MARACUJA! oder EIER, JUNGS, WIR BRAUCHEN EIER! — der Poetry-Slam vom 20. Februar 2011

Ges­tern fand auf der Club­büh­ne des E‑Werks der Febru­ar-Slam statt. Ein groß­ar­ti­ger Abend! Kurz­wei­lig, abwechs­lungs­reich, die Balan­ce zwi­schen ernst und humor­voll hal­tend und kein Poet, den man mit einem Ach­sel­zu­cken hät­te abtun kön­nen. Da hat­te jeder etwas Coo­les.

Das begann schon mit dem Text des Money Boy-Songs „Dreh den Swag auf“, inter­pre­tiert (extra für die Ger­ma­nis­ten) von Mar­vin Suckut. Sein Fazit: Dass es im Grun­de dar­um geht, sich ver­dammt noch­mal gründ­lich die Zäh­ne zu put­zen, sich zu waschen und aus der dreck­trie­fen­den Gesell­schaft aus­zu­stei­gen. „An euch: Bleibt clean!“

Auf­fäl­lig war, dass es sich den Abend über um drei The­men­kom­ple­xe dreh­te, die sich auf eine fas­zi­nie­ren­de Wei­se spon­tan auf­ein­an­der abstimm­ten. Eine Cho­reo­gra­fie aus The­men. Lie­be! Lebe! Steig aus! Trau dich! Hab die Eier und sprich sie an! Nut­ze unse­re Spra­che rich­tig anstatt sie zu ver­ar­schen!… Da gab es vie­le ver­nünf­ti­ge Rat­schlä­ge.

Beson­ders ange­spro­chen füh­len muss­ten sich die Lyri­ker, die Ger­ma­nis­ten, die männ­li­chen Roman­ti­ker und die wet­ter­ab­hän­gi­gen „Alles-ist-schlecht-“Heulsusen. „Wer­det eurer posi­ti­ven Ein­stel­lung mäch­tig!“ Osa­ma lie­fer­te hier­zu einen schwung­vol­len Lösungs­vor­schlag, näm­lich den, heu­len­de Freun­de mal wirk­lich von ihren Qua­len (Freun­din, schei­ße schme­cken­de Flakes, Job, ner­ven­de Nach­barn) zu befrei­en und wenn es mit einer Halb­au­to­ma­tik sein muss. Heult nicht rum! Wer­det tätig!

Steigt aus! Wer­det Punk! Lucas Fass­nacht rock­te: „Das Sys­tem ist kaputt!“, schimpf­te auf Bank, Kom­merz, Poli­tik und Medi­en und such­te nach einem Weg, nicht als Teil des Gan­zen in Din­ge invol­viert zu wer­den, mit denen man gar nichts zu tun haben möch­te. Allein, Punk sein impli­ziert Bier, Bier impli­ziert Kon­sum und so bleibt selbst ein Punk im Sys­tem gefan­gen.

Chris­ti­an Groh­ganz mach­te ein Geständ­nis: Er habe Angst. Er sei über­ängst­lich, seit sei­ner Kind­heit schon und das mit Grund. In einer Gesell­schaft, in der sich der Onkel im Muse­um of Modern Arts erhän­gen und drei Wochen lang als Aus­stel­lungs­stück miss­ver­stan­den wer­den kann, ist etwas nicht mehr ganz rich­tig. Oder in einer, in der sich die deut­sche Spra­che, die Spra­che etli­cher gran­dio­ser Dich­ter, Lyri­ker, Autoren von Arnim bis Zweig auf einen „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­end­zeit-Movie“ zube­we­gen kann und im „McDoof-“-Bestellungen wie „Ne Schni­Po­Pi und für mei­ne Lut­sche ne Fri­Co“ auf­ge­ge­ben wer­den dür­fen (Flo­ri­an Cies­lik). In der Neunt­kläss­ler ernst­haft fra­gen kön­nen: „Hey Jan, als Hit­ler und das mit den Juden war, das ist schon 200 Jah­re her, oder?“ (Jan Sie­gerts, Mode­ra­tor)

In dem Fall ist Fass­nachts Aus­bruch: „Das Sys­tem ist kaputt!“ voll­kom­men berech­tigt. Und da pass­te auch der Text Cari­na Bir­zers über einen Schul­aus­flug der 10. Klas­se ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au, „für all die Men­schen, die am Sams­tag in Dres­den geblockt haben.“ Wäh­rend die­ses Tex­tes war es im Raum  ganz still, kein Mucks war zu hören und das war toll! Das Erlan­ger Publi­kum hat es drauf, sei­nen Gäs­ten zu zei­gen, dass es voll und ganz bei ihnen ist. So konn­te auch Sage Dra­gon dar­auf  zäh­len, dass der Zet­tel, den er in die Men­ge warf, geöff­net und ver­le­sen wer­den wür­de. Und Tobi­as Föh­ren­bach von „Laut­stu­fe Zwei“ konn­te davon aus­ge­hen, dass das Publi­kum den Refrain von „Mara­cu­ja“ mit­sin­gen wür­de.

Tobi­as Föh­ren­bach ist übri­gens schon ein­mal dage­we­sen, als Poet. Die, die damals anwe­send waren, wer­den sich mit Ver­gnü­gen an sei­ne „Wurst­schlacht“ um Lio­na und die „Wein­ver­kos­tung“ erin­nern. Jetzt erschien er zusam­men mit der Pia­nis­tin Iri­na Harsch, als „Laut­stu­fe Zwei“, die ab dem 4. März im Tas­si­lo-Thea­ter in Nürn­berg ihr Musik-und Sprech­kunst-Pro­gramm „Mit Zucker­brot und Peit­sche“ star­ten wer­den und beim Erlan­ger Poe­try-Slam einen wun­der­vol­len Vor­ge­schmack als Rah­men­pro­gramm gaben. Unter ande­rem ver­wan­del­te sich Herr Föh­ren­bach kur­zer­hand in einen „Hedge Fond Mana­ger“ und lie­fer­te ein leb­haf­tes Bei­spiel dafür, wie man sich bei Frau­en unter gar kei­nen Umstän­den vor­stel­len soll­te. (Wahr­haf­tig­keit ist gut, aber ab und zu tut man bes­ser dar­an, auf Details zu ver­zich­ten.) Sage Dra­gon mach­te da einen wei­te­ren Vor­schlag, näm­lich den: „Hi, ich find dich süß, ist das neben dir dein Freund?“ Ein­fach mal fal­len las­sen, los­ge­hen, anspre­chen! „Gefüh­le kann man nicht abschal­ten.“

Max Kennel setz­te da noch einen oben drauf mit: „Eier, Jungs, wir brau­chen Eier!“ Der Gewin­ner des gest­ri­gen Abends kam mit viel Selbs­be­wusst­sein rüber, voll­kom­men in Ein­klang mit sich selbst und sei­nem Kör­per („Frau­en ste­hen auf Selbst­ver­trau­en.“) und einer Ankla­ge an alle Dich­ter, die Schuld dar­an haben, dass unse­re Gesell­schaft ver­dummt. Denn: „Weil ihr kei­ne Eier habt“, euch hin­ter euren Schreib­ti­schen und Lyrik­hef­ten ver­steckt, statt euch fort­zu­pflan­zen, blei­ben für die Frau­en ja nur noch die Blö­den. Kein Wun­der also, dass das Sys­tem hinkt.

Und kein Wun­der, dass die belieb­te Fra­ge auf Fami­li­en­ge­burts­ta­gen „Und, wie steht es mit der Lie­be?“ so oft unbe­ant­wor­tet blei­ben muss. Lie­be, Lust, All­tag und Abschied müs­sen sich gar nicht aus­schlie­ßen! Das mach­te Katha­ri­na Speng­ler dem Publi­kum end­lich mal klar. Und wenn du die Chan­ce bekommst, noch ein­mal zu leben, dann ist laut Armin Neit­zel doch gera­de eine lie­ben­de Umar­mung das, was dich dich für das Leben ent­schei­den lässt, auch mit dem Wis­sen um die gan­zen Pro­ble­me und Ängs­te, die die Lie­be mit sich bringt.

Für alle, die ges­tern im E‑Werk waren statt „Tat­ort“ zu gucken: Ihr könnt noch ein wenig auf den Früh­ling war­ten. Ihr könnt aber auch den schwung­vol­len Abend von ges­tern als Anstoß nut­zen und sofort star­ten: Lebt! Liebt! Und habt ver­dammt noch­mal Eier in der Hose! MARACUJA!!!

Und dann kommt zum nächs­ten Poe­try Slam am 20. März wie­der!

Pau­la Lin­ke

2 Gedanken zu „MARACUJA! oder EIER, JUNGS, WIR BRAUCHEN EIER! — der Poetry-Slam vom 20. Februar 2011

  1. Das ist ja mal eine schwung­vol­le Zusam­men­fas­sung, die rea­lis­tisch zugleich den gan­zen Abend wider­spie­gelt.
    Da kann ich wie­der nur wis­send nicken und sagen: „Ja, so schön war’s“
    Herz­li­che Grü­ße und ein dickes Dan­ke­schön
    Ela

  2. Pingback: Erste Eindrücke vom Februar Slam 2011 @ POETRY SLAM ERLANGEN

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