In der Ruhe liegt die Kraft, oder so ähnlich

Wie ein Kon­zert von The Black Atlan­tic zum Mini-Folk-Fes­ti­val wur­de und war­um das Schö­ne in der Welt viel­leicht das Trau­ri­ge sein muss. Wie man die Club-Büh­ne des E‑Werks in ein Wohn­zim­mer ver­wan­delt und war­um Ker­zen immer noch das wärms­te Licht spen­den. Wie man von der Vor­band unver­hofft zum Haupt­act wird und war­um quiet noch immer irgend­wie the new loud ist.

Im Vor­aus gleich ein­mal eine Ent­schul­di­gung –  aber wer konn­te schon ahnen, dass New­man, als eine von drei Vor­bands zu The Black Atlan­tic an die­sem Abend ange­kün­digt, wirk­lich auf die Minu­te pünkt­lich anfan­gen wür­den und der Rezen­sent bei sei­ner Ankunft ledig­lich noch die lang­sam ver­klin­gen­den Töne ihres letz­ten Songs ver­neh­men kann? Folg­lich wird hier über die­se paar Zei­len hin­aus nichts über New­man zu lesen sein – ein Umstand, der selbst­ver­ständ­lich äußerst bedau­er­lich ist. Viel Zeit, sich über das Ver­säum­nis zu ärgern, bleibt aller­dings nicht. Unmit­tel­bar dar­auf wer­den schon glim­men­de Ker­zen ver­teilt und das Licht gedämpft, wäh­rend Dani­el Ben­ja­min mit­tels ener­vie­rend häu­fig wie­der­keh­ren­den Glo­cken­ge­läuts die Auf­merk­sam­keit des Publi­kums für sich ein­for­dert.

Man will ihn mit bösen Bli­cken stra­fen, dass er die­ses Gebim­mel doch bit­te las­sen soll, aber schon wäh­rend des dar­auf­fol­gen­den ers­ten Songs, den Ben­ja­min anstimmt, ist der Unmut dar­über wie­der ver­flo­gen – ledig­lich von einer Mit­strei­te­rin am Cem­ba­lo unter­stützt, bedient der Song­wri­ter Gitar­re und Mini-Schlag­zeug selbst, wäh­rend sei­ne groß­ar­ti­ge und vor allem sehr viel­sei­ti­ge Stim­me jedem der Stü­cke einen eige­nen Stem­pel auf­drückt. Irgend­wo zwi­schen Indiepop, Klas­sik und einem Hauch von Jazz pen­delnd, spielt Ben­ja­min gekonnt, ohne je in Wei­ner­lich­keit oder einen sen­ti­men­ta­len Selbst­mit­leids-Habi­tus zu ver­fal­len, auf der Gefühlskla­via­tur, mal mit kraft­voll-ener­gi­schem Gesang, mal mit lei­sem Fal­sett in Thom Yor­ke-Manier. Fast ein jeder sei­ner Songs schreit dabei nach gro­ßer Instru­men­tie­rung, nach orches­tra­lem Pomp, dem ganz gro­ßen Breit­wandsound und funk­tio­niert doch auch in schlich­ter, nahe­zu ske­let­tier­ter Form her­vor­ra­gend. Lei­ser Witz, necki­sche Kab­be­lei­en mit sei­ner Mit­spie­le­rin am Cem­ba­lo und gele­gent­li­ches Spi­cken ins Text­buch ver­schaf­fen Ben­ja­min wie­der­um Sym­pa­thie­punk­te, so dass man sich die Fra­ge stel­len kann, war­um er hier nur im Vor­pro­gramm auf­tre­ten darf.

Die offi­zi­el­le Rei­hen­fol­ge und die damit ver­bun­de­ne Fra­ge, wer denn hier wes­sen Vor­band ist, wird aller­dings kurz dar­auf ohne­hin ad absur­dum geführt. Es dau­ert knap­pe vier Songs, bis der Rezen­sent bemerkt, dass hier kei­nes­falls Ben­ni Hemm Hemm aus Island samt Band mit „aus­schwei­fen­dem Folk­pop“ (offi­zi­el­le Beschrei­bung des E‑Werks), son­dern in der Tat bereits The Black Atlan­tic auf der Büh­ne ste­hen. Obwohl diver­se Andeu­tun­gen in Rich­tung Hol­land (der Hei­mat von The Black Atlan­tic) bereits die­sen Ver­dacht näh­ren, braucht es erst das gelun­ge­ne „Fra­gi­le Mea­dow“ um die Band end­gül­tig zu iden­ti­fi­zie­ren – auch das Publi­kum scheint das lang­sam zu bemer­ken und applau­diert län­ger. Das wie­der­um macht Sän­ger Geert Van Der Vel­de etwas miss­trau­isch, schließ­lich könn­te man das, wie er anhand einer amü­san­ten Anek­do­te erläu­tert, auch dahin­ge­hend inter­pre­tie­ren, dass man die Band mit­tels lang­an­hal­ten­dem Applaus von der Büh­ne ver­trei­ben will.

Was natür­lich, betrach­tet man den Auf­tritt, abso­lu­ter Quatsch ist – mit bis­wei­len drei­stim­mi­gen, per­fek­ten Har­mo­nie­ge­sän­gen zele­brie­ren The Black Atlan­tic ihren sakra­len Indie­folk, prä­sen­tie­ren mit­tels lei­sem Gitar­ren­pi­cking, Kla­vier und gele­gent­li­chem Akkor­de­on-Ein­satz Songs von fra­gi­ler, anmu­ti­ger Schön­heit. Nein, es ist wahr­lich kein Abend für Tän­zer, aber was macht das schon. Man hät­te sogar ger­ne noch deut­lich mehr von The Black Atlan­tic gehört, die immer­hin als Haupt­act ange­kün­digt waren und den­noch kaum eine drei­vier­tel Stun­de spie­len – womög­lich befürch­te­te man sei­tens des E‑Werks, das Publi­kums könn­te auf­grund der fort­ge­schrit­te­nen Uhr­zeit am Ende etwas gesät­tigt sein von akus­ti­schen Gitar­ren und dem ruhi­gen Tem­po der Musik, wenn man den islän­di­schen Song­wri­ter Ben­ni Hemm Hemm noch vor The Black Atlan­tic spie­len lässt.

Und in der Tat schal­ten die Islän­der, nun mehr oder weni­ger zum Haupt­act beför­dert, noch einen Gang her­un­ter, so dass sich auf der Club­büh­ne als­bald behag­li­che Wohn­zim­mer­at­mo­sphä­re breit macht – man beginnt sich zu set­zen, im Schnei­der­sitz, nach vor­ne über die Knie gebeugt, oder lehnt sich gedie­gen an die Wand. Ben­ni Hemm Hemm lässt sei­ne Songs indes mit lan­gen Intros auf der akus­ti­schen Gitar­re begin­nen, singt lei­se und zer­brech­lich, wäh­rend sei­ne Band lang­sam unter­stüt­zend ein­setzt, bis woh­li­ge Blä­ser in mol­li­ger Melan­cho­lie die Stü­cke am Ende an sich rei­ßen – mit die­sen gedie­ge­nen, mal an Bei­rut, mal an Noah And The Wha­le erin­nern­den Fol­ke­le­gi­en klingt der Abend lang­sam aus. Der ein oder ande­re ver­lässt mit­un­ter das E‑Werk mit einer aku­ten Über­do­sis fol­kig-akus­ti­schen Wohl­klangs, wäh­rend die­je­ni­gen, die aus­har­ren, mit einem Lächeln im Gesicht den in islän­di­scher und eng­li­scher Spra­che gesun­ge­nen Songs lau­schen – und alle mit bösen Bli­cken stra­fen, die sich erlau­ben, laut zu spre­chen.

So wur­de also aus einem erwar­te­ten The Black Atlan­tic-Kon­zert ein lei­ses Mini-Fes­ti­val und man kann nur hof­fen, dass die ein­zel­nen Inter­pre­ten irgend­wann die Gele­gen­heit bekom­men, jeweils eigen­stän­dig noch etwas län­ger auf der Club­büh­ne zu spie­len.

Manu­el Weiß­haar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.