Ironien des Klassenkampfes

Melanija, Lisa, Pavel und Boris beim Disput. Fotograf: Thomas Langer

Mela­ni­ja, Lisa, Pavel und Boris beim Dis­put. Foto­graf: Tho­mas Lan­ger

Ges­tern fei­er­te Maxim Gor­kis Tra­gi­ko­mö­die Kin­der der Son­ne in der Pro­duk­ti­on des Stadt­thea­ters Fürth im Kul­tur­fo­rum sei­ne Pre­mie­re, insze­niert von Uwe Wei­he­rer – mit mäßi­gem Erfolg. Das Stück, das Gor­ki 1905 im Gefäng­nis schrieb, han­delt von der Fra­ge der Gleich­heit und der mora­li­schen Ver­werf­lich­keit der Men­schen.

Im Haus des Che­mi­kers Pavel Protas­sow trifft sich im Dra­ma die rus­si­sche Intel­li­gen­ti­ja, bestehend aus sei­ner von sog. Anfäl­len geplag­ten Schwes­ter Lisa, Boris Tsche­por­noj, der ewig um Lisa buhlt, die ihn liebt aber nie erhört, Boris reich ver­wit­we­ter Schwes­ter Mela­ni­ja, die wie­der­um Pavel liebt, der damit nicht umge­hen kann und ihr so das Herz bricht und Pavels ver­nach­läs­sig­te Ehe­frau Jele­na, die sich fast mit dem Künst­ler Dimi­tri Wagin ein­lässt. Die­ser ego­zen­tri­sche Zir­kel ist von der Außen­welt und der Seu­che abge­schlos­sen und sin­niert dar­über, dass der Mensch als ratio­na­les Wesen gut und durch Kunst und Erzie­hung ein Kind der Son­ne wer­den kön­ne. Dies wird aber oft durch­bro­chen durch Lisas Anfäl­le — ihre ein­zi­gen kla­ren Momen­te — wenn sie fest­stellt, dass die Welt aus Gewalt, Unge­rech­tig­keit und Blut bestehe oder den aggres­si­ven Auf­trit­ten des Schlos­sers Jegor, als Sinn­bild des Pro­le­ta­ri­ers, ein sei­ne Frau schla­gen­der, pri­mi­ti­ver und para­noi­der Trin­ker. Die­ser bewegt die Grup­pe dazu, die son­ni­ge Erha­ben­heit nicht dem Pöbel zuzu­schrei­ben.

Wei­he­rer hat die­ses groß­ar­ti­ge Stück genom­men, moder­ni­siert, mit Iro­nie über­malt und zuge­spitzt. Die meis­ten Cha­rak­te­re, die ursprüng­lich naiv, pathe­tisch und idea­lis­tisch waren, tra­gen hier ihre Reden in iro­nisch-arro­gan­ter Manier vor, die das Gan­ze effek­tiv ver­frem­det. Höhe­punkt des­sen ist die Dar­stel­lung des Boris durch Jörg Schei­ring, der voll­ends den zyni­schen Tier­arzt gibt und meint, der Mensch wäre ger­ne gut, sei aber zu dumm und habe es nicht anders ver­dient. Die hef­ti­ge Iro­ni­sie­rung vie­ler Rol­len schloss damit für den Zuschau­er jedes Miss­ver­ständ­nis des Stücks aus, über­ließ aber nichts der eige­nen Inter­pre­ta­ti­on.

Sim­pli­fi­zier­te Klas­sen­kämp­fe

Klar zu bemän­geln ist die Ver­ein­fa­chung des Klas­sen­kamp­fes: Was bei Gor­ki meist nur unter der Ober­flä­che schwel­te, wird hier expli­ziert — die Unter­drü­ckung des Pro­le­ta­ri­ats. Dabei erscheint nur Jegor als Pro­to­typ des Pro­le­ten. Ande­re Rol­len, wie sei­ne Frau, sein Freund, der Por­tier und die Kin­der­frau Anto­now­na wur­den ein­fach gestri­chen. Umso trau­ri­ger wirkt es, wenn sich der Hass auf die Unter­schicht nur auf Jegor kon­zen­triert, wenn nur er die Beleid­gung der im Dunk­len ste­hen­den Unter­schicht durch die im Lich­te ste­hen­de eli­tä­re Ober­schicht per­so­ni­fi­ziert — fast ein Brech­ti­sches Motiv. Schwach wirkt auch der Schluss, der bei Gor­ki einen Volks­auf­stand dar­stell­te, und hier nur auf eine Aggres­si­on des Jegor redu­ziert wird. Das Dienst­mäd­chen Fima wird zur steh­len­den Pro­sti­tu­ier­ten, der Ver­mie­ters­sohn zum Zuhäl­ter und der Rest zur Arro­gan­ti­ja osten­ta­tiv sim­pli­fi­ziert. Ergo wir­ken die­se Rol­len im Klas­sen­kampf zu ste­reo­typ. Einen Aus­bruch bie­tet die Dar­bie­tung der Lisa durch Rike Froh­ber­ger, die auch noch den Part der Anto­now­na über­nimmt, und somit nicht nur in ihren Anfäl­len klar das Unrecht benennt, son­dern auch, wie die Kin­der­frau, nüch­tern kri­ti­siert. Lei­der ist dies psy­cho­lo­gisch nicht strin­gent.

Die Büh­ne dage­gen ist sehr gelun­gen, da die Sze­nen­bil­der redu­ziert, ver­mischt und ver­frem­det wer­den.

Abschlie­ßend ist zu bemer­ken, dass zwar die Mehr­heit der Schau­spie­ler ihre Rol­len gut dar­stel­len, aber an Dra­ma­tur­gie und Insze­nie­rung noch zu fei­len ist. Lei­der nahm das Publi­kum die­se Ver­si­on der Kin­der der Son­ne eher ver­hal­ten an.

 

Die nächs­te Auf­füh­rung ist heu­te, 08.11.2013, um 20 Uhr im Kul­tur­fo­rum Fürth (Gro­ße Hal­le), Würz­bur­ger Stra­ße 2, 90762 Fürth. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zu den Spiel­zei­ten und Tickets unter: http://www.stadttheater.fuerth.de/stf/home.nsf/contentview/60F3D068410099F0C12571D4003564AF

 

Phil­ip J. Din­gel­dey

 

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