– die Leute bleiben stehen, sie gucken, sie gehen, sprechen, sie wenden und kommen wieder: Wer sich dem Nürnberger Bahnhof nähert, kann über den eye-catcher kaum hinweg sehen, den die beiden Künstler Seung-il Chung und Nele Müller in der Vitrine installiert haben. Eine echte optische Attraktion haben sie geschaffen, ein Spiel aus zwei Ebenen und vier Dimensionen, konzentriert auf ein paar Quadratmeter.
Wenn man hin und her geht, vor der Vitrine, kann einem fast schummrig werden. Es flirrt und flackert einem vor Augen – neongelbe Bänder hinter schwarzen Gitterstrahlen verschwimmen, finden Form und erzeugen diese angenehme Überforderung im Sehzentrum. Dabei sind Nele Müller und Seung-il Chung nicht nur auf den Effekt aus. Ihnen geht es eben um die Konfrontation der eindimensionalen Eddingstriche auf dem Glas mit der zwei dimensionalen Flächigkeit der Neonbänder dahinter, mit dem Raum der Vitrine und der Zeit – um die einzufangen lehnt im Zentrum hinten ein kreisrunder Spiegel an der Wand, in dem der Betrachter sich und andere Passanten beim vorbeigehen beobachten kann – oder auch nur den Effekt eines Stellungswechsels.
Für Nele und Seung-il schließt sich mit der Ausstellung in der Vitrine noch ein anderer Kreis. Beide haben an der AdbK in München bei Magdalena Jetelova studiert und zuletzt am Beginn ihres Studiums eine gemeinsame Ausstellung gemacht. Seung-il hat bereits seinem Abschluss an der Kaywon School of Art & Design in Anyang, Südkorea, einen der Münchner Akademie hinzugefügt. Nele steht derzeit kurz davor ihr Studium an der AdbK zu beenden. Das sie nun ausgerechnet in Nürnberg wieder zusammenarbeiten ist Robert Rist zu verdanken. Er hatte Nele nach einer gemeinsamen Installation in München für die Vitrine begeistert.
Überrascht waren die beiden Gäste dann aber doch: „Der Raum erschien uns bei jedem Besuch kleiner.“, erzählt Seung-il. Die beiden mussten sich also auf die Gegebenheiten ein-, etwas Neues entstehen lassen. Genau das aber macht nach beider Meinung auch den Reiz eines solchen Ortes aus.
Das experimentelle Flair der Vitrine reizt aber auch ihre Besucher. Seung-il und Nele haben während ihrer Arbeit mit vielen Leuten gesprochen, die gerade vorbeikamen, interessiert nachfragten, sich wunderten oder schon auf die nächste Ausstellung freuten. Auch bei der Vernissage hält ein Passant inne, sieht das Kunstwerk, die versammelten Gäste, kommt herüber und beginnt mit leuchtenden Augen von den vielen Erlebnissen zu berichten, die er hier schon hatte: Künstler, die zwei Wochen in der Vitrine geschlafen haben, Trompeter, die darin musizierten… Er kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus.
Noch viele werden auf dem Weg zum Christkindlmarkt stehen bleiben, gucken, gehen, sprechen, wiederkommen. Leute werden sich vor der Vitrine begegnen, darüber sprechen, was sie in der Installation sehen, ob sie ihnen gefällt. Kunst wird hier für sie greifbar wie sonst kaum, exponiert von der Vitrine, mitten im Nürnberger Alltag. Dem betrachter bietet dieser Ort immer neue, vielfältige Zugänge zur Kunst und ist doch die kleine Sphinx auf dem Weg zum K4.
Dennis Dreher

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