Quantenphysik und Hoffnung — Horus W. Odenthal 2

re>flex prä­sen­tiert den zwei­ten Teil des Inter­views mit Horus W. Oden­thal! Horus (gebo­ren 1962) ist Comic-Schrift­stel­ler und Fan­ta­sy-Autor. Zuletzt sorg­te er mit sei­ner Tri­lo­gie „Nin­ra­gon“ für Auf­se­hen. Den ers­ten Teil des Inter­views kann man hier nach­le­sen.

Joshua Groß:  In Ihrer Tri­lo­gie gehen Sie eine viel grö­ße­re Distanz als in den Comics. Wel­che neu­en Mög­lich­kei­ten hat Ihnen die Form des Romans gege­ben? Hat sich Ihre Vor­stel­lung von der Dra­ma­tur­gie einer Geschich­te geän­dert?

Horus W. Oden­thal: Hm, das emp­fin­de ich genau umge­kehrt. Ich habe den Ein­druck, seit ich schrei­be viel näher an mei­nen Per­so­nen dran zu sein. Und nicht nur das, sogar in ihnen drin.
Bei den Comics konn­te ich die Per­so­nen nur von außen abbil­den. Gut, ich konn­te ein extre­mes Clo­se-up von einer Per­son brin­gen, und die Mimik und die sich dar­in abbil­den­den Emo­tio­nen zei­gen, den Leser spü­ren und emp­fin­den las­sen – wenn er sich denn dar­auf ein­ließ und nicht schnell von einem Bild zum ande­ren flog, was wahr­schein­lich die meis­ten Comic-Leser machen. Aber: wie sagt man so schön? Man kann einem Men­schen immer nur vor die Stirn schau­en. Die Mög­lich­keit in die Gedan­ken­welt oder direkt in einen Stream-of-Con­sious­ness rein­zu­ge­hen sind doch bei einem Comic eher ein­ge­schränkt. Man kann es zwar tun, und man kann es auch aus­ufernd tun, aber es kol­li­diert dann mit der Erwar­tungs­hal­tung der meis­ten Leser, wie ein Comic aus­zu­se­hen hat. So wur­de zum Bei­spiel immer wie­der von Rezen­sen­ten betont, wie wort­las­tig mei­ne Comics wären, und ich habe immer wie­der dage­gen­ge­hal­ten, dass es beim Comic eben um das mit­ein­an­der von Wort und Bild geht, um die per­fek­te Ver­schmel­zung, wo das Gan­ze mehr ist als die Sum­me der bei­den Tei­le. Aber immer und immer wie­der wur­de in der Sze­ne gebets­müh­len­ar­tig wie­der­holt, der bes­te Comic sei doch der, der ganz ohne Wor­te aus­kommt. Ich fin­de die­se Ein­stel­lung ein­fach zum Kot­zen! Sor­ry, aber an die­ser Stel­le muss ich ein­fach mal die­se star­ken Wor­te gebrau­chen, denn ich bin die­ses dum­men Gemein­plat­zes ein­fach nur unend­lich müde. Ein Comic ohne Bil­der ist ein Roman, und ein Comic ohne Wor­te ist eine Bild­ge­schich­te. Was für Chan­cen wer­den mit so einer Ein­stel­lung gegen­über einem Medi­um ver­ge­ben.
Bei einem Roman kann ich mich stän­dig in die Gedan­ken­welt der jewei­li­gen Per­son bege­ben. Nie­mand nimmt dar­an Anstoß. Nie­mand will nur die Action und die Explo­sio­nen von außen sehen, ohne sich mit der Innen­welt der Betrof­fe­nen aus­ein­an­der­set­zen zu müs­sen. Und es gibt dabei die­se inter­es­san­ten Spie­le mit der Erzähl­hal­tung. Es wird immer wie­der viel Mist über Erzähl­per­spek­ti­ven geschrie­ben, je nach der gän­gi­gen Mode der Erzähl­hal­tung. Da wird die Erzähl­hal­tung „drit­te Per­son“ bevor­zugt, aber es soll dar­auf geach­tet wer­den, dass sie der von sei­ner Sicht ein­ge­schränk­te Erzäh­ler ist, er der Erzäh­ler von dem jede Beob­ach­tung und Emp­fin­dung aus­geht. Aber das ist bei genau­er Betrach­tung unhalt­bar. Es gibt eigent­lich kei­ne Per­spek­ti­ve der drit­ten Per­son. Jede Erzähl­per­spek­ti­ve, die nicht Ich-Erzäh­ler ist, ist auto­ma­tisch all­wis­sen­der Erzäh­ler. Die­ser kann bestimm­te Hal­tun­gen gegen­über sei­nen Figu­ren ein­neh­men, sich ganz eng und ein­ge­schränkt in ihre Sicht­wei­se und Gedan­ken­welt bege­ben oder in jeden gewünsch­ten Abstand dazu gehen, sehr eng und per­sön­lich oder weit ent­fernt und kom­men­tie­rend. Es ist die Hal­tung, mit der der Erzäh­ler sei­ne All­wis­sen­heit gegen­über sei­ner Welt fil­tert und dosiert, die Lin­se, die er sich wählt. Die Erzähl­hal­tung ver­än­dert sich, aber die Per­spek­ti­ve ist immer der all­wis­sen­de Erzäh­ler. Das ist das Wun­der­ba­re beim Erzäh­len und das ist auch die Hal­tung, wel­che die gro­ßen Meis­ter der Lite­ra­tur beherrscht haben: die­ses wun­der­bar schwe­ben­de zwi­schen Erzäh­ler und Per­son, das von Satz zu Satz, manch­mal von Wort zu Wort chan­gie­ren kann, das extrem sub­jek­ti­ves Erle­ben der Per­son und gleich­zei­tig der Kom­men­tar dazu sein kann. Mit so etwas kom­men wir ganz nah an die Fra­ge her­an, was wohl der Sinn von Lite­ra­tur ist.
Um zur Fra­ge zurück­zu­kom­men: Genau­so habe ich beim Schrei­ben – im Gegen­satz zum Comic – stän­dig die Mög­lich­keit gehabt, ganz nah an die Per­so­nen, an ihre Gedan­ken und Gefühls­welt her­an­zu­ge­hen, mit der Stim­me der Per­son zu spre­chen, mich qua­si in die­se Per­son zu klei­den. Ich glau­be, ich bin in mei­nen Comics noch nie so nah an mei­ne Per­so­nen her­an­ge­gan­gen wie ich es tue, seit ich Roma­ne schrei­be.
Und das beant­wor­tet auch gleich den zwei­ten Teil der Fra­ge. Genau das sind die Mög­lich­kei­ten, die mir die Form des Romans gege­ben hat und die mir inzwi­schen unver­zicht­bar gewor­den sind, die für mich den Reiz des Schrei­bens ohne Bil­der aus­ma­chen. Die Restrik­tio­nen sind weg! Wenn ich mal wie­der die Lust zum Zeich­nen ver­spü­re, kann ich ja immer noch Illus­tra­tio­nen zu den Geschich­ten erstel­len.
Aber im Moment bin ich ganz begeis­tert von dem Zau­ber, Bil­der aus dem Nichts her­aus, aus blo­ßen Wor­ten erste­hen zu las­sen. Das hat etwas sehr geheim­nis- und unge­heu­er macht­vol­les.
Mein Ver­ständ­nis von der Dra­ma­tur­gie einer Geschich­te hat sich durch die­sen Wech­sel ver­än­dert, so wie es sich immer erwei­tert und ver­än­dert. Von Geschich­te zu Geschich­te. Jede hat neue Anfor­de­run­gen, die man, um sie zu been­den zu einem run­den Gan­zen brin­gen muss, und das heißt eigent­lich auch immer – auch wenn das oft unbe­wusst geschieht – ein State­ment zur Dra­ma­tur­gie von Geschich­ten abge­ben, dazu, wie Geschich­ten funk­tio­nie­ren. All die­se Theo­ri­en mit Drei- oder Fünf-Akte-Struk­tur oder der Rei­se des Hel­den sind tol­le Hilfs­mit­tel, Gerüs­te, Werk­zeu­ge, aber am Ende nüt­zen sie einem recht wenig. Wenn man den Fun­ken nicht hat, hat man den Fun­ken nicht – da kann man noch so sehr der Rei­se des Hel­den fol­gen. Das Geheim­nis, den­ke ich, ich seit dem Beginn des Erzäh­lens immer das glei­che geblie­ben: Kann dich der Erzäh­ler, der dir am Feu­er gegen­über­sitzt, in sei­nen Bann schla­gen. Das hat viel mit Erzähl­stim­me zu tun. Man ver­zeiht es einem Erzäh­ler, wenn er lau­fend wir­res Zeug erzählt, aber das auf eine unheim­lich char­man­te und inter­es­san­te Art tut. Das ist auch nicht anders als bei einer Knei­pen­be­kannt­schaft. Ste­phen King wird immer wie­der vor­ge­wor­fen, sei­ne Bücher sei­en so lang­at­mig, aber den­noch hat er eine treue Gemein­de und sei­ne Bücher erzie­len Mil­lio­nen­auf­la­gen. Weil man Ste­phen ger­ne zuhört, wie er sei­ne Geschich­ten erzählt. Weil Ste­phen ein sym­pa­thi­scher Kerl ist. Weil sei­ne Erzähl­stim­me sym­pa­thisch ist.
Dra­ma­tur­gie ist wich­tig aber nicht alles.
Die Hel­den­rei­se zum Bei­spiel bie­tet ein Modell an. ein Voka­bu­lar um über Geschich­ten zu reden und sich zu ver­deut­li­chen, was man tut. Aber es ist kein Strick­mus­ter. Sie ist auch nicht so restrik­tiv, wie vie­le ihre „Anwen­der“ das sehen. Nin­ra­gon ent­hält eini­ge Bögen einer Hel­den­rei­se, über- und unter­ge­ord­ne­te. Sie sind vari­ier­bar. Jede Geschich­te, kann über die Ter­mi­no­lo­gie der Hel­den­rei­se erklärt wer­den. Sie ist unge­heu­er fle­xi­bel. Was im Gegen­zug heißt, wenn man nicht den Fun­ken zum Geschich­ten­er­zäh­len hat nützt sie einem gar nichts.

 
Joshua Groß: Ist Nin­ra­gon eine Aus­ein­an­der­set­zung mit unse­rer Gegen­wart? Möch­ten Sie gesell­schafts­kri­tisch schreiben/wirken?

 

 

Horus W. Oden­thal: Nein. Nein. Nein. Nicht in dem engen Sin­ne, wie man das nor­ma­ler­wei­se ver­steht, wenn man die­se Fra­ge hört. Ich den­ke, es ist eine Illu­si­on zu glau­ben, dass ein Buch gesell­schafts­kri­tisch wir­ken kann. Auf eine direk­te Art.
Ja, unbe­dingt – in einem wei­te­ren Sinn.
Wenn ich schrei­be, tre­te ich in Dia­log mit der Welt, ich ana­ly­sie­re und kom­men­tie­re sie. Und wenn ich schrei­be, tre­te ich in einen Dia­log mit dem Leser. Die­se bei­den Dia­lo­ge dau­ern unun­ter­bro­chen über ein Buch fort und durch drin­gen sich. Ja, ich set­ze mich mit der Gegen­wart aus­ein­an­der, denn ich lebe in ihr. Ich habe nicht die gerings­te Lust irgend­wel­chen pseu­do-mit­te­r­al­ter­mump­fen­den Fan­ta­sy-Bläh zu schrei­ben. Ich lebe in der Gegen­wart, mei­ne Hel­den leben in ihrer Gegen­wart. Sie emp­fin­den die Welt um sich her­um garan­tiert nicht als einen anti­ki­sie­ren­den The­men­park. Für jeden Prot­ago­nis­ten ist sei­ne Welt die Moder­ne. Punkt. Und das ist mei­ne Erzähl­hal­tung. Es bestimmt mei­ne Spra­che. Dadurch wir natür­lich alles, was ich schrei­be, ob Fan­ta­sy oder Sci­ence Fic­tion im Licht der bei­den sich durch­drin­gen­den Dia­lo­ge zu einer Aus­ein­an­der­set­zung mit der Gegen­wart.
Ich bin nicht kri­tisch oder wir­kend. Ich bin erzäh­lend. Und dabei wer­de ich mir mei­ner Sicht der Welt klar, auch die gesell­schaft­li­chen Aspek­te.
Wer „Nin­ra­gon“ liest, wird unter­hal­ten. Aber er wird auch nicht umhin­kom­men – viel­leicht doch, wenn er sich Mühe gibt – vie­le Bedeu­tungs­ebe­nen und Aspek­te zu bemer­ken, die viel mit unse­rer Zeit zu tun haben, damit, wie Poli­tik und Gesell­schaft funk­tio­nie­ren und wel­che Rol­le das Indi­vi­du­um dabei ein­nimmt.
„Nin­ra­gon“ funk­tio­niert auf ver­schie­de­nen Ebe­nen, aber in ers­ter Linie ist es eine unter­halt­sa­me Aben­teu­er­ge­schich­te. War­um soll­te man sonst erzäh­len? In ers­ter Linie möch­te ich unter­hal­tend wir­ken. Im Grun­de ist das alles eins. Es hängt auch immer vom Bewusst­sein des Lesers ab und davon, was er bereit ist, in der Sto­ry zu sehen.
Man soll­te das mit den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit The­men und dem gesell­schafts­kri­ti­schen nicht so hoch hän­gen. Im Grun­de genom­men ist das so selbst­ver­ständ­lich, das man gar nicht dar­über reden muss. Wenn man sich zu sehr um so etwas bemüht und es nicht ein orga­ni­scher Teil des Gan­zen ist, kommt dabei nur Krampf her­aus.

 

 


Joshua Groß: „Hoff­nung“ scheint in Nin­ra­gon sehr wich­tig zu sein. Geht es Ihnen dar­um, Hoff­nung zu geben?

Horus W. Oden­thal: Dan­ke. Es freut mich, dass dies bemerkt wor­den ist. Bei den Bespre­chun­gen wird bis­her immer in den Vor­der­grund gerückt, wie düs­ter und grim­mig „Nin­ra­gon“ ist. Das ist wahr. Wenn man in einem Roman das The­ma Krieg behan­delt, kommt man nicht dar­an vor­bei. Jeder der sich mit Kampf und Gewalt als Mit­tel Kon­flik­te zu lösen aus­ein­an­der­setzt, muss sich mit dem Grau­en und der Unmensch­lich­keit aus­ein­an­der­set­zen, die damit ver­bun­den ist. Alles ande­re ist Gewalt­ver­herr­li­chung. Ich bin mir sicher, dass vie­le Leser sich dar­an rei­ben wer­den, aber anders geht es nun ein­mal nicht. Man muss es aus­spre­chen: Das, was das The­ma vie­ler Fan­ta­sy-Geschich­ten ist, ist in sei­nem Kern etwas Furcht­ba­res, Grau­en­haf­tes, was tief an die dunk­len Stel­len der mensch­li­chen See­le rührt. Aber trotz­dem müs­sen wir mit die­sem Teil umge­hen. Das ist es, was mich immer wie­der stark beschäf­tigt: Wie gelingt es Men­schen, die durch ihren Platz im Leben oder ihr Schick­sal gezwun­gen sind, Gewalt stär­ker zu leben als der Durch­schnitts­mensch, damit fer­tig zu wer­den? Sind das alles per se schlech­te Men­schen? Wie gelingt es ihnen, nachts ein­zu­schla­fen oder zu ihrer Fami­lie zurück­zu­keh­ren und mit ihr ein ganz nor­ma­les Leben zu füh­ren. Aber Sie haben das schon sehr rich­tig bemerkt; das ist etwas, das sich durch den „Nin­ra­gon“ zieht: Egal, was du tust, es gibt Hoff­nung für dich. Egal in wel­che Situa­ti­on dich das Leben wirft oder zu was für einem Men­schen du dich gemacht hast, es gibt Hoff­nung. Und wenn es am Ende dadurch geschieht, dass der Keil des Him­mels die stand­haf­te Fes­te zer­schmet­tern muss. Es gibt immer Hoff­nung, der stand­haf­ten Fes­te zu ent­kom­men, die du dir sel­ber gebaut hast.
Man­che Leu­te schau­en sich Dead­wood an und fin­den es fas­zi­nie­rend wie hier in allen Figu­ren die dunk­le Sei­te gezeigt wird. Das ist für mich aber nicht die Bot­schaft der Serie. Mir sagt Dead­wood; Egal, wie tief ein Mensch im Dreck gelan­det ist, wie ver­kom­men er auch ist oder bes­ser sich ver­hält und nach außen erscheint, in jedem lebt der Fun­ke des Guten, der in ganz unver­hoff­ten Momen­ten zum Vor­schein kom­men kann. Nie­mand ist ohne Hoff­nung. Nie­mand ist hoff­nungs­los. Weil wir alle Men­schen sind und wir eine gro­ße Macht zum Geschenk erhal­ten haben, deren vie­le sich nur sel­ten bewusst wer­den und die uns zu erobern wir stän­dig kämp­fen.
Hoff­nung ist uns ganz ursprüng­lich zu eigen und mehr, dass dar­über hin­aus­geht: Macht.

 

 

Joshua Groß: Bezie­hen Sie sich auf ande­re Fan­ta­sy-Lite­ra­ten? Bzw. In wel­che Strö­mung wür­den Sie ger­ne ein­ge­ord­net wer­den? Zie­hen Sie auch Inspi­ra­ti­on aus ande­ren Gen­res und Medi­en? Bzw. ver­su­chen Sie auch als Schrift­stel­ler, diver­se Medi­en zu ver­bin­den?
Horus W. Oden­thal: Der Urva­ter aller epi­schen Fan­ta­sy ist (zwar deba­tier­bar aber so hat es sich ein­ge­bür­gert) J.R.R. Tol­ki­en. Die Grün­der­vä­ter des ande­ren Zweigs – Sword&Sorcery – sind Robert E, Howard, Fritz Lei­ber und Micha­el Moor­cock – und noch ein paar ande­re, die eben­falls wich­tig sind, die ich aber der Kür­ze und Ein­fach­heit hal­ber nicht anfüh­re. Das ist die Basis, das Fun­da­ment, das sind die Wur­zeln.
Mit der ers­ten Wel­le der Fan­ta­sy kamen die Epi­go­nen. Es keim­te an vie­len Stel­len etwas Neu­es, eine neue Her­an­ge­hens­wei­se, aber augen­fäl­lig wur­de für mich das Gan­ze bei Glen Cook. Sei­ne Wer­ke stel­len für mich eine Weg­schei­de dar. Er beschrieb die gan­zen gro­ßen Sze­na­ri­en, wie sie auch im „Herrn der Rin­ge“ vor­kom­men qua­si aus dem Schüt­zen­gra­ben her­aus und ver­lieh dem mit Gold­glanz über­zo­ge­nen Hero­is­mus ein mensch­li­ches, rea­lis­ti­sche, grim­mi­ges Gesicht. Fanat­sy wur­de durch ihn erwach­se­ner. Vie­le Leu­te, die in der Army gedient hat­ten, gehör­ten zu sei­nen Fans. Er schrieb Kriegs­be­rich­te mit Magie als der Artil­le­rie. Sti­lis­tisch war er wesent­lich tro­cke­ner und spar­sa­mer – aber dafür um so wir­kungs­vol­ler – als der Rest der Fan­ta­sy-Lite­ra­ten um ihn her­um. Wenn Elmo­re Leo­nard (beken­nend) so schrieb, wie Heming­way es getan hät­te, hät­te er Wes­tern, Kri­mis und Thril­ler geschrie­ben, dann schrieb Glen Cook so, als hät­te Heming­way Fan­ta­sy geschrie­ben.
Vie­le Neue­rer der Fan­ta­sy bezie­hen sich auf ihn. Er war sei­ner Zeit vor­aus.
Nach Glen Cook muss sich jeder, der sich schrei­bend im Gen­re Fan­ta­sy betä­ti­gen will, fra­gen, in wel­che Rich­tung er gehen will. Geht er zum Dreck, zum Rea­lis­mus, zur Wahr­heit eines Glen Cook oder über­zeiht er alles mit einer Gold­glanz-Fir­nis von Halb­ling-Betu­lich­keit. Um kei­nen Zwei­fel dar­an zu las­sen: Ich mag den „Herrn der Rin­ge“, und er wird immer einen beson­de­ren Platz in mei­nem Her­zen und in mei­nem Bücher­re­gal haben. Aber, mein Gott, wir schrei­ben ja heu­te auch nicht mehr so, wie Goe­the sei­nen Wert­her geschrie­ben hat. Die Zei­ten ändern sich und Lite­ra­tur muss sich mit ihnen ändern.
Als Ers­ter hat sich Ste­ven Erik­son aus­drück­lich auf Glen Cook bezo­gen. Erik­son hat wohl etwas Neu­es in der Fan­ta­sy gestif­tet und ein gewal­ti­ges Fass auf­ge­macht. Sein „Mala­za­ni­sche Buch der Gefal­le­nen“ ist wohl das Ambi­tio­nier­tes­te, was die Fan­ta­sy zu bie­ten hat. Ja, es hat Ecken und Kan­ten und man muss es auch nicht unbe­dingt von gan­zem Her­zen lie­ben, aber die Leis­tung steht wohl ein­zig­ar­tig da und ist weg­wei­send. Dann kamen Leu­te, die ich erst spät ent­deck­te, nach­dem ich lan­ge Zeit von der Fan­ta­sy sehr gelang­weilt war. Richard Mor­gan, R. Scott Bak­ker, Joe Aber­crom­bie usw.
Ich ent­deck­te sie erst, nach­dem ich schon für mich begon­nen hat­te, mir die Fan­ta­sy schrei­bend wie­der­zu­er­obern, das Gen­re, das ich ein­mal geliebt hat­te und das mich dann durch end­lo­se Wie­der­ho­lun­gen und dadurch, dass es anschei­nend nicht mit mir zusam­men erwach­sen wer­den woll­te, in der Zwi­schen­zeit gelang­weilt hat­te. Ich über­leg­te mir, wie Fan­ta­sy aus­se­hen müss­te, die mich auch als Leser inter­es­sie­ren und packen wür­de und stell­te mei­ne eige­nen Regeln auf.
Erst spä­ter merk­te ich, dass ich (was das Aus­land betraf) in guter Gesell­schaft war, dass die­se Unbe­ha­gen, die­se Unzu­frie­den­heit mit dem Stand des Gen­res auch ande­re ange­sta­chelt hat­te, ande­re Wege zu gehen.
R. Scott Bak­ker hat mich sehr beein­druckt. Er hat mich mit sei­nem Buch „The Darkness that Comes Befo­re“ über­zeugt, dass man auch im Gen­re Fan­ta­sy gut und anspruchs­voll schrei­ben kann. Wobei das für mich nicht im Mit­tel­punkt steht: Ich möch­te vor allem unter­hal­ten; das ist der Kern aller Lite­ra­tur. Ich möch­te eine packen­de, mit­rei­ßen­de Geschich­te erzäh­len, die den Leser nach­hal­tig in ihren Bann zieht. Die lite­ra­ri­sche Qua­li­tät ist dabei nur das Gewürz, ohne das die­ses Gericht für mich fade wird. Es ist der Bord­un­ton, die Grund­be­din­gung, die so selbst­ver­ständ­lich ist, dass wir über sie eigent­lich gar nicht spre­chen müss­ten. Aber im Vor­der­grund steht immer die Unter­hal­tung.
Inspi­ra­ti­on aus ande­ren Medi­en. Geschich­ten sind Geschich­ten, egal in wel­chem Medi­um sie erzählt wer­den, und alle, die wir davon in uns auf­neh­men, wer­den Teil von uns und bil­den die Atmo­sphä­re, aus der her­aus wir auch sel­ber Geschich­ten schaf­fen. Ich sage immer, das mein krea­ti­ver Modus das In-Geschich­ten-Den­ken ist. Es geschieht in und aus die­ser Atmo­sphä­re her­aus. Wir set­zen uns alle aus Geschich­ten zusam­men. Wir sind die Geschich­ten, die wir über uns erzäh­len. Erin­ne­rung ist ein Mythos. Geschich­ten sind alles, und Geschich­ten sind wan­del­bar. Sie fin­den ihren Nie­der­schlag in allen Medi­en und sie näh­ren wie­der ande­re Geschich­ten. Man könn­te ohne wei­te­res pos­tu­lie­ren, dass unse­re Rea­li­tät ein Geflecht aus Geschich­ten ist, und ich glau­be, die fort­schritt­lichs­ten der Quan­ten­phy­si­ker wür­den dem sogar Recht geben.
Auf die­se Wei­se ver­bin­de ich ver­schie­de­ne Medi­en. Die Tech­ni­ken, die man in den ver­schie­de­nen Medi­en benutzt unter­schei­den sich doch stark von­ein­an­der. Oder nur mar­gi­nal. Das wech­selt für mich immer nach Gesichts­punkt und momen­ta­ner Befind­lich­keit und fort­schrei­ten­dem Erkennt­nis­ho­ri­zont. A und non‑A erge­ben ein auf eine höhe­re Ebe­ne geho­be­nes A. Jot He Vau He: So erklä­ren es die Kab­ba­lis­ten. Hel­den­rei­se ist ein ande­res Modell dafür. Auf die­se Art uns zu wider­spre­chen und zu inte­grie­ren ent­wi­ckeln wir uns wei­ter. Die­ses Prin­zip ist auch immer wie­der im „Nin­ra­gon“ zu fin­den.

 

Joshua Groß: Vie­len Dank!

 

Die Bücher von Horus W. Oden­thal kann man zum Bei­spiel hier erwer­ben!

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