Begegnungen in der Nacht — das Nürnberg.Pop #2

 

Die Viel­sei­tig­keit, die Loca­ti­ons, die Musik, das Publi­kum, die Win­ter­nacht…
- unbe­kann­ter Fes­ti­val-Besu­cher vor dem K4

 

I Heart Sharks (Foto: Chris­ti­na Karl)

Als wir die Pres­se­kar­ten abhol­ten, bän­del­te ich mit der Foto­gra­fin an. „Es ist obszön“, sag­te sie. „Ich fra­ge mich, wer die­sen Schnee in unse­re Brei­ten­gra­de geschickt hat.“ Ich grins­te. In den sym­pa­thi­schen Lich­tern der Stadt quoll unser Atem wie die Nach­wir­kun­gen klei­ner Deto­na­tio­nen, die sich wäh­rend einer Begeg­nung ereig­nen. Es war sehr pas­send, dass ich mit einer Foto­gra­fin anbän­del­te. Die re>flex Redak­ti­on hat­te zwei Jour­na­lis­ten los­ge­schickt, um über das Nbg.Pop zu berich­ten. Woher soll­ten wir Bild­ma­te­ri­al bekom­men? Ich ver­lor mei­nen Kol­le­gen Aldo Han­sen, als mir die Foto­gra­fin erzähl­te, dass sie Tief­see-Foto­gra­fin ist und haupt­säch­lich für Maga­zi­ne wie Mari­tim und Tri­ton arbei­tet. Ich war kurz ver­wirrt. Sie hat­te nicht mal einen Foto­ap­pa­rat dabei. Ich kratz­te mich am Kopf.
Sie erzähl­te, dass sie letz­tens eine Serie über soge­nann­te Aqua­nau­ten ver­öf­fent­licht hat.
„Du kannst mir also nicht mit ein paar Fotos aus­hel­fen?“, frag­te ich. Sie schüt­tel­te mit dem Kopf. „Lass uns den Abend ein­fach gemein­sam ver­brin­gen“, sag­te sie. „Die Fotos kannst du dir auch woan­ders beschaf­fen.“ „Was soll’s“, brumm­te ich.

Alles ändert sich, wenn du mal mit einem Rie­sen­man­ta geschwom­men bist“, sag­te sie.

Beim letz­ten Kon­zert fand ich Aldo’s Notiz­buch. Ich wer­de sei­ne Anmer­kun­gen in die­sen Bericht ein­ar­bei­ten. Eigen­ar­ti­ger­wei­se war er bei den sel­ben Kon­zer­ten. Als wir mit der U‑Bahn in die Innen­stadt fuh­ren, mur­mel­te Aldo, dass er sich nach Süd­frank­reich abset­zen wird. „Bei die­sen Tem­pe­ra­tu­ren bleibt mir nicht ande­res übrig“, sag­te er.

Die Tief­see-Foto­gra­fin hieß Judith. Ihr Vater ist Tauch­leh­rer. Ich mag sie.
Wir stie­fel­ten ins K4, um im Fest­saal I Heart Sharks zu hören. Das Nbg.Pop-Bändchen an mei­nem Hand­ge­lenk kleb­te an mei­nen Arm­haa­ren. Ich behob das Pro­blem. „Schreib in dei­nen Arti­kel, dass die Stim­mung hier total freund­lich ist“, sag­te sie. Wir gin­gen die Trep­pen hoch und zwäng­ten uns durchs Publi­kum, bis wir einen pas­sa­blen Platz gefun­den hat­ten. Um uns wur­de dezent getanzt, ein Mäd­chen blies gekonnt den Rauch ihres Joints gegen die Stro­bo­sko­plich­ter. Judith grins­te mich an. Ein Kerl tipp­te mir auf die Schul­ter und frag­te nach Feu­er. Ich hat­te keins. Wir unter­hiel­ten uns kurz. Als er hör­te, dass ich Jour­na­list bin, sag­te er: „Das klingt mir nach dem guten, alten Plas­tik­bier-Jour­na­lis­mus. So muss das sein.“ Ich ver­stand nicht, was er meint, aber ich lächel­te. „Riechst du die gan­zen Mäd­chen?“, frag­te er. „Riechst du die gan­zen Par­fums? Nor­ma­ler­wei­se ist das zu viel. Aber bei Nbg.Pop ist die­ser pom­pö­se Geruch abso­lut ange­bracht.“
In Aldo’s Notiz­buch fand ich fol­gen­de Pas­sa­gen zu dem I Heart Sharks Kon­zert:

 

I Heart Sharks (Foto: Chris­ti­na Karl)

I Heart Sharks. Trio aus New York, Lon­don und… der bay­ri­schen Pro­vinz, mit beacht­lich text­si­che­rer Fan­ba­se im blau­en Fest­saal des K4. Tanz­be­fehl und blaue Lich­ter. Stro­bo. Ana­lo­ge Syn­the­si­zer bal­lern in alt­her­ge­brach­ter New Order-Manier, dazu eine die­ser Ping Pong-Gitar­ren von den Foals oder dem Bom­bay Bicy­cle Club, die man sich wie bun­te Gum­mi­bäl­le vor­zu­stel­len hat, die mun­ter hin- und her hüp­fen und nie­mals damit auf­hö­ren. Zwi­schen­zeit­lich, bei pum­pen­den Mitgröhl­num­mern wie „Neu­zeit“ klingt das alles zwar eher nach Frit­ten­bu­de und fühlt sich auch so an, aber „Mono­ga­my“ und „Wol­ves“ sind maß­ge­schnei­dert groo­ven­de Indie­tro­ni­chits, zu Fri­end­ly Fires oder The Rap­tu­re fehlt nicht mehr viel. Die Men­ge tanzt, die Men­ge springt, die Men­ge eska­liert. I Heart Sharks. Bereit für grö­ße­re Loca­ti­ons, schät­ze ich. Die Lun­te brennt bereits…

Spä­ter lie­fen wir in die Kla­ra-Kir­che. „Rue Roy­al machen schö­ne Musik…wie Spark­le­hor­se mit war­men Träu­men“, sag­te Judith. Im Ein­gangs­be­reich der Kir­che fla­cker­ten meh­re­re Ker­zen. Eine atmo­sphä­ri­sche Stil­le senk­te sich auf unse­re Gedan­ken. Das Publi­kum hör­te bedäch­tig zu. Weil alle Plät­ze voll waren, gin­gen wir hoch auf die Empo­re. „Siehst du die bei­den, die da umschlun­gen sit­zen?“, frag­te Judith. Ich schau­te ins Publi­kum. Lie­ben­de saßen ein­träch­tig neben­ein­an­der. Der Sound flirr­te leicht und erreich­te uns nur ver­schwom­men. Jemand hat­te eine Bibel benutzt, um sei­ne lee­re Bier­fla­sche zu depo­nie­ren.
Selt­sam, dass wir Aldo von unse­rem Platz nicht sahen. Er schrieb:

Rue Roya­le. Wei­he­vol­le Klän­ge im Got­tes­haus… I Heart Sharks hät­te man hier wohl nicht her­ein­ge­las­sen. Größt­mög­li­cher Gegen­satz; voll­ende­ter Wohl­klang neben einem über­steu­er­ten Grund­rau­schen, dass sich irgend­wo in der Kup­pel der ver­liert. Kon­tem­pla­ti­ves Sin­nie­ren auf Kirch­bän­ken, wäh­rend Gitar­re und Kla­vier, Stim­me und Stim­me, sich umspie­len, in sach­tem Tem­po, ohne Songs, die aus dem gleich­för­mi­gen Fluss aus­bre­chen, der manch­mal etwas ein­sam von den kar­gen Kirch­wän­den wider­hallt. Sanft gezupft, gra­vi­tä­tisch, Moll und eine Schwer­mut, die dein Herz will, aber es nicht bekommt, weil die Songs von Rue Roya­le nicht zwin­gend genug sind, sich ohne Wider­ha­ken ein­zu­set­zen ver­flüch­ti­gen, spä­tes­tens dann, wenn man aus der Kir­che hin­aus wie­der in die kal­te Nacht tritt, die noch immer den zu früh gekom­me­nen Win­ter hofiert…

Es darf eska­liert wer­den (Foto: Chris­ti­na Karl)

Die Zwin­ger Bar ist viel­leicht die läs­sigs­te Knei­pe der Stadt. Wir kamen für ein paar Stü­cke von My Name Is Music vor­bei. „Ich war die letz­ten Jah­re stän­dig unter­wegs“, sag­te Judith. „Ich zie­he jetzt nach Nürn­berg.“ „War­um nach Nürn­berg?“, frag­te ich. „Die­se Stadt hat gro­ßes Poten­zi­al“, erklär­te sie. „Man sieht das doch an Nbg.Pop. Es gibt genü­gend Loca­ti­ons, die man bequem ablau­fen kann. Nürn­berg ist so klein, dass es nicht über­lau­fen wird. Aber groß genug, um ein gewis­ses Ein­zugs­ge­biet zu haben. Ich hof­fe, da kommt noch mehr in den nächs­ten Jah­ren…“ Um es kurz zu sagen: My Name Is Music brach­ten den Rock n‘ Roll. Ein Rent­ner hüpf­te neben uns durch den Schup­pen. Er trug Turn­schu­he, Jog­ging­ho­se und Unter­hemd. „I see Frank­steins Mons­ter ton­ight“, san­gen sie. Aber sogar der gute Fran­ken­stein hät­te sich in die­ser Nacht frei­wil­lig zur Blut­spen­de gemel­det.
Schein­bar war Aldo auch da:

My Name Is Music. Die Alpen-Ver­si­on der Kills, ver­edelt mit gol­de­nem Zylin­der und öster­rei­chi­schem Zun­gen­schlag; klingt rup­pig und groovt wie geschmiert, klingt aber auch nicht auf­re­gend, muss es auch nicht, denn die­se Form des elek­tri­fi­zier­ten Kno­chen­blues ist zweck­dien­lich und zeit­los… Rrrrrock’n’Rrrrrolll … wird nie­mals ster­ben, hat Neil Young mal behaup­tet; eine ver­nünf­ti­ge The­se, die nach eini­gen Bie­ren umso über­zeu­gen­der scheint…

Das High­light war Gra­ven­hurst im Club Ste­reo. Ich kann dazu nicht viel schrei­ben, weil ich ver­sun­ken neben den Boxen knie­te und mit geschlos­se­nen Augen zuhör­te. Ich weiß nicht, was außen­rum pas­sier­te. Ich fand es wun­der­bar.
Aldo hat­te einen ande­ren Blick­win­kel:

Gra­ven­hurst. End­lich wie­der zurück, ein High­light, natür­lich. Nick Tal­bot, Mas­ter­mind der Band, flüs­tert sich im Ste­reo durch die drei Alben der Band; mit stoi­scher Ruhe betreibt er sein fili­gra­nes Picking und singt all die lan­gen düs­ter-melan­cho­li­schen Songs mit ihren ver­edel­ten Twee-Pop-Har­mo­ni­en, die auch 2012 noch klin­gen wie der Nor­den Eng­lands an einem beson­ders trü­ben Herbst­tag, wäh­rend die grau­en Wel­len des Atlan­tiks sto­isch an die Fel­sen der Küs­te rol­len. Nur ein Teil des Publi­kums im Ste­reo, spät in der Nacht wohl außer­stan­de, zuzu­hö­ren, stört Gra­ven­hursts wun­der­ba­re Song-Ele­gi­en mit per­ma­nen­tem Geschwätz, dass zu einem häss­li­chen, zer­mür­ben­den Rau­nen ver­kommt.… und man wünscht sich, Gra­ven­hurst wür­den ein wenig mehr ihre alte Shoega­ze-Affi­ni­tät aus­le­ben und mit krei­schen­den, rau­schen­den, sägen­den Rück­kop­pe­lungs­ef­fek­ten all die Idio­ten aus dem Kel­ler trei­ben, die mit ihrer Igno­ranz die­ses Kon­zert tor­pe­die­ren. Das tut die Band lei­der erst ganz am Ende, aber dann rich­tig; ein ein­zi­ges groß­ar­ti­ges wei­ßes Rauschen…für die­je­ni­gen, die sich die Mühe machen, noch hin­zu­hö­ren…

Aus­tro­f­red (Foto: Chris­ti­na Karl)

Judith und ich saßen noch lan­ge auf den Sofas im K4. „Man­ta­ro­chen fres­sen nur Plank­ton“, sag­te sie. „Sie haben kei­ne gif­ti­gen Sta­chel“, sag­te sie. „Ich bin mit ihnen geschwom­men“, sag­te sie. Wir über­leg­ten, wo Aldo sein könn­te. Ich fand sein Notiz­buch auf der Toi­let­te. Als Judith und ich die Pas­sa­gen lasen, schlug kurz eine Ahnung wie eine Wel­le gegen mein Bewusst­sein. Der Grund dafür war ver­mut­lich der letz­te, kryp­ti­sche Absatz von Aldo, der wie die Vor­be­rei­tung für einen geplan­ten Exo­dus klingt:

Aus­tro­f­red, ein biss­chen noch zumin­dest. Ich ver­ste­he wenig und VERSTEHE noch viel weni­ger von dem, was er da spricht, singt und macht, der Aus­tro­f­red, war­um er das macht, und was zum Teu­fel ich damit anfan­gen soll, mit die­sen dubio­sen wie­ne­ri­schen Satz­kas­ka­den, die im Schnell­feu­er über alt­ehr­wür­di­ge Bom­bast-Queen-Num­mern gepeitscht wer­den; macht er sich etwa über mich lus­tig? Soll ich mich über ihn lus­tig machen? Oder gar bei­des? Laser, Lich­ter, glit­zern­de Kos­tü­me, die Nacht ist zu weit vor­an­ge­schrit­ten, um das ernst­haft zu erläu­tern, also ver­schwin­de ich jetzt, im Kunst­schnee des Aus­tro­f­reds, der da aus die­ser Kano­ne geschos­sen kommt, ich glei­te über toi­let­ten­perl­wei­ße Pis­ten, unter sei­fen­blau­en Him­meln jenem son­nen­um­flu­te­ten Tal ent­ge­gen, dass da am Fuße des Ber­ges glei­ßend leuch­tet wie ein Bach im Früh­ling eines ande­ren Jah­res, in dem noch nicht Win­ter ist, son­dern ewi­ger Som­mer, süd­fran­zö­si­scher Som­mer, vol­ler Wein und Laven­del, und einem Hauch von Thy­mi­an…

Nbg.Pop war gran­di­os“, sag­te Judith, als wir uns heu­te zum Mit­tags­es­sen tra­fen. „So muss ein Fes­ti­val sein. Gute Bands, gut orga­ni­siert. Das haben die Ver­an­stal­ter rich­tig gut hin­ge­kriegt.“ Ich nick­te kau­end. „Hast du schon was von Aldo gehört?“, frag­te sie. „Ich den­ke, er wird eine Post­kar­te schi­cken“, sag­te ich. „Viel­leicht ist er irgend­wo am Meer“, sag­te sie. „Du hast doch gesagt, dass er Qual­len mag.“

 

Joshua Groß und Manu­el Weiß­haar

 

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