Ichzeit und Essayzeit

Das Individuum alleine mit der Zeit (Quelle und Urheber: pixelio.de/ Wolfgang Pfensig)

Das Indi­vi­du­um allei­ne mit der Zeit (Quel­le und Urhe­ber: pixelio.de/ Wolf­gang Pfen­sig)

Der Autor Maxim Bil­ler schrieb ein­mal im Feuil­le­ton der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung einen Auf­satz namens Ich­zeit. Über die Epo­che, in der wir schrei­ben. Dar­in woll­te er bele­gen, dass sich im ver­gan­ge­nen Vier­tel­jahr­hun­dert in der Lite­ra­tur eine bestimm­te Art des Schrei­bens her­aus­ge­bil­det habe. Die­se Epo­che nennt Bil­ler Ich­zeit. Zusam­men­ge­fasst bedeu­tet dies unge­fähr das Fol­gen­de:

Die erfolg­rei­chen Roma­ne der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit sei­en in der ers­ten Per­son Sin­gu­lar ver­fasst. Sie wür­den dabei jedoch nicht nur ein­fach in die­ser Wei­se erzäh­len – der Erzäh­ler mimt sich also nicht all­wis­send und all­mäch­tig -, son­dern sie wür­den ihre eige­nen Erleb­nis­se krass und über den Gren­zen des Gesun­den gehend erzäh­len. Das Ich-Indi­vi­du­um gera­te in den Vor­der­grund – zu Unguns­ten der Ideo­lo­gi­en, der Post­mo­der­ne und den Erzähl­wei­sen, wie sie etwa die Grup­pe 47 ver­tritt. Dadurch gebä­ren Autoren sich nicht mehr als aukt­oria­le Tyran­nen, son­dern mit ihren gan­zen Kör­per und ihrer gan­zen See­le für die selbst gefühl­te oder erfah­re­ne Geschich­te. Er fol­gert dar­aus:

Die Lite­ra­tur braucht wie­der ein star­kes , glaub­haf­tes, mit­rei­ßen­des, sug­ges­ti­ves Erzäh­ler-Ich, das stärks­te, das es je gab – sonst hört ihr uns, die tief emp­fin­den­den Dich­ter, im immer lau­ter wer­den­den Medi­en­lärm nicht mehr.

Flap­sig for­mu­liert er, durch die­se Grenz­wer­tig­keit in unse­rer medi­en­um­lärm­ten, glo­ba­li­sier­ten und beschleu­nig­ten Welt, dür­fe der Lite­rat auch kei­ne Geschich­ten aus der pathe­ti­schen Distanz schil­dern, wie es der Rea­lis­mus tat, son­dern müs­se etwa statt Balzac eher wie Brit­ney Spears wir­ken, die gera­de im Absturz sich medi­en­wirk­sam die Haa­re schert. Es geht um Cha­rak­te­re, deren Exis­ten­zen ent­we­der grenz­wer­tig oder schon geschei­tert sind, die Ent­frem­dung immer spür­bar und die Extre­mi­tä­ten unse­rer beschleu­nig­ten und ver­netz­ten Zeit. Ich wür­de es den inten­siv gespür­ten Abge­fuckt-Fak­tor nen­nen! Bil­ler führt zahl­rei­che Bei­spie­le an – von Rai­nold Goe­tz´ Irre, über Chris­ti­an Krachts 1979, zu Hele­ne Hege­manns Axo­lotl Road­kill.

Maxim Bil­lers Ich­zeit

Natür­lich ist Bil­lers Arti­kel sehr emo­tio­nal und etwas ein­sei­tig. So ver­wirft er etwa die Grup­pe 47 als nutz­los und kommt zu der Auf­fas­sung, dass man sich bald an Jona­than Fran­zen nicht mehr erin­nern wer­de, weil er eben nicht in der Ich­zeit schrei­be, obwohl heu­te noch sein Roman Frei­heit als epo­chal gilt, der zeit­geist­lich die USA regel­recht ein­at­met, ob man sei­nen Pathos nun akzep­ta­bel oder über­sti­li­siert und über­bor­dend fin­det. Bil­lers Hypo­the­se ist dies­be­züg­lich natür­lich höchst unwahr­schein­lich. Außer der Ich­zeit gibt es noch vie­le wei­te­re Lite­ra­tur­ar­ten, wie den Fami­li­en­ro­man, der wie­der Auf­wind erfährt oder post­mo­der­ne Erzähl­for­men, von denen ich die Mei­nung habe, dass auch sie ihren Platz in der Lite­ra­tur ver­dient haben, mehr jeden­falls als medi­al-kapi­ta­lis­ti­sche Effekt­ha­sche­rei. Unse­re lite­ra­ri­sche Epo­che ist näm­lich viel zu hete­ro­gen, um sie auf so eine ein­fa­che For­mel zu brin­gen, beson­ders da die Ich­zeit nicht auf die Lyrik zutrifft und in der Dra­ma­tik dage­gen schon lan­ge zuvor teils einen Ein­zug gefun­den hat. Eine evo­lu­tio­nä­re Über­le­gen­heit der Ich­zeit in unse­rer Welt ist unwahr­schein­lich, trotz dem Poten­zi­al der Ich­ge­schich­ten. Dadurch ist es schwer bis unmög­lich, unse­re hete­ro­ge­ne Epo­che, die man ergo kaum oder gar nicht cha­rak­te­ri­sie­ren, ja, kaum als intel­lek­tu­el­le Epo­che titu­lie­ren könn­te, auf einen so sim­pli­fi­zie­ren­den Begriff wie Ich­zeit zu kom­pri­mie­ren, es sei denn, es wür­de allein die­se Ich­zeit über­le­ben und die ande­ren Gat­tun­gen unter­ge­hen, wie es Bil­ler teils hoch uto­pisch (oder de fac­to doch dys­to­pisch?) pro­gnos­ti­ziert.

Nichts­des­to­trotz wol­len wir anneh­men, dass Bil­ler in sei­nem Auf­satz ein gutes, wenn auch wenig aus­ge­feil­tes Modell respek­ti­ve Kon­zept ent­wor­fen hat. Neh­men wir also die­ses eigent­lich zu ver­ein­fa­chen­de Modell und stel­len als rich­tig dar, dass es in den letz­ten 25 Jah­ren tat­säch­lich vie­le Roma­ne der beschrie­be­nen Art gab, die öfter eine hohe Qua­li­tät und viel Poten­zi­al — neben ande­ren Gat­tun­gen – haben. Das ist hier für mein Kon­zept der Essay­zeit die not­wen­di­ge Prä­mis­se, der wohl vie­le Leser auch zustim­men. Mit die­sem Vor­wis­sen, kön­nen wir ein erwei­ter­tes Kon­zept ent­wer­fen.

Das Modell der Essay­zeit, das ich hier ent­wer­fen möch­te, kann eher für sich in Anspruch neh­men, gene­rell auf unse­re Epo­che zu pas­sen; jedoch ist natür­lich auch das nicht all­ge­mein­gül­tig, da in unse­rer Epo­che – wie beschrie­ben – kei­ne kom­plet­te Gleich­set­zung oder Ver­ein­fa­chung mög­lich ist. Ich behaup­te nicht, dass die­ses Kon­zept evo­lu­tio­när oder revo­lu­tio­när über­le­gen sei und des­we­gen die ande­ren Gat­tun­gen über­le­ben wür­de, wie es Bil­ler für die Ich­zeit pos­tu­liert. Ich behaup­te auch nicht, dass ande­re Gat­tun­gen nun kei­ne Daseins­be­rech­ti­gun­gen mehr hät­ten, da die Essay­zeit viel bes­ser sei. Nein, ich behaup­te nur, dass die Essay­zeit in den letz­ten Jahr­zehn­ten zuge­nom­men hat, dies im Kon­text zur skiz­zier­ten Ich­zeit ste­he und die­ses Kon­zept viel Poten­zi­al besitzt.

Die Essay­zeit in der Lite­ra­tur

Briteny Spears - das lebende Symbol des Abgefuckt-Faktors (Quelle: Wikipedia Commons/ Braian s 09).

Brit­ney Spears — das leben­de Sym­bol des Abge­fuckt-Fak­tors (Quel­le: Wiki­me­dia Commons/ Brai­an s 09).

Doch was ist nun die­se omi­nö­se Essay­zeit? Ich mei­ne damit etwas sehr ein­fa­ches, prin­zi­pi­ell Simp­les: In die­ser Zeit erschei­nen in der Lite­ra­tur immer mehr Ver­schmel­zun­gen mit der Gat­tung des Essays. Die fik­ti­ve Sto­ry eines Romans, einer Erzäh­lung, Novel­le, Kurz­ge­schich­te oder der­glei­chen wird ver­mischt mit die­ser Art der geis­tes­wis­sen­schaft­lich-lite­ra­ri­schen Abhand­lung.

Die­se Defi­ni­ti­on ist natür­lich sehr schwam­mig. Das ist jedoch, wenn es um den Essay geht, unver­meid­bar. Denn die Gat­tung des Essays selbst ent­zieht sich einer ein­deu­ti­gen Defi­ni­ti­on. Dadurch ist er wohl die freis­te, inter­tex­tu­el­le Form des Schrei­bens. Meist han­delt es sich um einen sach­li­chen, non­fik­tio­na­len Text, der jedoch in der Art des Vor­ge­hens und der Beschrei­bung eine Misch­form zwi­schen sach­li­cher Abhand­lung und lite­ra­ri­schem Werk dar­stellt. Er kann sub­jek­tiv sein, muss es aber nicht. Er kann auch Per­sön­li­ches beinhal­ten, muss aber nicht. Bei aller Sub­jek­ti­vi­tät soll­te der Inhalt aber nach­voll­zieh­bar sein. Er darf fik­ti­ve Erzähl­for­men anneh­men, zum Beschrei­ben des Rea­len. Trotz mög­li­cher Sach­lich­keit, viel­leicht sogar Wis­sen­schaft­lich­keit, muss er nicht wis­sen­schaft­lich bele­gen. Nichts muss, aber fast alles darf, wie im Swin­ger-Club. Klar ist nur, dass er die Din­ge in ihrer All­ge­mein­heit und Über­sicht dar­stel­len soll und dem­entspre­chend kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit bean­sprucht, geschwei­ge denn The­men erschöp­fend bear­bei­tet. Die Län­ge ist nicht fixiert: Es gibt ein­sei­ti­ge Essays, bis zu sol­chen von unge­fähr 300 Sei­ten. Die­se äußerst freie, lite­ra­ri­sche, aber non­fik­tio­na­le Dar­stel­lungs­form kann eine Her­aus­for­de­rung für den Autor dar­stel­len, wird des­we­gen ger­ne gewählt und gilt als eine Art schrift­stel­le­ri­sche König­dis­zi­plin. Eini­gen wir uns also schlicht auf die hier oben genann­ten Cha­rak­te­ris­ti­ka und beson­ders eine Mix­tur aus Fakt und Fik­ti­on.

Durch die­se enor­me Frei­heit und mög­li­che lite­ra­ri­sche Qua­li­tät, bie­tet sich der Essay als geis­ti­ge Abhand­lung auch für die fik­tio­na­le Lite­ra­tur, wie für den Roman und die Erzäh­lung etc. an – und das ist es, wor­auf wir hier hin­aus wol­len.

Zwi­schen Phi­lo­so­phie, Sozi­al­kri­tik und Lite­ra­tur

Genau die­ses ent­schei­den­de Cha­rak­te­ris­ti­kum führt zu jener Affi­ni­tät zwi­schen Essay und rein fik­tio­na­ler Lite­ra­tur. Oft war ein Autor, noch zu sog. ideo­lo­gi­schen Zei­ten, also vor der sog. Ich­zeit, geneigt, sei­ne Mei­nung und Inten­ti­on anzu­spie­len oder deut­lich aus­zu­spre­chen, indem er einen Prot­ago­nis­ten oder auch einen aukt­oria­len Erzäh­ler einen klei­nen Essay in Form eines Mono­logs hal­ten ließ. Dies fin­den wir in äuße­rer Mono­log­form auch im Dra­ma, beson­ders im pro­gres­si­ven Block, etwa bei Schil­ler, Brecht, Tol­ler, Bern­hard und vie­len ande­ren. Das hat aber eben nichts mit der Ich­zeit zu tun. Die­se Art der Mei­nungs­äu­ße­rung — dass ein kur­zer essay­is­ti­scher Abschnitt von höchs­tens zwei bis drei Sei­ten oder weni­gen Vor­trags­mi­nu­ten in der fik­ti­ven Geschich­te statt­fin­det, zu Phi­lo­so­phie oder Gesell­schaft, die die kon­kre­te fik­ti­ve Hand­lung, auf ein abs­trak­tes und rea­les Niveau hebt – ist etwas all­täg­li­ches. Hier bie­tet sich die Sach­text­art des Essays am bes­ten an, wegen sei­ner Misch­form zwi­schen Lite­ra­tur und Wis­sen­schaft. Geför­dert wur­de die­ser Trend noch durch die per­so­na­le Ver­schmel­zung von Phi­lo­so­phie und Dich­tung. Denn Per­so­nen wie Badiou, Sart­re, Camus, Beau­voir, Rous­se­au, Schil­ler etc. waren/sind bei­des: Phi­lo­so­phen und Dich­ter. Dadurch war es nahe­lie­gend, dass die­se Hybri­den ers­tens schon eine Affi­ni­tät für die Misch­form Essay, als auch für den Ein­bau essay­is­ti­scher Ele­men­te in die fik­ti­ve Dich­tung haben. Jedoch wird der essay­is­ti­sche Abschnitt – auch zur Refle­xi­on, der den Fort­gang der Hand­lung kurz zum Ste­hen bringt – ein­ge­scho­ben und wird klar von der eigent­li­chen Hand­lung abge­grenzt. Das also war Gang und Gäbe seit der Exis­tenz der fik­tio­na­len Lite­ra­tur und stellt allein aber kaum etwas Erwäh­nens­wer­tes dar.

Die Ich­zeit — als ein erfolg­rei­cher Teil unse­rer Epo­che – bot und bie­tet das Poten­zi­al, die­se alte Mischung zu ver­stär­ken, aus­zu­brei­ten und zu syn­the­ti­sie­ren — zu gera­de­zu essay­is­ti­schen Erzähl­for­men der fik­tio­na­len Lite­ra­tur. Denn wenn das Indi­vi­du­um in der ers­ten Per­son Sin­gu­lar in den Vor­der­grund tritt, so tre­ten wir beim Lesen voll und ganz in die­sen Cha­rak­ter ein, atmen sei­ne Luft, leben und füh­len sein Leben, sau­gen das Mark sei­ner Exis­tenz in uns auf – ohne die alte Distanz zu wah­ren, die noch der moder­ne Roman auf­ge­baut hat, aber mit der ewi­gen Ent­frem­dung. Die feh­len­de Distanz und dass der Autor eben mit sei­nem Leben, sei­ner Exis­tenz für den Ich-Erzäh­ler bürgt, bewir­ken, dass man auch einen kon­kre­ten und ech­ten Ein­druck in die Gedan­ken und Gefüh­le des Erzäh­lers und auch des Autors erhält, tie­fer als frü­her, da die Inten­si­tät gestei­gert wer­den soll. Das kann auch dazu füh­ren, dass der Erzäh­ler sich ewig in Gedan­ken ver­strickt, die über die kon­kre­te Hand­lung abs­trak­te­res Niveau errei­chen. Die­se Beschrei­bung kann nun aus­ar­ten, in viel län­ge­re Essays als zuvor, da sich im Gedan­ken oft Essays ent­wi­ckeln, deren Niveau mit dem Intel­lekt des Cha­rak­ters steigt. Dies ist in den post­mo­dern-unsi­che­ren (ent­ideo­lo­gi­sier­ten?) Zei­ten frei­lich eher dia­lek­tisch oder unsi­cher phi­lo­so­phie­rend und abwä­gend, wie der Essay und weni­ger rein kom­men­tie­rend. Auch da eher der Essay hier benutzt wird, statt dem blo­ßen Kom­men­tar zum aktu­el­len Gesche­hen, steigt die lite­ra­ri­sche Qua­li­tät der Geschich­te. Wir erhal­ten sinn­voll einen tie­fe­ren Ein­blick, wie der Ich-Erzäh­ler die rea­le Welt inter­pre­tiert – wenn mög­lich so auf kunst­vol­le Art und Wei­se. Die­se Mischung bie­tet nur der Essay!

Auf­fäl­lig erscheint in die­ser Essay­zeit nicht nur exzes­si­ve Gebrauch essay­is­ti­scher Mit­tel in einen fik­tio­na­len lite­ra­ri­schen Text, son­dern viel­mehr die Syn­the­se mit der fik­ti­ven Hand­lung. Das heißt also, der Leser kann letzt­end­lich nicht mehr klar unter­schei­den, was nun der fik­ti­ve Fort­gang ist und was rei­ner Essay. Denn wenn man nur die Schil­de­rung und Wahr­neh­mung des extre­men Ichs ver­mit­telt bekommt, ist die­se Unter­schei­dung zuwei­len schwer bis unmög­lich; beson­ders wenn Prot­ago­nist, Erzäh­ler und Autor ver­schmel­zen, über­rascht die Ver­schmel­zung von Dich­tung und Essay­is­tik nicht mehr.

Essay­ro­ma­ne

So fin­den wir schon im letz­ten Drit­tel des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts Essay­ge­schich­ten. So schrieb etwa Bern­ward Ves­per, der ehe­ma­li­ge Lebens­ge­fähr­te der spä­te­ren RAF-Ter­ro­ris­tin Gud­run Ens­slin, mit dem Buch Die Rei­se einen sog. Roma­n­es­say. Die­ser von den ´68ern gepräg­te Text, zeigt gut die Syn­the­se von Roman und Essay im Indi­vi­du­um, das Gesche­hen und Cha­rak­te­re reflek­tiert. Auch der ZEIT-Feuil­le­to­nist Adam Soboc­zin­sky schrieb mit Glän­zen­de Zei­ten eben einen Roman, der nach eige­nen Anga­ben nur fast ein Roman ist, da der Ich-Erzäh­ler ewig essay­is­ti­sche inne­re Mono­lo­ge hält, die direkt sei­ne all­täg­li­che Umge­bung beschrei­ben und inter­pre­tie­ren. Auch hier geht es um Rand­exis­ten­zen unse­rer Gegen­wart. So wird hier etwa lan­ge über das Rauch­ver­bot im inne­ren Mono­log dis­ku­tiert. Hier zei­gen sich aber kei­ne Inten­tio­nen des Autors, der etwa gegen das Rauch­ver­bot oder der­glei­chen ist, son­dern nur die Über­le­gun­gen des Erzäh­lers, der auch unschlüs­sig hin und her laviert. Er ver­sucht zu einem Schluss zu kom­men, aber ein Essay ist eben nicht mehr, als ein Ver­such, wie der Name schon sagt. Auch ich selbst habe schon in der kür­ze­ren Pro­sa­form ver­sucht die Essay­zeit anzu­wen­den.

In mei­ner Kurz­ge­schich­te Das Wat­te­zeit­al­ter (aus mei­ner Pro­sa­samm­lung Koitus mit der Meer­jung­frau) beschreibt eine jun­ge Frau am Bahn­hof zunächst nur die trost­lo­se, graue und win­ter­li­che Umge­bung, bis sie sich auf ein dickes Mäd­chen fixiert und sozi­al­kri­tisch und kul­tur­pes­si­mis­tisch im inne­ren Mono­log einen Essay ent­wi­ckelt zum Schlank­heits­wahn a´ la Size Zero. Obwohl sie eini­ges zu ana­ly­sie­ren scheint, wird jedoch klar, dass sie sich selbst nicht davon ret­ten kann, selbst in den Stru­del gera­ten ist und auch Gedan­ken im Ent­wick­lungs­sta­di­um wie­der ver­wirft, da sie nicht dar­über nach­den­ken will. Die Erzäh­lung ist also die meis­te Zeit ein ver­wor­re­ner, auch teils unstruk­tu­rier­ter Essay – so wie Gedan­ken eben oft sind -, ein­ge­bet­tet in die Rah­men­hand­lung der War­ten­den und Beob­ach­ten­den am Bahn­hof. Auch hier wird die Unter­schei­dung zwi­schen Dich­tung und Essay schwer. Die eigent­li­che Hand­lung umschließt zwar ganz klar das ein­deu­tig essay­is­ti­sche Zen­trum um den Schlank­heits­wahn; aber die­se eigent­li­che Hand­lung ist eben­so ver­mischt mit nach­denk­li­chen, zyni­schen und essay­is­ti­schen Bemer­kun­gen zum Gesche­hen. Und auch im Thea­ter, wo episch-essay­is­ti­sche Ele­men­te schon seit dem gro­ßen Ber­tolt Brecht ein­zo­gen, erhält einen neu­en Push mit Elfrie­de Jel­lin­eks Dra­men­es­say Rhein­gold.

Rück­bli­ckend lässt sich über die Essay­zeit bilan­zie­ren, dass sie die schon lan­ge vor­han­de­ne Ein­glie­de­rung des Essays in die fik­tio­na­le Lite­ra­tur, mit der Ich­zeit nahe­zu pro­por­tio­nal zunimmt, zu rich­ti­gen Roma­n­es­says etc. So wird der Cha­rak­ter des Ich-Erzäh­lers — der radi­kal dar­ge­legt wird, über vie­le Gren­zen hin­weg – durch sei­nen eige­nen Essay dar­ge­legt. Der Essay bie­tet sich durch sei­ne Misch­form und non­fik­tio­na­le, aber lite­ra­ri­sche Frei­heit gera­de­zu an. Dabei ist das nicht ein­fach nur eine Ein­glie­de­rung des­sen in die Dich­tung, son­dern eine Syn­the­se, die eine Unter­schei­dung kaum bis unmög­lich macht.

Dier för­der­li­che Ver­bin­dung von Ich­zeit und Essay­zeit

Jedoch ist die Ver­bin­dung von Essay- und Ich­zeit nicht obli­ga­to­risch, aber för­der­lich. Die Essay­zeit muss dabei auch nicht zwangs­wei­se ideo­lo­gi­siert oder ent­ideo­lo­gi­siert sein, kann sich sogar die­ser Unter­tei­lung und Ter­mi­no­lo­gie ent­zie­hen. Es wür­de sich auch anbie­ten, dass der Cha­rak­ter des Ich-Erzäh­lers, die Inten­si­tät und die Grenz­erfah­run­gen schon hin­ter sich hat und zynisch und resi­gniert, inner­lich schon den leben­den Zustand ver­las­sen hat, aber nicht see­len­tot ist. Ein sol­cher Cha­rak­ter wäre ein Resul­tat aus der kras­sen, sozi­al­kal­ten Ich­zeit. Es gibt nicht mehr viel zu füh­len, der Cha­rak­ter wür­de viel­leicht sogar an Genau­ig­keit ver­lie­ren und schwam­mi­ger wer­den, wie ein Schat­ten sei­ner selbst. Ein sol­cher schon abge­bau­ter Cha­rak­ter der Ich­zeit – hier wäre also unklar, ob das noch zur Ich­zeit oder eine Fol­ge des­sen zu rech­nen ist – könn­te viel tro­cke­ner, aber auch bös­ar­ti­ger und ent­täusch­ter einen inne­ren Essay inner­halb der Erzäh­lung hal­ten. Da der Cha­rak­ter schon eher sche­men­haft ist, wür­de dies den Essay in der Erzäh­lung noch zen­tra­ler erschei­nen las­sen.

Die Essay­zeit wächst mit der Ich­zeit, ist aber nicht an die­se gebun­den – sie exis­tier­te abge­mil­dert schon zuvor, zieht auch abge­mil­dert in die ande­ren aktu­el­len Erzäh­lungs­for­men ein – und kann auch nach der Ich­zeit, wenn der Cha­rak­ter schon abge­baut ist, noch exis­tie­ren, zuun­guns­ten des Prot­ago­nis­ten­cha­rak­ters, viel­leicht dadurch noch stär­ker und inten­si­ver. Dadurch hof­fe ich, dass der Begriff Essay­zeit — als inten­si­ve­ren Gebrauch der Essay­is­tik in der fik­tio­na­len Lite­ra­tur – noch bes­ser die aktu­el­le Lite­ra­tur erfasst, als der viel­ver­spre­chen­de Begriff der Ich­zeit.

Phil­ip J. Din­gel­dey

 

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