Archiv für August 2010

Wirtschafteln

Es ist beschä­mend. Jetzt muss sich also auch das Poe­ten­fest schon mit der Welt­wirt­schaft befas­sen? Ja, offen­bar, denn wie das Podium der Mati­nee am Sonn­tag klar gemacht hat: Alles ist mitt­ler­weile von der Wirt­schaft abhängig.

Schon lange rollt der Don­ner am Hori­zont. So lange, dass man ihn schon kaum mehr hört. Genau da liegt die Gefahr. Und es ist gut, wenn ein Forum wie das Poe­ten­fest, auf dem Intel­lek­tu­elle aller Cou­leur sich ver­sam­meln, genutzt wird, um die Auf­merk­sam­keit der Men­schen wie­der auf das Wirt­schafts­thema zu lenken.

Schade aber, wenn dann das Podium sich doch nur im Wie­der­käuen der gän­gi­gen Posi­tio­nen erschöpft. Elo­quent zwar und mit vie­len Argu­men­ten gewapp­net, tre­ten die Prot­ago­nis­ten auf, aber schon zu Beginn der Debatte wird eine Schwie­rig­keit offen­bar: Im Grunde sind sich alle einig.

Wachs­tum, so der zen­trale Gemein­platz, den sich alle tei­len, ist begrenzt. Außer­dem ist es kein All­heil­mit­tel. Aus­ge­hend von die­sen bei­den Prä­mis­sen wer­den nun die Pro­bleme des Kapi­ta­lis­mus im neuen Jahr­tau­send kar­tiert. Kon­tro­vers wer­den nur die Kate­go­rien dis­ku­tiert, in denen Pro­bleme zu fas­sen sind. Auf Lösun­gen geht kaum jemand ernst­haft ein. Da ist der naive Uto­pis­mus von Ernst-Wilhelm Händ­ler bei­nahe erfri­schend. Händ­ler meint, dass die Flucht ins All in jedem Fall die ein­zige Ret­tung für die Mensch­heit ist. Sehr lang­fris­tig gedacht ist das sicher richtig.

Ein gro­ßes Manko der Dis­kus­sion ist die höchst unter­schied­li­che Ver­wen­dung des Begriffs Wachs­tum. Wirt­schafts­wachs­tum, dar­auf immer­hin lässt sich das dis­ku­tierte Thema redu­zie­ren. Aber ob nun Real­wirt­schaft oder Finanz­wirt­schaft, ist oft unklar und führt auch gele­gent­lich zu unnö­ti­gen Kab­be­leien. Nur Wil­fried F. Scho­el­ler, der Mode­ra­tor des Podi­ums, und Armin Nas­sehi ver­mit­teln den Ein­druck, einen Durch­blick zu haben, wo die ande­ren Her­ren meist hand­li­che Begriffe aus der lau­fen­den Debatte vorbringen.

Herr Nas­sehi tritt wort­reich für die Selbst­hei­lungs­kräfte des Sys­tems ein. Seine Ein­wände wer­den der Kom­ple­xi­tät der bespro­che­nen Pro­bleme am ehes­ten gerecht und seine Über­le­gun­gen kom­men nahezu voll­stän­dig ohne Schlag­worte aus. Lei­der zeigt sich sein sen­si­bler und höchst dif­fe­ren­zier­ter Ansatz als zu abs­trakt für das Podium. Kei­ner sei­ner Dis­kus­si­ons­part­ner folgt ihm auf sein Niveau. Und auch wenn das Publi­kum – wie der Applaus anzeigt – aus­ge­schla­fen genug ist, ihm zu fol­gen, blei­ben doch auch Nas­se­his Aus­füh­run­gen letzt­lich ohne effek­tive Lösungsvorschläge.

Nas­sehi bringt es viel­leicht auf den Punkt: Nicht das Wachs­tum selbst und nicht ein­mal das mone­täre Wachs­tum sind per se das Pro­blem. Es sind viel­mehr die Ein­schrän­kun­gen, die uns ver­bie­ten, etwa auf Kos­ten der demo­kra­ti­schen Frei­heit, der Umwelt oder ande­rer Kul­tu­ren, unse­ren Wohl­stand zu mehren.

Im End­ef­fekt bleibt von der Ver­an­stal­tung nicht viel neues: ein Über­blick über die beste­hen­den Posi­tio­nen zum Thema Wirt­schafts­wachs­tum, die Anre­gung, Adam Smith (und viel­leicht auch Karl Marx) mal wie­der zu lesen sowie das Gefühl, dass die Rat­lo­sig­keit tief sitzt. Wei­ter­ge­hen kann es so nicht. Aber wie sonst weiß auch keiner.

Den­nis Dreher

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Eine Reise zurück

Auf eine Reise zurück in die Ver­gan­gen­heit nahm am 27. August 2010 der Doku­men­tar­film „Die Frau mit den 5 Ele­fan­ten. Swet­lana Geier — Dos­t­o­jew­skis Stimme“ von Vadim Jend­reyko aus dem Jahr 2009 das Publi­kum des 30. Erlan­ger Poe­ten­fes­tes.

Gezeigt wird das beein­dru­ckende Leben Swet­lana Gei­ers, einer Frau, die mit 85 Jah­ren alle fünf gro­ßen Romane Dos­t­o­jew­skis – die fünf Ele­fan­ten – über­setzt hat und damit als größte Über­set­ze­rin der rus­si­schen Lite­ra­tur ins Deut­sche gilt. Getra­gen wird der Film von sei­ner Haupt­dar­stel­le­rin, die mit dem unglaub­li­chen Cha­risma einer intel­li­gen­ten, hoch­ge­bil­de­ten Frau die Zuschauer in ihren Bann zu zie­hen weiß. Ihr net­ter Humor und das Zusam­men­spiel zwi­schen Bild und Ton brachte nicht sel­ten ein Schmun­zeln auf die Gesich­ter des Publi­kums, gele­gent­lich pro­vo­zierte es sogar ein herz­li­ches Lachen. Den­noch kam auch die ernste Seite nicht zu kurz. Swet­lana Geier lebte zur Zeit Sta­lins in Kiew – ihr Vater wurde zu einem der weni­gen poli­ti­schen Gefan­ge­nen der Stalin-Zeit, die aus ihrer Haft ent­las­sen wur­den. Er starb an den Fol­gen der Fol­ter, der er im Gefäng­nis aus­ge­setzt war. Nach der Beset­zung Kiews durch die Deut­schen im Zwei­ten Welt­krieg arbei­tete Swet­lana Geier als Über­set­ze­rin für die Deut­schen – und das, obwohl ihre jüdi­sche Freun­din mit allen ande­ren Juden, die zur Zeit der Besat­zung in Kiew waren, durch die deut­sche Wehr­macht erschos­sen wurde. Swet­lana Geier wurde ein Sti­pen­dium der Humboldt-Stiftung in Aus­sicht gestellt, und als die Deut­schen Kiew auf­ge­ben muss­ten, gin­gen sie und ihre Mut­ter nach Deutschland.

Die junge Ukrai­ne­rin stu­dierte in Leip­zig, arbei­tete spä­ter an der Uni und arbei­tet noch im Alter von 85 Jah­ren flei­ßig an Über­set­zun­gen der rus­si­schen Literatur.

Der Film ver­stand es durch die Kom­bi­na­tion von fil­mi­schen Auf­zeich­nun­gen aus der Zeit der Sowjet­union, heu­ti­gen Auf­nah­men und Film­sze­nen, einen bewe­gen­den Ein­druck über das Leben die­ser Frau zu ver­mit­teln, die mit ihrer Begeis­te­rung für die Spra­chen und das Über­set­zen Ehr­furcht ein­flö­ßen muss. Da kön­nen auch leichte Anlauf­schwie­rig­kei­ten, die der Film zu haben schien, leicht ver­ges­sen werden.

Zum krö­nen­den Abschluss ent­lie­ßen der Regis­seur und seine Haupt­dar­stel­le­rin das Publi­kum mit einer wahr­haft amü­san­ten Szene, die im gan­zen Publi­kum Anlass zu „herr­li­chem“ Geläch­ter bot!

Karima Wol­ter

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Die Macht der Autoren

Die Digi­ta­li­sie­rung wirkt zuneh­mend auf den Lite­ra­tur­be­trieb ein. So ist es keine Über­ra­schung, dass es im Pro­gramm des 30. Erlan­ger Poe­ten­fes­tes 2010 eine Dis­kus­sion zum Thema „eBooks und Co.“ gab. Im Wesent­li­chen spra­chen die Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer Mar­kus Albers und Peter Gla­ser, mode­riert von Flo­rian Felix Weyh, über die digi­ta­len Tech­ni­ken und wie diese die alt­ehr­wür­dige Rol­len­ver­tei­lung von Autor und Ver­lag unter­lau­fen kön­nen. Beide sind pro­mi­nente und erfah­rene Publi­zis­ten, die am Sams­tag­mit­tag, dem zwei­ten Tag des Poe­ten­fests, anekdotisch-unterhaltend von ihren Erfah­run­gen erzählten.

Beide stell­ten fest, dass sich durch die Aus­wei­tung der digi­ta­len Mög­lich­kei­ten die Macht­po­si­tio­nen inner­halb des Lite­ra­tur­be­triebs und der Buch­bran­che ins­ge­samt ver­schie­ben wür­den. Das klas­si­sche Modell – Autor schreibt, Ver­lag publi­ziert, Autor kriegt einen klei­nen Anteil, Ver­lag den Rest – kann nun­mehr umgan­gen wer­den. Das hieße im Klar­text, dass der Ver­lag als Ver­mitt­lungs­in­stanz zwi­schen Autor und Leser/Käufer wegfiele.

Mar­kus Albers ist die­sen Weg gegan­gen und gilt als Pio­nier für die Per­so­nal­union von Autor und Ver­le­ger. Er ver­öf­fent­lichte sein Buch „Meco­nomy“ als eBook. Er über­nahm das Risiko und die Kos­ten für Lek­to­rat, Ver­trieb und Mar­ke­ting selbst. Beim Ver­trieb unter­stützte ihn die Ber­li­ner Firma „tex­t­u­nes“ und wegen der Wer­bung fragte Albers bei Sony an, die auch prompt zusag­ten. Sony machte dadurch Wer­bung für sei­nen eige­nen neu ent­wi­ckel­ten eReader.

Für Albers war das eine Art „öffent­li­ches Expe­ri­ment“. Er schweigt sich auch nicht über Zah­len aus und seine Quä­le­reien mit dem Campus-Verlag, der ein Sach­buch von ihm immer wie­der hin­aus schob. Albers’ Fazit: Die Unab­hän­gig­keit vom Ver­lag zahlt sich aus. Die Kos­ten sind schnel­ler gedeckt, der Gewinn ist höher, die Kon­trolle größer.

So steht im wei­te­ren Ver­lauf die Frage, wie die zukünf­tige Rolle von Ver­la­gen aus­se­hen könnte. Denn Mar­kus Albers wer­den sicher andere Auto­ren fol­gen. Und Fir­men wie Ama­zon schi­cken sich an, Ver­trieb und Mar­ke­ting, also klas­si­sche Ver­lags­auf­ga­ben, auch zu über­neh­men. Peter Gla­ser sieht Ver­lage im Zei­chen eines Bedeu­tungs­wan­dels, aber nicht eines Bedeu­tungs­ver­lusts. Ver­lage soll­ten, so Gla­ser, aus der gegen­wär­ti­gen und anstei­gen­den Bücher­flut das Beste her­aus­fil­tern. Gla­ser selbst schreibt sei­nen Blog „Gla­se­rei“ und beschäf­tigt sich selbst mit frem­den Blogs aus aller Welt. Täg­lich fil­tert er stun­den­lang von bis zu 100 ver­schie­de­nen Blogs die­je­ni­gen her­aus, die sei­ner Beur­tei­lung nach lesens­wert sind.

Beglei­tend zur Dis­kus­sion las Mar­kus Hoff­mann kür­zere Auf­sätze vor, dar­un­ter auch Blog­bei­träge von Peter Gla­ser, der sich schon lange mit dem Thema eBook beschäf­tigt, mit einem zwin­kern­den Auge. Berei­chernd fin­det Gla­ser die Idee, eine ganze Biblio­thek auf einem hand­li­chen Gerät spei­chern zu kön­nen, gleich­zei­tig tadelt er aber die schwer­fäl­lige Hard­ware, die dem Genuss des Lesens abträg­lich sei.

Julia Heis­er­holt

Ausstellung: 30 Jahre Poetenfest in Bild und Ton

Die 30 Jahre, die das zwei­fel­los legen­däre Erlan­ger Poe­ten­fest mitt­ler­weile auf dem Buckel hat, wurde wäh­rend der Fes­ti­val­zeit im ers­ten und zwei­ten Rang des Mark­graf­en­thea­ters anschau­lich reflek­tiert. Die Aus­stel­lung wurde vom Grün­der des betag­ten Lite­ra­tur­fes­ti­vals und dem Jour­na­lis­ten Dirk Kruse zusam­men­ge­stellt. Mit Foto– und Ton­do­ku­men­ten bot sie einen „audio­vi­su­el­len Spa­zier­gang – glei­cher­ma­ßen kurz­wei­lig und erhel­lend“, wie es in der Eigen­be­schrei­bung hieß.

Die Geschichte des Poe­ten­fes­tes würde sicher Bücher fül­len, aber die Aus­stel­lung ver­zich­tete auf viel Text und setzte ihren Schwer­punkt auf Bil­der und Ton­do­ku­mente. Letz­tere waren Auf­zeich­nun­gen ver­gan­ge­ner Lesun­gen und Gesprä­che mit Auto­ren. Ein Pres­se­spie­gel, beste­hend aus ver­grö­ßer­ten Kurz­be­rich­ten mit zahl­rei­chen Fotos vom Fes­ti­val­ge­sche­hen und teil­neh­men­den Per­so­nen, führte den Besu­cher durch die Poe­ten­feste von Beginn bis heute.

Das erste Poe­ten­fest fand am 16. August 1980 erst­mals ein­tä­gig auf dem Burg­berg im Skulp­tu­ren­gar­ten von Hein­rich Kirch­ner statt. Es gab ein „offe­nes Podium“, wo „Spontan-Lesungen“ mög­lich waren. Zwi­schen den Bäu­men waren Spruch­bän­der auf­ge­hängt und für die Klei­nen wurde ein Pup­pen­thea­ter ange­bo­ten. In den fol­gen­den Jah­ren wurde das Fest auf zwei, dann auf drei Tage (erst­mals 1985) ausgeweitet.

Es war inter­es­sant die Ent­wick­lung des Poe­ten­fes­tes nach­voll­zie­hen zu kön­nen, zumal man als jun­ger Mensch kei­nen blas­sen Schim­mer davon haben kann, wie es „damals“ war. Vor allem die Bil­der füh­ren zur Erkennt­nis, dass sich man­che Dinge nie­mals ändern: die Foto­gra­fien von vor­le­sen­den Auto­ren und zuhö­ren­den Lesern, zuerst schwarz-weiß, dann zuneh­mend far­big, ver­mit­teln den Ein­druck eines fried­li­chen Gemein­schafts­ge­fühls, das aus der geteil­ten Liebe zur Lite­ra­tur resultiert.

Ver­än­de­run­gen zei­gen sich dafür umso mehr im Design der Pro­gramm­hefte, die in Glas­vi­tri­nen zu sehen waren: In den 80 Jah­ren domi­nier­ten hand­ge­schrie­bene Schrift­züge und Schreib­ma­schi­nen­text, bis sich die Typo­gra­fie in jün­ge­rer Zeit zu dif­fe­ren­zie­ren begann. Das­selbe gilt für die Pos­ter. Schon anzu­se­hen war die sicht­bare Ent­wick­lung in der Poster-Gestaltung von schlicht bis kräf­tig bunt.

Die Aus­stel­lung erzählte nicht nur die Geschichte des Poe­ten­fests, son­dern auch die finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten, mit denen die Orga­ni­sa­to­ren zu kämp­fen hat­ten und bis heute haben. Es schien fast auch ein Auf­ruf zur Unter­stüt­zung zu sein. Das sah man am Pla­kat von 1992, das auf pro­vo­ka­tive und ankla­gende Weise keine Bil­der und keine Berichte zeigte, nur gäh­nende Leere. Damals konnte das Poe­ten­fest bedingt durch die Spar­maß­nah­men der Stadt nicht stattfinden.

Julia Heis­er­holt

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Junge Literatur unter rauschendem Grün

Am Neben­po­dium II lasen am Sams­tag­nach­mit­tag vier viel ver­spre­chende Nach­wuchs­au­to­ren, Hanna Rauh, Ste­fan Win­ter, Rebekka Knoll und Caro­lin Hensler.

Im Namen von Wort­werk prä­sen­tie­ren sie Kurz­ge­schich­ten, haben aber auch schon andere For­men aus­pro­biert, wie Rebekka, deren Thea­ter­stück „Ein­fuß­in­seln“ 2009 in Erlan­gen auf­ge­führt wurde oder Caro­lin Hens­ler, die bereits am vier­ten Teil einer bis­lang unver­öf­fent­lich­ten Fantasy-Jugendbuchreihe arbei­tet. Rebekka war 2009 unter den Grün­dungs­mit­glie­dern von Wort­werk, das schon ursprüng­lich aus Erlan­gen kommt, dann nach Nürn­berg umge­zo­gen ist und jetzt wie­der neu auf­lebte in die­sem Städt­chen, wie Chris­tian Schloyer, ein Urge­stein von Wort­werk und Mode­ra­tor des Nach­mit­tags, noch ein­mal erklärte.

Die Blät­ter der Bäume im Schloss­gar­ten rau­schen gewal­tig, als jede der drei Auto­rin­nen und Ste­fan Win­ter zu ihren Geschich­ten grei­fen. Ste­fan ist ein sehr unkon­ven­tio­nel­ler Schrei­ber, er bedient sich sämt­li­cher Gen­res, will Gren­zen durch­bre­chen, die man sich nur sel­ber setzt. So lässt er mit­ten in sei­nem Vor­trag Fra­ge­bö­gen aus­tei­len. Ich weiß nicht so recht, was ich mit Fra­gen wie: „Stört es dich, dass ich krank bin? – Ja – Nein“ oder „Auf einer Skala von 1 bis 10, fin­dest du mich sym­pa­thisch?“ anfan­gen soll, ori­gi­nell sind sie aber schon irgend­wie. Hanna wählt eher den klas­si­sche­ren Weg mit ihrer Geschichte „Nicht­mu­sik“, sie beschreibt die Situa­tion eines Kon­zerts, aus der Sicht des Musi­kers kurz vor Beginn. Da sie selbst lange Kla­vier gespielt hat, kennt sie den kur­zen Moment von Lam­pen­fie­ber vor einer Aufführung.

Caro­lin erzählt von einer Bäcke­rei­fach­ver­käu­fe­rin, die dem attrak­ti­ven und macht­ver­lieb­ten Adam ver­fällt. Als sie sich wäh­rend der Stu­den­ten­pro­teste im Audi­max auf­ge­hal­ten habe, sei ihr die Geschichte ein­ge­fal­len. Und Rebekka erzählt die Som­mer­liebe von Nick und Line, die sich in Pan­to­mime, Schrei­ben und Erklä­ren à la Activity kennenlernen.

Frisch und ori­gi­nell kom­men die Geschich­ten an, hof­fent­lich wird man noch viel von den auf­ge­weck­ten Schreib­künst­lern zu hören und lesen bekommen!

Johanna Meyr

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Vier Autorinnen

Char­mant wickelt Flo­rian Felix Weyh seine bei­den Podi­ums­gäste Verena Auf­fer­mann und Ursula März ein und im glei­chen Schwung deren neu­es­tes Werk aus: „Lei­den­schaf­ten. 99 Auto­rin­nen der Welt­li­te­ra­tur“ heißt das Buch, das sie zusam­men mit Elke Schmit­ter und Gun­hild Küb­ler ver­fasst haben. Es will kein Kanon sein, denn es bleibt sei­nem Titel treu und grün­det in der Lei­den­schaft sei­ner Autorinnen.

Wes­halb neun­und­neun­zig und nicht ein­hun­dert Auto­rin­nen? Natür­lich um gleich von Vorn­her­ein dem Anspruch auf Voll­stän­dig­keit aus dem Weg zu gehen. Eine Lese­liste oder Who is Who der schrei­ben­den Frauen wollte das Buch näm­lich nicht sein. Viel­mehr haben die vier Auto­rin­nen hier ihren eige­nen Vor­lie­ben nach­ge­ge­ben. Bemer­kens­wert also, dass die Lei­den­schaft ihnen bei der Arbeit auch manch­mal in die Quere kam: Ihre per­sön­li­che Bekannt­schaft mit Inger Chris­ten­sen etwa nutzte Verena Auf­fer­mann bei ihren Vor­ar­bei­ten nichts. Trotz pro­fun­der Kennt­nis von Auto­rin und Werk musste sie sich in viele Dinge neu einarbeiten.

Selbst wenn der Buch­ti­tel natür­lich dazu ein­lädt: Ein wenig auf­ge­setzt wirkte die Frage in dem sonst flüs­si­gen Inter­view auf der Bühne dann doch, ob es nicht immer noch so etwas wie männ­li­ches und weib­li­ches Schrei­ben gäbe. Alleine die Ent­schei­dung, die lite­ra­ri­sche Land­schaft nach Geschlech­tern zu unter­tei­len, böte Anlass dazu. Neben dem unter­halt­sa­men Bauch­ge­pin­sel auf dem Podium sind es vor allem die vor­ge­tra­ge­nen Essays, die einen für das Buch ein­neh­men, nicht so sehr die ten­den­zi­ell femi­nis­ti­sche Perspektive.

Das unge­mein breite Spek­trum vor­ge­stell­ter Auto­rin­nen, ganz undog­ma­tisch aus­ge­wählt, lie­fert man­chen neuen Lese­an­reiz – und man­chen Grund, sich noch ein­mal mit alt­be­kann­ten Auto­rin­nen zu befas­sen. Unkon­ven­tio­nell ist die Liste der in die­sem Werk geehr­ten Namen auf jeden Fall. J. K. Row­ling und Hed­wig Courths-Mahler etwa fin­den ihren Platz vor allem wegen der wirt­schaft­li­chen Erfolge ihrer Werke.

Vom Vor­trag der Auto­rin­nen und in der Dis­kus­sion beson­ders geehrt wurde Inger Chris­ten­sen, deren mathematisch-präzise Texte und unge­wöhn­li­che Per­sön­lich­keit offen­kun­dig alle Red­ner in ihren Bann zogen. Kaum ein ande­rer Text­aus­zug offen­barte so sehr die titel­ge­bende Lei­den­schaft der Auto­rin­nen für ihr Sujet.

Trotz aller per­sön­li­chen Vor­lie­ben dür­fen natür­lich einige Namen in einem sol­chen Werk nicht feh­len. Aber selbst wenn das Leben Simone de Beau­voirs the­ma­ti­siert wird, wirkt der Text frisch, und eröff­net neue Per­spek­ti­ven: So wird einem die Lek­türe de Beau­voirs Werk unter dem Vor­zei­chen der Eifer­sucht nahe gelegt.

Ein gro­ßer Erfolg des Buches ist jeden­falls schon jetzt abzu­se­hen: Ein gelun­ge­nes Ver­kaufs­ge­spräch und gute Unter­hal­tung wurde den zahl­rei­chen Zuhö­rern im Senats­saal alle­mal gebo­ten. Und wenn auch nur ein Vier­tel der Besu­cher vor Ort ein Exem­plar erstan­den haben soll­ten, dürfte der Bücher­tisch am Ende leer­ge­fegt gewe­sen sein.

Den­nis Dreher

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Good Date: 15 Jahre Verbrecher Verlag

Es ist eine der char­man­ten Sei­ten vie­ler Independent-Verlage, dass sie ein unge­zwun­ge­nes Ver­hält­nis zu ihren Auto­ren pfle­gen. So fami­liär wie beim Ver­bre­cher­ver­lag erlebt man das aber sel­ten. Zu jedem sei­ner Auto­ren weiß Jörg Sun­der­mei­ers eine bei­nahe intime Geschichte zu erzählen.

Leicht fällt ihm das natür­lich bei Giwi Marg­we­laschwili. Des­sen Leben hört sich schon wie ein Roman an. Genauer, einer jener Romane, den das Sowjet­re­gime und die Zwei­tei­lung Euro­pas so vie­len Men­schen in die Bio­gra­phie gebrannt haben:

Mit 19 Jah­ren vom NKWD ver­haf­tet, wurde Giwi Marg­we­laschwili nach Tif­lis gebracht, wo der gebür­tige Ber­li­ner sein lupen­rei­nes Deutsch an Stu­den­ten wei­ter gab. Er schrieb und las einem Zir­kel von Freun­den seine Texte vor, wodurch er zumin­dest teil­weise das Publi­ka­ti­ons­ver­bot umging. Wie viele unge­ho­bene Schätze noch in sei­nem Archiv ruhen, weiß wohl nur Jörg Sun­der­mann, der mit leuch­ten­den Augen von Schrän­ken vol­ler Manu­skripte spricht.

Marg­we­laschwili betritt die Bühne gebeugt und unter sicht­li­chen Schwie­rig­kei­ten. Das Alter for­dert sei­nen Tri­but. Als er jedoch zu lesen beginnt, bricht die Jugend­lich­keit aus ihm her­vor. Ob da nun T und T das O in die Mitte zu neh­men suchen oder die sowje­ti­schen Phi­lo­so­phen sich in Riga um die Gunst der west­eu­ro­päi­schen Kol­le­gen bewer­ben – ach­sel­zu­ckend, denn es geht nun mal um „Kon­takty“ – Text und Vor­trag grei­fen voll­kom­men ineinander.

Eine ganz beson­dere Geschichte weiß Sun­der­meier zu Oli­ver Gra­je­v­ski: Ohne den Publi­ka­ti­ons­drange des Schöp­fers von Tiger­boy und Elek­tro­co­mics, lägen das Stu­den­ten­pro­jekt von Jörg Sun­der­meier und Wer­ner Labisch noch immer im Dorn­rös­chen­schlaf. Bereits bei einer Lesung mit Kath­rin Rög­gla im ver­gan­ge­nen Jahr und auf dem Comic-Salon hatte Gra­je­vs­kis Werk ein begeis­ter­tes Echo gefun­den. Bril­lant sind seine anspie­lungs­rei­chen Panels über Kunst und Wirt­schaft, Kunst­ver­ständ­nis und Aus­ver­kauf. Hin­ter­fragt wird der Wert der Kunst, abge­lehnt jede über­stei­gerte Wert­schöp­fung durch Ver­stei­ge­rung von Ori­gi­na­len. Am Ende steht mar­kig aber kor­rekt der Satz: „Zeit ist nicht Geld.“

Gleich im Anschluss packt Sarah Schmidt über ihre „Bad Dates“ aus – und hat das Publi­kum im Null­kom­ma­nichts für sich ein­ge­nom­men. Hin und her geris­sen zwi­schen mit­lei­di­gem Seuf­zen und Lach­stür­men hört das Publi­kum vom kata­stro­pha­len ers­ten Date der Schwes­ter, dem pein­lichs­ten Ein­kaufs­bum­mel mit Vater, den man sich vor­stel­len kann – und schließ­lich die Erzäh­lung vom One-Night-Stand mit Mut­ter­söhn­chen Bock und sei­nem „Böck­chen“. Bei so viel Pech mit den Men­schen wun­dert es nicht, dass auch der Weg zum Ver­lag nicht ganz gerad­li­nig verlief.

Bers­tend voll ist das Thea­ter Garage an die­sem Abend und immer noch mehr Leute kom­men wäh­rend der Lesun­gen dazu. Gelun­gen ist die Vor­stel­lung des Ver­la­ges ohne Frage. Man ver­misst bei­nahe die „Zugabe!“-Schreie nach den Lesun­gen. Aber viel­leicht dachte sich auch so man­cher: Die Zuga­ben kann ich mir auch gemüt­lich zu Hause im Ses­sel ange­dei­hen las­sen: Kaum hat Jens Friebe, der heute nicht liest, son­dern Musik auf­legt, die ers­ten Töne erklin­gen las­sen, strö­men auch schon alle auf die Bühne. Am Bücher­tisch drän­gen sich die Zuschauer, betrach­ten die Aus­lage, kleine schlichte Bücher in Son­der­for­ma­ten. Ordent­lich gebun­den, weich füh­len sie sich an, nach: „Gleich lesen, alle, auf der Stelle!“

Den­nis Dreher

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Zwischen Sonne und Sommerregen – Maike Albath: „Der Geist von Turin“

Ein­tö­nig pras­selt der Regen gegen die Fens­ter­schei­ben, im Schloss im ers­ten Stock ist es aber gemüt­lich und ange­nehm warm. Im bei­nahe hei­me­li­gen Licht zwi­schen Holz­säu­len lau­sche ich Maike Albath, die ihr Buch „Der Geist von Turin. Pavese, Ginz­burg, Ein­audi und die Wie­der­ge­burt Ita­li­ens nach 1943“ vorstellt.

Die nam­hafte Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin schil­dert die kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Ver­hält­nisse in Ita­lien unter Mus­so­lini, in den 30er und 40er Jah­ren. Zu die­ser Zeit schaff­ten es drei junge Men­schen, der Groß­bür­ger mit dem nöti­gen Klein­geld in der Tasche, Giulio Ein­audi, der melan­cho­li­sche Dich­ter Cae­sare Pavese und Leone Ginz­burg, einen Ver­lag zu grün­den, der die Kul­tur Ita­li­ens bedeu­tend veränderte.

Die ita­lie­ni­schen Namen der Orte und Per­so­nen rol­len der gebräun­ten, sym­pa­thi­schen Auto­rin von der Zunge und ver­brei­ten eine Sehn­sucht im Raum, nach Sonne, Eis und Mit­tel­meer. Gebo­ren in Braun­schweig lebte sie lange Zeit im Stie­fel, stu­dierte in Turin und Padua, weiß also, wovon sie spricht. Von Ursula März durch den Abend gelei­tet, kann sie auch vom heu­ti­gen Ita­lien erzäh­len, vom Müll in Nea­pel, der Mafia, der Kul­tur der Ille­ga­li­tät. Obwohl der Ver­lag Ein­audi heute dem Berlusconi-Imperium ange­hört, kann er eine beein­dru­ckende Geschichte auf­wei­sen. Ent­stan­den aus dem Geist des Wider­stan­des mit­ten im Faschis­mus, arbei­te­ten die drei Grün­der­fi­gu­ren hart am Erfolg.

Der ele­gante Ein­audi mit sei­nem aus­ge­zeich­ne­ten Geschäfts­sinn, der Bücher von hoher lite­ra­ri­scher Qua­li­tät, jedoch für jeden erschwing­lich, auf den Markt brin­gen wollte.

Der nietz­sche­be­geis­terte Pavese, der als Aus­gangs­punkt für viele Auto­ren diente und den Blick nach Ame­rika öff­nete, brachte Inter­na­tio­na­li­tät nach Ita­lien. Auf dem Höhe­punkt sei­ner Kar­riere, als der Ver­lag eine Insti­tu­tion war und er eine Aus­zeich­nung für seine lite­ra­ri­schen Werke bekom­men hatte, wählte er den Frei­tod mit Schlafmitteln.

Ginz­burg wurde, nach­dem er die Par­tei abge­lehnt hatte, ver­bannt, ein belieb­tes Mit­tel, oppo­si­tio­nelle Intel­lek­tu­elle zeit­weise los­zu­wer­den, wenige Jahre spä­ter starb er an den Fol­gen der Fol­te­run­gen der Gestapo. Seine Frau Nata­lia war zeit­le­bens ange­se­hene Lek­to­rin im Verlag.

So gibt uns Maike Albath Ein­bli­cke in das Leben die­ser drei inter­es­san­ten Men­schen und den Ver­lag, den sie gemein­sam auf­ge­baut haben. Eine warme ita­lie­ni­sche Brise streicht noch durch das Publi­kum, dann geht es wie­der hin­aus in den deut­schen Sommer.

Johanna Meyr

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Bibliophilie im Erlanger Schloss

Die mitt­ler­weile dritte Buchkunst-Ausstellung fand Ein­gang in das Pro­gramm des Poe­ten­fes­tes in Erlan­gen. Statt buch­han­dels­ty­pi­scher Mas­sen­ware bekam der Besu­cher die edlen Buch­kunst­werke von 24 biblio­phi­len Klein­ver­la­gen aus ganz Deutsch­land zu sehen und zu bewundern.

Kunst“ sind sie alle­mal: Bücher, die sich durch eine hoch qua­li­ta­tive Aus­stat­tung vom her­kömm­lich und bil­lig pro­du­zier­ten Lese­stoff deut­lich abgren­zen.  Die meis­ten im Erd­ge­schoss des Erlan­ger Schlos­ses prä­sen­tier­ten Werke waren auf­wen­dig mit ori­gi­na­len Gra­fi­ken ver­se­hen. Beim vor­sich­ti­gen Umblät­tern der dicken, rauen Papier­sei­ten stieg einem sofort der inten­sive Geruch der Druck­farbe in die Nase. Die hoch­wer­ti­gen Holz­schnitte, Radie­run­gen und Lin­ol­schnitte stamm­ten meist von frei arbei­ten­den Künst­lern und Grafikern.

Die Ansichts­ex­em­plare auf den ein­zel­nen Stän­den schie­nen fast zu kost­bar zum Anfas­sen. Viele Ver­le­ger gin­gen sehr locker mit dem Umstand um, dass sich auf den Ansichts­ex­em­pla­ren wohl oder übel Gebrauchs­spu­ren abla­gern wür­den. Andere wie­derum stell­ten weiße Stoff­hand­schuhe bereit mit dem Hin­weis diese vor dem Berüh­ren der Werke über­zu­strei­fen. Ver­ständ­lich, denn die guten Stü­cke erschei­nen in klei­nen Auf­la­gen von 20 bis 50 Exem­pla­ren, wie in Erfah­rung zu brin­gen war.

Die Frei­heit der Gestal­tung gilt defi­ni­tiv auch in der Buch­kunst. Die For­mate, Mate­ria­lien und Typo­gra­fien bezeug­ten einen gro­ßen krea­ti­ven Frei­raum. Viele Bücher könn­ten auf­grund ihrer Größe oder ihrer unge­wöhn­li­chen Form nie­mals in ein Bücher­re­gal gestellt wer­den. Ver­schie­de­nen Kurio­si­tä­ten brach­ten sicher jeder­mann zum Schmun­zeln, wie z.B. Buch­sei­ten aus Well­pappe, Ser­vi­et­ten und sogar Kaf­fee­fil­tern! Im Ange­bot waren außer­dem Kar­ten, Lese­zei­chen, Pos­ter und wei­tere kleine, nette Dinge.

Die meis­ten Ver­le­ger sind merk­lich enga­giert in ihrer Arbeit. Aus­führ­lich und red­se­lig erzählte zum Bei­spiel Klaus Raasch von der edi­tion klaus raasch aus Ham­burg von sei­nen Buch­künst­lern und erklärte die ein­ge­setz­ten gra­fi­schen Techniken.

Fest steht aber, dass Biblio­phi­lie kost­spie­lig ist. So kos­tet eine Aus­gabe von Charles Bau­de­lai­res „Die Blu­men des Bösen“ vom Dres­de­ner Ver­lag widukind-presse stolze 680 Euro.
Aber Biblio­phi­lie bedeu­tet ja nicht nur Sam­mel– und Kauf­wut, son­dern auch eine aus­ge­prägte Liebe zu Büchern, die sicher vie­len Poetenfest-Besuchern eigen ist. So war die Aus­stel­lung zu recht gut besucht, denn Bücher sind etwas fürs Auge… nicht nur beim Lesen.

Julia Heis­er­holt

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Raum als Objekt künstlerischer Reflexionen

In der lau­fen­den Aus­stel­lung „guerre en forme“ im Erlan­ger Kunst­pa­lais the­ma­ti­sie­ren die Künst­ler Dell­brügge und de Moll zum einen den öffent­li­chen Raum und seine Nut­zung, und zum ande­ren die Spra­che als Macht– und Hand­lungs­in­stru­ment. Die­sem Kon­zept folgt auch die räum­li­che Anord­nung der Pro­jekt­prä­sen­ta­tio­nen im Kunst­pa­lais: im obe­ren Geschoss befin­den sich Kunst­ob­jekte, dar­un­ter Foto­gra­fien, Modelle, Video– und Ton­in­sze­nie­run­gen, die Theo­rien, Fra­gen und Pro­bleme des öffent­li­chen Raums und sei­ner sozia­len Funk­tion und Nut­zung ver­an­schau­li­chen. Im Unter­ge­schoss brin­gen Video­in­stal­la­tio­nen zum Aus­druck, wie die mensch­li­che Spra­che als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel Raum definiert.

Wie schon die Ver­nis­sage einige Wochen zuvor war die im Rah­men des Poe­ten­fests statt­fin­dende Ver­an­stal­tung „Public Moment“ am Frei­tag, den 26. August ein Erleb­nis, bei dem die Besu­cher Teil eines Expe­ri­ments wur­den. Im Mit­tel­punkt stand die Vor­stel­lung des Aus­stel­lungs­ka­ta­lo­ges, aus dem die Künst­le­rin Chris­tiane Dell­brügge eine Pas­sage vor­las. Zuvor hat­ten meh­rere Besu­cher Text­kar­ten in die Hand gedrückt bekom­men, die sie schließ­lich in alpha­be­ti­scher Rei­hen­folge vor­le­sen soll­ten. Es han­delte sich um hoch­theo­re­ti­sche Argu­mente über Nut­zung und Funk­tion von Raum. So wurde eine öffent­li­che Dis­kus­sion kon­stru­iert, wie sie im rea­len Leben wohl nie­mals statt­fin­den könnte. Zu viel Theo­rie, zu viel Wis­sen­schaft und zu viel Abs­trak­tion für Laien, die ein­fach nur an Kunst und Kul­tur inter­es­siert sind. Anspruchs­voll genug mag es schon allein für viele gewe­sen sein, den theo­re­ti­schen Aus­füh­run­gen der Künst­ler zu fol­gen, die sich auf die Argu­mente und The­sen post­mo­der­ner Den­ker wie Lyo­tard beziehen.

Abschlie­ßend gab es, wie auch schon zur Eröff­nung, ein Spiel. Das Publi­kum sollte auf die Raum­struk­tur aktiv ein­wir­ken, indem sie die Sitz­ord­nung ver­än­der­ten. So saßen wir schließ­lich alle plan­mä­ßig ver­teilt auf dem schach­brett­ar­ti­gen Erlan­ger Grund­riss der Neu­stadt aus dem 17. Jahrhundert.

Die Aus­stel­lung rich­tet sich natür­lich nicht aus­schließ­lich an Raum­so­zio­lo­gen und die gebil­dete Elite. Die Künst­ler heben deut­lich her­vor, dass die Aus­ein­an­der­set­zung um den öffent­li­chen Raum ein Anlie­gen aller ist, da er gemein­sam genutzt wird.
Die ein­zel­nen, aus­ge­stell­ten Pro­jekte ent­stan­den auf der Basis kom­ple­xer, theo­re­ti­scher Über­le­gun­gen, die im Begleit­heft knapp erklärt wer­den. Gott sei Dank, denn ohne Hin­ter­grund­wis­sen sind die Instal­la­tio­nen unmög­lich zu verstehen.

Julia Heis­er­holt