Marx und die Demokratie

Marx­fans, auf­ge­passt! Wenn euer Weih­nachts­geld noch nicht ver­plant ist, dann könn­te sich Miguel Aben­sours Buch Demo­kra­tie gegen den Staat, erschie­nen im Suhr­kamp Ver­lag und aus dem Fran­zö­si­schen sou­ve­rän über­setzt von Andrea Hem­min­ger, loh­nen. Dar­in geht der poli­ti­sche Phi­lo­soph Aben­sour auf die anti­staat­li­che Demo­kra­tie­theo­rie des jun­gen Karl Marx ein.

Karl Marx im Jahr 1875 (Quelle: Wikipedia Commons/ Kentin).

Karl Marx im Jahr 1875 (Quel­le: Wiki­pe­dia Commons/ Ken­tin).

Der aktu­el­le Bezug zu Marx´ Demo­kra­tie­theo­rie wird bereits anfangs gege­ben: Die gegen­wär­ti­gen, glo­ba­len Pro­tes­te gegen die Herr­schaft der Wirt­schafts­bos­se, hin zu mehr Bür­ger­be­tei­li­gung, zur Par­tiz­pa­ti­on, zur direk­ten Demo­kra­tie. Jedoch geht Aben­sours Ansatz eher in eine ande­re Rich­tung: Die aktu­el­len Dis­kur­se spie­len in sei­nem Buch weni­ger eine Rol­le als viel­mehr die frü­hen Schrif­ten von Marx sowie sei­ne ver­meint­li­chen Vor­läu­fer, durch die er ein neu­es, moder­nes Poli­tik- und Demo­kra­tie­bild ver­mit­teln möch­te — mit par­ti­el­lem Erfolg.

Aben­sour meint, in Marx´ Demo­kra­tie­theo­rie gäbe es ein machia­vel­li­sches Moment, näm­lich die säku­la­re, ja, athe­is­ti­sche Negie­rung einer Reli­gi­on in der Poli­tik, wie sie zuvor in Mit­tel­al­ter und frü­her Neu­zeit pos­tu­liert wur­de. Eine poli­ti­sche Reli­gi­on gäbe es bei bei­den Den­kern nicht. Die­ser Bezug auf Machia­vel­li spielt eine kon­ti­nu­ier­li­che Rol­le in dem Sach­buch. Zwar ist die­se Fest­stel­lung durch­aus kor­rekt und so bis­lang noch nicht oft von poli­ti­schen und  kul­tu­rel­len Theo­re­ti­kern expli­ziert wor­den, aber wohl zu kurz gegrif­fen. Denn ein sol­ches säku­la­res Welt­bild, das das Poli­ti­sche als eige­ne, ver­nunf­t­ori­en­tier­te Sphä­re der Öffent­lich­keit dar­stellt, so inter­pre­tiert Aben­sour näm­lich Marx, erin­nert eher an die klas­si­sche poli­ti­sche Phi­lo­so­phie des Aris­to­te­les, der in dem Buch aber kei­ne Rol­le spielt.

Die wil­de Demo­kra­tie

Abge­se­hen von die­sem nur teils gelun­ge­nen Ansatz des Machia­vel­li­schen im frü­hen Marx ist die­se Dar­stel­lung von Marx´ Demo­kra­tie­theo­rie ein­deu­tig lesens­wert. Die­se wil­de oder rebel­li­sche Demo­kra­tie, wie Aben­sour die­se Theo­rie nennt, ist eine ande­re Demo­kra­tie als vie­le sie heu­te sehen: ers­tens, als wesent­lich direk­ter und umfas­sen­der in den Sphä­ren von Poli­tik, Kul­tur und Sozio­öko­no­mie und zwei­tens, als zwar hoch­gra­dig poli­tisch, aber anti­staat­lich. Was zuerst para­dox anmu­tet, hat in Aben­sours Inter­pre­ta­ti­on schon Hand und Fuß: Ein Staat — auch das wirkt ein biss­chen aris­to­te­lisch — stellt immer eine Herr­schafts­form da, die Demo­kra­tie dage­gen sei eine Poli­tik der Herr­schafts­lo­sig­keit, im Sin­ne von Frei­heit und Gleich­heit.

Das gesam­te Buch liest sich flüs­sig und locker, bis auf die sehr anspruchs­vol­le Ein­lei­tung und ist äußerst inter­es­sant. Nur lei­der blei­ben die Ansät­ze von Aben­sour, wie zumin­dest auch beim jun­gen Marx, eher abs­trakt. Wie so eine herr­schafts- und non­staat­li­che, also wil­de Demo­kra­tie von­stat­ten gehen soll, ob dies dann eher eine Anar­chie, statt eine Demo­kra­tie wäre, das wird nicht auf­ge­klärt. Den­noch bie­tet es für Freun­de des marx­schen Den­kens vie­le neue und wich­ti­ge Ansatz­punk­te für einen Teil von Marx Den­ken, der vor die­sem Buch eher wenig Rezep­ti­on fand.

Miguel Aben­sour: Demo­kra­tie gegen den Staat. Marx und das machia­vel­li­sche Moment, über­setzt von Andrea Hem­min­ger, Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2012. Gebun­den, 269 Sei­ten, 24,95 Euro. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen unter: http://www.suhrkamp.de/buecher/demokratie_gegen_den_staat-miguel_abensour_58574.html

 

Phil­ip J. Din­gel­dey

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