Das System der Aprikose“

IMG_8865Her­ta Mül­ler zählt spä­tes­tens seit dem Erhalt des Lite­ra­tur­no­bel­prei­ses 2009 zu den bedeu­tends­ten deut­schen Gegen­warts­au­toren. Wenn sie nicht gera­de an einem Roman schreibt, bas­telt sie ihre inzwi­schen eben­so berühm­ten Col­la­gen. Am Frei­tag stell­te sie die­se Arbeit im Rah­men einer Lesung in Lübeck vor. – Ein Text von Timo Ses­tu

Die ers­ten Col­la­gen ent­stan­den ursprüng­lich als Post­kar­ten an Freun­de, die Her­ta Mül­ler auf ihren Lese­rei­sen durch Deutsch­land ver­sand­te. Die patrio­ti­schen Stadt­an­sich­ten waren ihr zuwi­der. Aus der anfäng­li­chen Spie­le­rei ist eine exis­ten­zi­el­le Pas­si­on gewor­den. Immer mehr Schnip­sel lager­ten auf ihrem Schreib­tisch, bis sie eines Tages unbrauch­bar waren. Sie muss­te tau­sen­de Wort­schnip­sel ent­sor­gen. „Man kann sie ja schlecht put­zen“, kon­sta­tiert Mül­ler. Inzwi­schen lagern die Wort­schnip­sel in Schub­la­den, alpha­be­tisch kata­lo­gi­siert, geord­net nach Wort­ar­ten, Wort­fel­dern, Schrift­ar­ten.

Die Arbeit an einer Col­la­ge, so Mül­ler, sei ver­gleich­bar mit dem Leben. Die Kar­te haben einen Rand und mehr pas­se eben nicht drauf. Und wenn die Buch­sta­ben erst ein­mal kle­ben, kann man nichts mehr ändern. Trotz­dem ist das Bas­teln an der Col­la­ge eher ein lust­be­ton­ter Vor­gang. Ganz im Gegen­satz zum Ver­fas­sen von Pro­sa: Vor dem Schrei­ben hat Mül­ler Angst. Es sei eine Zumu­tung für einen selbst und eine Zumu­tung für die Spra­che. Wie kann man Rea­li­tät und Spra­che zuein­an­der brin­gen? Nur Her­ta Mül­lers Bio­gra­phie zwang sie dazu, ihre Erfah­run­gen auf­zu­schrei­ben. Dass sie heu­te in ers­ter Linie Schrift­stel­le­rin ist, scheint ihr selbst suspekt: „Ich weiß bis heu­te nicht, was es bedeu­tet Schrift­stel­le­rin zu sein. Das ist ein komi­scher Beruf.“ Aus ihrem Mund klingt das nicht nach Koket­te­rie.

Müller_23857_MR1.inddDas schö­ne an den Col­la­gen sei, dass die Wör­ter ja sowie­so schon vor­han­den sei­en. So ent­steht der Ein­druck, sie sei es gar nicht, die dort schreibt, die Wör­ter mach­ten es von allein. Das anstren­gen­de Rin­gen um Wor­te wird so umgan­gen. Sie sind alle schon vor­han­den und müs­sen nur zuein­an­der fin­den. Daher ist die Pro­duk­ti­on der Col­la­gen auch auf das Bas­teln ange­wie­sen: Die Tex­ten müss­ten unbe­dingt mit dem Mate­ri­al ent­ste­hen. „Ich bin ja kein Lyri­ker“, sagt Mül­ler, „Das machen die Lyri­ker, dass sie beim Spa­zie­ren­ge­hen Gedich­te schrei­ben.“ Den­noch müs­se der Text auch als lite­ra­ri­scher Text daste­hen, als bräuch­te er das alles nicht, die Far­ben, die Bil­der, die Anord­nun­gen.

Ins­ge­samt liest Her­ta Mül­ler an die­sem Abend über 30 Col­la­gen, die gleich­zei­tig auch an die Wand pro­ji­ziert wer­den. Das Publi­kum lacht immer wie­der über die schrä­gen Bil­der, die in den kur­zen Tex­ten erzeugt wer­den. Das mutet ein biss­chen selt­sam an, sind die­se Wor­te doch eigent­lich Pro­dukt einer tief emp­fun­de­nen Sprach­lo­sig­keit. Die rumä­ni­sche Dik­ta­tur und per­sön­li­che Erfah­run­gen der Autorin wer­den erst durch die aus der Zei­tung gelie­he­ne Spra­che über­haupt sag­bar. Aber klar: Es ist ein Lachen, das daher kommt, dass man es nicht im Hals behal­ten kann, wo es doch eigent­lich ste­cken blei­ben will – so die Ver­mu­tung von Dani­el Schrei­ber in WELTKUNST.

IMG_8841 (2)Im Rah­men der Aus­stel­lung „Wort­Bild Künst­ler“ sind die Col­la­gen auch im Ori­gi­nal zu sehen, sie hän­gen wie Bil­der an der Wand. Es fällt auf, dass die Arbeit mit den Zei­tungs­schnip­seln immer prä­zi­ser gewor­den ist, seit 1993 der ers­te Col­la­gen­band in Post­kar­ten­form erschien. Die ein­zel­nen Wör­ter und Bil­der sind nicht nur grö­ßer gewor­den, sie sind auch akku­ra­ter aus­ge­schnit­ten und auf klei­ne Papp­tä­fel­chen auf­ge­klebt. So kommt es auch, dass die Rou­ti­ne des Bas­telns den Schaf­fens­pro­zess nicht etwa beschleu­nigt. Die äuße­re Form wer­de immer wich­ti­ger, sagt Her­ta Mül­ler im Gespräch mit Ernest Wich­ner, dem Lei­ter des Ber­li­ner Lite­ra­tur­hau­ses. Far­be und Typo­gra­fie spiel­ten eine wich­ti­ge Rol­le. Die Arbeit an einer ein­zi­gen Col­la­ge daue­re somit eine gan­ze Woche.

Vater telefoniert mit den Fliegen_S. 80Eigent­lich sind die­se Col­la­gen die ein­zi­gen, die in der Aus­stel­lung „Wort­Bild Künst­ler“ dem Titel gerecht wer­den und einen Künst­ler zwi­schen Wort und Bild zei­gen. Ansons­ten sieht man von Johann Wolf­gang von Goe­the bis Joa­chim Rin­gel­natz Schrift­stel­ler, die eine zeich­ne­ri­sche Bega­bung haben. Gezeigt wer­den sol­len eben Schrift­stel­ler mit einer Dop­pel­be­ga­bung. Die tritt bei den impres­sio­nis­tisch anmu­ten­den Gemäl­den eines Wil­helm Busch oder den fei­nen Land­schafts­skiz­zen Goe­thes sehr deut­lich zu Tage. Nur bei Her­ta Mül­ler tre­ten die bei­den Bega­bun­gen in den Dia­log. In ihren Col­la­gen über­steigt das geschrie­be­ne Wort den Sta­tus eines sprach­li­chen Zei­chens.

Die Aus­stel­lung „Wort­Bild Künst­ler. Von Goe­the bis Rin­gel­natz. Und Her­ta Mül­ler“ ist in Lübeck noch bis zum 20. Okto­ber zu sehen. Mehr Infor­ma­tio­nen gibt es hier.

Lite­ra­tur­tipp:
Her­ta Mül­ler, Vater tele­fo­niert mit den Flie­gen. Mün­chen: Han­ser, 2012, 192 S., € 19,90, ISBN 978-3–446-23857–2.

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