Es ist beschämend. Jetzt muss sich also auch das Poetenfest schon mit der Weltwirtschaft befassen? Ja, offenbar, denn wie das Podium der Matinee am Sonntag klar gemacht hat: Alles ist mittlerweile von der Wirtschaft abhängig.
Schon lange rollt der Donner am Horizont. So lange, dass man ihn schon kaum mehr hört. Genau da liegt die Gefahr. Und es ist gut, wenn ein Forum wie das Poetenfest, auf dem Intellektuelle aller Couleur sich versammeln, genutzt wird, um die Aufmerksamkeit der Menschen wieder auf das Wirtschaftsthema zu lenken.
Schade aber, wenn dann das Podium sich doch nur im Wiederkäuen der gängigen Positionen erschöpft. Eloquent zwar und mit vielen Argumenten gewappnet, treten die Protagonisten auf, aber schon zu Beginn der Debatte wird eine Schwierigkeit offenbar: Im Grunde sind sich alle einig.
Wachstum, so der zentrale Gemeinplatz, den sich alle teilen, ist begrenzt. Außerdem ist es kein Allheilmittel. Ausgehend von diesen beiden Prämissen werden nun die Probleme des Kapitalismus im neuen Jahrtausend kartiert. Kontrovers werden nur die Kategorien diskutiert, in denen Probleme zu fassen sind. Auf Lösungen geht kaum jemand ernsthaft ein. Da ist der naive Utopismus von Ernst-Wilhelm Händler beinahe erfrischend. Händler meint, dass die Flucht ins All in jedem Fall die einzige Rettung für die Menschheit ist. Sehr langfristig gedacht ist das sicher richtig.
Ein großes Manko der Diskussion ist die höchst unterschiedliche Verwendung des Begriffs Wachstum. Wirtschaftswachstum, darauf immerhin lässt sich das diskutierte Thema reduzieren. Aber ob nun Realwirtschaft oder Finanzwirtschaft, ist oft unklar und führt auch gelegentlich zu unnötigen Kabbeleien. Nur Wilfried F. Schoeller, der Moderator des Podiums, und Armin Nassehi vermitteln den Eindruck, einen Durchblick zu haben, wo die anderen Herren meist handliche Begriffe aus der laufenden Debatte vorbringen.
Herr Nassehi tritt wortreich für die Selbstheilungskräfte des Systems ein. Seine Einwände werden der Komplexität der besprochenen Probleme am ehesten gerecht und seine Überlegungen kommen nahezu vollständig ohne Schlagworte aus. Leider zeigt sich sein sensibler und höchst differenzierter Ansatz als zu abstrakt für das Podium. Keiner seiner Diskussionspartner folgt ihm auf sein Niveau. Und auch wenn das Publikum – wie der Applaus anzeigt – ausgeschlafen genug ist, ihm zu folgen, bleiben doch auch Nassehis Ausführungen letztlich ohne effektive Lösungsvorschläge.
Nassehi bringt es vielleicht auf den Punkt: Nicht das Wachstum selbst und nicht einmal das monetäre Wachstum sind per se das Problem. Es sind vielmehr die Einschränkungen, die uns verbieten, etwa auf Kosten der demokratischen Freiheit, der Umwelt oder anderer Kulturen, unseren Wohlstand zu mehren.
Im Endeffekt bleibt von der Veranstaltung nicht viel neues: ein Überblick über die bestehenden Positionen zum Thema Wirtschaftswachstum, die Anregung, Adam Smith (und vielleicht auch Karl Marx) mal wieder zu lesen sowie das Gefühl, dass die Ratlosigkeit tief sitzt. Weitergehen kann es so nicht. Aber wie sonst weiß auch keiner.
Dennis Dreher

