Eine Frage der Ehre

Maria Magdalena

Ohne Zwei­fel ein bür­ger­li­ches Trau­er­spiel: Leon­hard setzt sei­ne Ver­lob­te stän­dig unter Druck und schläft mit ihr, da er an ihrer Lie­be zwei­felt. Das ist zumin­dest der offi­zi­el­le Grund. Kla­ra wird schwan­ger und Leon­hard, der nur an den finan­zi­el­len Aspekt der Ehe denkt, erfährt, dass kein Gul­den an ihn gehen wird. Zur sel­ben Zeit wan­dert Kla­ras ego­is­ti­scher Bru­der für einen Juwe­len­dieb­stahl in den Knast. Kla­ras Mut­ter stirbt aus Kum­mer und der Vater zwingt sei­ne Toch­ter aus Gram zu einem Schwur: Sie darf ihm kei­ne Schan­de berei­ten oder er bringt sich um. Kla­ra, die bereits von ihrer Schwan­ger­schaft weiß, erfährt mehr oder weni­ger gleich­zei­tig, dass Leon­hard sich von ihr los­sagt. Ihre alte Jugend­lie­be ist auch noch auf­ge­taucht. Wie wird das alles nur enden?

Auf der einen Sei­te der Büh­ne singt der Dürer­chor, auf der ande­ren Sei­te spielt eine moder­ne Band. Barish Kara­de­mir hat gezeigt, wie man klas­si­sche Stü­cke zeit­los insze­nie­ren kann. In den letz­ten Tagen prä­sen­tier­te er „Maria Mag­da­le­na“ von Fried­rich Heb­bel zum letz­ten Mal nach einer ein­mo­na­ti­gen Pau­se in der Tafel­hal­le in Nürn­berg.

Kla­ras Ver­such, die Fami­li­en­eh­re und somit den eige­nen Vater durch ihren Selbst­mord zu ret­ten, ist eine aktu­el­le The­ma­tik. Auf der Sei­te www.ehrenmorde.de wird an die zahl­rei­chen Opfer der ver­gan­ge­nen Jah­re erin­nert, die ein schwer zu ver­ste­hen­des Ehr­ge­fühl gefor­dert hat. Es geht nicht immer um reli­giö­se Grün­de. Betrof­fe­ne Fami­li­en sind meist nach außen ori­en­tiert, leben modern, spre­chen offen über Sexua­li­tät. Wird jedoch eine Toch­ter schwan­ger, kön­nen auch drei Genera­tio­nen nach­dem die Fami­lie nach Deutsch­land gekom­men ist, alte Gefüh­le hoch kochen.

Barish Kara­de­mir, der selbst einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund hat, aber in Deutsch­land auf­ge­wach­sen ist, hat die Aktua­li­tät des Stü­ckes erkannt. Wie eine Scha­blo­ne legt er sei­ner Insze­nie­rung den Wer­te­be­griff der Fami­li­en­eh­re auf Heb­bels Stück. In Hin­blick auf süd­län­di­sche und öst­li­che Kul­tu­ren, in denen die Fami­li­en­eh­re eine höhe­re Stel­lung genießt, mischt er den Ori­gi­nal­text mit ita­lie­ni­schen und spa­ni­schen Pas­sa­gen, blen­det Tex­te aus dem Koran ein und lässt das fina­le Duell im Fla­men­co statt­fin­den. Gleich­zei­tig wird eine Par­al­le­le zur bür­ger­li­chen Situa­ti­on in Heb­bels Zei­ten geschaf­fen. Der Dürer­chor singt ält­li­che Gesangs­stü­cke und der Ori­gi­nal­text bleibt weit­ge­hend unver­än­dert. So ver­schie­den­ar­tig die Puz­zle­tei­le wir­ken mögen, aus denen das Kon­zept zusam­men­ge­setzt ist, in der prak­ti­schen Umset­zung gibt es kei­nen Moment der Irri­ta­ti­on.

Neben dem Kon­zept ist die Büh­nen­ge­stal­tung ein ent­schei­den­der Punkt in der Insze­nie­rung Kara­de­mirs. Der Ort des Gesche­hens befin­det sich in der Mit­te des Saa­les. Das Publi­kum sitzt sich gegen­über und blickt auf eine Are­na der Gefüh­le. Bild­schir­me über den Köp­fen der Zuschau­er zei­gen wie bei einer Sport­ver­an­stal­tung die ver­lang­sam­ten Nah­auf­nah­men der Prot­ago­nis­ten. Die Büh­ne ist ein in vier Tei­le zer­bro­che­ne Platt­form, deren Tei­le unter­schied­lich hoch gestaf­felt sind. In den Zwi­schen­räu­men ent­steht ein kreuz­för­mi­ges Gang­sys­tem. Auf die­sen Blö­cken wer­den die Dar­stel­ler sich im Fla­men­co duel­lie­ren und Fit­ness­übun­gen aus­füh­ren. Ein „Dau­er­lauf“ um die Platt­form gehört eben­so zur Insze­nie­rung wie eine Hän­ge­vor­rich­tung, an der die tote Kla­ra mit den Füßen zur Decke aus dem „Brun­nen“ her­aus­ge­zo­gen wird.

Aber eigent­lich hat die Insze­nie­rung herz­lich wenig mit einer Sport­ver­an­stal­tung gemein. Die Cha­rak­te­re bewe­gen sich viel­mehr auf der Suche nach Ehre, Reich­tum, Lie­be und Selbst­ver­wirk­li­chung durch die Are­na. Zwi­schen­durch singt die Haupt­dar­stel­le­rin Ati­na Tabé, die Sän­ge­rin der Band Laing („Mor­gens bin ich immer müde“), „My Immor­tal“ von Eva­ne­scence und vie­les, was den meis­ten Zuschau­ern eher unbe­kannt sein dürf­te. Der Dürer­chor über­nimmt ande­re musi­ka­li­sche Ein­spie­lun­gen.

Emo­tio­nen wer­den nicht nur musi­ka­lisch und schau­spie­le­risch beglei­tet, die Büh­ne tut ihr übri­ges. Schreit Leon­hard, ver­färbt sich sein Podi­um rot, läuft er in einen gelb beleuch­te­ten Bereich, tritt Eifer­sucht in sei­ne Mimik und sei­ne Wor­te. Befin­den sich die Figu­ren im Haus des Tisch­lers Anton, dann wirkt die Büh­ne nüch­tern bis freund­lich. Viel­leicht auch ein wenig ste­ril. Am Ende wird das Fla­men­co­du­ell von rotem Licht und kata­la­ni­scher Musik beglei­tet wer­den.

Aber auf jeden Fall kann man sagen, dass die Büh­ne einen Rah­men für die schau­spie­le­ri­sche Dar­stel­lung bie­tet und nicht anders her­um.

Maria MagdalenaDas Cas­ting der Schau­spie­ler nahm ein hal­bes Jahr in Anspruch. Das Ergeb­nis war über­wäl­ti­gend. An der Sei­te von Ati­na Tabé spiel­ten Murat Seven in der Rol­le des Leon­hard, Claus Stahn­ke als der Vater, Kat­rin Spinn­ler als die Mut­ter, Murat Diken­ci als Kla­ras Bru­der und Achim Schel­has als Kla­ras Jugend­lie­be Fried­rich. Dem Nürn­ber­ger Publi­kum dürf­te Kat­rin Spinn­ler am bekann­tes­ten sein, da sie über zwan­zig Jah­re am Nürn­ber­ger Staats­thea­ter enga­giert war. Claus Stahn­ke ist dem grö­ße­rem Publi­kum durch sein Mit­wir­ken an den berühm­ten Fern­seh­pro­duk­tio­nen „Soko Leip­zig“, Gute Zei­ten, schlech­te Zei­ten“ und „Die Küs­ten­wa­che“ bekannt und hat an der Kunst- und Musik­hoch­schu­le Havel­land das Thea­ter „Neo“ gegrün­det. Murat Diken­zi war in der ver­gan­ge­nen Spiel­zeit in dem Gast­spiel „Ver­rück­tes Blut“ vom Ball­haus Naun­yn­stras­se zu sehen. Murat Seven ist regel­mä­ßig in bekann­te­ren Fern­seh­for­ma­ten zu sehen und spielt eben­falls am Ball­haus Naun­yn­stras­se. Achim Schel­has spiel­te bereits am deut­schen Thea­ter Ber­lin unter Peter Zadeks Regie.

Ins­ge­samt kann man sagen, dass es – zumin­dest in mei­nen Augen und in den Augen der Zuschau­er, die ich nach dem Ende des Stü­ckes auf die Qua­li­tät des Abends ange­spro­chen habe – der Insze­nie­rung an nichts fehl­te. Der schau­spie­le­ri­sche Aus­druck war über­ra­gend, eben­so ließ die Gesamt­kom­po­si­ti­on des Abends nichts zu wün­schen übrig. Wer Fried­rich Heb­bels Maria Mag­da­le­na lie­ber klas­sisch insze­niert sieht, der hät­te wohl ein kom­ple­xe­res Büh­nen­bild ver­misst.

Aber dafür ist die Tafel­hal­le wohl der fal­sche Ort. Und Barish Kara­de­mir viel­leicht der fal­sche Regis­seur.

Anna Gre­ger

Ein Gedanke zu „Eine Frage der Ehre

  1. Ich per­sön­lich fand es für die Tafel­hal­le zu kon­ven­tio­nell. Sehr tra­di­tio­nell insze­niert. Am meis­ten hat mich ent­täuscht, dass trotz are­nen­ar­ti­ger Sitz­po­si­tio­nen der Zuschau­er zu 99 Pro­zent mit 4. Wand gespielt wur­de. Gepaart mit dem psy­cho­lo­gi­schen Schau­spiel­stil hät­te die Insze­nie­rung bes­ser ins Staats­thea­ter gepasst und nicht in die Tafel­hal­le. Es war gut, aber nicht über­ra­gend oder inno­va­tiv.

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