Heute hier, morgen dort… und wo kommt man an?

Es ist ein Phä­no­men, das Phä­no­men der deut­schen Lie­der­ma­cher, das anschei­nend einer ande­ren Zeit ange­hört. Namen wie Kon­stan­tin Wecker, Rein­hard Mey, Han­nes Wader sind eher in der Genera­ti­on mei­ner Groß­el­tern (60) prä­sent als in mei­ner. Scha­de eigent­lich.

Ges­tern erst konn­te ich wie­der ein­mal fest­stel­len, wie viel wir von die­ser Genera­ti­on ler­nen kön­nen, als näm­lich Han­nes Wader auf sei­ner Tour auch in Erlan­gen gas­tier­te. Der gro­ße Saal des E‑Werks ist sicher­lich über­schau­ba­rer als bei­spiels­wei­se die Hal­le der Are­na in Leip­zig  (Rein­hard Mey Tour 2011), aber dadurch auch gemüt­li­cher, fami­liä­rer, ange­neh­mer. Man kann die Gesichts­zü­ge des Sän­gers beob­ach­ten, man fühlt sich ihm rich­tig nahe. Das hät­te ich mir bei Rein­hard Mey auch gewünscht. Dass die­ser so gro­ße Hal­len füllt, liegt sicher­lich auch dar­an, dass, wie Wader ges­tern so schön for­mu­lier­te, „Mey schon immer so char­mant gewe­sen sei, er dage­gen sprö­der.“ Es ist span­nend, die Unter­schie­de zwi­schen den Sti­len bei­der zu sehen, vor allem wenn man bedenkt, dass sie ihre ers­te Tour (unge­fähr 1968/69) zusam­men mach­ten. Han­nes Wader ist sprö­der,  ja. Aber nicht weni­ger fas­zi­nie­rend.

Natür­lich beginnt er sein Kon­zert mit dem alt­be­kann­ten „Heu­te hier, mor­gen dort“ und natür­lich singt er gegen Ende die „Moor­sol­da­ten“. Was jedoch dazwi­schen geschieht, ist unglaub­lich span­nend. Ich bin mir nicht sicher, was sein Publi­kum von ihm zu erwar­ten hat­te. Ich kann nur zitie­ren: „Er singt auch auf Eng­lisch? Das hat der doch vor­her nie gemacht.“ Ganz klar: Einen Abbruch hat es dem Kon­zert nicht getan. Und auch nicht, dass er anfangs ziem­lich oft sei­ne Gitar­re stim­men muss­te. Dadurch hat­te er näm­lich Zeit, aus­la­den­de Geschich­ten über die Ent­ste­hung der Lie­der und der Lie­der­ma­cher-Sze­ne in Ber­lin um 1968 zu erzäh­len. Und so wur­de aus einem ein­fa­chen Kon­zert eine Rei­se in die 70er Jah­re und die fol­gen­den Jahr­zehn­te, eine Art musi­ka­lisch beglei­te­te Auto­bio­gra­fie.

Dabei erzähl­te Wader aber eben auch nicht nur von sich, son­dern auch von sei­nen geschätz­ten Kol­le­gen, von denen er sich für die­sen Abend neben den Geschich­ten auch Lie­der und Tex­te borg­te. So sang er neben sei­nen eige­nen, sehr bezeich­nen­den Lie­dern (u.a.„Schon mor­gen“, „Wie­der eine Nacht“, „Die Mine“, „Es ist an der Zeit“.) zum Bei­spiel: „Was kei­ner wagt“ (Wecker), „Die Mäd­chen in der Schen­ke“ (Mey) und „Jeder Traum“ von Franz Josef Degen­hardt, der am 13. Novem­ber die­sen Jah­res kurz vor sei­nem 80. Geburts­tag ver­starb und offen­sicht­lich zu einem der geschätz­tes­ten Kol­le­gen Waders gehört, wes­halb er ihm am gest­ri­gen Abend dann auch ein wei­te­res Lied wid­me­te („Alter Freund“).

Doch nicht nur auf sei­ne deut­schen Kol­le­gen greift Han­nes Wader zurück, son­dern auch auf Tex­te aus Euro­pa und Ame­ri­ka. Er singt „Les feuilles mor­tes“ („Die wel­ken Blät­ter“) von Jac­ques Pré­vert (bekannt gewor­den durch Yves Mon­tand), „Last Thing On My Mind“ („Ich werd es über­ste­hen“) von Tom Paxt­on, „Turn, Turn, Turn“ („Seit Ewig­kei­ten“) von den Byrds und wei­te­re. Zu jedem schrieb Wader einen deut­schen Text, ließ den Ori­gi­nal­text jedoch gele­gent­lich durch­schim­mern und — das war beson­ders schön — erzähl­te die jewei­li­gen Sta­tio­nen eines jeden Lie­des.

Wenn ein Lie­der­ma­cher dem Cho­ral „Oh Haupt voll Blut und Wun­den“ einen neu­en Text ver­leiht („Tag­traum“), klingt das trotz alle­dem recht düs­ter. Han­nes Waders Kon­zert klang ins­ge­samt sehr nach Reflek­ti­on, Lebens­herbst und uner­grif­fe­nen Chan­cen. Viel­leicht lag das tat­säch­lich an dem so kurz vor­her ver­stor­be­nen Freund. Ich hof­fe es. Denn, so viel Melan­cho­lie und Ernst kann für einen ein­zel­nen Men­schen auf Dau­er nicht gut sein. Der Abend war auf jeden Fall berüh­rend und nach­denk­lich und jeder der Zuhö­rer wird für sich eine klei­ne Weis­heit mit­ge­nom­men haben. Aber es wäre schön zu wis­sen, wenn Han­nes Wader doch tat­säch­lich irgend­wann den Ort fin­det (viel­leicht nicht in Grie­chen­land), wo er am Ende gern blei­ben wür­de.

Han­nes Wader spielt und singt heu­te Abend noch in Bad Abbach (bei Regens­burg) im Kur­saal und dann im Früh­ling wie­der ab dem 7. Febru­ar an ver­schie­de­nen Orten, ganz nach dem Kre­do „Heu­te hier, mor­gen dort.“ Ab dem 15. Dezem­ber wird zudem  in den deut­schen Kinos der Doku­men­tar­film „Wader Wecker Vater Land“ lau­fen, der beim Münch­ner Film­fest in Juni 2011 mit dem Publi­kums­preis aus­ge­zeich­net wur­de.

 

Pau­la Lin­ke

 

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