Trost, der dauert

Vin­cent Van Gogh schrieb, dass die Musik „eine Kunst des Tros­tes für zer­ris­se­ne Her­zen“ ist. Der Soul hat die­se Idee auf­ge­nom­men, The Thiams und Rapha­el Saa­diq waren am Don­ners­tag im E‑Werk, ein Abend, der ein Quan­tum Trost war (die Men­ge, die 3Stunden für 1Leben bedeu­ten).

The Thiams, zwei Schwes­tern aus Ber­lin, spiel­ten um 21Uhr. Tam­bu­rin, Pia­no, E‑Gitarre, hüb­sche Mäd­chen mit Hut, Hosen­trä­gern und R’n’B. No Loo­sers, eige­ne Songs, gute Lau­ne und Ohr­wurm-Sound. We got it all, say you want some more und obwohl im gro­ßen Saal des E‑Werks noch nicht all­zu viel los war, erreich­ten sie das Publi­kum. N’Gone Thi­am stand mit Mini-Gitar­re am Mikro­phon, ihre Schwes­ter Bous­sa saß am Pia­no, ein­ge­hüllt in rosa Rauch, sti­lis­tisch wie das Film­pla­kat für einen neu­en Taran­ti­no-Strei­fen. Es hat­te genau die­se Stim­mung, selbst­be­wuss­te Sän­ge­rin­nen mit kraft­vol­len Songs, man lächelt ein­fach, weil da oben ver­fluch­ter Soul statt­fin­det. Sie spiel­ten viel­leicht eine hal­be Stun­de, es wur­de klar, dass man Melo­di­ca nicht mit Lip­gloss spie­len kann und High Heels braucht es auch nicht immer, aber es ist letzt­end­lich gleich, es war ein smoot­her Start.
The Thiams: Soul Sisters (Foto: Martin Deinhardt)

Rapha­el Saa­diq ist natür­lich bekann­ter, sein vier­tes Solo-Album Stone Rol­lin erschien im März. The Way I See It (2008) war purer Motown-Sound, danach fand Saa­diq durch vie­le Live-Auf­trit­te zu einer Stim­mung, die dre­cki­ger ist, här­ter und unmit­tel­ba­rer, er ging die Geschich­te wei­ter zurück, High­way 61 Revi­si­ted sozu­sa­gen, also der Rock’n’Roll der 50er und 60er. Zumin­dest auf den Plat­ten ist das ein Pro­blem: Der abso­lu­te Wil­le zur musi­ka­li­schen Restau­ra­ti­on, der iro­ni­scher­wei­se zeit­ge­mäß ist (Back To Black von A. Wine­house als Mani­fes­ta­ti­on die­ser Idee), nur fehlt die Ver­bin­dung zur Gegen­wart, die Welt ist kei­ne Schei­be, aber man will eine Schei­be hören und die Welt sehen, in der man lebt. Es ist ein Pro­blem, aber kein Grund, Saa­di­qs Alben nicht zu ken­nen, weil sie in dem beschrie­be­nen Kon­text klas­se sind.
Und der Auf­tritt war beein­dru­ckend (der Saal füll­te sich wei­ter, aber vor allem mein Foto­graf hat­te noch mehr Gäs­te erwar­tet), a rol­ling stone gathers no moss und selbst wenn es die Stei­ne sind, die Sisy­phos roll­te, kamen sie in Erlan­gen an und waren unbe­wach­sen. Rapha­el Saa­diq stie­fel­te also mit Karo-Hemd und Vier­eck-Bril­le auf die Büh­ne, samt Band, bestehend aus sechs Leu­ten, er spiel­te Gitar­re und im ers­ten Set brach­ten sie sofort den Album-Ope­ner Heart Attack: you givin’ me a heart attack, girl I want you back und es war anders, als ich dach­te, live war der Sound irr­sin­nig, wahn­sin­ni­ger Druck hin­ter den Tönen, schnell wur­de klar, dass hier kein Soul-Sän­ger, son­dern ein Rock­star spielt. Kra­chen­de Sound­ge­wän­der, klar und kon­zen­triert, wei­ter mit Radio und Stone Rol­lin, baby, Stone Rol­lin
Es war ein­fach eine gute Show, der 150Ki­lo-Key­bor­der tanz­te mit Saa­diq und einem Back­ground-Sän­ger syn­chron wäh­rend 100 Yard Dash (Bezeich­nung eines Leicht­ath­le­tik-Wett­be­werbs, sehr ver­al­tet, Sprint über 91,44Meter: Usain Bolt hält nicht den Rekord). Saa­diq selbst war Sän­ger und Front­mann, zwi­schen­drin immer wie­der das alte Fra­ge-Ant­wort Spiel mit der Crowd (let me hear you say eeEEiiii und das Publi­kum als Chor, etc) und wäh­rend einem Solo steht die gan­ze Band hin­ter ihm, Hüft­schwung, Clap links, Hüft­schwung, Clap rechts, über­all Rauch­schwa­den und Licht­ef­fek­te, der Lucy Pearl-Hit Dont Mess With My Man opu­lent insze­niert, Saa­diq ent­le­dig­te sich Hemd und Bril­le (also den modi­schen Kom­po­nen­ten sei­nes Out­fits), drun­ter trug er ein Len­ny Kra­vitz Shirt, was wesent­lich bes­ser ist, wo der gute Len­ny doch gesagt hat: „Today, peop­le are more into the glitz and the gla­mour of ever­ything. We don’t even read the insi­de of records any­mo­re.“ Es stimmt natür­lich fast, aber es gibt auch noch die ande­ren Sachen, es gibt die Musik, die Trost ist (weil: glitz and gla­mour sind Ablen­kung von der abge­fuck­ten Gegen­wart, der Trost ist eine Reak­ti­on auf die­sel­be). Good Man bei­spiels­wei­se, der ers­te Takt des Stü­ckes wur­de unge­fähr 10mal wie­der­holt und dann brach der Song los, wie eine sub­ti­le Lawi­ne, es ist die Ver­bin­dung von Inhalt und einem guten Gefühl (Rand­no­tiz: man könn­te „Unter­hal­tung“ sagen, aber die­ses ver­damm­te Wort ist hier unmög­lich: es liegt an diver­sen Shows und For­ma­ten, die angeb­lich „unter­hal­ten“, aber tat­säch­lich nur die all­ge­mei­ne Ver­blö­dung poten­zie­ren. Das deut­sche Wort „Unter­hal­tung“ ist, was Len­ny mit glitz and gla­mour meint, kein Zwei­fel). Was soll’s, wer zu Saa­diq kommt, ist insi­de of records (mit dem Bewusst­sein in der Musik), es blieb nichts ande­res übrig.

Jeder merk­te, dass Saa­diq selbst Spaß hat­te, ein­mal hüpf­te er fünf Minu­ten über die Büh­ne und fei­er­te den Sound sei­ner Band, oder er warf ein Hand­tuch nach sei­nem über­ge­wich­ti­gen Key­boar­der, der I never felt this way befo­re (auf Repeat) sang.
Gegen Ende war der Auf­tritt teil­wei­se lang­at­mig und bei den Songs von The Way I See It war Motown im Haus, har­mo­nisch zwar und eine Remi­nis­zenz and die Temptati­ons, sure hope you mean it, aber nicht mehr so prä­sent wie die neue­ren Stü­cke (und Day Dreams war über­flüs­sig – der ein­zi­ge Track auf Stone Rol­lin, der da nicht drauf gehört).
Trotz­dem war es ein ver­flucht gran­dio­ses Kon­zert, drei Stun­den und live ist es ein­fach Musik, frei von Geschich­te und Gen­re, Saa­diq war ein Rock­star, den ich anders erwar­tet habe. Und so ging man dann zurück in die Novem­ber-Nacht, nüch­ter­ner Herbst, es war anders als die Son­ne und der Absinth, die Vin­cent hat­te, aber der Trost ist ähn­lich, oder: der Soul wird uns immer hel­fen.

Text: Joshua Groß
Fotos: Mar­tin Dein­hardt

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