Der Erinnerungselefant zu Besuch in Nürnberg

Urs Widmer, Quelle: Wikipedia Commons/ Dontworry

Urs Wid­mer bei einer Lesung, Quel­le: Wiki­pe­dia Commons/ Dont­wor­ry

Kein Schrift­stel­ler, der bei Trost ist, schreibt eine Auto­bio­gra­phie. So lau­tet der ers­te, selbst­iro­ni­sche Satz aus Urs Wid­mers neu­es­tem auto­bio­gra­phi­schen Pro­sa­werk Rei­se an den Rand des Uni­ver­sums, aus dem er ges­tern Abend im Lite­ra­tur­haus Nürn­berg vor­las.

Bei dem Werk han­delt es sich um einen Hybrid aus Roman und Auto­bio­gra­phie. Das Beson­de­re dar­an ist: Es hört da auf, wo ande­re anfan­gen: Wid­mers Kind­heit, Schul‑, Stu­di­en- und Lek­to­rats­zeit; Eltern­haus, Fami­lie, Freun­de, die ers­ten Lie­ben und sei­ne Frau May; Bana­les wie Dra­ma­ti­sches, Hei­te­res und Trau­ri­ges, in einer his­to­ri­schen Epo­che, zwi­schen dem Zwei­ten Welt­krieg und dem Kal­ten Krieg; und immer wie­der die Eltern, die gro­ßen Schat­ten in sei­nem Werk.

Lei­den­schaft­li­ches und leben­di­ges Vor­le­sen

Dar­aus las also der berühm­te Schwei­zer Autor vor, im zugi­gen, aus­ver­kauf­ten und mit älte­rem Bil­dungs­bür­ger­tum gehäuf­ten Lite­ra­tur­haus. Und wie er las! Sein enga­gier­tes Vor­le­sen war lei­den­schaft­lich, wit­zig, iro­nisch und leben­dig, unter­stri­chen durch nahe­zu per­fek­te Mimik, Ges­tik und Into­na­ti­on, mit mini­ma­lem, char­man­ten Schwei­zer Akzent – es war ange­neh­mer, ihm zuzu­hö­ren, als das Buch, das durch­aus zur Lang­at­mig­keit ten­diert, selbst zu lesen.

Wid­mer las in rund fünf­und­sieb­zig Minu­ten den Anfang und das Ende sei­ner auto­bio­gra­phi­schen, detail­ver­lieb­ten Rei­se vor. Begon­nen wur­de mit banal-nai­ven Kind­heits­an­ek­do­ten in klei­nen Dör­fern bei Basel, in die sich kon­ti­nu­ier­lich immer deut­li­cher der Zwei­te Welt­krieg, via Kriegs­be­rich­te, der Angst vor dem mäch­ti­gen und dunk­len Nazi-Deutsch­land, bis zu Par­odi­en Hit­lers durch sei­nen Vater – wie auch am Ende des Buches durch eine alte hes­si­sche Ärz­tin –, dräng­te. Abge­schlos­sen wur­de die Lesung mit Wid­mers ers­ten lite­ra­ri­schen Ergüs­sen, nach dem Tod des Vaters – einem Lite­ra­tur­kri­ti­ker, der nie Schrift­stel­ler wur­de und in des­sen Schat­ten er bis dahin stand – und der Hoch­zeits­rei­se nach Frank­reich und Spa­ni­en.

Auto­bio­gra­phie aus schie­rer Not

Nach einer Pau­se war noch Zeit für Fra­gen. Dabei wur­de klar, dass Wid­mer, der sich hier als freund­lich und locker ent­pupp­te, aus schie­rer Not, wie er selbst sag­te, eine Auto­bio­gra­phie schrieb, da alle auto­bio­gra­phi­schen Bezü­ge und Kon­tex­te von ihm schon in fik­ti­ve Pro­sa meta­pho­risch ver­ar­bei­tet wur­den und er sich nun an die Fak­ten mach­te. Viel­leicht sei dies daher auch das lite­ra­ri­sche Ende und er wer­de nichts mehr schrei­ben? Umso pas­sen­der für eine Auto­bio­gra­phie , dass er sich selbst einen Erin­ne­rungs­ele­fan­ten nennt, mit Zugang zu ver­schie­de­nen Erin­ne­rungs­sta­di­en; er ist sich aber der Unge­nau­ig­keit eines Gedächt­nis­ses wohl bewusst.

Zu die­ser Lesung – wie auch zu vie­len ande­re­ren, die das Lite­ra­tur­haus regel­mä­ßig ver­an­stal­tet – gab es war­me und kal­te Gerich­te, jedoch lei­der kei­nen Fisch und nichts Vege­ta­ri­sches. Die Orga­ni­sa­ti­on und der Ser­vice waren dafür gut. Wenn man dazu dann noch deutsch­spra­chi­ge Lite­ra­tur­grö­ßen, wie den Erin­ne­rungs­ele­fan­ten Urs Wid­mer, zu sehen und hören bekommt, ist das einen Besuch wert.

Urs Widmers Geburtsort: Das Lötschental. Quelle: Wikipedia Commons/ Calendula

Urs Wid­mers Geburts­ort: Das Löt­schen­tal. Quel­le: Wiki­pe­dia Commons/ Calen­du­la

 

Urs Wid­mer: Rei­se an den Rand des Uni­ver­sums, Dio­ge­nes Ver­lag, Zürich 2013.  Gebun­den, 352 Sei­ten, 22,90 Euro.

Infor­ma­tio­nen zu künf­ti­gen Lesun­gen im Lite­ra­tur­haus Nürn­berg fin­det man unter: http://www.literaturhaus-nuernberg.de/

 

Phil­ip J. Din­gel­dey

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