The Kraft and the Glory

Es gilt nach wie vor, eine Welt zu zer­stö­ren: Andre­as Spechtl (Foto: Jana Wer­ni­cke)

Ach, ver­dammt. Jetzt muss ich hier einen Text über Ja, Panik schrei­ben und es ver­su­chen. Ver­su­chen los­zu­kom­men, weg, und nicht einen der „over-sophisti­ca­ted Pop-Dis­kurs­ler“ geben, die die­se Band in Sphä­ren geschrie­ben haben, in denen sonst nur die neu­es­ten „Jetzt ist alles möglich“-Hype-Produkte der bri­ti­schen Musik­pres­se schwe­ben. Ja, ihr habt es ja schon aus­ge­spro­chen, Ihr Kul­tur­dik­ta­to­ren des deutsch­spra­chi­gen Feuil­le­tons, euer kol­lek­ti­ves „Anhören!“-Verdikt, um euch der eige­nen Hege­mo­nie zu ver­si­chern und wir tun’s ja, tun’s ja, tun’s ja und wol­len es auch ehr­lich nicht mögen, nun wirk­lich nicht, weil wir nicht auf euch hören wol­len, gro­ße Ver­wei­ge­rer, wie wir doch sind.

Denn es ist ja mitt­ler­wei­le ein zu sehr vor­her­seh­ba­res Spiel mit der Pop­kri­tik und Ja, Panik: Oh Spieg­lein, Spieg­lein, oh, ihr Gran­den, sagt, wer ist die bes­te Band in deutsch­spra­chi­gen Lan­den? Es wer­den doch, ach gott, oh nein, nicht etwa Ja, Panik aus Öster­reich sein? Quel­le Sur­pri­se! Geht ja mitt­ler­wei­le zu wie bei Wil­co hier.

Aber natür­lich unter­schrei­ben wir am Ende jedes ein­zel­ne Wort, haken alles ab, ich set­ze sogar mei­nen aller schöns­ten Schnör­kel dar­un­ter, denn es hat ja nicht ein­mal einen gan­zen Durch­lauf von „DMD KIU LIDT“ gebraucht, um zu ver­ste­hen. Ich muss das mit Zäh­ne­knir­schen tun und zit­tern­der Hand, denn was Ja, Panik machen schreit und brüllt und kreischt aus allen Ecken und Enden nach Wider­spruch, nach den­je­ni­gen, die kei­nen Bock haben auf die­se epo­cha­le post­mo­der­ne Refe­ren­za­po­ka­lyp­se namens „DMD KIU LIDT“; denen, die die Band schon seit „The Tas­te And The Money“ beschis­sen fan­den, als sie ihr anma­ßen­des, uner­hör­tes, gran­dio­ses Sechs-Punk­te-Mani­fest zum Album hin­zu­leg­te.

Ja, wer traut sich jetzt, wer reißt hier noch was rum? Nie­mand, außer ein paar der übli­chen was­ein­biss­chen­nach­ge­ho­be­nem­deutsch­kling­tals­pseu­do­in­tel­lek­tu­el­lundprä­ten­tiös­ab­kan­zeln­den Inter­net­fo­ris­ten, die ab- und an ein erqui­cken­des „Jedes Mal wenn ich das höre, has­se ich Öster­reich ein klein wenig mehr“ bei­steu­ern? Nie­mand?

Schaut mich nicht an, denn ich tue es nicht.

Das wird bald alles uns gehö­ren: Ja, Panik spie­len „Never­mo­re“ (Foto: Jana Wer­ni­cke)

Weil ich die­ser Band ver­fal­len bin, sowie man einer Band nur ver­fal­len kann. Es ist kei­ne, sich selbst auf­ge­ben­de, him­mel­hoch­jauch­zen­de, eupho­ri­sche Hin­ga­be, sowie das in den 90er-Jah­ren, sagen wir bei einer Band wie Sue­de der Fall gewe­sen sein muss, son­dern ein grrrr­rim­mi­ges, pes­si­mis­ti­sches Ein­ge­ständ­nis, hier eine bit­te­re, oft­mals nur von dunk­lem Humor geret­te­te Wahr­haf­tig­keit zu fin­den, wel­che wohl die ein­zi­ge Medi­zin ist, um nicht zum Mis­an­thro­pen zu wer­den. Glaubt an wenig! Glaubt an die Lie­be! Fürch­tet wenig! Fürch­tet nur die erschre­ckens­te, schlimms­te Angst aller Ängs­te, den end­lo­sen Kreis­lauf, die Wie­der­ho­lung! That’s the point, I sup­po­se.

Und jetzt also, am Zenit, weil mehr wohl nicht mehr geht, der Live­auf­tritt, gut so, es wur­de auch Zeit. Lärm! Krach! Unvoll­stän­dig­keit! Zu lei­se, zu laut! Arhyth­mik und Dis­so­nanz! Ich war­te.

Es ist ziem­lich müßig, sich dar­über auf­zu­re­gen, dass der Zuschau­er­zu­spruch im E‑Werk mal wie­der schwerst zu wün­schen übrig lässt. Was seid ihr, Nar­ren? Aber jetzt bloß nicht kul­tur­pes­si­mis­tisch wer­den. Die Band ist ja schon da oder auch nicht, ver­harrt in schwarz/weiß im Hin­ter­grund, bewegt sich nur sel­ten. Ein Film auf einer Lein­wand, guter Trick, er garan­tiert die gewünsch­te Auf­merk­sam­keit, bis Andre­as Spechtl und Co., die blas­sen Buben, dann tat­säch­lich auf die Büh­ne kom­men, alle­samt in exis­ten­zia­lis­ti­sches Schwarz gewan­det, so dass im Halb­schat­ten auf der Büh­ne kaum mehr als Sil­hou­et­ten zu erken­nen sind. Es geht einen Moment, bis die sanf­te Orgel schließ­lich „Trou­ble“ ein­lei­tet, die­sen für Spechtls Umgang mit Spra­che so sym­pto­ma­ti­schen Song. Sor­ry for my bad eng­lish, but my ger­man is even wor­se. Da haben wir sie schon, die selt­sa­me, auf „DMD KIU LIDT“ auf die Spit­ze getrie­be­ne Sprach­me­lan­ge aus Deutsch, Eng­lisch und Öster­rei­cher Zun­gen­schlag, die eigent­lich nicht funk­tio­nie­ren kann, es irgend­wie trotz­dem tut und eines der her­vor­ste­chends­ten Iden­ti­täts­merk­ma­le die­ser Band ist. Und ihre Wur­zeln beim durch Spechtls Gesang ohne­hin ab und an sehr prä­sen­ten Lands­mann Fal­co hat. Ein Refe­renz­spiel­chen also mal wie­der, und Ach­tung, sich dar­auf ein­zu­las­sen, auf all die Quer­ver­wei­se und Zita­te und Zei­chen und Was­wei­ßich die­ser Songs bedeu­tet womög­lich, sich dar­in zu ver­lie­ren, denn auch das ist ja wesent­li­cher Bestand­teil der Iden­ti­tät von Ja, Panik: Die Not­wen­dig­keit des Zitats, ja Pla­gi­ats. Wer will kann also ihr Werk durch­fors­ten, so lan­ge wie es ihm Spaß macht und bei­spiels­wei­se in „Trou­ble“ eine Anspie­lung auf den deut­schen Phi­lo­so­phen Wal­ter Ben­ja­min ent­de­cken oder eben auch nicht. Ob es das braucht? Viel­leicht eher nicht, aber das kur­ze Lächeln, das Erstau­nen, oder das Stirn­run­zeln bei einer Ent­de­ckung wie die­ser, dass bleibt. Und wer nicht will, kann ja immer noch dem wun­der­bar schwel­ge­ri­schen Pop­song lau­schen, der „Trou­ble“ ja letzt­end­lich ist. Und ein hei­te­res „Fuck you!“ an den unbe­ding­ten Kunst­an­spruch die­ser Band sen­den. Es wür­de sie wohl nicht wei­ter küm­mern.

Zu die­sem Zeit­punkt ist schon klar, dass die Band nicht hübsch chro­no­lo­gisch das gan­ze „DMD KIU LIDT“(was übri­gens, für die­je­ni­gen, die es noch nicht wis­sen, nach all­ge­mei­nem Dafür­hal­ten „Die Mani­fes­ta­ti­on des Kapi­ta­lis­mus ins unse­rem Leben ist die Trau­rig­keit“ bedeu­tet) spie­len wird, wie sie es bis­wei­len schon getan hat, son­dern wie­der ein biss­chen vari­iert. Wes­halb nach „Trou­ble“ auch erst mal eini­ge Songs von „The Angst and the Money“ fol­gen, die so viel unge­stü­mer daher­kom­men als das eher getra­ge­ne „DMD“. „Die Luft ist dünn“ ist dar­un­ter, dem live noch viel mehr die schep­pern­de Ele­ganz der Liber­ti­nes nach­weht, auch „Ja, es stimmt“, „Dyna­mi­te“ und natür­lich „Never­mo­re“ mit sei­nem spek­ta­ku­lä­ren, alles an allen Ecken und Enden in Flam­men set­zen­den eupho­risch-errup­ti­ven, im Chor her­aus­ge­brüll­ten Refrain. Die Band spielt die­se Songs so, wie man sol­che Songs eben spie­len muss: Sehr schnell, sehr laut und abso­lut schnör­kel­los. Ledig­lich beim eben erwähn­ten „Never­mo­re“ gibt Gitar­rist Tho­mas Schlei­cher den in der Mit­te tän­zeln­den und dabei „ästhe­tisch wert­voll“ rau­chen­den Dan­dy, bevor er in den Chor mit ein­setzt. Es gibt kaum Pau­sen zwi­schen den Songs, Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Publi­kum ohne­hin nicht, es geht vor­an, schnell, rasend schnell­schnell­schnell.

Der Hass hat sich tief in mich gefres­sen, dass ich wohl ganz ver­lo­ren bin: Andre­as Spechtl

Die „DMD“-Songs wer­den dage­gen bis­wei­len mit Lein­wand­bil­dern im Hin­ter­grund aus­staf­fiert, „Mr. Jones & Nor­ma Des­mond“ etwa, dass von einem auf der Schreib­ma­schi­ne getipp­ten „Dear Nor­ma, I’m your big­gest fan“ ein­ge­lei­tet wird, ehe Spechtl Dyl­ans alten Neme­sis Mr. Jones ein wei­te­res Mal ver­höhnt (Irgend­was ist da im Gan­ge, du bist nicht sicher, doch du schreibst) und ihm zusam­men mit Nor­ma Des­mond, dem eben­so aus der Zeit gefal­le­nen alten Stumm­film­star das end­gül­ti­ge Ver­ges­sen an den Hals wünscht. Die Lein­wand ist es auch, die das abwe­sen­de John Cale-Strei­cher­en­sem­ble (um auch das noch­mal zu erwäh­nen) ein­blen­det, dass es für „Bar­ba­rie“ braucht. Der­ar­ti­ge Spie­le­rei­en ver­blas­sen aller­dings zügig, denn letz­ten Endes siegt natür­lich die Schlicht­heit, klar. „Never­mind“ braucht nicht viel, genau genom­men nur eine ein­sa­me Gitar­re, um in Sachen Inten­si­tät noch­mals eine Schip­pe drauf­zu­le­gen – wenn hier statt Spechtl allei­ne alle Band­mit­glie­der jeweils eine der Stro­phen über Tho­mas, Chris­ti­an, Ste­fan, Sebas­ti­an anstim­men und somit also sich selbst besin­gen, ist das natür­lich groß­ar­tig. Zumal es Tho­mas Schlei­cher etwa gelingt, das hier am deut­lichs­ten und bes­ten aus­ge­präg­te Spra­che­spe­ran­to Spechtls noch affek­tier­ter zu beto­nen (gibt es , so ganz neben­bei, eigent­lich ein schö­ner klin­gen­des eng­li­sches Wort als Suc­cess?) und das muss man bei des­sen immer sehr affek­tier­tem Gesang erst ein­mal schaf­fen, ohne es in Lächer­li­che abdrif­ten zu las­sen.

Ich erwäh­ne übri­gens das Wort „groß­ar­tig“ (und sämt­li­che ande­ren Wor­te des Lobes) jetzt nur noch ein­mal (näm­lich hier), weil es ab jetzt ohne­hin für alles gilt. Für „Blue“. Für „Alles hin, hin, hin“. Für „Run From The Ones That Say I Love You“. Und natür­lich für „The Evening Sun“, dass hier hym­nisch zele­briert wird und immer noch so ver­blüf­fend danach klingt, als hät­ten Mick Jag­ger und Keith Richards es in der „Let It Bleed“-Phase mit diver­sen Sub­stan­zen zuge­dröhnt in einem Hotel­zim­mer kurz vor dem Mor­gen­grau­en geschrie­ben. Ja, und danach, da kann eigent­lich nur noch „DMD KIU LIDT“, das epi­sche Titel­stück selbst kom­men und das kommt natür­lich auch, vol­le vier­zehn Minu­ten und eigent­lich mag ich dazu jetzt auch über­haupt gar nichts mehr sagen, nein wirk­lich nicht mehr, weil sich die Wucht die­ses Mono­li­then viel­leicht allen­falls mit Dyl­ans „Deso­la­ti­on Row“ ver­glei­chen lässt (über das man ja eigent­lich auch nichts sagen soll­te). Viel­leicht ein Zitat dar­aus neh­men? Ach was. Las­sen wir also ein wenig Platz, um das Gan­ze ange­mes­sen zu wür­di­gen. Und war­ten, bis es aus­klingt.

 

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So. „Ihr bringt uns ganz schön in die Bre­douil­le. Ihr wisst schon dass nach dem Stück nix mehr kom­men kann.“ sagt der Spechtl. Es ist das ers­te, was er an die­sem Abend sagt (von eini­gen genu­schel­ten Dan­ke­schöns mal abge­se­hen). Und weil er völ­lig Recht damit hat, schi­cken Ja, Panik dann eben doch noch etwas hin­ter­her, näm­lich eine krei­schen­de, auf das Grau­sams­te ver­hack­stück­te Ver­si­on von „Mara­thon“. Wie, da kann jetzt nichts mehr kom­men? Ach was! Wider solch alber­ner, schein­bar end­gül­ti­ger Gebo­te. Toco­tro­nic, den Brü­dern im Geis­te, hät­te das gefal­len.

Ich füge die­sen Zei­len jetzt aller­dings nichts mehr hin­zu, wozu auch, es ist alles gesagt.

Und wem das nun zu viel der Lob­hu­de­lei war: Ver­dammt, macht MIR des­we­gen doch kei­ne Vor­wür­fe!

 

Manu­el Weiß­haar

 

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