In die Welt der Amazonen

Kristin Vogel

Kris­tin Vogel

Timo Ses­tu insze­niert in der studiobühne.erlangen Kleists „Pen­the­si­lea“. Die Pre­mie­re wird am 19. März, 20 Uhr im Fran­ken­hof-Saal statt­fin­den. In unse­rem Inter­view spricht Ses­tu natür­lich über sei­ne Insze­nie­rung, aber auch über den wei­te­ren Ver­lauf der Spiel­zeit, über die Stü­cke, die uns noch erwar­ten und über das geplan­te mehr­tä­gi­ge Thea­ter­fest anläss­lich des 240. Geburts­ta­ges stu­den­ti­schen Thea­ters in Erlan­gen, für das alle Stu­den­ten auf­ge­ru­fen sind, sich  mit eige­nen Pro­jek­ten bei dem Aus­schrei­ben zu bewer­ben. Wei­te­re Infos dazu und ein Video der „Penthesilea“-Inszenierung gibt es hier:

Penthesilea:

re>flex: „Pen­the­si­lea“ von Kleist wird auf der Büh­ne sel­ten auf­ge­führt. Hast du eine Ahnung, war­um das so ist?

Ses­tu: Ich den­ke, das liegt vor allem an der Spra­che des Stücks, das eher als Lese­dra­ma kon­zi­piert ist. Die Spra­che ist hoch arti­fi­zi­ell, und es fällt sogar beim Lesen schon schwer, zu ver­ste­hen, wor­um es über­haupt gera­de geht. Und ich glau­be, wenn man das dann gespro­chen auf der Büh­ne hört, ist es noch­mal schwie­ri­ger. Außer­dem gibt es so vie­le Teicho­sko­pi­en und Boten­be­rich­te, sodass auf der Büh­ne selbst rela­tiv wenig pas­siert, obwohl im Stück, in der Spra­che, eigent­lich sehr viel Action und Dra­ma trans­por­tiert wird.

re>flex: Wie seid ihr in eurer Insze­nie­rung mit die­ser kom­pli­zier­ten Spra­che umge­gan­gen?

Ses­tu: Wir haben die Spra­che erst mal über Bord gewor­fen und uns von Grund auf über­legt: Was wol­len wir eigent­lich erzäh­len? Dann haben wir nicht nur die Hand­lung in unse­re heu­ti­ge Zeit über­tra­gen, son­dern auch die Spra­che, haben aber vier Vor­le­ser ein­ge­setzt, die die Stim­mung des Kleist­schen Tex­tes wei­ter trans­por­tie­ren. Aber auch auf der Büh­ne schim­mern in unse­rem Text immer wie­der mytho­lo­gi­sche Aspek­te durch. Die Ama­zo­nen sind zwar in unse­rer Welt ange­sie­delt, aber sie haben noch einen leicht über­na­tür­li­chen Touch.

re>flex: Inwie­fern sind die Ama­zo­nen in unse­rer Welt ange­sie­delt?

Ses­tu: Das sind nor­ma­le Mäd­chen, die auf die schie­fe Bahn gera­ten sind.

re>flex: Und wer sind die Krie­ger des tro­ja­ni­schen Krie­ges, in unse­rem Fall?

Ses­tu: Die Insze­nie­rung spielt in einer, viel­leicht deut­schen, Groß­stadt – so könn­te man sich das vor­stel­len — und Achil­les und Odys­seus sind natür­lich bra­ve Bür­ger (es sind sogar Poli­zis­ten). Da pral­len also zwei ver­schie­de­ne Wel­ten auf­ein­an­der: Die Unter­welt der Ama­zo­nen und die „Ober­welt“, die nor­ma­le, bür­ger­li­che Welt. Und da gibt es ver­ständ­li­cher Wei­se sofort Kon­flik­te.

re>flex: Die dann wie gelöst wer­den?

Ses­tu: Das wird man sehen. (lächelt und rührt in sei­nem Tee)

re>flex: Fazit: Was wird uns als Zuschau­er erwar­ten?

Ses­tu: Es ist ein sehr kom­pak­tes Stück mit — hof­fe ich — kla­ren Sym­bo­len, und einer gro­ßen Geschich­te, vie­len Emo­tio­nen, und einer magi­schen Atmo­sphä­re.

Die weiterhin geplante Spielzeit 2012/13:

re>flex: Du hast mir gesagt, dass wir auch über ande­re Sachen spre­chen, unter ande­rem über die neue Spiel­zeit?

Ses­tu: Ja, das nächs­te Stück nach „Pen­the­si­lea“ heißt S.H.O.W., das ist eine Abkür­zung für „Sexy, heiß, ohne Wür­de“. Das Gan­ze ist eine sze­nisch-inter­ak­ti­ve Instal­la­ti­on. Damit wer­den Model-Cas­ting­shows, beson­ders “Germany’s Next Top­mo­del” par­odiert. Es wird Kan­di­da­tin­nen geben, die von Sta­ti­on zu Sta­ti­on wan­dern und an jeder davon gibt es Auf­ga­ben: Da gibt es ein­mal den Cat­walk, es gibt eine Chal­len­ge-Akti­on, an der man irgend­wel­che däm­li­chen Auf­ga­ben machen muss usw. Das Tol­le dar­an ist, dass der Zuschau­er sel­ber Teil die­ser Per­for­mance wird, indem er auch selbst Auf­ga­ben zuge­teilt bekommt und auch selbst Ein­fluss auf die Ent­schei­dun­gen neh­men kann. Gleich­zei­tig ist das Gan­ze auch eine total wit­zi­ge Impro­sa­che, weil die „Mädels“ im Groß­teil bis­her gar nicht wis­sen, wel­che Auf­ga­ben da auf sie zukom­men. Das wird an den Sta­tio­nen dann will­kür­lich ent­schie­den.

re>flex: Die wei­te­ren Stü­cke sind dann?

Ses­tu: Dar­auf gibt’s erst mal ein Musi­cal: „A sto­ry about love“, basie­rend auf dem Musi­cal „Moulin Rouge“. Vor einem Jahr ist der Plan, den „klei­nen Hor­ror­la­den“ auf die Büh­ne zu brin­gen, letzt­lich geschei­tert. Man konn­te statt­des­sen eine tol­le Revue sehen. Aber jetzt wird es end­lich ein Musi­cal geben.

re>flex: Habt ihr dann also gute Sän­ger an der Stu­dio­büh­ne, wenn ihr euch ein Musi­cal vor­nehmt?

Ses­tu: Wir haben sehr gute Sän­ger. An man­chen sind sogar ech­te Musi­cal­stars ver­lo­ren gegan­gen.

re>flex: Ich habe gese­hen, das Ensem­ble bekommt Hil­fe von einer Tanz­schu­le?

Ses­tu: Ja, wir haben Unter­stüt­zung von der „TTC Show­tanz­grup­pe Erlan­gen“. Bei jedem Musi­cal ist die Cho­reo­gra­phie enorm wich­tig. Das gilt umso mehr, wenn der Ort der Hand­lung selbst einer ist, an dem getanzt wird.

re>flex: Wie geht’s dann wei­ter im Spiel­plan?

Ses­tu: Im Juni wird „Die Kat­ze auf dem hei­ßen Blech­dach“ auf­ge­führt, von Ten­nes­see Wil­liams. Das wird auch ganz toll, denn prin­zi­pi­ell han­delt sich um ein Kam­mer­spiel im bes­ten Sin­ne. So etwas gibt es an der Stu­dio­büh­ne nicht oft zu sehen. Da begin­nen bald die Pro­ben.

re>flex: Und das Katharsis.Doublefeature – was ist das?

Ses­tu: Das ist der Titel für das viel­leicht gewag­tes­te Pro­jekt der Spiel­zeit. Zwei Stü­cke von Sarah Kane an einem Abend – „4:48 Psy­cho­se“ und dann „gesäu­bert“. Klingt erst ein­mal aus­ufernd, aber die drei Regis­seu­re, die das Pro­jekt lei­ten, mögen’s kna­ckig. Die Her­aus­for­de­rung ist, dass Sarah Kane wirk­lich krass ist, da wür­de sich wohl nicht mal jedes pro­fes­sio­nel­le Thea­ter ran­trau­en. Fast hät­te sie es ja auch in den Klub 27 geschafft, sie hat nur ein Jahr zu lan­ge gelebt. Das Tol­le ist, dass die Stu­dio­büh­ne mit die­sem Dou­ble­fea­ture zum ers­ten Mal auch in Nürn­berg auf­führt und zwar in Koope­ra­ti­on mit dem „Thea­ter Zwo Sie­ben“, zwei Mal im Huber­tus-Saal. Anschlie­ßend gibt es noch­mal zwei Auf­füh­run­gen im E‑Werk, für unser Erlan­ger Publi­kum.

Das Theaterfest:

re>flex: Es soll im Som­mer ein Thea­ter­fest geben, habe ich gehört?

Ses­tu: Ja, genau. Jetzt könn­te man sich natür­lich fra­gen, war­um ein Thea­ter­fest? Anlass ist, dass sich die­ses Jahr, bestimm­ten Quel­len zufol­ge, stu­den­ti­sches Thea­ter in Erlan­gen zum 240. Mal jährt. „240 Jah­re stu­den­ti­sches Thea­ter in Erlan­gen“ — das wol­len wir natür­lich auch irgend­wie fei­ern. Wenn wir uns aber nur selbst fei­ern woll­ten, dann müss­te es eher „Vier Jah­re neu gegrün­de­te Stu­dio­büh­ne“ hei­ßen.

Statt­des­sen laden wir aber alle Stu­den­ten, die auch Thea­ter machen, ein, mit uns die­ses Jubi­lä­um mit einem mehr­tä­gi­gen Fes­ti­val zu fei­ern. Des­halb wol­len wir uns auch etwa an die AMV wen­den und an alle Stu­den­ten, die Lust haben, ein Thea­ter-Pro­jekt auf die Bei­ne zu stel­len. Dazu wer­den wir bald einen Wett­be­werb aus­schrei­ben, bei dem man sich mit einer thea­tra­len Idee bewer­ben kann.

Das muss nicht immer ein fer­ti­ges Stück sein: Thea­ter ist sehr viel­fäl­tig. Und gera­de das wol­len wir zei­gen, dass stu­den­ti­sches Thea­ter vie­le ver­schie­de­ne Facet­ten hat und dass es nicht immer eine klas­si­sche Auf­füh­rung geben muss, mit Anfang und Ende, es wird geklatscht, man ver­beugt sich und dann gegen alle. Das muss ja nicht immer so sein. Und gera­de die­se Facet­ten wol­len wir mög­lichst alle aus­lo­ten, um zu zei­gen, was stu­den­ti­sches Thea­ter zu leis­ten imstan­de ist.

Pen­the­si­lea wird am 19./21. und 22. März, jeweils 20 Uhr im Fran­ken­hof-Saal auf­ge­führt. Ein­tritt: 5/3 Euro ermä­ßigt.

Regie: Timo Ses­tu
Dra­ma­tur­gie: Dany Hand­schuh
Assis­tenz: Hoai Phuong Tran Thi
Pen­the­si­lea: Kris­tin Vogel („Faust“)
Achil­les: David Becker („War­ten auf Godot“, „Mut­ter Cou­ra­ge“)
Ama­zo­nen: Corin­na Mer­ker, Lea Bei­fuß, Pia Frank
Odys­seus: Jus­tus Tous­saint
Vor­le­ser:  Den­nis Dre­her, Tho­mas Jakob, Nadi­ne Rad­datz, San­dra Kno­cke
 

Frü­he­re von re>flex bespro­che­ne Insze­nie­run­gen der stu­dio­büh­ne Erlan­gen waren: „Nach dem Früh­lings­er­wa­chen“ (Pom­mer), „Mut­ter Cou­ra­ge“, Faust“, „Der Letz­te der Timel­ords“.

Das Inter­view führ­te Pau­la Lin­ke

Ein Gedanke zu „In die Welt der Amazonen

  1. Die Her­aus­for­de­rung ist, dass Sarah Kane wirk­lich krass ist, da wür­de sich wohl nicht mal jedes pro­fes­sio­nelle Thea­ter ran­trauen.“ So ein Quatsch. Die gro­ßen Thea­ter trau­en sich nicht mehr an Sarah Kane ran, da seit der Kane-Tri­lo­gie in Mün­chen an den Kam­mer­spie­len plötz­lich JEDER Kane auf den Spiel­plan hat (vor­zugs­wei­se meh­re­re Stü­cke an einem Abend) und das Gan­ze mitt­ler­wei­le aus­ge­lutscht ist. Bes­ter Beweis für die Salon­fä­hig­keit der Stü­cke von Sarah Kane ist, dass ihre Stü­cke mitt­ler­wei­le von Schul­thea­ter­grup­pen gespielt wer­den (zuletzt, so viel ich weiß, in Erlan­gen am CEG) und auch in der letz­ten Aus­ga­be von „Schul­thea­ter“ als Stück­vor­schlag genannt wur­den. Kane spielt also schon jeder. Es ist kei­ne Mut­sa­che, son­dern eher die Über­le­gung, ob man es über­haupt spie­len will, wenn es über­all gespielt wird.…

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