Liebe und Wahn liegen nahe beieinander

Kath­rin Penk über Kathar­sis!

Nicht zum ers­ten, aber zum aller­ers­ten Mal in Erlan­gen füll­ten sich am Don­ners­tag die Rei­hen vor einer dunk­len Büh­ne im Ewerk zum „Katharsis.Doublefeature“ der Stu­dio­büh­ne. Und bereits das düs­te­re Büh­nen­bild mit einer ein­sa­men Frau mit lee­ren Blick im Zen­trum lässt erah­nen: Das wird kein Abend, der die Lie­be als etwas wahn­sin­nig Schö­nes sti­li­siert.

4 48 Psychose

Sarah Kane, die Autorin der bei­den auf­ge­führ­ten Wer­ke, ist dafür ja auch nicht bekannt. Die bri­ti­sche Dra­ma­ti­ke­rin steht für extre­me, frag­ment­ar­ti­ge Stü­cke, die stets um nichts Gerin­ge­res als die Fra­gen krei­sen, die den Kern des Mensch-Seins betref­fen, wenn alles brach liegt und es kei­nen äuße­ren Halt mehr gibt: Was ist das Leben wert? Wie lan­ge ist es noch lebens­wert? Was ist Lie­be und wie weit will und kann man für sie gehen?

Kla­re Momen­te und dunk­le Abgrün­de

So ein­dring­lich wie die­se Fra­gen ist auch die Insze­nie­rung der bei­den Stü­cke. „4:48 Psy­cho­se“, das letz­te Werk der Autorin vor ihrem Selbst­mord, zeigt in einer dich­ten Anein­an­der­rei­hung von Mono­lo­gen, Dia­log­fet­zen und Wort- und Zah­len­rei­hen die Innen­welt von Men­schen, die ihrem Wahn aus­ge­lie­fert sind. Die Insas­sen einer psych­ia­tri­schen Anstalt wer­den von Ärz­ten betreut, die, anony­mi­siert durch wei­ße Mas­ken, wenig Unter­stüt­zung ver­spre­chen, son­dern ihren Pati­en­ten viel­mehr den letz­ten Halt rau­ben. Die Ver­zweif­lung in den wir­ren Dia­lo­gen zwi­schen Pati­en­ten und Auf­se­hern zieht das Publi­kum eben­so in sei­nen Bann wie die plötz­li­chen wachen Momen­te der Todes­süch­ti­gen, die um 4:48 Uhr plötz­lich mit vol­ler Klar­heit mit ihrer Exis­tenz kon­fron­tiert wer­den und dar­an zer­bre­chen.

 

Lie­be auf dem Prüf­stand

Trotz oder viel­leicht gera­de wegen der kur­zen Pro­ben­pha­se von nur zwei Wochen drängt sich die­ser kur­ze Aus­schnitt aus dem Erle­ben einer Exis­tenz am Ran­de des Abgrunds mit einer enor­men Inten­si­tät auf, die in der zwei­ten Insze­nie­rung „gesäu­bert“ noch gestei­gert wird. In einem ähn­li­chen Set­ting expe­ri­men­tiert der Pfle­ger Tin­ker mit den Gren­zen der Lie­be in all ihren Spiel­ar­ten. Die Insas­sen wer­den von ihm in einen Stru­del aus Gewalt und Ver­stümm­lung gezo­gen, bis jeder an sei­ner Lie­be, die in zuvor mit einem der ande­ren ver­band, zugrun­de geht. Wie sich dabei alle Per­so­nen auf­ein­an­der bezie­hen und ihre Schick­sa­le inein­an­der ver­wo­ben sind, wird durch eine simp­le aber effekt­vol­le Meta­pho­rik klar. Jeder der Akteu­re hin­ter­lässt bei der Berüh­rung eines ande­ren eine sicht­ba­re Mar­ke: Eine Farb­spur auf dem wei­ßen Hemd des ande­ren. Zuletzt ist kei­ner mehr blank und die Per­so­nen sind kaum noch zu unter­schei­den.

 

Noch lan­ge nicht gesäu­bertgesäubert

Eine Kathar­sis, also das Rein­wa­schen von allen nega­ti­ven Emo­tio­nen, dürf­te sich bei den meis­ten Zuschau­ern nach ein­ein­halb Stun­den inten­sivs­ter Gefüh­le lan­ge nicht ein­ge­stellt haben. Zu sehr ver­lässt man den Saal vol­ler Fra­gen und Gedan­ken zu den in den bei­den Stü­cken auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen. Und das trotz der fina­len Kon­fet­ti­her­zen zum Mit­nach­hau­se­neh­men.

 

Kath­rin Penk

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