Poetry-Slam in Erlangen am 19.09.2010

Ja, wo kommt denn die lange Schlange her, die sich schon beinahe aus dem E-Werk windet? Die Leute stehen sich die Beine in den Bauch, um den ersten Poetry-Slam nach der Sommerpause zu sehen. Angemeldet hatten sich acht Slammer, die ihr Talent zum Besten geben wollen.
Charmant und mit einem Augenzwinkern führte Jan Siegert durchs Programm. Er nahm selbst sieben Jahre lang an Slams teil und diesmal ließ er es sich nicht nehmen, auch einen eigenen Text vorzustellen. Er berichtet („Diesen Text hat das Leben geschrieben!“) unter anderem von seiner Zeit als Sozialpädagogikstudent an einer evangelischen Hochschule Wollpullis-strickenden Studenten und schlägt dann einen Bogen in die Zukunft zum neuen Stuttgarter Bahnhof.
Für musikalische Unterstützung sorgten diesmal die The Mautz Brothers. Das Duo, das an Russel Crowe und Helge Schneider erinnerte, spielte in sich versunken englische und amerikanische Folkmusik. Die Klänge von Bob Dylan und Noel Gallagher durchdrangen die Clubbühne. Ein Highlight war das egozentrische Gehabe von Helge. Theatralisch setzte er sich in Szene, während Russel rockig-cool Helges Launen ertrug.

Harry Kienzler nahm als erster Slammer die Bühne ein. Der Baden-Württemberger hat schon einige Bühnenerfahrung, unter anderem nahm er am WDR-Poetry-Slam oder bei den Slam-Meisterschaften in Düsseldorf teil. Er widmete seinen an ein Manifest ähnelnden Text an alle, die keine Stimme haben, oder sie nicht erheben können: Gemeint waren damit die „Ladies“ alias alle Ladegeräte, die eintönig an Steckdosen hingen. Sein Text konnte das Publikum allerdings nicht einhellig überzeugen.
Nummer zwei war ein Forchheimer namens Sage Dragon, der eine dreiteilige Liebeserklärung ins Mikrofon flüsterte. Eindringlich beschwor er seine Liebste, dass sie das einzig Wahre für ihn sei, und man das Wunder, das sie beide hatten, nicht in Worte fassen könne. Jeanny von Falco ging mir durch den Kopf. Unheimlich.
Es folgte der Ire Björn Dunne aus München, der mit „Von Brieftauben und Greifvögeln“ ebenfalls die Liebe beschrieb, die anfangs so wunderschön war, sich aber unmerklich veränderte. Sätze, einst von Verliebten ausgesprochen, veränderten ihre Bedeutung.
Als einzige Frau behauptete sich Valentina Deutsch, die aus ihrem Gedichtband „Was bleibt von mir nach dem Tod“ zwei Gedichte vortrug, einmal „Erinnerungen“ und „Nutella“. Beschäftigt sich ersteres mit der Sorge, was man denn für Spuren in der Welt hinterlasse, leckte sich der Zuhörer die Lippen bei „Nutella“, russische Leidenschaften werden aufgeschraubt und kulinarisch verschlungen.
Gewinner der Runde Eins wurde recht eindeutig Björn Dunne.

Runde Zwei leitete Bo Wimmer ein, der 2009 im süddeutsche.de-Poetry-Slam das Finale erreichte. Auch er malte das Bild eines Liebespaares, das sich gemeinsam auf eine Reise begibt. Die Welt ist rosa und alles scheint zu schweben. Bis der Weg holpriger wird, bis die goldene Farbe verschwindet und sie sich in ihrer Küche wieder finden, der Zauber ist verflogen.
Im Gegensatz dazu spielte Marvin Suckut ein ganz anderes Lied der Liebe. Mit Musikvokabeln steigert er sich in eine Liebesszene hinein, es tönte und stöhnte, bis einem fast die Ohren abfielen.
Auf performative Art entführte der Pforzheimer Fabi Neidhardt sein Publikum in eine U-Bahn, die viele frühmorgens zur Arbeit brachte. Er stellte sich als Kasimir Dax, Seminarleiter, vor, der über das Sprechen reden wollte, um die Menschen einander näher zu bringen. Er zog das Publikum direkt mit ein und gewann die Zuschauer für sich.
Dennis Braun, der letzte der Gruppe, ist nicht aufgetaucht, spontan sprang Turnkey Facility ein, der für einen Poetry-Slam in Forchheim warb und spontan den Text „Selbstgemalt“ aus der Hosentasche zog. Die zweite Runde ging an Fabi Neidhardt.

Das Finale bestritten also Björn Dunne und Fabian Neidhardt. Björn ließ die Zuschauer wieder an die Liebe glauben, mit seinem gerapten Vortrag „Reise, Reise“. Obwohl die Welt unterging, trug er sie, weil sie von ihren Kräften verlassen worden war. Romantisch veranlagtem Publikum mag es gefallen haben.
Fabi hingegen erzählte in seiner ersten Geschichte sarkastisch von den vier Gefallen, die ein Mädchen vom Dorf einem Fremden nur zu gerne zu gewähren bereit ist, um der Langeweile zu entfliehen. Dass das naive Mädchen enttäuscht wird, ist allen von Anfang an klar, nur ihr nicht. Der zweite Text ist viel kürzer, beschreibt die Schäden, die der Mensch der Welt bereits angetan hat, von der Sintflut bis zum Ozonloch, und ruft zum Aktionismus auf: „Wir halten die Welt in unseren Händen!“. Was für ein Schlusswort.
Jan konnte am Applaus des Publikums keine eindeutige Entscheidung erkennen und erklärte kurzerhand beide Finalisten zum Sieger. Mit einer Flasche Wein in der Hand verließen die beiden die Bühne.
Die Qualität der Texte war gemischt, die Moderation gelungen, fand eine Zuschauerin, außerdem fand sie gut, dass es „nur“ acht Slammer war. Irgendwann kann man den Bühnenpoeten nicht mehr so aufmerksam folgen.

Wer das Event dieses Mal verpasst hat, keine Sorge: Am 14.11.2010 wird der nächste Poetry-Slam im E-Werk stattfinden.

Johanna Meyr

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