Zwei Mal schon bin ich auf der Suche nach dem Artefakt falsch abgebogen. Und das, obwohl ich den Weg vorher mit Hilfe einer bekannten Suchmaschine recherchiert hatte. Zwei mal musste ich an dem Tattoo-Laden vorbei und an den rauchenden Köchen der beiden Gaststätten gegenüber, durch eine einsame Gasse, wo kaum zehn Meter von der Fußgängerzone entfernt nichts mehr von Den Rest des Eintrags lesen. »
Archiv für September 2010
Locus artis factae
Sep 28
Mega Manga Tag
Sep 25
Reichhaltig war das Programm des Mega Manga Tages am 24.09.2010 im Gemeinschaftshaus Langwasser. Nebst Zeichenstunden, Origami und Sushi-Kochen gab es Vorträge und sogar Tanzunterricht.
Immer noch ist Manga für viele so etwas wie die Sesamstraße, Rollenspiele oder Punk – Kinderkram halt. Anders für die Besucher des Mega Manga Tages in Nürnberg, denen die asiatischen Comics als Einstiegsdroge in die japanische Kultur dienten. Für sie ist Manga der gemeinsame Nenner, das, worüber Aikido-Sportler mit Lolitas, Visus und Japanologen fachsimpeln können.
Längst ist die deutsche Fangemeinde groß genug, um eigene Subkulturen auszubilden. Und längst auch geht es den meisten Manga-Kids nicht mehr nur um das Sammeln ellenlanger Comic-Reihen. Sie hören japanische Musik, lesen über japanische Kultur, lernen die Sprache und die Gebräuche. Und manche deutsche Stadtparks, die gerade von Lolitas heimgesucht werden, sind kulturell deutlich näher an Harajuku, als die geographische Lage vermuten ließe.
Außergewöhnlich an der japanophilen Szene ist ihr Hang zu den visuellen Künsten. Kaum ein Manga-Mädchen, das nicht schon die ein oder andere Comic-Erzählung zu Papier gebracht oder sich ein Kostüm genäht und „gecost“ (also das selbst gebastelte Kostüm auf einer Bühne vor großem Publikum vorgestellt) hätte. Selbst Bands haben sich in der Tradition des japanischen „Visual K“ gegründet.
Wie der Mega Manga Tag belegt, ist längst ein osmotischer Sog entstanden, der japanische und europäische Kultur in einem komplexen Wechselspiel verbindet. So wurde ein Workshop im Butho angeboten, einer modernen japanischen Tanzform, die aus der Begegnung mit europäischer Tanztradition entstand, sich zunächst eigenständig entwickelte, seit einigen Jahren aber auch in Europa immer mehr Anklang findet. Es ist durchaus beeindruckend, das mit Miho Iwata die Begründerin des Butho in Polen nach Nürnberg kommt, um Interessierten eine Einführung zu geben.
Mit Hubertus Heß und Pirko Julia Schröder sind auch zwei Künstler von der Nürnberger Kunsthochschule anwesend, die Vorträge über die japanischen Einflüsse auf ihre Werke halten. Was dabei heraus kommt, wenn ein deutscher Illustrator mit einer japanischen Autorin zusammenarbeitet, zeigt die zweibändige Manga-Reihe „Ninja – Die Reise ins Ninja-Dorf“ aus den Federn von Baron Malte und Miyuki Tsuji. Beide referierten auf dem Manga-Tag über ihr Werk, das versucht, ein realistisches Bild der historischen Ninja Tradition zu liefern. Dazu hat Miyuki Tsuji lange und gründlich recherchiert. Zusammen mit Baron Malte ist sie auch an die Originalschauplätze gereist. Die beiden gaben auch der reflex ein kurzes Interview zu ihrem Werk
Inspiriert von den Vorträgen, konnten die Besucher anschließend selbst Mangas malen oder ihre bereits mitgebrachten KAKAO-Karten austauschen, selbst gemalte kleine Tauschkarten, um die eine ganz eigene kleine Kultur entstanden ist.
600 Besucher zählte Ultra Comix in diesem Jahr auf dem Mega Manga Tag. Das ist noch nicht Rock im Park, kann sich aber sehen lassen.
Dennis Dreher
Ja, wo kommt denn die lange Schlange her, die sich schon beinahe aus dem E-Werk windet? Die Leute stehen sich die Beine in den Bauch, um den ersten Poetry-Slam nach der Sommerpause zu sehen. Angemeldet hatten sich acht Slammer, die ihr Talent zum Besten geben wollen.
Charmant und mit einem Augenzwinkern führte Jan Siegert durchs Programm. Er nahm selbst sieben Jahre lang an Slams teil und diesmal ließ er es sich nicht nehmen, auch einen eigenen Text vorzustellen. Er berichtet („Diesen Text hat das Leben geschrieben!“) unter anderem von seiner Zeit als Sozialpädagogikstudent an einer evangelischen Hochschule Wollpullis-strickenden Studenten und schlägt dann einen Bogen in die Zukunft zum neuen Stuttgarter Bahnhof.
Für musikalische Unterstützung sorgten diesmal die The Mautz Brothers. Das Duo, das an Russel Crowe und Helge Schneider erinnerte, spielte in sich versunken englische und amerikanische Folkmusik. Die Klänge von Bob Dylan und Noel Gallagher durchdrangen die Clubbühne. Ein Highlight war das egozentrische Gehabe von Helge. Theatralisch setzte er sich in Szene, während Russel rockig-cool Helges Launen ertrug.
Harry Kienzler nahm als erster Slammer die Bühne ein. Der Baden-Württemberger hat schon einige Bühnenerfahrung, unter anderem nahm er am WDR-Poetry-Slam oder bei den Slam-Meisterschaften in Düsseldorf teil. Er widmete seinen an ein Manifest ähnelnden Text an alle, die keine Stimme haben, oder sie nicht erheben können: Gemeint waren damit die „Ladies“ alias alle Ladegeräte, die eintönig an Steckdosen hingen. Sein Text konnte das Publikum allerdings nicht einhellig überzeugen.
Nummer zwei war ein Forchheimer namens Sage Dragon, der eine dreiteilige Liebeserklärung ins Mikrofon flüsterte. Eindringlich beschwor er seine Liebste, dass sie das einzig Wahre für ihn sei, und man das Wunder, das sie beide hatten, nicht in Worte fassen könne. Jeanny von Falco ging mir durch den Kopf. Unheimlich.
Es folgte der Ire Björn Dunne aus München, der mit „Von Brieftauben und Greifvögeln“ ebenfalls die Liebe beschrieb, die anfangs so wunderschön war, sich aber unmerklich veränderte. Sätze, einst von Verliebten ausgesprochen, veränderten ihre Bedeutung.
Als einzige Frau behauptete sich Valentina Deutsch, die aus ihrem Gedichtband „Was bleibt von mir nach dem Tod“ zwei Gedichte vortrug, einmal „Erinnerungen“ und „Nutella“. Beschäftigt sich ersteres mit der Sorge, was man denn für Spuren in der Welt hinterlasse, leckte sich der Zuhörer die Lippen bei „Nutella“, russische Leidenschaften werden aufgeschraubt und kulinarisch verschlungen.
Gewinner der Runde Eins wurde recht eindeutig Björn Dunne.
Runde Zwei leitete Bo Wimmer ein, der 2009 im süddeutsche.de-Poetry-Slam das Finale erreichte. Auch er malte das Bild eines Liebespaares, das sich gemeinsam auf eine Reise begibt. Die Welt ist rosa und alles scheint zu schweben. Bis der Weg holpriger wird, bis die goldene Farbe verschwindet und sie sich in ihrer Küche wieder finden, der Zauber ist verflogen.
Im Gegensatz dazu spielte Marvin Suckut ein ganz anderes Lied der Liebe. Mit Musikvokabeln steigert er sich in eine Liebesszene hinein, es tönte und stöhnte, bis einem fast die Ohren abfielen.
Auf performative Art entführte der Pforzheimer Fabi Neidhardt sein Publikum in eine U-Bahn, die viele frühmorgens zur Arbeit brachte. Er stellte sich als Kasimir Dax, Seminarleiter, vor, der über das Sprechen reden wollte, um die Menschen einander näher zu bringen. Er zog das Publikum direkt mit ein und gewann die Zuschauer für sich.
Dennis Braun, der letzte der Gruppe, ist nicht aufgetaucht, spontan sprang Turnkey Facility ein, der für einen Poetry-Slam in Forchheim warb und spontan den Text „Selbstgemalt“ aus der Hosentasche zog. Die zweite Runde ging an Fabi Neidhardt.
Das Finale bestritten also Björn Dunne und Fabian Neidhardt. Björn ließ die Zuschauer wieder an die Liebe glauben, mit seinem gerapten Vortrag „Reise, Reise“. Obwohl die Welt unterging, trug er sie, weil sie von ihren Kräften verlassen worden war. Romantisch veranlagtem Publikum mag es gefallen haben.
Fabi hingegen erzählte in seiner ersten Geschichte sarkastisch von den vier Gefallen, die ein Mädchen vom Dorf einem Fremden nur zu gerne zu gewähren bereit ist, um der Langeweile zu entfliehen. Dass das naive Mädchen enttäuscht wird, ist allen von Anfang an klar, nur ihr nicht. Der zweite Text ist viel kürzer, beschreibt die Schäden, die der Mensch der Welt bereits angetan hat, von der Sintflut bis zum Ozonloch, und ruft zum Aktionismus auf: „Wir halten die Welt in unseren Händen!“. Was für ein Schlusswort.
Jan konnte am Applaus des Publikums keine eindeutige Entscheidung erkennen und erklärte kurzerhand beide Finalisten zum Sieger. Mit einer Flasche Wein in der Hand verließen die beiden die Bühne.
Die Qualität der Texte war gemischt, die Moderation gelungen, fand eine Zuschauerin, außerdem fand sie gut, dass es „nur“ acht Slammer war. Irgendwann kann man den Bühnenpoeten nicht mehr so aufmerksam folgen.
Wer das Event dieses Mal verpasst hat, keine Sorge: Am 14.11.2010 wird der nächste Poetry-Slam im E-Werk stattfinden.
Johanna Meyr
