Wenigstens die Gedanken sind frei

CAMP: The Boat Modes, 2013.

CAMP: The Boat Modes, 2013.

Ein Han­dy mit Kame­ra – mehr braucht man heut­zu­ta­ge nicht mehr, um Kunst zu machen. Oder war es Poli­tik? Die­se bei­den Maxi­men grei­fen inein­an­der in der neu­en Aus­stel­lung des Kunst­pa­lais. ‚Frei­heit’ ist das The­ma und das prä­sen­tiert sich wenig muse­al, dafür in brand­ak­tu­el­ler und beweg­ter Form auf Lein­wän­den. Man soll nicht nur sehen und auf­neh­men, son­dern selbst aktiv wer­den.

Das Inter­net und Han­dy­kameras waren im ara­bi­schen Früh­ling die Mit­tel, Pro­tes­te inter­na­tio­nal zu ver­brei­ten und so für die gan­ze Welt sicht­bar zu machen. Daher beginnt die Aus­stel­lung auch mit Vide­os von sechs ver­schie­de­nen Künst­lern aus Syri­en, Ägyp­ten und Tune­si­en. Ori­gi­nal-Vide­os von Demons­tra­tio­nen  ver­mi­schen sich mit künst­le­ri­schen Bil­dern, die das Leben unter auto­ri­tä­ren Regimes zei­gen.

 Alexander Apóstol und Jamaika
Alexander Apóstol: Yamaikaleter, 2009, Video.

Alex­an­der Após­tol: Yamai­ka­le­ter, 2009.

Idea­le von Frei­heit fin­den einen neu­en Rah­men oder wer­den dekon­stru­iert. Ein bekann­ter Künst­ler aus Vene­zue­la, Alex­an­der Após­tol, lässt von Lands­leu­ten, die kaum eng­lisch spre­chen, einen Brief aus Yamai­ka vor­le­sen, ursprüng­lich ver­fasst von dem süd­ame­ri­ka­ni­schem Unab­hän­gig­keits­kämp­fer Simón Bolívar. Der Brief kann von jeder poli­ti­schen Grup­pe für ihre eige­nen Ideo­lo­gi­en zweck­ent­frem­det wer­den. Die ein­fach geklei­de­ten Män­ner aus ver­schie­de­nen poli­ti­schen Lagern lesen in einem Gemein­de­bü­ro den ‚Yamai­ka­le­ter’ vor, sind dabei aber kaum zu ver­ste­hen. So wer­den die lee­ren Wor­te und die popu­lis­ti­schen Ver­spre­chen sicht­bar, die in die­sem Brief ste­hen. Alex­an­der Após­tol prä­sen­tier­te die­se Arbeit bereits 2011 auf der Bien­na­le.

 Lars Ø. Ramberg sprayt und erzählt von Vanunu
Lars Ø. Ramberg: Big Prison, 2013, Videoinstallation.

Lars Ø. Ram­berg: Big Pri­son, 2013.

Ande­re Aus­stel­lungs­stü­cke wur­den exklu­siv fürs Erlan­ger Kunst­pa­lais ange­fer­tigt, wie zum Bei­spiel die ein­drucks­vol­le Video­ar­beit des Nor­we­gers Lars Ø. Ram­berg, der zu Beginn der ers­ten Füh­rung in roten Let­tern ‚Frei­heit’ an die Wand spray­te. Ram­berg traf in Jeru­sa­lem den israe­li­schen Nukle­ar­tech­ni­ker Mor­de­c­hai Vanunu, der 1986 auf­deck­te, Isra­el wür­de Atom­macht wer­den. Dar­auf­hin kam er für 18 Jah­re in Iso­la­ti­ons­haft. Heu­te lebt er nicht mehr in der win­zi­gen Zel­le, steht aber unter stän­di­ger Beob­ach­tung.

Neun Gebo­te muss er ein­hal­ten, die­se hat Ram­berg wie die 10 Gebo­te von Moses auf zwei Stei­ne geschrie­ben und vor die Inter­view-Bild­schir­me gelegt. Dar­auf steht, dass Vanunu kei­ne Men­schen tref­fen darf, nicht aus­rei­sen, nicht chat­ten oder sky­pen, arbei­ten darf er auch nicht. Die Bil­der zei­gen einen Mann, der sich eine opti­mis­ti­sche Ein­stel­lung zur Welt erhal­ten hat. Er will den Gedan­ken an Frei­heit nicht auf­ge­ben.

 Freiheitsbegriff und Theorie
Klara Lidén: Paralyzed, 2003, Videoinstallation.

Kla­ra Lidén: Para­ly­zed, 2003.

Bil­der wie die­se flüs­tern: Wie gut, dass ich nie­mals für mei­ne Frei­heit kämp­fen muss­te. Doch wie frei bin ich wirk­lich? Was muss getan wer­den, um frei zu blei­ben?

Was fehlt, ist eine Ein­ord­nung in den abs­trak­ten Begriff ‚Frei­heit‘. Wird doch in der Aus­stel­lung ein­ge­schränk­te Frei­heit dis­ku­tiert, zum Bei­spiel über die Wahl des  Wohn­orts oder die Frei­heit des Han­delns. Ein paar Theo­ri­en täten gut, um den Besu­cher nicht ins Lee­re lau­fen zu las­sen. Von selbst erschlie­ßen sich die Aus­stel­lungs­stü­cke nur schwer.
Mehr Infor­ma­tio­nen zu den gegen­wär­ti­gen Künst­lern täten gut, und die Dolu­men­ta­ti­on über die aktu­el­le Dis­kus­si­on über ihre Kunst. Sonst erscheint vie­les doch wie ein guter Doku­men­tar­film, aber nicht wie Video­kunst.

 

Geduld und politische Teilhabe
Bouchra Khalili: Speeches, 2012, Videoinstallation.

Bouch­ra Kha­li­li: Spee­ches, 2012.

Der Besu­cher braucht viel Zeit und Geduld, um sich die Fil­me anzu­se­hen und das Gese­he­ne zu ver­ar­bei­ten. Wie­viel Teil­ha­be ist gefragt, und macht man genug, um Frei­heit im eige­nen Land zu erhal­ten?

Selbst aktiv wer­den kann der Besu­cher, indem er bei twit­ter zu dem chi­ne­si­schen Künst­ler Ai Wei­Wei twee­ted. Live zeigt das Kunst­pa­lais alle Tweets unter dem #aiww, wor­un­ter der Künst­ler selbst auch kom­men­tiert.
Die Fra­ge nach Enga­ge­ment steht im Raum, wird aber nicht mit dro­hen­dem Zei­ge­fin­ger oder schlech­tem Gewis­sen durch­ge­setzt. Wich­tig ist vor allem der Dia­log, daher wird ein umfang­rei­ches Begleit­pro­gramm ange­bo­ten. Zahl­rei­che Work­shops erleich­tern eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem schwie­ri­gen The­ma.

 

Die Aus­stel­lung ‚Frei­heit‘ endet am 30.6.2013.

Johan­na Meyr

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