Offene Bühne ist ja immer so ein biss­chen Wun­der­tüte. Man geht ein­fach hin und schaut mal. Kos­tet ja schließ­lich nix. Das kann natür­lich auch voll in die Hose gehen. Kann sich ja theo­re­tisch jeder anmel­den und spie­len. Und so ganz ohne Mode­ra­tion und Ankün­di­gun­gen war es dann heute sogar noch ein biss­chen mehr Ü-Ei-Prinzip als ohne­hin schon.

Los ging es, wie eine Tuba-Aufschrift in rot-schwarz unmiss­ver­ständ­lich klar machte, rich­tig zünf­tig mit der Kapelle Kon­rad, einem sechs­köp­fi­gen Brass-Ensemble, dass das Für­ther Publi­kum mit alt­be­währ­tem Lied­gut aus der Region beglückte. Was man halt so von der Kerwa kennt. Und siehe da: Mir nichts, dir nichts, hatte sich die Kof­fer­fa­brik in ein bei­nahe schun­keln­des Bier­zelt ver­wan­delt. Aber nur bei­nahe, wohl­ge­merkt – man musste sich ja schon noch ein biss­chen abgren­zen vom Sil­be­rei­ser­nen Kul­tur­kreis. Ukrai­ni­sches und Grie­chi­sches, wür­zige Bal­kan­mu­sik eben, wurde von der ganz in rot-schwarz auf­tre­ten­den Kapelle dann auch noch mit unter­ge­mischt und so war auch für den kri­ti­schen Bier­zelt­muf­fel etwas dabei. Was konnte also auf so einen Kul­tur­schock über­haupt noch kommen?

Limo2000 hieß die Ant­wort. Optisch hätte sich die Viel­sei­tig­keit die­ser Band schon mal nicht bes­ser ankün­di­gen kön­nen: Plötz­lich stand da ein den 70er-Jahren ent­sprun­ge­ner Alt­ro­cker mit Hip­pie­haar und Hendrix-Pulli an der Gitarre, dane­ben eine hib­be­lige junge Dame mit kur­zen grell­blon­den Haa­ren und Quer­strei­fens­hirt. Und die legte los. Thea­tral, kräch­zend, mit Leib und Seele dabei – eine tolle Front­frau. Das war anar­chisch, das war eigent­lich schon Punk. Aber wie pas­sen dann der Hard­ro­cker und die ande­ren drei, sagen wir mal „musik­sti­lis­tisch neu­tral“ anmu­ten­den Musi­ker ins Bild? Punk war es dann letzt­lich auch nur bedingt – irgend­wie war es Sto­ner, irgend­wie Garage, irgend­wie ein­fach Rock. Und irgend­wie spreng­ten „Limo2000“ auch diese däm­li­chen Schub­la­den­vor­stel­lun­gen und for­derte zumin­dest auf, die eigene Gen­re­ein­tei­lung zu über­den­ken. Ein eige­ner Stil wird ja bekannt­lich schnel­ler unver­wech­sel­bar. Ordent­lich ab ging das jeden­falls, bis hin zur Zugabe (Motörheads „Ace of Spa­des“, das wun­der­bar mit der wag­hal­si­gen Sing­stimme har­mo­nierte) und auch bis hin zur zwei­ten (!) Zugabe.

Band Numero Drei hatte es nun reich­lich schwer, die Bom­ben­stim­mung auf­recht zu erhal­ten, zumal die Stil­rich­tung wie­der völ­lig kippte. Die zwei Mit­glie­der von Mas­ques wag­ten sich auf die Bühne. Einer saß am elek­tri­schen Piano und unter­malte den star­ken Sän­ger mit sanf­ten Klän­gen. Es wurde ruhig, es wurde besinn­lich (man möchte fast sagen, es wurde „weih­nacht­lich“, aber man ver­kneift es sich). Im mini­ma­lis­ti­schen Duett erle­dig­ten die bei­den das, was sich sonst mul­ti­in­stru­men­tal zu träu­me­ri­schen Prog-Rock-Klangwelten erhebt und erschu­fen dabei eine fast opern­hafte Atmo­sphäre. Im Publi­kum musste man den argen Stim­mungs­um­schwung erst ein­mal ver­kraf­ten, ließ sich dann aber gerne auf die melo­diö­sen kur­zen Stü­cke der bei­den ein.

Die vier­ten des Abend­quar­tetts waren dann die Für­ther Lokal­ma­ta­do­ren Living Theory. Vier junge Gesich­ter betra­ten die Bühne. Rechts am Bass, der typi­sche Indie-Strahlemann mit wel­li­gem brau­nen Haar, dane­ben der Gitar­rist, ganz in schwarz geklei­det, mit lan­ger dunk­ler Metal­m­ähne. „Oh nein – Col­lege Rock!“, mochte man da schon den­ken. „Die spie­len ja nur zusam­men, weil sie die ein­zi­gen in der Ober­stufe sind, die Instru­mente kön­nen.“ Was folgte, war ein exzel­len­tes Bei­spiel, wie man solch einen eigens auf­er­leg­ten ers­ten Ein­druck gekonnt ver­puf­fen lässt. Zwar war das sti­lis­tisch nahe am Main­stream pad­delnde, nu-rockig ange­legte Lied­werk fast schon MTV-tauglich – mit Sicher­heit am taug­lichs­ten von den bis­her auf­ge­tre­te­nen Acts – aber eben dann doch nicht so ganz und darin liegt das eigent­li­che Kom­pli­ment. Gerade die sehr über­zeu­gende Stimme der Front­sän­ge­rin belegte die schlich­ten und ein­gän­gi­gen Riffs mit viel Wärme und Ener­gie. Und beim Schlaf­wand­ler­song „Som­nam­bu­lant“ wurde es dann auch noch rich­tig funky. Die Vier haben Zukunft.Soweit so gut. Was ler­nen wir nun aus dem heu­ti­gen Abend?

Fazit Eins: Man geht nicht ein­fach zur offe­nen Bühne in die Kof­fer­fa­brik und „schaut mal“ – man wird viel­mehr hin­ein­ge­so­gen und irgend­wann hat es einen gepackt. Das Wun­der­tü­ten­prin­zip geht voll auf.

Fazit Zwei: Hier gibt es erst­klas­sige Musik und man bezahlt noch nicht mal Ein­tritt. Das ist doch preis­wert! Qua­li­ta­tiv unter­schei­det sich die Musik wenig von Kon­zer­ten der teu­re­ren Sorte und man kann sei­nem inne­ren musi­ka­li­schen Ent­de­cker freien Lauf las­sen, innere Türen öff­nen und Neues kennenlernen.

Die nächs­ten Offe­nen Büh­nen in der Kof­fer­fa­brik sind übri­gens am 20. Dezem­ber, am 10. Januar, sowie am 07.02. und 07.03.2011. Unbe­dingt vormerken!

Jan Bra­ten­stein