Erzählte Schichten

IMG_9799Die Stu­dio­büh­ne Erlan­gen zeigt Hans Fal­la­das Jeder stirbt für sich allein - Eine Thea­ter­kri­tik von Vera Podskalsky.

Erin­ne­rung – das ist letzt­end­lich eine Col­la­ge aus rea­len und fik­ti­ven Ele­men­ten. Am deut­lichs­ten wird das in fik­tio­na­len Tex­ten, die sich auf his­to­ri­sche Vor­la­gen bezie­hen, sich also erzäh­lend erin­nern. Etwa in Hans Fal­la­das Roman Jeder stirbt für sich allein. Die Stu­dio­büh­ne Erlan­gen setzt in ihrer Insze­nie­rung des Romans, der die Geschich­te der Wider­stands­kämp­fer Otto und Eli­se Ham­pel zur Grund­la­ge hat, genau an die­ser Schnitt­stel­le zwi­schen tat­säch­li­cher his­to­ri­scher Bege­ben­heit und Erzäh­lung an und for­dert zur Refle­xi­on über Wahr­heit auf – in einer Col­la­ge auf ver­schie­de­nen Ebe­nen.

Die „wah­re Geschich­te“?

IMG_9842So über­schnei­den sich bereits Erzäh­ler- und Figu­ren­po­si­ti­on. Acht Schau­spie­ler erzäh­len abwech­selnd die Geschich­te des Ehe­paars, das in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus Post­kar­ten regime­kri­ti­schen Inhalts ver­teil­te, und schlüp­fen dabei in ver­schie­de­ne Rol­len. Der Zuschau­er hat teil an einem Spiel im Spiel, alle Figu­ren ver­kün­den zu Beginn, die „wah­re Geschich­te“ erzäh­len zu wol­len. Von die­ser exis­tie­ren aller­dings ver­schie­de­ne Ver­sio­nen, dem Zuschau­er wer­den auf Grund­la­ge der Dif­fe­ren­zen zwi­schen Roman­ge­schich­te und his­to­ri­schen Bele­gen ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten ange­bo­ten, nach Dis­kus­sio­nen unter den Schau­spie­lern wird die Rück­spul­tas­te betä­tigt und eine ver­än­der­ter Hand­lungs­ver­lauf dar­ge­stellt. Meta­re­fle­xi­on des Thea­ter­spiels und Ver­frem­dung also.

IMG_9803Das heißt aller­dings nicht, dass Hin­ein­ver­set­zen aus­ge­schlos­sen wer­den soll. Im Gegen­teil: inner­halb der ein­zel­nen Sze­nen erschei­nen die Schre­cken des Natio­nal­so­zia­lis­mus auf­grund hoher schau­spie­le­ri­scher Leis­tung auf emo­tio­na­ler Ebe­ne und gleich­zei­tig nicht pla­ka­tiv. Wenn bei­spiels­wei­se der mit der Auf­klä­rung des Falls betrau­te Gesta­po-Kom­mis­sar Esche­rich den zu Unrecht beschul­dig­ten Enno Klu­ge zum Selbst­mord brin­gen möch­te, um sei­ne eige­ne Haut zu ret­ten, wer­den Macht­me­cha­nis­men auto­ri­tä­rer Sys­te­me greif­bar. An rich­ti­ger Stel­le ein­ge­setz­te Effek­te wie Sprech­chö­re, die das Unter­be­wusst­sein des Kom­mis­sars wie­der­ge­ben, wir­ken zusätz­lich unter­stüt­zend.

Emo­ti­ons­col­la­ge

In eini­gen Sze­nen lebt eine gewis­se Komik auf. So zum Bei­spiel, wenn die Schau­spie­ler im „Leier­stil“ Refe­ra­te zum geschicht­li­chen Hin­ter­grund hal­ten. Hier wird die Hand­lung des Romans durch­bro­chen, durch Han­douts und Over­head­pro­jek­tor der Ein­druck einer Schul­stun­de erweckt. Der Over­head­pro­jek­tor dient inner­halb der Hand­lung als Ver­hör­schein­wer­fer und außer­dem dazu, den Stadt­plan Ber­lins an die Wand zu wer­fen, auf der Esche­rich die Ver­tei­lungs­or­te der Post­kar­ten mar­kiert .

Was in der Beschrei­bung bizarr klingt, ist in der Rea­li­sa­ti­on nicht stö­rend, son­dern ange­bracht ver­frem­dend. Timo Ses­tu glückt mit der Insze­nie­rung eine Col­la­ge aus Roman und Dra­ma, Trau­er und Komik, tra­di­tio­nell dra­ma­ti­schen und thea­ter­frem­den Mit­teln und vor allem ver­schie­de­nen Ver­sio­nen ein- und der­sel­ben Geschich­te.

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