Archiv für September 2010

Locus artis factae

Zwei Mal schon bin ich auf der Suche nach dem Arte­fakt falsch abge­bo­gen. Und das, obwohl ich den Weg vor­her mit Hilfe einer bekann­ten Such­ma­schine recher­chiert hatte. Zwei mal musste ich an dem Tattoo-Laden vor­bei und an den rau­chen­den Köchen der bei­den Gast­stät­ten gegen­über, durch eine ein­same Gasse, wo kaum zehn Meter von der Fuß­gän­ger­zone ent­fernt nichts mehr von Den Rest des Ein­trags lesen. »

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Mega Manga Tag

Reich­hal­tig war das Pro­gramm des Mega Manga Tages am 24.09.2010 im Gemein­schafts­haus Lang­was­ser. Nebst Zei­chen­stun­den, Ori­gami und Sushi-Kochen gab es Vor­träge und sogar Tanzunterricht.

Immer noch ist Manga für viele so etwas wie die Sesam­straße, Rol­len­spiele oder Punk – Kin­der­kram halt. Anders für die Besu­cher des Mega Manga Tages in Nürn­berg, denen die asia­ti­schen Comics als Ein­stiegs­droge in die japa­ni­sche Kul­tur dien­ten. Für sie ist Manga der gemein­same Nen­ner, das, wor­über Aikido-Sportler mit Loli­tas, Visus und Japa­no­lo­gen fach­sim­peln können.

Längst ist die deut­sche Fan­ge­meinde groß genug, um eigene Sub­kul­tu­ren aus­zu­bil­den. Und längst auch geht es den meis­ten Manga-Kids nicht mehr nur um das Sam­meln ellen­lan­ger Comic-Reihen. Sie hören japa­ni­sche Musik, lesen über japa­ni­sche Kul­tur, ler­nen die Spra­che und die Gebräu­che. Und man­che deut­sche Stadt­parks, die gerade von Loli­tas heim­ge­sucht wer­den, sind kul­tu­rell deut­lich näher an Hara­juku, als die geo­gra­phi­sche Lage ver­mu­ten ließe.

Außer­ge­wöhn­lich an der japa­no­phi­len Szene ist ihr Hang zu den visu­el­len Küns­ten. Kaum ein Manga-Mädchen, das nicht schon die ein oder andere Comic-Erzählung zu Papier gebracht oder sich ein Kos­tüm genäht und „gecost“ (also das selbst gebas­telte Kos­tüm auf einer Bühne vor gro­ßem Publi­kum vor­ge­stellt)  hätte. Selbst Bands haben sich in der Tra­di­tion des japa­ni­schen „Visual K“ gegründet.

Wie der Mega Manga Tag belegt, ist längst ein osmo­ti­scher Sog ent­stan­den, der japa­ni­sche und euro­päi­sche Kul­tur in einem kom­ple­xen Wech­sel­spiel ver­bin­det. So wurde ein Work­shop im Butho ange­bo­ten, einer moder­nen japa­ni­schen Tanz­form, die aus der Begeg­nung mit euro­päi­scher Tanz­tra­di­tion ent­stand, sich zunächst eigen­stän­dig ent­wi­ckelte, seit eini­gen Jah­ren aber auch in Europa immer mehr Anklang fin­det. Es ist durch­aus beein­dru­ckend, das mit Miho Iwata die Begrün­de­rin des Butho in Polen nach Nürn­berg kommt, um Inter­es­sier­ten eine Ein­füh­rung zu geben.

Mit Huber­tus Heß und Pirko Julia Schrö­der sind auch zwei Künst­ler von der Nürn­ber­ger Kunst­hoch­schule anwe­send, die Vor­träge über die japa­ni­schen Ein­flüsse auf ihre Werke hal­ten. Was dabei her­aus kommt, wenn ein deut­scher Illus­tra­tor mit einer japa­ni­schen Auto­rin zusam­men­ar­bei­tet, zeigt die zwei­bän­dige Manga-Reihe „Ninja – Die Reise ins Ninja-Dorf“ aus den Federn von Baron Malte und Miyuki Tsuji. Beide refe­rier­ten auf dem Manga-Tag über ihr Werk, das ver­sucht, ein rea­lis­ti­sches Bild der his­to­ri­schen Ninja Tra­di­tion zu lie­fern. Dazu hat Miyuki Tsuji lange und gründ­lich recher­chiert. Zusam­men mit Baron Malte ist sie auch an die Ori­gi­nal­schau­plätze gereist. Die bei­den gaben auch der reflex ein kur­zes Inter­view zu ihrem Werk

Inspi­riert von den Vor­trä­gen, konn­ten die Besu­cher anschlie­ßend selbst Man­gas malen oder ihre bereits mit­ge­brach­ten KAKAO-Karten aus­tau­schen, selbst gemalte kleine Tausch­kar­ten, um die eine ganz eigene kleine Kul­tur ent­stan­den ist.

600 Besu­cher zählte Ultra Comix in die­sem Jahr auf dem Mega Manga Tag. Das ist noch nicht Rock im Park, kann sich aber sehen lassen.

Den­nis Dreher

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Poetry-Slam in Erlangen am 19.09.2010

Ja, wo kommt denn die lange Schlange her, die sich schon bei­nahe aus dem E-Werk win­det? Die Leute ste­hen sich die Beine in den Bauch, um den ers­ten Poetry-Slam nach der Som­mer­pause zu sehen. Ange­mel­det hat­ten sich acht Slam­mer, die ihr Talent zum Bes­ten geben wol­len.
Char­mant und mit einem Augen­zwin­kern führte Jan Sie­gert durchs Pro­gramm. Er nahm selbst sie­ben Jahre lang an Slams teil und dies­mal ließ er es sich nicht neh­men, auch einen eige­nen Text vor­zu­stel­len. Er berich­tet („Die­sen Text hat das Leben geschrie­ben!“) unter ande­rem von sei­ner Zeit als Sozi­al­päd­ago­gik­stu­dent an einer evan­ge­li­schen Hoch­schule Wollpullis-strickenden Stu­den­ten und schlägt dann einen Bogen in die Zukunft zum neuen Stutt­gar­ter Bahn­hof.
Für musi­ka­li­sche Unter­stüt­zung sorg­ten dies­mal die The Mautz Bro­thers. Das Duo, das an Rus­sel Crowe und Helge Schnei­der erin­nerte, spielte in sich ver­sun­ken eng­li­sche und ame­ri­ka­ni­sche Folk­mu­sik. Die Klänge von Bob Dylan und Noel Gal­lag­her durch­dran­gen die Club­bühne. Ein High­light war das ego­zen­tri­sche Gehabe von Helge. Thea­tra­lisch setzte er sich in Szene, wäh­rend Rus­sel rockig-cool Hel­ges Lau­nen ertrug.

Harry Kienz­ler nahm als ers­ter Slam­mer die Bühne ein. Der Baden-Württemberger hat schon einige Büh­nen­er­fah­rung, unter ande­rem nahm er am WDR-Poetry-Slam oder bei den Slam-Meisterschaften in Düs­sel­dorf teil. Er wid­mete sei­nen an ein Mani­fest ähneln­den Text an alle, die keine Stimme haben, oder sie nicht erhe­ben kön­nen: Gemeint waren damit die „Ladies“ alias alle Lade­ge­räte, die ein­tö­nig an Steck­do­sen hin­gen. Sein Text konnte das Publi­kum aller­dings nicht ein­hel­lig über­zeu­gen.
Num­mer zwei war ein Forch­hei­mer namens Sage Dra­gon, der eine drei­tei­lige Lie­bes­er­klä­rung ins Mikro­fon flüs­terte. Ein­dring­lich beschwor er seine Liebste, dass sie das ein­zig Wahre für ihn sei, und man das Wun­der, das sie beide hat­ten, nicht in Worte fas­sen könne. Jeanny von Falco ging mir durch den Kopf. Unheim­lich.
Es folgte der Ire Björn Dunne aus Mün­chen, der mit „Von Brief­tau­ben und Greif­vö­geln“ eben­falls die Liebe beschrieb, die anfangs so wun­der­schön war, sich aber unmerk­lich ver­än­derte. Sätze, einst von Ver­lieb­ten aus­ge­spro­chen, ver­än­der­ten ihre Bedeu­tung.
Als ein­zige Frau behaup­tete sich Valen­tina Deutsch, die aus ihrem Gedicht­band „Was bleibt von mir nach dem Tod“ zwei Gedichte vor­trug, ein­mal „Erin­ne­run­gen“ und „Nutella“. Beschäf­tigt sich ers­te­res mit der Sorge, was man denn für Spu­ren in der Welt hin­ter­lasse, leckte sich der Zuhö­rer die Lip­pen bei „Nutella“, rus­si­sche Lei­den­schaf­ten wer­den auf­ge­schraubt und kuli­na­risch ver­schlun­gen.
Gewin­ner der Runde Eins wurde recht ein­deu­tig Björn Dunne.

Runde Zwei lei­tete Bo Wim­mer ein, der 2009 im süddeutsche.de-Poetry-Slam das Finale erreichte. Auch er malte das Bild eines Lie­bes­paa­res, das sich gemein­sam auf eine Reise begibt. Die Welt ist rosa und alles scheint zu schwe­ben. Bis der Weg holp­ri­ger wird, bis die gol­dene Farbe ver­schwin­det und sie sich in ihrer Küche wie­der fin­den, der Zau­ber ist ver­flo­gen.
Im Gegen­satz dazu spielte Mar­vin Suckut ein ganz ande­res Lied der Liebe. Mit Musik­vo­ka­beln stei­gert er sich in eine Lie­bes­szene hin­ein, es tönte und stöhnte, bis einem fast die Ohren abfie­len.
Auf per­for­ma­tive Art ent­führte der Pforz­hei­mer Fabi Neid­hardt sein Publi­kum in eine U-Bahn, die viele früh­mor­gens zur Arbeit brachte. Er stellte sich als Kasi­mir Dax, Semi­nar­lei­ter, vor, der über das Spre­chen reden wollte, um die Men­schen ein­an­der näher zu brin­gen. Er zog das Publi­kum direkt mit ein und gewann die Zuschauer für sich.
Den­nis Braun, der letzte der Gruppe, ist nicht auf­ge­taucht, spon­tan sprang Turn­key Faci­lity ein, der für einen Poetry-Slam in Forch­heim warb und spon­tan den Text „Selbst­ge­malt“ aus der Hosen­ta­sche zog. Die zweite Runde ging an Fabi Neidhardt.

Das Finale bestrit­ten also Björn Dunne und Fabian Neid­hardt. Björn ließ die Zuschauer wie­der an die Liebe glau­ben, mit sei­nem gerap­ten Vor­trag „Reise, Reise“. Obwohl die Welt unter­ging, trug er sie, weil sie von ihren Kräf­ten ver­las­sen wor­den war. Roman­tisch ver­an­lag­tem Publi­kum mag es gefal­len haben.
Fabi hin­ge­gen erzählte in sei­ner ers­ten Geschichte sar­kas­tisch von den vier Gefal­len, die ein Mäd­chen vom Dorf einem Frem­den nur zu gerne zu gewäh­ren bereit ist, um der Lan­ge­weile zu ent­flie­hen. Dass das naive Mäd­chen ent­täuscht wird, ist allen von Anfang an klar, nur ihr nicht. Der zweite Text ist viel kür­zer, beschreibt die Schä­den, die der Mensch der Welt bereits ange­tan hat, von der Sint­flut bis zum Ozon­loch, und ruft zum Aktio­nis­mus auf: „Wir hal­ten die Welt in unse­ren Hän­den!“. Was für ein Schluss­wort.
Jan konnte am Applaus des Publi­kums keine ein­deu­tige Ent­schei­dung erken­nen und erklärte kur­zer­hand beide Fina­lis­ten zum Sie­ger. Mit einer Fla­sche Wein in der Hand ver­lie­ßen die bei­den die Bühne.
Die Qua­li­tät der Texte war gemischt, die Mode­ra­tion gelun­gen, fand eine Zuschaue­rin, außer­dem fand sie gut, dass es „nur“ acht Slam­mer war. Irgend­wann kann man den Büh­nen­poe­ten nicht mehr so auf­merk­sam folgen.

Wer das Event die­ses Mal ver­passt hat, keine Sorge: Am 14.11.2010 wird der nächste Poetry-Slam im E-Werk stattfinden.

Johanna Meyr

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