Auch in einer Stadt wie Nürn­berg trifft man sich: Beim Ziga­ret­ten­au­to­ma­ten, auf Trö­del­märk­ten,im ita­lie­ni­schen Super­markt, beim Latte im Stra­ßen­café, auf Aus­stel­lun­gen, im Thea­ter, beim Enten­füt­tern an der Peg­nitz, in der klei­nen Kneipe um die Ecke. Was macht das ver­meint­lich bunte, urbane Leben aus? Wieso lau­fen einem immer wie­der die­sel­ben Men­schen über den Weg? Wel­che Geschich­ten kann man beim unge­rich­te­ten Schlen­dern durch die Stadt finden?

Re>flex-Redakteurin Pia Lubig ist vor kur­zem im Stadt­teil Gos­ten­hof gelan­det. Nach­dem der Ruck­sack aus­ge­packt wurde, nimmt sie euch mit zu traum­wand­le­ri­schen Stadt­spa­zier­gän­gen, ohne zunächst zu wis­sen, was Ziel die­ser Suche ist.

Folgt dem neu­gie­ri­gen und den­noch ziel­lo­sen Blick einer Fla­neu­rin durch Nürndorf…

Ich sitze im Palais Schaum­burg. Über den Rand mei­ner Kaf­fee­tasse beob­achte ich die ande­ren Gäste: Da sitzt ein älte­rer Mann mit einer Bas­ken­mütze, er liest Zei­tung, Feuille­ton. Da sit­zen ein Mann und eine Frau mitt­le­ren Alters, die inein­an­der ver­tieft wir­ken und ein jun­ger Mann, der in sein Note­book klim­pert, als gäbe es kein Mor­gen und ab und an einen Blick rüber­wirft. Bestimmt arbei­tet er an einem sehr wich­ti­gen „Projekt“.

Diese Dinge zu den­ken ist Unsinn, inso­fern, dass ich nicht wis­sen kann, ob der ältere Herr im Feuille­ton liest, ob die bei­den ein Pär­chen sind oder nur gute Bekannte und viel­leicht schreibt der Typ auch ein­fach nur sei­nen Ein­kaufs­zet­tel in sein Note­book. Wir wer­den von die­sen Pro­jek­tio­nen unse­rer Mit­men­schen heim­ge­sucht, sie schwin­gen mit wie die Terz im Drei­klang. Wir sehen in Men­schen Dinge, auf­grund der Erleb­nisse, die schon hin­ter uns lie­gen, und auf­grund der Aben­teuer, von denen wir wün­schen, dass sie vor uns lägen. Letzt­end­lich wis­sen wir, dass die Geschich­ten, die manch­mal wie auf einer Kino­lein­wand auf­fla­ckern, nur in einer Welt auf der ande­ren Seite eines Spie­gels exis­tie­ren. Was mich aber viel mehr inter­es­siert: Ist es mög­lich, sich dort zu tref­fen?
Eine ganze Weile bin ich jetzt schon hier in die­sem Stadt­teil, ohne gefun­den zu haben, wonach ich suche, mit der gleich­zei­ti­gen Gewiss­heit, dass ich immer suchend bleibe. Das ist ein unge­still­ter Hun­ger nach Men­schen, fer­nen Län­dern und Geschich­ten, nach Begeg­nung, Ver­än­de­rung und Auf­bruch. Die­ser Hun­ger tanzt einen lei­sen Tango mit der Frage: Was ist zu tun? Wenn ich abends wie­der an den „Für-die-soziale-Revolutions“ der Haus­wände des Vier­tels vor­bei­ge­ge­gan­gen bin, den Schlüs­sel in der Haus­tür umdrehe, frage ich mich: Was ist meine Pflicht als Bür­ger in einer Demo­kra­tie, als Mensch in einer Gemein­schaft? Wo fängt Poli­tik an? Wel­che Rolle spielt die Kunst?

Der Dampf mei­nes Kaf­fees lässt nach, ich trinke ihn aus, bestelle einen neuen, über­lege mir, mit wem ich mich gerne unter­hal­ten würde, wenn ich es mir aus­su­chen könnte. Peter Brook wäre ein inter­es­san­ter Gesprächs­part­ner. Wobei, dann könnte ich nicht rau­chen, das würde ihn sicher stö­ren. Hel­mut Schmidt hin­ge­gen hätte sich ver­mut­lich schon die zweite Fluppe ange­steckt. „Ja, wis­sen Sie, diese Fra­gen habe ich mir auch schon gestellt“ würde er sagen, hüs­teln und den Blick zur Seite rich­ten. „Hal­ten Sie sol­che grund­le­gen­den Fra­gen also tat­säch­lich für ange­bracht“, würde ich ihn fragen. „Sagen wir mal für halb gar.“ Han­sea­tisch kühl würde er schmun­zeln. Ich würde ihn dann ver­mut­lich gleich direkt auf undurch­sich­tige, weil vom Wahl­kampf geprägte poli­ti­sche Berei­che anspre­chen: Steuer– und Sozi­al­po­li­tik zum Bei­spiel. Ver­mut­lich würde er einige Dinge sagen, die ich nicht ver­ste­hen würde. Was bei mir hän­gen blei­ben würde, wäre die Tat­sa­che, dass die deut­sche Wirt­schaft nicht mehr iso­liert von der Welt­wirt­schaft betrach­tet wer­den kann, die Glo­ba­li­sie­rung ist nicht mehr umkehr­bar. Ich würde aber auf­grund mei­nes sym­pa­thi­schen Gegen­übers mit der Aus­strah­lung eines alten Kapi­täns auch eini­ges nach­voll­zie­hen kön­nen, auch des­halb, weil Herr Schmidt mir dazu sehr anschau­li­che Bei­spiele aus dem Bereich der Außen– und Innen­po­li­tik nen­nen würde. Was ich in jedem Falle bemerke, ist die Tat­sa­che, dass Demo­kra­tie vor allem die Kom­pro­miss­be­reit­schaft aller Betei­lig­ten vor­aus­setzt und — dass auch die Regier­ten eine Ver­ant­wor­tung zu tra­gen haben. Herr Di Lorenzo ist zu benei­den um seine Gesprächspartner.

Was sol­len wir tun? Wir, ein paar Stu­den­ten, die nicht viel mehr haben als ein paar Werte im Gepäck, einen von der Uni­ver­si­tät geschul­ten Ver­stand und unsere Vor­stel­lungs­kraft?“ „Nun, lasst euch nicht von einem Gel­tungs­be­dürf­nis lei­ten, son­dern von Lei­den­schaft, Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein und Ver­stand. Natür­lich fällt es auch manch­mal schwer, die Lage nicht zu bedau­ern. Aber es hängt von euch ab. Fangt mal bei euch an. Im Übri­gen beant­worte ich keine Fra­gen zur Tages­po­li­tik.“ Viel­leicht würde er das sagen, viel­leicht auch etwas ganz anderes.

Der ältere Herr hat seine Zei­tung zusam­men gefal­tet und auf den Tisch gelegt. Er sieht aus, als würde er war­ten, solange, bis ein Mann der unge­fähr in sei­nem Alter ist, das Café betritt. Der junge Typ mit dem Note­book ist inzwi­schen zum Tele­fo­nie­ren über­ge­gan­gen, sein Blick schwirrt unru­hig umher wie eine Fliege, als müsse er gerade dar­über ent­schei­den, mit wel­chen Devi­sen sein jun­ges Unter­neh­men spe­ku­lie­ren soll — für das Wachs­tum ver­steht sich. Der Mann und die Frau sind noch immer in sein wort­lo­ses Gespräch ver­tieft. Die Bei­den sehen aus als wür­den sie strei­ten, obwohl sie auf­ge­hört haben, zu spre­chen. Eine zarte Trauer umspielt die Gesich­ter wie Schat­ten, die Mün­der ver­zerrt von ihrem Schwei­gen. Es tref­fen sich Bli­cke, die hart sind wie eine gelähmte Aggres­sion und scheu wie ihre tiefe Bewun­de­rung, die zu Respekt wach­sen könnte. Könnte ich die Mole­küle der bei­den sehen, würde ich sicher erken­nen, dass sie sich am äußers­ten Rande in ihrem Radius auf­hal­ten, von der gegen­sei­ti­gen Anzie­hung bis zum äußers­ten Punkt getrieben.

Alle Men­schen im Raum ste­hen gedank­lich gerade min­des­tens einem ande­ren Men­schen gegen­über, mit sei­nen gan­zen Träu­men, Wün­schen, Ansich­ten, Ängs­ten, Wer­ten, Schwä­chen, Vor­lie­ben, Stär­ken. Sie stre­cken die Hand nach ihm aus, um sie im glei­chen Augen­blick zurück­zu­zie­hen. Wie­der­er­war­tend führt mich mein gedank­li­ches, frei erson­ne­nes und völ­lig unvoll­stän­di­ges Gedan­ken­spiel zu noch basa­le­ren Gefil­den der mensch­li­chen Exis­tenz. Sie umge­ben uns wie ein Schleier, manch­mal wie Fes­seln, aber sie sind für uns immer so essen­ti­ell wie Schlaf und Nah­rung. Ich sehe mich um. Sieht alles aus wie vor­her. Mein Blick hat sich trotz­dem ver­än­dert.  Lebens­not­wen­dig erscheint die zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hung, die bei zwei Men­schen anfängt. Poli­tisch erscheint sie mir, essen­ti­ell für alles Wachs­tum, reiz­voll und schmerz­haft zugleich – bit­ter­süß eben und so facet­ten­reich wie der Mensch selbst.

Wir kön­nen beob­ach­ten, was um uns herum pas­siert, die radi­kale Anders­ar­tig­keit der Men­schen um uns herum notie­ren, wäh­rend das Ver­traute im Ande­ren ebenso exis­tiert. Das Ver­traute und das Fremde sind wie ein sorg­fäl­tig geknüpf­ter bun­ter Tep­pich. Das Fremde beginnt ebenso bei uns wie das Ver­traute, ebenso aber auch im ande­ren Men­schen (Vgl. Bern­hard Wal­den­fels „Zur Phä­no­me­no­lo­gie des Frem­den“). Aber wir kön­nen uns in den Raum dazwi­schen bege­ben. Vor­aus­set­zung ist Mut. Die kleinste Zahl mensch­li­cher Gemein­schaft ist… zwei.

 

Der Mann und die Frau am Tisch hin­ten rechts haben begon­nen, sich leise zu unterhalten…

Begeg­nung ohne Flügel

Es schmerzt

Wenn ich mich daran erinnere

Wie du lachend aus dei­ner Höhle gekro­chen kamst.

Vor­sich­tig höchs­tens, um deine Fin­ger nicht auf­zu­schnei­den an den

schar­fen Rän­dern aus Fels.

 

Ich bin fas­zi­niert von dei­ner Leich­tig­keit und

Dei­ner Unschuld (im best­mög­li­chen Sinne).“

Und ich bin dein

Anti-Exil.

Weil ich will,

dass es trägt.

 

Die ein­zige Bedin­gung, die ich stellte,

war, dass du mich sein lässt

in mei­ner fra­gen­den Unruhe,

mei­ner kla­gen­den Sicht,

mei­ner rasen­den Suche,

mei­ner lachen­den Extase,

mei­ner schla­fen­den Erschöpfung

mei­ner pla­to­ni­schen Umarmung.

 

Du bekamst die ganze Zärtlichkeit

mei­ner Gedanken

gehüllt in wei­che Worte

die Orte

sein woll­ten, an denen Bil­der wachsen,

sind sie doch nicht fürs Allein-Denken gemacht.

 

Soll­ten dich schützen

Vor den Ritzen,

die du dei­ner schö­nen Seele in dei­nem dich­ten Netz aus Zweifeln

selbst zufüg­test.

Und ich versuchte

dich ren­nend hucke­pack zu tragen.

Als kleine Start­hilfe zum Fliegen.

Das Ende eines erin­ner­ten Traumes -

Wir hat­ten unsere Fahr­rä­der vergessen.

 

 Pia Lubig