Charmant wickelt Florian Felix Weyh seine beiden Podiumsgäste Verena Auffermann und Ursula März ein und im gleichen Schwung deren neuestes Werk aus: „Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur“ heißt das Buch, das sie zusammen mit Elke Schmitter und Gunhild Kübler verfasst haben. Es will kein Kanon sein, denn es bleibt seinem Titel treu und gründet in der Leidenschaft seiner Autorinnen.
Weshalb neunundneunzig und nicht einhundert Autorinnen? Natürlich um gleich von Vornherein dem Anspruch auf Vollständigkeit aus dem Weg zu gehen. Eine Leseliste oder Who is Who der schreibenden Frauen wollte das Buch nämlich nicht sein. Vielmehr haben die vier Autorinnen hier ihren eigenen Vorlieben nachgegeben. Bemerkenswert also, dass die Leidenschaft ihnen bei der Arbeit auch manchmal in die Quere kam: Ihre persönliche Bekanntschaft mit Inger Christensen etwa nutzte Verena Auffermann bei ihren Vorarbeiten nichts. Trotz profunder Kenntnis von Autorin und Werk musste sie sich in viele Dinge neu einarbeiten.
Selbst wenn der Buchtitel natürlich dazu einlädt: Ein wenig aufgesetzt wirkte die Frage in dem sonst flüssigen Interview auf der Bühne dann doch, ob es nicht immer noch so etwas wie männliches und weibliches Schreiben gäbe. Alleine die Entscheidung, die literarische Landschaft nach Geschlechtern zu unterteilen, böte Anlass dazu. Neben dem unterhaltsamen Bauchgepinsel auf dem Podium sind es vor allem die vorgetragenen Essays, die einen für das Buch einnehmen, nicht so sehr die tendenziell feministische Perspektive.
Das ungemein breite Spektrum vorgestellter Autorinnen, ganz undogmatisch ausgewählt, liefert manchen neuen Leseanreiz – und manchen Grund, sich noch einmal mit altbekannten Autorinnen zu befassen. Unkonventionell ist die Liste der in diesem Werk geehrten Namen auf jeden Fall. J. K. Rowling und Hedwig Courths-Mahler etwa finden ihren Platz vor allem wegen der wirtschaftlichen Erfolge ihrer Werke.
Vom Vortrag der Autorinnen und in der Diskussion besonders geehrt wurde Inger Christensen, deren mathematisch-präzise Texte und ungewöhnliche Persönlichkeit offenkundig alle Redner in ihren Bann zogen. Kaum ein anderer Textauszug offenbarte so sehr die titelgebende Leidenschaft der Autorinnen für ihr Sujet.
Trotz aller persönlichen Vorlieben dürfen natürlich einige Namen in einem solchen Werk nicht fehlen. Aber selbst wenn das Leben Simone de Beauvoirs thematisiert wird, wirkt der Text frisch, und eröffnet neue Perspektiven: So wird einem die Lektüre de Beauvoirs Werk unter dem Vorzeichen der Eifersucht nahe gelegt.
Ein großer Erfolg des Buches ist jedenfalls schon jetzt abzusehen: Ein gelungenes Verkaufsgespräch und gute Unterhaltung wurde den zahlreichen Zuhörern im Senatssaal allemal geboten. Und wenn auch nur ein Viertel der Besucher vor Ort ein Exemplar erstanden haben sollten, dürfte der Büchertisch am Ende leergefegt gewesen sein.
Dennis Dreher
