia­len geben, die ger­ne zum Volks­feind sti­li­siert wer­den, nur weil sie in der Unter­zahl sind. So wie etwa die Wirt­schafts­kri­se der 1930er unkor­rekt einem ver­meint­li­chen inter­na­tio­na­len Finanz­ju­den­tum zuge­schrie­ben wur­de, gilt heu­te oft das Pre­ka­ri­at als sozia­ler Sün­den­bock und öko­no­mi­scher Volks­feind, da es dem Sozi­al­staat zu viel Geld kos­te, was natür­lich aus­ge­rech­net von Tei­len der Ober­schicht und des maß­lo­sen Neo­li­be­ra­lis­mus – der die Finanz­kri­se erst ver­ur­sach­te – moniert wur­de. So belei­dig­te ja einst Gui­do Wes­ter­wel­le den Hartz-IV-Emp­fän­ger als spät­rö­misch-deka­dent, wäh­rend ein Teil der FDP-Kli­en­tel in Saus und Braus die Wirt­schaft rui­nier­te. So zeigt auch das Pri­vat­fern­se­hen im Rea­li­ty-TV täg­lich wie lebens­un­taug­lich und aso­zi­al Hartz-IV-Emp­fän­ger sei­en, indem sie fal­sche Ste­reo­ty­pen repro­du­zie­ren und damit einen Volks­feind, da aso­zi­al und para­si­tär, künst­lich gene­rie­ren und amü­sie­ren sich dabei zu Tode (wie die sozio­öko­no­mi­sche und ‑kul­tu­rel­le Unter­schicht zum Volks­fein­den und Sün­den­bock der Gesell­schaft sti­li­siert wird, wird lite­ra­risch unter ande­rem in mei­ner Kur­ge­schich­ten­samm­lung „Koitus mit der Meer­jung­frau“, aber auch zuneh­mend von eini­gen Sozi­al­kri­ti­kern ver­ar­bei­tet). Ein sol­cher schein­ba­rer sozia­ler oder kul­tu­rel­ler Volks­feind, der natür­lich kei­ner ist, kann als Bau­ern­op­fer der wah­ren Volks­fein­de fun­gie­ren, die so von eige­ner Schuld ablen­ken, oder aus ideo­lo­gi­scher Ver­blen­dung ent­ste­hen.

Der ech­te Volks­feind: poli­ti­sche Ego­is­ten?

Streng vom schein­ba­ren Volks­feind als Oppo­si­tio­nel­ler oder Teil der Mino­ri­tät zu sepa­rie­ren ist näm­lich der ech­te Volks­feind. Er ist der, der tat­säch­lich aus Ego­is­mus und –zen­trik gegen das Volk vor­geht. Damit sein Wir­ken der Majo­ri­tät des Vol­kes scha­den kann, muss sein Ein­fluss sehr groß sein, sprich, er ist meist unter den Rei­chen und Mäch­ti­gen zu suchen. Die­se Kon­ne­xi­on ist zwar ein Trend, aber kei­nes­falls obli­ga­to­risch und schon gleich gar nicht ist jeder Wohl­ha­ben­de oder Poli­ti­ker auto­ma­tisch ein Volks­feind. Es kann sich dabei um ver­schie­de­ne Arten von feind­li­chen Akteu­ren han­deln: um jeman­dem, der in einer Gesell­schaft, die sozio­öko­no­misch extrem aus­ein­an­der­klafft in maß­lo­ser Deka­denz lebt, anstatt par­ti­ell die sozia­le Lage zu ver­bes­sern; um Kon­zer­ne, die aus Pro­fit­gier unse­re Umwelt zer­nich­ten; um das orga­ni­sier­te Ver­bre­chen, a la Mafia; um Poli­ti­ker, die im Namen des Vol­kes Krie­ge erklä­ren, fol­tern, kor­rupt sind oder kei­ne Basis­de­mo­kra­tie wol­len, weil der Bür­ger zu dumm sei, viel­mehr die Demo­kra­tie markt­kon­form sein müs­se. All dies sind Volks­fein­de, da sie dem Volk nach­hal­tig scha­den. Da die­se Akteu­re jedoch einen gewis­sen Ein­fluss haben, wer­den sie nur sel­ten oder nicht in Gän­ze als Volks­feind ent­larvt oder zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen. Ein kon­kre­tes poli­ti­sches Bei­spiel: Der US-Prä­si­dent erwies sich durch sei­nen Ein­satz von Droh­nen und der glo­ba­len Über­wa­chung (trotz Frie­dens­no­bel­preis) sogar als Feind des Welt­vol­kes, des­sen uni­ver­sel­le Men­schen­rech­te und ‑wür­de er igno­rier­te und negier­te, im Namen der natio­na­len Seku­ri­tät im War on Ter­ror. Aber nicht er wird ver­hetzt, son­dern Snow­den, der kei­nen die­ser Men­schen­rechts­ver­stö­ße beging, son­dern sie nur ent­larv­te.

Werbeplakat zu "Ein Volksfeind" im Stadttheater Fürth (Quelle: Stadttheater Fürth/ Thomas Langer).

Wer­be­pla­kat zu Ein Volks­feind im Stadt­thea­ter Fürth (Quel­le: Stadt­thea­ter Fürth/ Tho­mas Lan­ger).

Lite­ra­risch kön­nen wir zu Ibsens Volks­feind zurück­keh­ren, in dem die fak­ti­schen Volks­fein­de auch die sind, die im Namen des Vol­kes Dr. Stock­mann kri­ti­sie­ren und anpran­gern, da die loka­len wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen durch die Wahr­heit gefähr­det sind. Selbst die Mei­nung der von der Dem­ago­gie und finan­zi­el­len Befürch­tun­gen mani­pu­lier­ten Majo­ri­tät kann die Wahr­heit nicht per Dekret abschaf­fen, beweist uns das Dra­ma! Wenn aus dem Rousseau´schen Gemein­wil­len des Vol­kes ein vom fak­ti­schen Volks­feind ver­un­glimpf­ter Gesamt­wil­le wird, so kann das Volk schnell einen oppo­si­tio­nel­len Volks­hel­den als Volks­feind sehen.

Bert Brechts Volks­fein­de

Wei­te­re lite­ra­ri­sche Bei­spie­le des fak­ti­schen Volks­fein­des fin­den wir erneut bei Brecht: In sei­nem Dra­ma Der auf­halt­sa­me Auf­stieg des Arturo Ui wird der Auf­stieg Hit­lers beleuch­tet und wie er sich, um die Macht zu ergat­tern und tota­li­tär zu sichern, Grup­pen als Volks­fein­de dekla­riert, die ent­we­der oppo­si­tio­nell sind (in unse­rem Sin­ne wie­der Volks­hel­den) oder wie­der ras­si­sche Min­der­hei­ten sind. Der wah­re Feind ist damit natür­lich Arturo Ui, der dem­ago­gisch sowie popu­lis­tisch die Macht von natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Kräf­ten erhält und dann dem Volk als Dik­ta­tor nach­hal­tig scha­det und es unter­drückt sowie aus­dünnt. Wie bei Frischs Andor­ra wird ein ras­si­scher, nur schein­ba­rer Volks­feind künst­lich gene­riert, um die Volks­feind­schaft der Herr­schen­den zu sichern, ohne dass der schein­ba­re Volks­feind ein Dis­si­dent wäre. Dies deckt Brecht auch in Die Rund­köp­fe und die Spitz­köp­fe auf, des­sen Quint­essenz, wie die eines Gros sei­ner Lyrik, bele­gen will, dass kei­ne ver­meint­li­chen Ras­sen Fein­de sei­en, son­dern dass der fak­ti­sche Volks­feind der Natio­na­lis­mus und der aus­beu­ten­de Kapi­ta­lis­mus sei­en.

Auch anwen­den lässt sich Brechts Dra­ma Das Leben des Gali­lei, das wie­der etwas Ibsens Stück ähnelt. Gali­leo Gali­lei deckt – in Anschluss an Koper­ni­kus — Wahr­hei­ten über das Son­nen­sys­tem auf und bringt das theo­zen­tri­sche Welt­bild ins Wan­ken, mit sei­nen phy­si­ka­li­schen Erkennt­nis­sen. Papst Urban VIII, selbst ein Mathe­ma­ti­ker, sieht die­se Tat­sa­chen ein, will sie aber, zwecks Macht­er­halts, ver­un­glimp­fen und bekämp­fen. Gali­lei gilt als Feind, wird dik­ta­to­risch zen­siert, obwohl er nur die wis­sen­schaft­li­che Wahr­heit belegt. Der fak­ti­sche Volks­feind ist die lügen­de  katho­li­sche Kir­che, nicht Gali­lei. Die­ses Stück zeig­te dabei nicht nur die­se ver­dreh­ten Ver­hält­nis­se und die Ver­ant­wor­tung der Wis­sen­schaft im Ange­sicht der Atom­bom­ben­ab­wür­fe in Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki, son­dern wur­de spä­ter auch als impli­zi­te, aber zum Him­mel schrei­en­de Kri­tik an der auto­ri­tär-repres­si­ven DDR erkannt, etwa in ihrer Auf­füh­rung im Ber­li­ner Ensem­ble, unter Brechts Regie.

Bertolt Brecht (Quelle: Wikimdia Commons/ Mbdortmund).

Ber­tolt Brecht (Quel­le: Wiki­me­dia Commons/ Mbdort­mund).

Hal­ten wir also fest: Die zwei Arten von Volks­fein­den sind Ant­ago­nis­ten, die dia­me­tral aus­ein­an­der­lau­fen. Der ech­te Volks­feind genießt meist Macht und Geld und han­delt aus Ego­is­mus, sprich, um Macht und Geld zu erhal­ten und zu meh­ren, zum Scha­den des Vol­kes. Deckt dies der schein­ba­re Volks­feind mutig auf — ob er es nun als Whist­leb­lo­wer in die Welt schreit oder nur im klei­nen Kreis wie Win­ston Smith -, dif­fa­miert der ech­te Volks­feind ihn erst und will die Wahr­heit ver­tu­schen oder er sucht sich aus einer Min­der­heit ein Bau­ern­op­fer als ande­ren schein­ba­ren Volks­feind. Viel­leicht ist es an der Zeit, die­sen per­ver­sen und per­fi­den Chi­as­mus umzu­dre­hen und der Wahr­heit, den Men­schen­rech­ten und der Zivil­cou­ra­ge ihren legi­ti­men Platz ein­zu­räu­men.

Phil­ip J. Din­gel­dey

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