Vor genau einer Woche hat im E-Werk der große Jubiläums-Slam statt­ge­fun­den. Der Erlan­ger Poetry-Slam besteht nun schon seit 9 Jah­ren und zieht jeden Monat mehr Publi­kum in sei­nen Bann. Das liegt einer­seits natür­lich an dem spitz­fin­dig char­man­ten Mode­ra­tor Jan Sie­gerts, der die­ses Mal aller­dings nicht so oft zu Wort kam, und ande­rer­seits an dem ganz spe­zi­el­len Zugang zu zeit­ge­nös­si­schen, lite­ra­ri­schen Texten.

Der Poetry-Slam kommt

ursprüng­lich aus aus den USA, wo er Mitte der acht­zi­ger Jahre von Marc Kelly-Smith in Chi­cago ent­wi­ckelt wurde, um das Inter­esse sei­ner Zuhö­rer­schaft auf eine ganz neue, erfri­schende Weise zu wecken. Das Publi­kum bekam durch die Macht des Urteils, wel­che man ihm zusprach, das Gefühl, ein Teil des Abends zu sein und eine Stimme für des­sen Ver­lauf zu haben. Man hatte plötz­lich das Recht, sei­nen Lieb­lings­poe­ten einem ande­ren vor­zu­zie­hen und dies auch zu zei­gen. In Ame­rika han­delt es sich auch heute noch um einen „slam“, einen „battle“, ein rich­ti­ges Wort­ge­fecht, das meist in Teams aus­ge­tra­gen wird. Viel­leicht erin­nern sich einige an den slam im Dezem­ber letz­ten Jah­res, als Jon Sands eine ganz andere Atmo­sphäre schuf, als es sonst der Fall ist.

Extra für den Jubiläums-Slam wur­den der kana­di­sche Musi­ker Old Seed, der Kaba­ret­tist Nils Hein­rich, der nie­der­län­di­sche Slam-Meister Bern­hard Chris­ti­an­sen, Gewin­ner des letz­ten Jah­res (Clara Niel­sen, Paul Wei­gel, Nico Sems­rott, Pierre Jara­wan, Moritz Kie­ne­mann) und der der­zeitge deut­sche Slam-Meister Patrick Sal­men ein­ge­la­den, ein brei­tes Spek­trum an Poe­sie und Wortgefecht.

Das ging von „den Ansich­ten eines Arsch­lochs“ und der Zusam­men­stel­lung der absur­des­ten Schlag­zei­len aus der Presse des letz­ten Jah­res (Paul Wei­gel), über eine wun­der­schön bildreich-poetische Arbeit Clara Niel­sens dar­über, dass der Mensch mehr von sei­ner Zeit hat, wenn er sie teilt; einem Abriss über „Gefahr“ von Chris­tian Rit­ter, in der die jugend­li­chen Schand­ta­ten unge­fähr­li­cher erschie­nen als das Esseb eines Dioxin-vergifteten Eis; über Pierre Jara­wan und „Geheim­spra­chen“ aus dem Wort­schatz von Film­zi­ta­ten. Eine schöne Fest­stel­lung in sei­nem Text lau­tete: „Ich bin Dich­ter, ich lüge nicht, ich gebe der Wahr­heit Spielraum.“

Hin zum ewig gelang­weil­ten und depres­si­ven Nico Sems­rott, der auf jeden Fall seine Kunst­fi­gur mit der schwar­zen Kapuze gefun­den hat und der tat­säch­lich – wie ange­kün­digt – mit sei­ner Laune begeis­terte. Nur stelle ich mir die Frage, ob sich das Publi­kum sei­ner Rolle als Ver­laufs­kon­trolle des Abends bewusst war, als es Nico Sems­rott in die dritte Runde klatschte. Ist Depres­sion tat­säch­lich so attrak­tiv? Wäre es nicht viel­leicht span­nen­der gewe­sen, einen der ande­ren, abwechs­lungs­rei­che­ren Poe­ten den Vor­tritt zu las­sen? Das sollte man even­tu­ell über­den­ken. Ande­rer­seits ist sein Dop­pel­sieg mit Patrick Sal­men jedoch für Aus­sa­gen wie: „Das Leben ist eine Krank­heit, die per Sex über­tra­gen wird und in jedem Fall töd­lich endet,“ berech­tigt. Und durch den Schluss­satz: „Er sollte sich das Leben neh­men.“ wurde die schwarze Kapuze durch­sich­tig und für den Augen­blick einer Bruch­se­kunde, kam, nun ja, ein lebens­fro­her Poet zum Vor­schein. So erfolg­reich sein Kapuzen-Nico ist: Es wäre schön, den ande­ren Teil mal noch näher ken­nen zu lernen.

Patrick Sal­men! Ein Geschich­ten­er­zäh­ler vom Feins­ten, mit wun­der­vol­ler Hör­buch­stimme! Aber das liest er sicher­lich viel zu oft, daher hier noch ein Kri­tik­punkt: Ab und zu ins Publi­kum zu sehen – auch wenn man im Grunde nicht viel davon sieht, ich weiß – täte dem Text kei­nen Abbruch. Unab­hän­gig davon: Wei­ter­ma­chen! Öfter nach Erlan­gen kom­men! Hör­bü­cher ein­le­sen! Und nie­mals den Bart abrasieren!

Lei­der, lei­der flog unser geschätz­ter Münch­ner „Welt­schmerz­poet“ Moritz Kie­ne­mann schon in der ers­ten Runde raus, ein gro­ßer Ver­lust für den wei­te­ren Ver­lauf des Abends. Texte, in denen ein­zelne The­men so inten­siv behan­delt wer­den, müss­ten mehr geschätzt wer­den. Denn die Auf­zäh­lung von kri­ti­schen The­men, die ange­spro­chen wer­den müss­ten, ist zwar nett, aber eine ober­fläch­lich wir­kende und inzwi­schen viel zu häu­fig gewählte Form. Auf­zäh­lun­gen sind easy und auch ein wenig feige.

Schade auch, dass man nicht mehr von dem nie­der­län­di­schen Bern­hard Chris­ti­an­sen mit­be­kam, der doch schließ­lich den wei­ten Weg auf sich genom­men hatte, extra auf deutsch vor­trug und in des­sen selt­sa­men Humor man sicher noch bes­ser hätte ein­stei­gen können.

Und schade, dass die ansons­ten fan­tas­ti­sche Musik des Kana­di­ers Old Seed auf einem kom­plett nach­denk­li­chen Level blieb. Ein wenig mehr Humor und Inter­ak­tion mit dem Publi­kum und die Frage, ob sein Bei­trag zu dem Abend nicht zu lang war, wäre sicher nicht auf­ge­kom­men. Die glei­che Frage stellte sich bei Nils Hein­rich. Unter ande­rem habe ich mich gefragt, ob es nicht aus­ge­lutscht ist, Voru­teile über die Ticks von Ossis und Schwa­ben auf­recht erhal­ten zu wol­len. Und ob es nicht feige ist, sich geo­gra­fisch gese­hen in deren Mitte über beide Regio­nen auszulassen.

Unab­hän­gig davon: So wie er hätte wohl jeder der Künst­ler einen ganz eige­nen Abend fül­len kön­nen und das Publi­kum wäre den­noch auf seine Kos­ten gekom­men. Ein Jubiläums-Slam, der es in sich hatte und der Lust auf den nächs­ten gemacht hat. Der wird schon am 20.02.2011 statt­fin­den und erwar­tet sein Publi­kum mit einem Abend vol­ler neuer Poe­sie. Was um Him­mels Wil­len tut man bis dahin?